Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten

Wilhelm Raabe · Kapitel 4 von 36

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Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten

Zweites Kapitel.

 

Was für eine Magie liegt selbst für die Erwachsenen in dem sich drehenden

Rad! Fahren!… ausfahren! Fahren durch einen frischen, sonnigen

Sommermorgen in die weite, weite Welt hinein. Gibt es ein glückseligeres Fieber

als das, was bei diesem Worte und dieser Vorstellung das Kind ergreift und ihm

in erwartungsvoller Wonne fast den Atem benimmt?

Ich war an jenem schrecklichen Morgen ungefähr fünf oder sechs Jahre alt;

aber wie deutlich steht er mir noch vor der Seele! Mit allen seinen Einzelheiten!

Da war das hastige Ankleiden, bei dem ein Dutzend aufgeregte Hände helfen

wollten. Da war das Geflüster rundum, und dazwischen das stille Weinen und

laute Schluchzen der Mutter, von Zeit zu Zeit ein neues Gesicht, das sich in die

Tür schob und in einem Winkel sich „des Genaueren“ berichten ließ.

Dazwischen immer wieder von neuem die braven, guten Worte des alten

Kameraden und Kollegen und dann — das Peitschenknallen des Kutschers in der

Gasse, das allmählich immer mehr von steigender Ungeduld zeugte.

Und dann waren wir auf der Treppe und dann in der Gasse, und die Gasse

rund um die gräfliche Kutsche war auch voll Menschen, die sich verhältnismäßig

still verhielten, aber desto mehr und dichter sich im Kreis herandrängten und,

wie mir schien, sämtlich nur allzu gern mitgefahren wären in die Weite hinaus

und nach Schloß Werden.

Und die Mutter bekümmerte sich nun gar nicht mehr um mich. Ich hielt mich

an ihrem Rocke, sie aber ließ sich starr, stumm und willenlos führen, und ich

fürchtete mich vor ihren Augen, mit denen sie gar nichts mehr sah, selbst mich

nicht. Ich aber sah auch nur beiläufig auf sie; denn der hellblaue Kutscher sah

auf mich, und er hatte zwei Braune vor seinem Wagen.

Das holperige Pflaster der einzigen Hauptstraße des Städtchens — aus dem

Tor, an den Gärten hin auf die Landstraße; ich neben der Mutter im Rücksitz des

Wagens, und des Vaters Kamerad und Kollege uns gegenüber! Da ist die Mühle,

wo sich das Wasser aus ziemlicher Höhe auf das Rad stürzt und mir mit seinem

ewigen Brausen und weißen Schäumen und eiligen Weitertosen im Bach immer

einen so wonnigen Schauder einjagt. Da ist die Gänseweide, unser

Hauptspielplatz; Schulkinder mit ihren Schiefertafeln und Abcbüchern stehen

am Rande des Grabens und starren uns an, und sind im nächsten Augenblick

zurückgeblieben, während ich weiterfahre. Auf der weißen Landstraße liegt die Sonne schon ziemlich heiß; — was wohl der Steinklopfer denkt, der uns auch

nachsieht? Was er wohl denkt über unseren Kutscher in dem hellblauen Rock

und mit dem Silberstreifen um den Hut? und über den anderen Mann vor uns auf

dem Bocke, auch in Hellblau und Silber?! Ich sehe um die Schultern der beiden

Leute von Schloß Werden auf die im Traben sich hebenden und senkenden

Pferdeköpfe und die schwarzen Mähnen. Wer doch das alles immer so vor sich

haben könnte und vorbeifahren immerzu an den Menschen und Bäumen, Zäunen

und Hecken — immer, auch wenn die Sonne noch heißer scheinen sollte!… Ich

stehe auf, um in die zurückbleibenden, weißen Staubwolken hineinzusehen.

Meine Mutter zieht mich wieder auf den Sitz, und wir fahren in das Freie, Klare,

Frische hinein.

„Bald sind wir glücklicherweise im Schatten,“ sagt der Kamerad. Seine

Säbelscheide wird heiß; ich habe den Finger darauf gelegt, weil die Sonne auch

auf ihr blitzt und blinkert; — zu verlockend, um nicht auch da von ihrem Glanze

verlockt zu werden. Es ist acht Uhr am neuen Tage, — auch das bemerkt der

Kamerad, seine Uhr hervorziehend.

„Nun sehen Sie einmal, liebe Frau, wie es doch immer viel später wird, als

man denkt; wenn man es auch noch so eilig haben will. Da sind wir aber gottlob

wenigstens endlich im Walde und im Schatten.“

Ja, wir fuhren jetzt im Walde, und es gab nichts Schöneres als ihn an diesem

Morgen. Die Buchen streckten ihre Zweige zu einem grünen Dache über uns hin.

