Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten
Viertes Kapitel.
Ich bin im Verlaufe der Tage in des Lebens Ernüchterungen wie andere tief
genug hineingeraten, aber meine in Blau, Silber, Grün, Gold und Purpur
schimmernden Märchenjahre habe ich auch gehabt. Hier beginnen sie und
verwandeln mir auch den heutigen Tag in sein vollständiges Gegenteil. Daß ich
ein poetisch Gemüt sei, das hat nachher wohl niemand von mir behauptet (ich
habe wenigstens alles dahin Einschlägige vorsichtig und fest für mich selber
behalten), aber damals war doch manches Gedicht — echte Naturdichtung — in
mir und um mich, und alles Heimweh — die Quelle aller Poesie —, das ich in
leereren Tagen gefühlt habe, stammt aus dieser Zeit und geht dahin.
Wir grübeln viel, wir gebildeten, klug, d. h. dumm gewordenen Menschen,
über den Schein in dieser Welt, der sich den Anschein des Wesens gibt; ach,
wenn er nur schön war, dieser Schein, wer möchte ihn missen wollen aus seinen
Tagen? wer möchte nicht dumm, d. h. klug gewesen sein, wenn auch nur in den
Tagen, da er noch jung war?!…
Ich bin natürlich zuerst nur mit in den Kauf genommen worden auf Schloß
Werden. Ich kam als ein Appendix meiner Mutter dahin; und es war mir ganz
recht so, und es war gut so; es war alles ganz vortrefflich. Die Welt am siebenten
Schöpfungstage konnte unserem Herrgott nicht um das Mindeste besser gefallen;
das Behagen des einen wäre hier freilich ohne die Seligkeit des anderen gar nicht
möglich gewesen!
„Gib mir deine Hand, Junge; ich will dir alles zeigen, was ich habe,“ sagte
Komtesse Irene Everstein. „Du kommst aus der weiten Welt, und ich bin hier
immer bei Papa gewesen. Mach dich aber nicht mausig; Ewald wird dich sonst
durchprügeln, wenn Eva nicht dabei ist.“
Ich habe es erst später, als wir „in das Griechische kamen“, erfahren, daß der
Name Irene eigentlich Friede oder die Friedliche bedeutet; aber Namen und
Sachen, Worte und Begriffe passen nicht zu jeder Zeit aufeinander. Es ginge so
sonst ja wohl auch ein wenig zu glatt ab in dieser doch einmal auf das Rauhe
gestellten Welt.
„Weißt du, Junge,“ sagte das Kind, „ich bin die Prinzessin aus dem
Bilderbuche, ich bin die Fee, ich zaubere. Wenn du nicht artig bist, so verwandle
ich dich in einen schnurrenden, buckligen Kater. Wenn du aber Ewald was davon
sagst, so prügele ich selber dich, denn ich will nicht, daß Ewald über mich lacht. Mein Vater lacht niemals über mich, o, und ich will genau aufpassen, was deine
Mutter tut, wenn sie aufgehört hat zu weinen. Aber deine Mutter ist gut, und so
kannst du auch gut sein. Du kannst ja auch mit Eva gehen, wenn Ewald und ich
dir nicht gefallen.“
Der trübe Tag vermag nichts dagegen; die Namen, die hier zum ersten Mal
auftauchen, liegen doch im ewigen Sonnenschein, und andere werden dazu
kommen; wartet es nur ab, daß die Nebel sinken: man sieht auch von der besten
Aussichtsstelle nicht an jedwedem Tage, den Gott gibt, die Höhen über den
Tälern leuchten vom Großglockner bis zum Monte Rosa.
