Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten
Fünfzehntes Kapitel.
Nach jahrhundertelanger Trennung und Abwesenheit! Das letzte Wort war das
richtige; ich aber war Pedant genug, daß ich mir auch in diesem Augenblicke,
das heißt, nachdem ich dem Vetter die Treppe hinunter mit dem Lichte
vorangegangen war, durch jenes Worts sprachliche und begriffliche
Zergliederung meine Stimmungen und Gefühle klarer machte. Wer diese langen
Jahre hindurch abwesend gewesen war, das war nicht der Vetter Just Everstein,
sondern ich, — ich, der ich so hübsch ordentlich zu Hause geblieben war.
Ich schlief in dieser Nacht nicht mehr, obgleich ich ziemlich rasch zu Bette
ging. Da lag ich und versuchte es, hundert zerrissene Fäden wieder anzuknüpfen,
was stets ein bedenklich Geschäft ist und nicht immer gelingt, jedenfalls aber
ungemein selten das Gewebe des Lebens haltbarer und glatter macht. Nun war es
sonderbar, wie gerade die letzten Exkurse des wackeren Freundes mir die
heftigste Unruhe in das Geblüt geworfen hatten. Was erzählte mir auch der Mann
von dem „weinenden Frühlingsmorgen“ Eva Sixtus? Wir waren doch alle —
ohne Ausnahme — in den Sommer des Daseins hineingeraten. Was sollten mir
die hübschesten Bilder aus Tagen, die, wie der Vetter ganz richtig sich
ausdrückte, ein Jahrhundert weit hinter uns lagen?
Ich wendete mein Kopfkissen darob fortwährend um, ohne Ruhe darauf zu
finden. Baß ergrimmt (nein, das war nicht das richtige Wort!) entstieg ich, als der
trübe Morgen gekommen war, dem ruhelosen Lager mit den Gefühlen eines
Mannes, der eine weite Reise unternommen hat, um alte Schulden
einzukassieren, überall aber leere Taschen gefunden hat und nun selber mit
leerer Tasche in einem öden Gasthofszimmer sitzt. Mit einer wahren Wut blickte
ich von einem meiner Büchergestelle auf das andere. Die weisesten Autoren,
denen ich in diesen schönen Momenten mit meiner Lebensrechnung unter die
Nase zu rücken versuchte, waren nur imstande, mir die Gegenforderung und
Frage zu stellen:
„Wer soll uns denn mit Noten versehen, wenn nicht ihr Lebenden? Dummes
Zeug: Trost und Beruhigung! — Bestätigung unserer Lebensangst, Unruhe und
Not wollen wir von euch Atemholenden! Weiter im Texte!“
Von den Schuldnern zu den Gläubigern — den Gespenstern, die mich in der
Nacht geplagt hatten! Der Mensch hat eigentlich gar keine Ahnung davon, wie
er die Wörter seiner Sprache mißbraucht. Die Abgeschiedenen lassen einen wohl schon in Ruhe: es sind die lebendigen Wesen in Fleisch und Blut, die
mitatmenden, leidenden, sich freuenden Genossen der Erdenlaufbahn, die da
gewöhnlich durch unsere Träume spuken gehen! Sind sie gar noch gute alte
Freunde und Bekannte und haben sie dazu muntere Füße, wackere Hände, helle
Augen und rote Backen und wissen sie mit kräftiger, sanfter oder gar
freundlicher und liebevoller Stimme ihre Fragen zu stellen in der Geisterstunde,
so ist das sehr häufig am allerbedenklichsten für unsere nächtliche Ruhe.
