Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten
Fünftes Kapitel.
Von dem gelehrten Herrn Pastor, den der Herr Graf gleich zu Anfang unserer
Bekanntschaft meiner Mutter rühmte, habe ich wenig zu sagen. Der Herr Graf
verstand es wohl nicht besser, aber die Gelehrtheit des guten Mannes war nicht
weit her und sein Einfluß auf uns unbedeutend.
Hierüber aber erhält Ewald am besten das Wort. Er nahm mich seinerzeit
beiseite, das heißt, indem er mich am Kragen faßte und, mich auf offener
Dorfgasse abschüttelnd, bemerkte:
„Tust du dumme Stadtpflanze noch ein einzig Mal da (dieses war von einer
Schulterbewegung dem Pfarrhause zu begleitet), als wüßtest du mehr als ich von
all den Dummheiten, so paß auf! Wie die Engel im Himmel singen, das weißt du
wohl noch nicht? Hör mal, so!“
Nun ist es durchaus nicht angenehm, seiner Wissenschaften wegen an den
Ohren auf- und von den Füßen gehoben zu werden.
„Hörst du sie?! Nicht wahr, sie singen wirklich wie die Engel? Und nun tu’s
nicht wieder und heb den Finger in die Höhe, wenn ich feststecke. Frag nur
Irene, ob die alten Ritter das getan haben. In der Dorfschule beim Kantor tun sie
es alle, und da tue ich es auch, und du kannst es auch tun; aber bei dem dummen
Lateinischen und dem Herrn Pastor da probiere es mir nur noch ein einziges Mal
und du sollst sehen, was du erlebst, und wenn du mir auch hundertmal deinen
Robinson und deine Campes Eroberung von Mexiko geliehen hast.“
„Was soll ich aber denn tun, wenn ich was weiß?“ heulte ich, während Irene
lachte und Eva ihren Bruder am Hosenbund nach rückwärts zog.
„Die dumme Schnauze halten! Der Alte sagt es schon ganz von selber her. Ich
gehe doch schon lange genug bei ihm in die Privatstunde und muß es wissen,
was er alles weiß! O, der weiß für uns beide noch lange genug!“
So war es; aber leider war das, was der gute geistliche Herr wußte, auch wenig
genug, und was das Schlimmste war, seine Begabung zum Lehrer stand noch tief
unter der Wasserhöhe seiner Wissenschaft. In der Hinsicht war es jedenfalls für
uns sehr von Nutzen, daß die Jahre hingingen und wir ihm entwuchsen. Und der
Herr Graf, der meiner Mutter wegen in der Tat allen Grund hatte, Wort zu halten,
hielt es auch. Ich wurde mit Ewald auf das Gymnasium der größeren
Provinzialstadt des anderen Staates jenseits des Flusses „getan“; und wir kamen
von da an nur in den Ferien nach Hause, das heißt zurück nach Schloß Werden, in das Försterhaus, das Dorf und den Wald und zu den beiden Mädchen.
Die beiden Mädchen! Als wir zum ersten Mal abzogen, sagte Irene:
„Ihr habt es gut.“
Worauf Ewald mit einem bedenklichen Griff nach seinem Rücken erwiderte:
„Weißt du das? Erst probieren und nachher weise Redensarten. Na, was mich
angeht, so ist die Hauptsache, daß ich endlich einmal aus dem dummen
Dachsbau herauskomme. So’n langweiliges Volk als euch findet man ja immer,
und nachher geht der Weg ja auch weiter, und deshalb haben wir zwei es sicher
besser als ihr beiden dummen Frauenzimmer.“
„Und ich verbitte mir endlich diese ewigen dummen Dummheiten,“ rief Irene.
„Das wird auch auf die Länge dumm und langweilig, du — dummer Junge. Laß
sie stehen, Eva, und komm in die französische Stunde; so wie auf morgen, wo
wir endlich mal Ruhe vor ihnen haben, habe ich mich noch auf keinen anderen
Tag gefreut. Schafskopf!… Herr Gott, Fritz, da ist deine Mama! Ach, nun hat sie
auch das wieder gehört! Komm rasch, Evchen! Adieu, messieurs,
mademoiselle Martin nous attend. Ach Gott, ach Gott, ach Gott!“
Es war freilich meine Mutter, die um das Gartengebüsch trat und in der Tat
das Wort „Schafskopf“ noch vernommen hatte. Und obgleich sie die richtige
Adresse sicherlich ganz genau kannte, wendete sie sich dessenungeachtet an die
falsche, nämlich an mich, und sagte nichts weiter als:
„Aber Fritz?!“
„Ich war es, mit dem sie sich gezankt haben,“ murmelte Ewald kleinlaut, aber
ehrlich.