Es sind die beiden Kinder des Försters Sixtus im Dorfe Werden, von denen die
Rede ist. Von dem Papst Sixtus dem Fünften stammte der alte Herr in Grün nicht
ab; aber der Zufall hatte ein altes Buch in seinen Besitz gebracht: Leben des
berühmten Papstes Sixti V., geschrieben durch Gregorio Leti. Aus dem
Italienischen übersetzt. Frankfurt, bei Thomas Fritschen, 1720; und darauf hat
oft seine brave schwere Hand, zur Faust geballt, gelegen, und heute klingt mir
noch der Brummseufzer in den Ohren:
„Das war ein Kerl, Fritze! Alle Hagel, der ist ja gerade so mit seiner
Satansbande umgesprungen, wie der Doktor Luther hier bei uns mit uns, mit
seiner, und wie ich mit euch umgehen werde, ihr Raubzeug und Teufelskinder,
wenn ihr es mir zu bunt macht. Fritze, da sieht man’s wieder, daß der Herrgott
mehr von einer Sorte im Sacke hat und nur hereinzugreifen braucht, um einen
’rauszulangen und hinzustellen, wo er zu brauchen ist. Aus dem Buch hat mir
mein Junge vorlesen müssen und nachher mein Mädchen, und bei Gelegenheit
kannst du auch an die Reihe kommen, aber die Hauptstellen lese ich doch lieber
für mich allein, die passen für euch naseweises Geziefer jetzt noch nicht. So ’nen
Papst lass’ ich mir gefallen, und es ist mir eine Ehre, daß er meinen
Familiennamen sich angenommen hat.“
Ich habe später über manchem anderen, in der Menschen Kunde
abschmeckend gewordenen Tröster mit beiden Armen aufgestützt gelegen, aber
nie wieder über einem so wie über diesem. Das langweilige Buch in dem edlen
Deutsch von Siebenzehnhundertzwanzig ist gottlob in meinen Besitz
übergegangen und nimmt einen griffgerechten Ehrenplatz in meiner Bibliothek
hier in Berlin ein. Ich brauche es nur wie ein richtiges Zauberbuch
aufzuschlagen, um über seine vergilbten Blätter hinweg alles vor mir lebendig zu
haben, was damals mein Leben nicht bloß bedeutete, sondern war. Treffe ich auf
eine Daumenspur des Alten am Rande der Blattseite, so ist es noch besser und
gibt die wärmere Farbe. Freilich eine wärmere Farbe! Ich ergreife hier mit
beiden Händen die Gelegenheit, zu versichern, daß hier nichts, gar nichts allzu
reinlich, zierlich und frisch lackiert aus dem Putz- und Schmuckkästchen der Romantik entnommen ist. Wir rochen um uns her alle Gerüche und sahen alle
Dinge, wie sie die Menschen und die Natur im ewigen Hervorbringen
vergänglich hinstellen. Alles war seit lange im Gebrauch gewesen und wurde
weiter abgenutzt; und wenn ich vorhin von den Livreen des Schlosses Werden
gesprochen habe, so stelle der Leser sich dieselben ja nicht zu farbenfrisch und
tressenglitzernd, sondern ganz im Gegenteil vor. Wir trugen sämtlich unsere
Kleider so lange als möglich und schämten uns eines Flickens an der rechten
Stelle wenig. Wir trugen den Frühjahrsregenschmutz, jegliche Gewitterspur und
alles, was Herbst und Winter da geben, überall hin, wo eine Tür offen war. Wir
hatten alle Wünsche, die nur durch mehr irdische Güter, als wir besaßen,
befriedigt werden konnten, und der Herr Graf war da durchaus nicht
ausgenommen, sondern auch im Gegenteil. Das Schloß war kein pomphaft Epos
und die Försterei keine geleckte Idylle. Sie trugen inwendig und auswendig
gleichfalls ihr Flickwerk und ihre Erdgerüche an sich und um sich, und was die
letzteren anbetraf, so hatten der Wald mit seinen Buchen- und Tannendüften und
die Wiesen mit ihrem Heugeruch recht häufig das Beste dazu zu tun, um die
Atmosphäre für fremde heikle Nasen zu verbessern.