Wie mit einem Zauberstabe hatte dieser Mensch und Vetter Just, dazu Bürger
der nüchternen Vereinigten Staaten von Nordamerika, an die dürre Wand
geschlagen und das klaräugige Spukgesindel über mich her beschworen. Als ich
gegen elf Uhr meinen Weg durch die belebten Gassen zu seinem Hotel suchte,
um ihm, dem Vetter Just, meinen Gegenbesuch zu machen, sah ich unwillkürlich
gespannter als seit langer Zeit den Begegnenden in die Gesichter und mit einem
gewissen ängstlichen Suchen und Erwarten in das Getümmel überhaupt. Was ich
seit langem teilnahmlos hatte an mir vorbeistreifen lassen, das gewann nach
dieser Nacht plötzlich ein sozusagen angsthaftes Interesse für mich. Andere
Leute mochten es vielleicht anders nennen; ich nannte es Gedanken, was mich
auf meinen Wegen bis heute durchgängig gehindert hatte, auf die Bewegung um
mich her viel zu achten. Höchstens ärgerlich hatte ich dann und wann auf- und
um mich gesehen, wenn ein unvermuteter Puff und Knuff von Menschenkindern,
die es stets eiliger als ich hatten, mich in meiner Neigung, mit gesenkter Nase
hinzuschlendern und, offen gestanden, an sehr wenig zu denken, störte. Nun
hatte sich dieses mit einem Male geändert, wenigstens für diesen Morgen. Ich
ging mit geradeaus gerichteter Nase und mit Augen, die nach rechts und links
und manchmal sogar einem auffälligeren Individuum nachguckten.
Weißt du, wer da mit dir geht oder dir entgegenkommt? Hast du es schriftlich,
daß niemand darunter ist, dessen Erkennung im Haufen dir wichtiger sein kann
als das träumerische Gespinste, in welches du deine fünf Sinne eingewickelt
umherträgst. Würdest du dich über kein zweites unvermutetes Begegnen an der
Straßenecke wundern oder freuen? Bist du wirklich so ganz allein und — auf
dich allein angewiesen unter den Hunderttausenden? Und — da stand ich schon
und starrte und brachte im jähen Anhalten meinerseits diesmal eine Hemmung in
den Strom der Bevölkerung und auf dem Gesichte des Nächsten hinter mir, auf
dessen Zehen ich mich mit meinem Hacken niederließ, einigen Verdruß hervor.
— — —
Mademoiselle Martin!
Das war nicht das Gesicht, auf welches ich in dem großen Strome gepaßt
hatte; — Eva Sixtus sah anders aus! — aber das Wunder und die Verwunderung
blieben die nämlichen. Ich mußte doch noch Mademoiselle Martin, unsere alte französische Sprachmeisterin von Schloß Werden, kennen! Sie war es! sie war es
unbedingt, und wenn auch nur um das alte Wort zu bewahrheiten: Wenn es
kommt, so kommt es in Haufen!
Ein greisenhaft, verschrumpfelt und verrunzelt, etwas phantastisch
aufgeputztes Mütterchen wackelte sie daher, und ich stand mit dem Hute in der
Hand:
„O Mademoiselle!… o Mademoiselle Martin, welches ungemein erfreuliche
—“
„Monsieur?!“
Es lag eine Welt von Fragen in dem einen Wort; und ich war imstande zu
stottern:
„O, ich bitte — Doktor Langreuter ist mein Name.“
Da ging es gottlob wie ein Lächeln über das sorgenvolle Altfrauengesichtchen
der ci-devant soeur ignorantine.
„Je, Fritz?! Monsieur Frédéric Langreuter! Ei, der Herr Doktor
Langreuter! Aber, en vérité, das nenne ich freilich ein recht erfreuliches
Zusammentreffen. Haben Sie mich wiedererkannt, Fritz — Herr Doktor? O
dieses unvermutete Wiederfinden freut mich ebenfalls sehr.“
„Und Sie kennen mich auch noch, Mademoiselle? Und gestern mittag — o
Mademoiselle, welche Wunder können doch noch in dieser Welt geschehen!…
Gestern der Vetter Just und nun Sie, Fräulein Martin! Und Sie haben sich so
wenig verändert, daß auch das ein neues Wunder ist, Mademoiselle.“
„Geben Sie mir Ihren Arm, monsieur. Durch ein paar Straßen müssen wir
sans condition miteinander gehen. Schmeicheln will ich Ihnen nicht: Sie
haben sich sehr verändert, Mr. Langreuter, und hätten Sie mich nicht angerufen,
so würde ich Sie wahrscheinlich nicht wiedererkannt haben.“
Wir paßten ganz zueinander: ich der mittelalterliche Quellenforscher und das
melancholisch geputzte Mütterchen an meiner Seite. Durch ein heiteres Wesen
hatte sich Mamsell Martin wohl nie hervorgetan; aber nun hatten die Jahre und
die Erlebnisse wie immer dichter sich übereinander schiebendes Gewölk das
letzte Licht in ihren Altjungferzügen ausgelöscht. Ich hatte sie vorsichtig zu
führen, denn ihr Schritt gehörte nicht mehr zu den festesten. Wir gingen
langsam, und auch das war sehr nötig.