„Von deiner Schwester ist gar nicht die Rede, Kind,“ sagte meine Mutter, und
ging weiter den sonnigen Kiesweg entlang, um als Frau Aja mit dem
Strickstrumpf in einer Fensternische der französischen Stunde beizuwohnen und
die Vokabeln leise mit nachzusprechen. Mademoiselle Martin aus Nanzig in
Lothringen, die alte „Kammerfrau“ der verstorbenen Frau Gräfin, befleißigte
sich der besten Aussprache des Idioms.
„Es ist zwar schauderhaft,“ seufzte der Herr Graf, „aber ich habe das meinige
doch auch nur in Wien gelernt, und sie hat es wenigstens aus Büchern und ist mit
der Grammatik in ihrem Geburtsort in die Schule gegangen. In Nizza hat meine
selige Frau sie gefunden, und sie hat treu bei uns ausgehalten durch Gut und
durch Böse. Durch das letztere meistens mehr als durch das erstere. Ihre Eltern
hatten sie zur soeur ignorantine bestimmt; aber sie fand in sich keinen
Beruf dazu, und mir ist es lieb, daß wir sie gefunden haben. Sie hat sehr treu bei
mir ausgehalten, Madam Langreuter, und, wie gesagt, durch gute und durch böse
Zeiten, und durch die letzteren mehr als durch die ersteren.“
Auch mein Französisch stammt in seinen Elementen aus der Schule der Mamsell Martin, und es ist danach geblieben. Irene und Ewald hatten
Gelegenheit, das ihrige sehr zu verbessern, und Ewald spricht und schreibt es
heute fast ebenso gut wie das Englische, das er mit einer spaßhaften Neigung ins
Irische zu seiner zweiten Muttersprache gemacht hat.
Wir gingen ab nach dem Gymnasium und kamen von da nur in den Ferien
nach Schloß Werden zurück. Wenn ich anfangen wollte, davon zu reden und zu
schildern, so würde wohl nicht an ein Aufhören zu denken sein. So ist es aber
hundert und aber hundert Autobiographen und Biographen ergangen, und sie
sollen für mich mit gesprochen und geschrieben haben. Es wiederholt sich und
bleibt sich vieles gleich in der Welt, was an und für sich den Eindruck der
individuellsten Originalität macht.
Aber die großen italienischen Nußbüsche an der letzten Hecke des äußersten
Gemüsegartens derer von Everstein und den Vetter Just hat nicht jedermann
erlebt, und so machen wir die beiden zu unserer Spezialität, und den letzteren
durch alle Blätter dieser Aufzeichnungen hindurch.
Sie haben eigentlich nichts miteinander zu schaffen; der Vetter hat nie in ihnen
gesessen, in den Nußbüschen nämlich; aber doch kann ich nie an den einen ohne
die anderen denken. Sie gehören in der grünsten, lichtesten, lachendsten und
doch zugleich ernsthaftesten Weise zusammen in meiner Seele. Wie hundertmal
in der Wirklichkeit besuche ich heute in der Erinnerung den einen von dem
anderen aus, den Vetter Just auf seinem Hofe jenseits des Flusses von dem
Gezweige unseres alten Wunderbaums herunter.
