Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten

Wilhelm Raabe · Kapitel 17 von 36

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Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten

Fünfzehntes Kapitel.

 

Nach jahrhundertelanger Trennung und Abwesenheit! Das letzte Wort war das

richtige; ich aber war Pedant genug, daß ich mir auch in diesem Augenblicke,

das heißt, nachdem ich dem Vetter die Treppe hinunter mit dem Lichte

vorangegangen war, durch jenes Worts sprachliche und begriffliche

Zergliederung meine Stimmungen und Gefühle klarer machte. Wer diese langen

Jahre hindurch abwesend gewesen war, das war nicht der Vetter Just Everstein,

sondern ich, — ich, der ich so hübsch ordentlich zu Hause geblieben war.

Ich schlief in dieser Nacht nicht mehr, obgleich ich ziemlich rasch zu Bette

ging. Da lag ich und versuchte es, hundert zerrissene Fäden wieder anzuknüpfen,

was stets ein bedenklich Geschäft ist und nicht immer gelingt, jedenfalls aber

ungemein selten das Gewebe des Lebens haltbarer und glatter macht. Nun war es

sonderbar, wie gerade die letzten Exkurse des wackeren Freundes mir die

heftigste Unruhe in das Geblüt geworfen hatten. Was erzählte mir auch der Mann

von dem „weinenden Frühlingsmorgen“ Eva Sixtus? Wir waren doch alle —

ohne Ausnahme — in den Sommer des Daseins hineingeraten. Was sollten mir

die hübschesten Bilder aus Tagen, die, wie der Vetter ganz richtig sich

ausdrückte, ein Jahrhundert weit hinter uns lagen?

Ich wendete mein Kopfkissen darob fortwährend um, ohne Ruhe darauf zu

finden. Baß ergrimmt (nein, das war nicht das richtige Wort!) entstieg ich, als der

trübe Morgen gekommen war, dem ruhelosen Lager mit den Gefühlen eines

Mannes, der eine weite Reise unternommen hat, um alte Schulden

einzukassieren, überall aber leere Taschen gefunden hat und nun selber mit

leerer Tasche in einem öden Gasthofszimmer sitzt. Mit einer wahren Wut blickte

ich von einem meiner Büchergestelle auf das andere. Die weisesten Autoren,

denen ich in diesen schönen Momenten mit meiner Lebensrechnung unter die

Nase zu rücken versuchte, waren nur imstande, mir die Gegenforderung und

Frage zu stellen:

„Wer soll uns denn mit Noten versehen, wenn nicht ihr Lebenden? Dummes

Zeug: Trost und Beruhigung! — Bestätigung unserer Lebensangst, Unruhe und

Not wollen wir von euch Atemholenden! Weiter im Texte!“

Von den Schuldnern zu den Gläubigern — den Gespenstern, die mich in der

Nacht geplagt hatten! Der Mensch hat eigentlich gar keine Ahnung davon, wie

er die Wörter seiner Sprache mißbraucht. Die Abgeschiedenen lassen einen wohl schon in Ruhe: es sind die lebendigen Wesen in Fleisch und Blut, die

mitatmenden, leidenden, sich freuenden Genossen der Erdenlaufbahn, die da

gewöhnlich durch unsere Träume spuken gehen! Sind sie gar noch gute alte

Freunde und Bekannte und haben sie dazu muntere Füße, wackere Hände, helle

Augen und rote Backen und wissen sie mit kräftiger, sanfter oder gar

freundlicher und liebevoller Stimme ihre Fragen zu stellen in der Geisterstunde,

so ist das sehr häufig am allerbedenklichsten für unsere nächtliche Ruhe.