„Ich habe es gestern von einem guten, alten Freunde vernommen, daß Gräfin
Irene jetzt hier ihren Aufenthaltsort genommen hat, Mademoiselle. Ich habe viel
erfahren seit gestern, Mademoiselle, und vieles, was ich eigentlich ebenso gut,
wo nicht besser als jener treue, wackere Freund wissen müßte. Nun gehe ich
plötzlich auch mit Ihnen hier —“
„Ja, wir wohnen seit einigen Wochen in Berlin, Herr Fritz — Herr Doktor.
Durch wen aber wissen Sie das auch — seit gestern?“
„Durch den Vetter Just.“
Nun sah man wieder einmal recht deutlich, daß sowohl der Dichter des Textes
zum Freischütz sowie der Komponist und alle weisen und melodischen und
poetischen Männer, die das Nämliche vor ihnen in Versen und Prosa oder Noten
angemerkt, das Richtige getroffen hatten.
Ob auch die Wolke sie verhülle, die Sonne bleibt am Himmelszelt! Wie ein
Sonnenstrahl ging es über die gelbe faltenreiche Stirn, wie freudiges Leuchten
zuckte es aus den schwarzen Augen der alten soeur ignorantine.
„Oh monsieur, monsieur! Der Vetter Just! O wohl, monsieur Just
Everstein! Ja, der hat uns gefunden und hat uns eine Visite gemacht, und wir
waren so glücklich, ihn zu sehen! Und er hat bei uns gesessen stundenlang und
von der alten Zeit gesprochen! Und er hat unser Kind in seinen guten Armen in
den Schlaf getragen! Die Komtesse hat geweint, als er weggegangen ist, aber
diesmal vor Freuden. Nicht weil er gegangen ist, sondern weil er versprochen
hat, immer wieder zu uns zu kommen, zu uns und unserem armen Kinde. Und er
ist wieder gekommen, und hat wieder mit uns von der alten Zeit und dem Herrn
Grafen und dem lieben, armen château de Werden geredet. O — er hat uns
gesucht in dem pêle-mêle, der Vetter Herr Just, und er hat uns gefunden und
nicht bloß durch einen Zufall. Le bon dieu hat ihm das in sein Herz
gegeben, daß er es nicht anders konnte, sondern suchen und finden und kommen
und da sitzen mußte, um uns zum Troste zu sein in dieser argen, schlimmen,
schlimmen Welt! Wie ein Gesandter von dem guten Gott ist er uns gewesen, der
Vetter Herr Just, der mir soviel aversion und répugnance hat bereitet in
der glücklichen alten Zeit, wenn ich euch rief zu der Lektion — savez-vous?
hoch oben aus den Bäumen und ihr nicht antwortet, weil ihr alle waret
echappiert und — eh, eh, hattet euch durchgeschlüpft — glissés par la
haie — wie die Vagabonden in die weite Welt und nach dem Steinhof. Oh
mon dieu, damals habe ich geweint, weil das war, nun weine ich, weil das
nicht mehr sein kann. Aber madame la baronne, meine Komtesse kann
noch lächeln, wenn sie spricht mit dem Vetter Just davon und von euch anderen
bösen Kindern; und so bin ich auch glücklich, daß ich einst mich so sehr habe
geärgert.“
Vergebens war es, meinerseits ein Wort in diesen Redefluß der alten Dame zu
werfen. Und sie redete das alles zu mir in einer der belebtesten Straßen der
großen Stadt Berlin, gänzlich unbekümmert darum, daß wir nicht allein darin
gingen wie vordem wohl in der großen Lindenallee im Garten von Schloß Werden. Wir gingen ihnen allen zu langsam und nahmen ihnen allen zuviel Platz
auf dem Wege in Anspruch; aber alle hatten sie es auch nicht darum so eilig, um
rascher zu einem Vergnügen zu gelangen, und so war nichts gegen dies
Geschobenwerden und Gedrängtwerden einzuwenden.