Wasserläufe rieselten hervor und begleiteten uns stellenweise. Dann und wann

sah man hinein in ein Tal, und dann wieder trat der rote Sandstein bis dicht an

den Weg hinan, und die Grillen schrillten in dem Spalte des heißen Gesteines,

und nie in ihrem glücklichen Dasein und Weitereilen gestörte Blumen — gelb

und blau — sahen uns vorüberfahren.

Doch uns drohte nun in all der Pracht, Lieblichkeit und Schönheit ein

Schreckliches.

Ein leises Klirren kam heran an einer Wendung der Chaussee und dazu

Pferdehufschlag und eine andere Staubwolke. Zwei gefesselte Männer wurden

inmitten dieser Staubwolke und zwischen den Pferden der begleitenden

Landreiter geführt. Der Kamerad des toten Vaters zog seinen Säbel an sich und

trat mit dem Fuß auf und sprach einen Fluch. Die Mutter aber richtete sich

empor und bog sich vor und starrte auf die gebundenen zwei Männer aus ihren

verweinten Augen:

„Die?“

„Da könnte man lernen, was es heißen muß, im Ernst einhauen!“ sagte leise

der Kamerad, und er hatte die Hand auf den Wagenschlag gelegt und rüttelte

daran. Die beiden Leute auf dem Bocke aber sahen auch zur Seite und dann auf meine Mutter und mich, und dann schlug der Kutscher plötzlich auf die Pferde,

und vorüber ging das auch in Staubwolken, Sonnenlicht und Waldschatten. Im

raschesten Trabe gingen die Gäule weiter, obgleich der Weg sich eben bergan

zog.

Es ist ein sehr angenehmes Waldgebirge, durch welches damals die Grenze

gegen den Nachbarstaat, der das deutsche Salz in anderer Weise als wir

besteuerte, sich zog. Eine Grenze ist dort auch heute noch vorhanden, aber jener

Staat nicht mehr; doch davon ist jetzt nicht die Rede, sondern von der Gegend —

der Landschaft überhaupt. Forsten und Steinbrüche überwiegen; das Ackerland

läßt manches zu wünschen übrig; doch ist es in den Händen der Bauern und

Kleinbürger, und das ist immer viel wert. Nur einige große Landesdomänen

bilden zusammenhängendere Komplexe, und zwei oder drei Rittergüter mit alten

Geschlechtern darauf haben gleichfalls ihr größer Teil vom alten Erbe Adams

festgehalten. Schloß Werden hatte in dieser Hinsicht den weitesten Besitz

aufzuweisen, freilich aber auch, vom trefflichen Walde abgesehen, den

steinigsten und unfruchtbarsten. Der Zweig der alten Familie, die es bewohnte,

stammte von einem Bergschlosse, fünfzehn Meilen weiter nach Norden im

Lande gelegen, und durch viele andere bunte Grenzpfähle von dem Absenker

getrennt; dazu auch nur als Ruine, zu der es schon, wenn wir nicht irren, im

Jahre der Entdeckung Amerikas mit Aufwendung aller damaligen kriegerischen

Ingenieurkünste gemacht wurde.

In Wien sitzen Fürsten zu Everstein, in München Freiherren desselbigen

Namens, und hier in diesem Waldgebirge, verschollen wie Amerika nach der

Entdeckung durch die Chinesen oder die Norweger, oder wer es sonst zuerst

aufgefunden haben soll, Herr Friedrich Graf Everstein mit einer einzigen

Tochter, Komtesse Irene; und sonderbare Geschichten und Gerüchte gingen über

den Herrn und seinen Haushalt im Lande herum. Je genauer man aber darauf

hinhörte, desto weniger wirklich Genaues hat man darüber erfahren, außer daß,

„von Anfang an wenig dort zu suchen und noch weniger zu finden“ war. Ein

Verbrechen ist das gerade nicht, doch angenehm und behaglich ist’s auch nicht.

So sagten wenigstens die Leute später.

Noch eine Stunde hatten wir durch den Buchenwald zu fahren, dann kamen

wir an einen sumpfigen Graben voll Riedgras und Binsen. Ein altersgrauer

Grenzstein stand, halb versunken, dicht an der Chaussee. Um ihn herum war das

Gras niedergetreten wie von vielen Füßen. Unser grauschnauzbärtiger Begleiter

schob die Schultern plötzlich hin und her und sah grimmig verlegen auf den

Platz hin, und legte dann meiner Mutter die Hand auf das Knie und sah dann

meine Mutter an, indem er sich mit den Knöcheln der anderen Hand die Stirn

rieb.