Wie mit einem Zauberstabe hatte dieser Mensch und Vetter Just, dazu Bürger

der nüchternen Vereinigten Staaten von Nordamerika, an die dürre Wand

geschlagen und das klaräugige Spukgesindel über mich her beschworen. Als ich

gegen elf Uhr meinen Weg durch die belebten Gassen zu seinem Hotel suchte,

um ihm, dem Vetter Just, meinen Gegenbesuch zu machen, sah ich unwillkürlich

gespannter als seit langer Zeit den Begegnenden in die Gesichter und mit einem

gewissen ängstlichen Suchen und Erwarten in das Getümmel überhaupt. Was ich

seit langem teilnahmlos hatte an mir vorbeistreifen lassen, das gewann nach

dieser Nacht plötzlich ein sozusagen angsthaftes Interesse für mich. Andere

Leute mochten es vielleicht anders nennen; ich nannte es Gedanken, was mich

auf meinen Wegen bis heute durchgängig gehindert hatte, auf die Bewegung um

mich her viel zu achten. Höchstens ärgerlich hatte ich dann und wann auf- und

um mich gesehen, wenn ein unvermuteter Puff und Knuff von Menschenkindern,

die es stets eiliger als ich hatten, mich in meiner Neigung, mit gesenkter Nase

hinzuschlendern und, offen gestanden, an sehr wenig zu denken, störte. Nun

hatte sich dieses mit einem Male geändert, wenigstens für diesen Morgen. Ich

ging mit geradeaus gerichteter Nase und mit Augen, die nach rechts und links

und manchmal sogar einem auffälligeren Individuum nachguckten.

Weißt du, wer da mit dir geht oder dir entgegenkommt? Hast du es schriftlich,

daß niemand darunter ist, dessen Erkennung im Haufen dir wichtiger sein kann

als das träumerische Gespinste, in welches du deine fünf Sinne eingewickelt

umherträgst. Würdest du dich über kein zweites unvermutetes Begegnen an der

Straßenecke wundern oder freuen? Bist du wirklich so ganz allein und — auf

dich allein angewiesen unter den Hunderttausenden? Und — da stand ich schon

und starrte und brachte im jähen Anhalten meinerseits diesmal eine Hemmung in

den Strom der Bevölkerung und auf dem Gesichte des Nächsten hinter mir, auf

dessen Zehen ich mich mit meinem Hacken niederließ, einigen Verdruß hervor.

— — —

Mademoiselle Martin!

Das war nicht das Gesicht, auf welches ich in dem großen Strome gepaßt

hatte; — Eva Sixtus sah anders aus! — aber das Wunder und die Verwunderung

blieben die nämlichen. Ich mußte doch noch Mademoiselle Martin, unsere alte französische Sprachmeisterin von Schloß Werden, kennen! Sie war es! sie war es

unbedingt, und wenn auch nur um das alte Wort zu bewahrheiten: Wenn es

kommt, so kommt es in Haufen!

Ein greisenhaft, verschrumpfelt und verrunzelt, etwas phantastisch

aufgeputztes Mütterchen wackelte sie daher, und ich stand mit dem Hute in der

Hand:

„O Mademoiselle!… o Mademoiselle Martin, welches ungemein erfreuliche

—“

„Monsieur?!“

Es lag eine Welt von Fragen in dem einen Wort; und ich war imstande zu

stottern:

„O, ich bitte — Doktor Langreuter ist mein Name.“

Da ging es gottlob wie ein Lächeln über das sorgenvolle Altfrauengesichtchen

der ci-devant soeur ignorantine.

„Je, Fritz?! Monsieur Frédéric Langreuter! Ei, der Herr Doktor

Langreuter! Aber, en vérité, das nenne ich freilich ein recht erfreuliches

Zusammentreffen. Haben Sie mich wiedererkannt, Fritz — Herr Doktor? O

dieses unvermutete Wiederfinden freut mich ebenfalls sehr.“

„Und Sie kennen mich auch noch, Mademoiselle? Und gestern mittag — o

Mademoiselle, welche Wunder können doch noch in dieser Welt geschehen!…

Gestern der Vetter Just und nun Sie, Fräulein Martin! Und Sie haben sich so

wenig verändert, daß auch das ein neues Wunder ist, Mademoiselle.“

„Geben Sie mir Ihren Arm, monsieur. Durch ein paar Straßen müssen wir

sans condition miteinander gehen. Schmeicheln will ich Ihnen nicht: Sie

haben sich sehr verändert, Mr. Langreuter, und hätten Sie mich nicht angerufen,

so würde ich Sie wahrscheinlich nicht wiedererkannt haben.“

Wir paßten ganz zueinander: ich der mittelalterliche Quellenforscher und das

melancholisch geputzte Mütterchen an meiner Seite. Durch ein heiteres Wesen

hatte sich Mamsell Martin wohl nie hervorgetan; aber nun hatten die Jahre und

die Erlebnisse wie immer dichter sich übereinander schiebendes Gewölk das

letzte Licht in ihren Altjungferzügen ausgelöscht. Ich hatte sie vorsichtig zu

führen, denn ihr Schritt gehörte nicht mehr zu den festesten. Wir gingen

langsam, und auch das war sehr nötig.