Daß sich Irene von Everstein in Wien mit einem Freiherrn Gaston von Rehlen
verheiratet hatte, wußte ich, ebenso daß diese Ehe nicht glücklich ausgefallen
war. Nun wohnte die Frau Baronin seit einigen Wochen als Witwe in Berlin, mit
einem kranken Kinde und mit ihrer alten französischen Sprachmeisterin. Ich
hatte hundert Fragen zu stellen und brachte doch keine einzige über die Lippen.
Jeder Blick in das melancholische graue Gesichtchen mir zur Seite wurde mir
hier zu einem Hindernis und trieb mir das Wort von der Zunge zurück; die
soeur ignorantine aber schwatzte trübselig weiter von der guten alten
Zeit, „als der Herr Graf noch lebte und niemand eine Ahnung, ein
pressentiment, davon hatte, wie die Verhältnisse für uns alle sich nach
seinem Tode gestalten würden“. Des Ausdrucks changer de face bediente
sich Mademoiselle Martin, und es war der ganz richtige Ausdruck: ein ganz
anderes Gesicht als damals, wo nur der Herr Graf genau wußte, wie schwankend
unsere Stellung im Leben sei, machte uns heute die Welt!
„Monsieur Ewald ist immer noch in England oder Irland; doch er will
nächstens nach Deutschland zurückkehren, hat uns neulich mademoiselle
Eva geschrieben,“ sagte Mademoiselle. „Der Herr Vetter Just hat ihn in der Stadt
Belfast par hasard getroffen. Ich hätte mir gern von ihm erzählen lassen,
aber der Herr Vetter hat nicht viel von ihm erzählt. Das Kind war sehr unruhig,
und da nahm er es auf den Arm. Hélas, es ist ein sehr schwächliches Kind,
monsieur Frédéric, und auch ein wenig verwachsen — ah, pardon.“
Die Gute hatte nicht nötig gehabt, um Verzeihung zu bitten. Erst durch ihren
letzten halb erschrockenen Ausruf wurde ich auf die unwillkürliche Bezugnahme
auf meine eigene gleichgültige Person lächelnd aufmerksam. Ich hatte nur an
Ewald Sixtus in Belfast gedacht und an die Gründe, die den Vetter Just abhalten
konnten, von ihm der Gräfin Irene ausführlich zu erzählen. Mir mußte der Vetter
hierüber Rede stehen, das stand mir unumstößlich fest.
Wir hatten nun die größere Verkehrspulsader der Stadt verlassen und schritten
durch stillere Straßen.
„Nun ich Sie wiedergefunden habe, — auch par hasard, Herr Fritz
Langreuter! — so müssen Sie uns doch nun auch wohl eine Visite machen,“
meinte Mademoiselle. „Ich werde Ihnen zeigen unsere Wohnung; doch können
Sie nicht gleich mit mir gehen, denn madame la baronne — meine Irene ist
nicht wohl heute. Sie müssen kommen mit dem Vetter; ich aber werde sagen, daß ich Sie jetzt getroffen habe, und daß Sie aus alter Freundschaft zu uns
kommen werden. Darf ich das, monsieur Fritz? Dort wohnen wir, im dritten
Stockwerk; — der Herr Vetter Just kennt aber den Weg, und Irene wird sich sehr
freuen.“
Ich sah an dem Hause empor und hielt beide Hände der alten, so bittersüßen
Dame, konnte aber nichts weiter hervorbringen als:
„O Mademoiselle!“
„Adieu, monsieur,“ rief sie. „Und — au revoir! nicht wahr,
monsieur?“
Die Haustür hatte sich hinter ihr geschlossen, und ich lief eiligst meinen Weg
zurück und nach dem Hotel, in dem der Vetter Just Everstein abgestiegen war
und hoffentlich noch auf mich wartete mit dem Frühstück, zu dem er mich
eingeladen hatte.