„Ich weiß nicht, ob es recht von mir ist, Frau, aber ich — der Junge — mag

sich wohl einmal daran erinnern wollen. Da!“

„Da hat man ihn gefunden!… Gemordet!… Mir und unserem armen Kinde in

seinem Blute!“ schrie meine Mutter, und —

„Ja,“ sagte der alte Kamerad. „Zum Henker, Kutscher, fahr zu!“

Das kam wohl schroff und hart heraus, aber doch aus dem weichsten,

teilnehmendsten Gemüte. Und es war auch in der Tat wohl sehr gut, daß der

Kutscher wirklich rasch zufuhr. Es war wohl besser, die Frau sanft um den Leib

zu fassen und sie zurückzuhalten, als sie blind nach dem Griff des

Wagenschlages faßte, um sich hinaus und auf die schreckliche Stätte zu stürzen.

Der Tau hing im Schatten noch überall an Gras, Blumen und Blättern; aber da —

unterm Erlenbusch —, da, wo der Boden am meisten zerstampft war, mochte

wohl noch ein anderer Tau an den Gräsern und dem niedergetretenen Gezweige

hängen.

Beiläufig, es erregt ganz eigentümliche Gefühle, wenn man sich heute, nach

so langen Jahren, erinnert, damals, wenn auch nicht auf der schweren Fahrt, ein

Wort aufgeschnappt zu haben, dahin lautend, daß „der Alte in der Tat

merkwürdig viel Blut verloren habe“!

Fünf Minuten weiter von der furchtbaren Stelle entfernt zweigte sich ein

Fahrweg von der Landstraße ab, quer über Wiesen. Da bog auch unser Wagen

ein. Jenseits der Wiesen, über dichte Lindenwipfel und andere parkähnliche

Baum- und Buschgruppen, erhoben sich die blauschwarzen Schieferdächer und

die beiden altersgrauen Ecktürme von Schloß Werden.

Ein Pfahl am Wege verbot hier das Fahren und Reiten.

„Sonst fährt hier nur die Herrschaft,“ erklärte der Kamerad und Steuerkollege;

und es war freilich für uns eine bittere Ausnahmsweggelegenheit! ich hörte das

Wort; aber nach dem Fahren hätte ich in diesem Augenblicke wenig gefragt,

wenn ich zu allem anderen freie Verfügung über die sonnige, grüne Fläche

gehabt hätte.

Die große Wiese stand in der vollsten, buntesten Pracht ihrer sommerlichen

Schönheit. Es schrillte tausendstimmig über ihr; die Schmetterlinge, Käfer und

Mücken flatterten und tanzten, es tanzte die heiße Luft über ihr. Wir aber, wir

fuhren weiter diesmal, — die Kinderjagd nach den Farben und Tönen des

Sommers sollte mir diesmal noch nicht erlaubt sein; — wir fuhren an einem Teil

der hohen Hecke des Parkes entlang und dann an einer noch höheren Mauer hin,

bis zu einem alten, aber immer noch festen und stattlichen Eingangstor, über

dessen beiden Pfeilern zwei greifenartige Wappentiere auf Steinschilden in ihren

Tatzen das Wappen mit dem Eberkopf der Morgensonne hinhielten.

Der Wagen rasselte auf einen weiten, stillen Hof an ein langgedehntes, graues Gebäude heran und dicht an eine breite Steintreppe, die hier zu einer großen,

offenen Tür führte, sich aber an der ganzen Fronte dieses Hauptflügels des

Schlosses Werden hinzog.

Der Diener sprang vom Bock und öffnete den Schlag, ein anderer älterer

Mann in derselben Livree kam heran und nannte meine Mutter seltsamerweise

„gnädige Frau“ und fügte ganz leise hinzu:

„Belieben auszusteigen.“

Auf den stummen Jammerblick und die hastige Frage der armen Frau aber hob

er nur die Achseln und sagte:

„Da sind der Herr Graf schon selber … Ach ja, es geht — den Umständen

nach!“

Das letztere Wort bezog sich wohl auf meinen Vater und hieß soviel als:

„Noch lebt er wohl, Frau reitende Steuerkontrolleurin; aber — wie lange?!“

Es ist ein nicht mehr ganz junger Mann gewesen, der uns aus der Pforte und

an der Auffahrt entgegentrat und den Namen Graf Friedrich Everstein führte. Er

hat manches Auffällige in seiner Erscheinung an sich getragen, mir aber ist

nichts, aus jener Stunde wenigstens, davon bewußt. Nur sprach er so leise, wie

sonst niemand von allen anderen Menschen in meiner Umgebung.