Es war eigentlich gar kein einzelner Baum, sondern ein Bündel dick- und
hochstämmigen Gebüsches, das der liebe Gott aus einem halben Dutzend
Kernen zu unserem Vergnügen auf einer Bodenerhöhung an der Hecke zu
außergewöhnlicher Höhe und Pracht hatte aufschießen und sich ineinander
weitästig verwirren lassen. In weit entlegene, uns ganz und gar vorgeschichtliche
Zeit war das Aufsprießen gefallen, aber der Gipfel der Verwirrung nur allein für
uns, wie wir glaubten, in die unserige, und das war das Schöne. Die Vorsehung
hatte es auch in diesem Falle gewußt, was alles in dem Keime lag, den sie hier in
seiner Hülse auf den Boden fallen ließ, den sie erst mit gelben Blättern, dann mit
trefflicher Gartenerde bedeckte und ungestört Wurzeln nach unten in die
Dunkelheit und zwei zarte grüne Blättchen nach oben in das Licht, in die Sonne
treiben ließ! Der Mensch denkt nie daran, wenn er im großen Walde geht, was
alles in zwei solchen grünen Keimblättchen zu seinen Füßen für ihn und seine
Art auseinander klappt. Wo bliebe aber auch das Spazierengehen, wenn dem so
wäre? Es würden manche dafür danken und unter diesen ich zuerst. Zu Hause,
innerhalb seiner vier Wände, unter alle dem, was man sich selber allgemach
zusammengetragen hat, würde es bei weitem behaglicher sein als draußen im Freien.
Es war natürlich Ewald Sixtus gewesen, der zuerst herausgefunden hatte,
wozu dieses Baumgebüsch gut sei. Er hatte die Leiterstufen gezimmert, die an
dem knorrigen Hauptstamm in die Höhe führten bis zu der ersten Gabelung, von
wo dann Irenes Ruhe, Evas Höhe, Friedrichs Lust und Ewalds Heim mit mehr
oder weniger Beschwerlichkeit und Gefahr des Hals-, Arm- und Beinbrechens
zu erreichen waren. Die „Ruhe“ und das „Heim“ hingen selbstverständlich im
schwanksten und luftigsten Gezweig; Evas Höhe saß ebenso selbstverständlich
am tiefsten und sichersten, und ich — ich wäre mit und zu meiner Lust am
liebsten unten am Baum auf festem Erdboden geblieben; aber hinauf mußte ich
wie die anderen, und wenn ich einmal oben saß, so gab es freilich auch für mich
keinen besseren Platz im Himmel und auf Erden als diesen zwischen Himmel
und Erde.
Da waren es einzig und allein die Vögel, die es noch besser hatten als wir, und
die wir dann und wann immer noch beneiden durften.
„Wer es wie die könnte!“ seufzte Irene, im äußersten Gezweig, schon jenseits
der Hecke des Schloß-Küchengartens in ihrer gefahrvollen Ruhe, zwanzig Fuß
hoch über der Wiese hängend. Und das war wieder einmal an einem
Sommermorgen, gerade als die Sonne aufging, und alle Frische und aller Tau
und alle Erwartungen vom Tage und sämtliche Pläne für die angenehmste
Verwendung desselben noch vorhanden waren.
Es ist kaum zu glauben, aber es war doch so: wir, Ewald und ich, wir
schmauchten frech hinein in die heilige Frühe und noch dazu Zigarren, von
denen der Herr Pastor nie begreifen konnte (während unserer Ferien), wie sie
ihm so rasch zu Ende gingen.
Der Herr Graf rauchte leider nicht; er würde sich sonst gewiß an eine bessere
Sorte gehalten haben. Den Knaster, den Vater Sixtus aus seiner kurzen
Jägerpfeife verdampfte, hatten sich die beiden Herrinnen von Evenshöhe und
Irenensruhe in „ihrem Baum und so früh in der Natur“ ganz ernsthaft verbeten.
Ich habe es schon gesagt, ich rauche heute auch nicht mehr; aber ich weiß das
Blatt aus jener Zeit her noch zu würdigen und zöge es jetzt jedem anderen vor.
Ewald hatte gewöhnlich alle Taschen voll davon und meinte: „Das nenne ich gar
nicht einem was ausführen, sondern nur gerechte Sühne! Es ist einfach
scheußlich, wie billig der Alte den himmlischen Äther (nicht wahr, so heißt’s,
Fritz?) verstänkert. Es ist aber ganz sicher ganz dasselbe Kraut, was sich sein
lieber Papst Sixtus der Fünfte hier im Walde verstattet haben würde; nicht wahr,
Fritzchen? Du mußt es wissen.“
Weshalb mußte ich das wissen?… Weil ich den „Schlingel aus dem
Försterhause“ um drei Eselsohrenlängen in der Gymnasialbildung hinter mir zurückgelassen hatte? Es hat sich nachher ausgewiesen, daß das ziemlich wenig
zu bedeuten hatte.