„Ich habe es gestern von einem guten, alten Freunde vernommen, daß Gräfin

Irene jetzt hier ihren Aufenthaltsort genommen hat, Mademoiselle. Ich habe viel

erfahren seit gestern, Mademoiselle, und vieles, was ich eigentlich ebenso gut,

wo nicht besser als jener treue, wackere Freund wissen müßte. Nun gehe ich

plötzlich auch mit Ihnen hier —“

„Ja, wir wohnen seit einigen Wochen in Berlin, Herr Fritz — Herr Doktor.

Durch wen aber wissen Sie das auch — seit gestern?“

„Durch den Vetter Just.“

Nun sah man wieder einmal recht deutlich, daß sowohl der Dichter des Textes

zum Freischütz sowie der Komponist und alle weisen und melodischen und

poetischen Männer, die das Nämliche vor ihnen in Versen und Prosa oder Noten

angemerkt, das Richtige getroffen hatten.

Ob auch die Wolke sie verhülle, die Sonne bleibt am Himmelszelt! Wie ein

Sonnenstrahl ging es über die gelbe faltenreiche Stirn, wie freudiges Leuchten

zuckte es aus den schwarzen Augen der alten soeur ignorantine.

„Oh monsieur, monsieur! Der Vetter Just! O wohl, monsieur Just

Everstein! Ja, der hat uns gefunden und hat uns eine Visite gemacht, und wir

waren so glücklich, ihn zu sehen! Und er hat bei uns gesessen stundenlang und

von der alten Zeit gesprochen! Und er hat unser Kind in seinen guten Armen in

den Schlaf getragen! Die Komtesse hat geweint, als er weggegangen ist, aber

diesmal vor Freuden. Nicht weil er gegangen ist, sondern weil er versprochen

hat, immer wieder zu uns zu kommen, zu uns und unserem armen Kinde. Und er

ist wieder gekommen, und hat wieder mit uns von der alten Zeit und dem Herrn

Grafen und dem lieben, armen château de Werden geredet. O — er hat uns

gesucht in dem pêle-mêle, der Vetter Herr Just, und er hat uns gefunden und

nicht bloß durch einen Zufall. Le bon dieu hat ihm das in sein Herz

gegeben, daß er es nicht anders konnte, sondern suchen und finden und kommen

und da sitzen mußte, um uns zum Troste zu sein in dieser argen, schlimmen,

schlimmen Welt! Wie ein Gesandter von dem guten Gott ist er uns gewesen, der

Vetter Herr Just, der mir soviel aversion und répugnance hat bereitet in

der glücklichen alten Zeit, wenn ich euch rief zu der Lektion — savez-vous?

hoch oben aus den Bäumen und ihr nicht antwortet, weil ihr alle waret

echappiert und — eh, eh, hattet euch durchgeschlüpft — glissés par la

haie — wie die Vagabonden in die weite Welt und nach dem Steinhof. Oh

mon dieu, damals habe ich geweint, weil das war, nun weine ich, weil das

nicht mehr sein kann. Aber madame la baronne, meine Komtesse kann

noch lächeln, wenn sie spricht mit dem Vetter Just davon und von euch anderen

bösen Kindern; und so bin ich auch glücklich, daß ich einst mich so sehr habe

geärgert.“

Vergebens war es, meinerseits ein Wort in diesen Redefluß der alten Dame zu

werfen. Und sie redete das alles zu mir in einer der belebtesten Straßen der

großen Stadt Berlin, gänzlich unbekümmert darum, daß wir nicht allein darin

gingen wie vordem wohl in der großen Lindenallee im Garten von Schloß Werden. Wir gingen ihnen allen zu langsam und nahmen ihnen allen zuviel Platz

auf dem Wege in Anspruch; aber alle hatten sie es auch nicht darum so eilig, um

rascher zu einem Vergnügen zu gelangen, und so war nichts gegen dies

Geschobenwerden und Gedrängtwerden einzuwenden.