Da sitzt Eva im Zweig und sagt vorwurfsvoll: „Aber Ewald, sprich doch nicht
so vom Vater!“
„Wozu hat man denn sein Taschengeld von ihm?“ klingt es zurück; und — es
ist immer noch der Sommer und der Sommermorgen, die Jugend und die Frage:
was fangen wir heute mit dem unendlichen Tage bis Sonnenuntergang an? auf
der Tagesordnung!
„Heute gehen wir ihnen einmal recht ordentlich durch. Nachher kriegen wir
dann alles auf einmal über die Köpfe und sind für ein Vierteljahr hübsch reuig
durch. Übermorgen geht ihr ja doch wieder ab, und wir haben Zeit für alle guten
Ermahnungen und Weisheit und Tugend, nicht wahr, Evchen?“ ruft die Gräfin
von Everstein von ihrem Aste und greift nach dem nächsten über ihr und steht
aufrecht, in tollster Lust sich wiegend. Das ganze jetzt von der vollsten klarsten
Morgensonne durchleuchtete grüne Haus schwankt bis in seine Grundfesten, das
heißt bis in die äußersten Wurzelfasern.
„Nicht schütteln! O Irene!“ ruft Eva ängstlich; aber wohl rüttelt und schüttelt
sich alles rundum, der Nußbaum und die weite wonnige Welt. Die blitzenden
Tautropfen sprühen im buntesten Glanze um uns hernieder, und jenseits der
Hecke von seinem Zweige hängt Ewald bereits wie ein Affe auf die freie, weite
Wiese herunter, mit den Füßen in freier Luft, nach dem nächsten Aste unter ihm
tastend. Daß er das Experiment nicht mit dem Kopfe nach unten hängend
ausführt, ist ein schöner Zug seiner Nachgiebigkeit und Herzensgüte; versucht
hat er’s selbstverständlich, aber Eva hat es sich für „unseren Baum“ verbeten,
wie Irene eben dafür den Knaster aus der Schweinsblase seines Vaters.
Er kommt richtig auch diesmal wieder mit ungebrochenen Gliedmaßen im
hohen Grase und unter den Sternblumen und Kuckucksblumen der Wiese an und
schlägt zur Erholung von der Anstrengung noch ein Dutzend Mal Rad im Kreise.
Schon kriecht die Komtesse durch die Hainbuchenhecke, und mehr als daß sie
springt, fliegt sie über die hohen Kletten- und Brennesselbüsche im Graben. Aus
dem Wunderbaum erschallt noch ein flehend klägliches Stimmchen:
„Ach Gott, Fritz?!“
Ich reiche beide Arme an der Leiter empor, um das ängstliche Vöglein aus
dem Baum im Notfall im Fall auffangen zu können.
„Da rennen sie schon über die Wiese nach dem Walde! Mach rasch, Evchen!“
„Ach Gott, ja! Sie hören ja nun wieder nicht! Und ich ginge doch so gern erst
hin und sagte es zu Hause, wo wir geblieben sind.“
„Wir sind ja zu Vier, Evchen! Und einer wird doch wohl übrig bleiben und
Nachricht bringen, wenn drei von uns zu Schaden kommen.“
„Ja, und ihr wollt dann, daß ich das bin! Mein Vater ängstigt sich wohl nicht;
der kommt vielleicht auch erst zum Abendessen heim. Aber deine Mutter!…
Und Irenens Vater?!“
„Das ist nun zu spät. Sie rufen schon vom Walde her; hörst du?“
Sie rufen wirklich, und wir kommen. Wir folgen der glücklichen, seligen Spur
durch den Tau der Wiese; und nun sind auch wir, Eva Sixtus und ich, in dem
kühlen Schatten der Buchen, und — wunderbar! ein Gewissen hatten wir bis
eben, aber nun ist es uns gleichfalls abhanden gekommen. Sie haben alle kein
Gewissen in den Gebrüdern Grimm, und wir stecken nun eben ganz darin, in
dem Märchen, in der Wonne des Abenteuers der Kinderwelt — ganz und gar
darin wie die zwei anderen, Ewald Sixtus und Irene Everstein!
Was geht in der Menschheit Behagen über diese ganze volle
Gewissenslosigkeit des Märchens oder noch besser der Jugendzeit? — Die
„ewige Seligkeit“; denn die wird freilich in einem noch etwas höheren Grade
gewissenslos sein.