Daß sich Irene von Everstein in Wien mit einem Freiherrn Gaston von Rehlen

verheiratet hatte, wußte ich, ebenso daß diese Ehe nicht glücklich ausgefallen

war. Nun wohnte die Frau Baronin seit einigen Wochen als Witwe in Berlin, mit

einem kranken Kinde und mit ihrer alten französischen Sprachmeisterin. Ich

hatte hundert Fragen zu stellen und brachte doch keine einzige über die Lippen.

Jeder Blick in das melancholische graue Gesichtchen mir zur Seite wurde mir

hier zu einem Hindernis und trieb mir das Wort von der Zunge zurück; die

soeur ignorantine aber schwatzte trübselig weiter von der guten alten

Zeit, „als der Herr Graf noch lebte und niemand eine Ahnung, ein

pressentiment, davon hatte, wie die Verhältnisse für uns alle sich nach

seinem Tode gestalten würden“. Des Ausdrucks changer de face bediente

sich Mademoiselle Martin, und es war der ganz richtige Ausdruck: ein ganz

anderes Gesicht als damals, wo nur der Herr Graf genau wußte, wie schwankend

unsere Stellung im Leben sei, machte uns heute die Welt!

„Monsieur Ewald ist immer noch in England oder Irland; doch er will

nächstens nach Deutschland zurückkehren, hat uns neulich mademoiselle

Eva geschrieben,“ sagte Mademoiselle. „Der Herr Vetter Just hat ihn in der Stadt

Belfast par hasard getroffen. Ich hätte mir gern von ihm erzählen lassen,

aber der Herr Vetter hat nicht viel von ihm erzählt. Das Kind war sehr unruhig,

und da nahm er es auf den Arm. Hélas, es ist ein sehr schwächliches Kind,

monsieur Frédéric, und auch ein wenig verwachsen — ah, pardon.“

Die Gute hatte nicht nötig gehabt, um Verzeihung zu bitten. Erst durch ihren

letzten halb erschrockenen Ausruf wurde ich auf die unwillkürliche Bezugnahme

auf meine eigene gleichgültige Person lächelnd aufmerksam. Ich hatte nur an

Ewald Sixtus in Belfast gedacht und an die Gründe, die den Vetter Just abhalten

konnten, von ihm der Gräfin Irene ausführlich zu erzählen. Mir mußte der Vetter

hierüber Rede stehen, das stand mir unumstößlich fest.

Wir hatten nun die größere Verkehrspulsader der Stadt verlassen und schritten

durch stillere Straßen.

„Nun ich Sie wiedergefunden habe, — auch par hasard, Herr Fritz

Langreuter! — so müssen Sie uns doch nun auch wohl eine Visite machen,“

meinte Mademoiselle. „Ich werde Ihnen zeigen unsere Wohnung; doch können

Sie nicht gleich mit mir gehen, denn madame la baronne — meine Irene ist

nicht wohl heute. Sie müssen kommen mit dem Vetter; ich aber werde sagen, daß ich Sie jetzt getroffen habe, und daß Sie aus alter Freundschaft zu uns

kommen werden. Darf ich das, monsieur Fritz? Dort wohnen wir, im dritten

Stockwerk; — der Herr Vetter Just kennt aber den Weg, und Irene wird sich sehr

freuen.“

Ich sah an dem Hause empor und hielt beide Hände der alten, so bittersüßen

Dame, konnte aber nichts weiter hervorbringen als:

„O Mademoiselle!“

„Adieu, monsieur,“ rief sie. „Und — au revoir! nicht wahr,

monsieur?“

Die Haustür hatte sich hinter ihr geschlossen, und ich lief eiligst meinen Weg

zurück und nach dem Hotel, in dem der Vetter Just Everstein abgestiegen war

und hoffentlich noch auf mich wartete mit dem Frühstück, zu dem er mich

eingeladen hatte.