Da ist so eine Daumenspur — hier auf S. 595:
„Wer unter dem itzigen Papste dem galgen entgehen will, der muß kein
bedenken tragen, sich in ein kloster einzusperren, sollte es auch das
allerunglückseligste seyn.“
und ein süßer Duft weht über die Stelle, aber ein ganz eigentümlicher. Es war ein
braver Tabak, den der Alte bei seiner absonderlichen Lektüre verqualmte, und
ich erkenne die Sorte heute noch mit innigstem Behagen wieder auf
Spaziergängen und im Eisenbahnwagen dritter Klasse. Rauchte ich selber, so
würde ich nur diese rauchen! Und nun, um es kurz zu machen und es mit dem
treffendsten Idiotismus zu nennen: wir waren allesamt und auf Meilen in die
Runde ein schmuddeliges Volk, ausgenommen vielleicht der Herr Graf, meine
Mutter und Evchen Sixtus; Komtesse Irene Everstein dagegen nicht
ausgenommen. — Wir waren ein ganz unromantisches Völklein; aber zu seinem
Recht soll das hübsche Wort „romantisch“ doch auch hier gelangen, und wir
hängen es wie gewöhnlich an ein Haar. Ach, es gibt sich leider nichts leichter,
als in irgendein Handwerk hineinzupfuschen!
Irene war eine Goldblondine, die die Leute ansahen und für sanft hielten; Eva
war dunkel und sanft, und Ewald hielt allen seinen Schulmeistern einen braunen
Lockenkopf zum Dreingreifen und Zerzausen hin. Von dem, was der Herrgott
auf meinem Schädel wachsen ließ, rede ich lieber nicht; aber stimmungsvoll war’s! es stimmte merkwürdig gut zu allem übrigen, und die gütige Vorsehung
erhalte es mir solange als möglich, wenn nicht der Schönheit, so doch der
Nützlichkeit wegen.
Es kam aber keinem von uns darauf an, wie er eigentlich aussah. Auch was
die Mädchen angeht, so macht es mir heute den Eindruck in der Erinnerung, als
ob sie sich wenig darum gekümmert hätten; wenn ich dieses auch nicht als feste
Behauptung hinstellen darf.
Die Sonne lag uns auf den Köpfen bei jeglicher Witterung, und so trieben wir
uns um in den Wäldern, auf den Wiesen und Feldern, in der Schulstube und in
den Gängen und Sälen von Schloß Werden. Was jenseits der Berge war, davon
wußten wir gar nichts; und wie das so häufig geht, haben wir alle später viel
davon erfahren — mehr jedenfalls, als zu unserem Glücke nötig war. Andere
freilich haben das vielleicht dann und wann unser Glück genannt; da ist eben mit
der „anderen“ Anschauungen und Einbildungen nicht zu rechnen.
Das rechte Licht! War es das rechte Licht, das damals über unsere Köpfe und
Tage fiel?
Darüber ließe sich viel sagen; und am Ende ist es gar nicht der einzelne
Mensch mit seinen zwei Augen, der etwas darüber zu sagen hat. Nur die
auserwähltesten Geister sind es, die hier und da in höchst seltenen Fällen ihre
Meinung ausdrücken dürfen. Sie können dann wie der Maler der heiligen Nacht
den Schein vom neugeborenen Erlöser in der Krippe ausgehen lassen; oder wie
auf der Rubensschen Heuernte, die der alte Goethe seinem Eckermann entzückt
vorweist, die Sonne von den Dingen zwei Schatten geradeweg einander
entgegenwerfen lassen.
Auch die allerniedrigsten oder einfachsten Geister reden da oft das Richtige.
Aber alle zwischen der Höhe und der Tiefe liegende Verständigkeit der Erde hält
einfach am besten den Mund und läßt sich bescheinen, — schwitzt und ärgert
sich, wenn es ihr zu heiß wird, und kriecht in die Sonne und lobt sie im
Vorfrühling und Spätherbst oder im Winter, wenn die Knochen dürr werden, die
Zähne wackeln oder ganz mangeln, und die romantischen Locken verwehen
„gleich den Blättern der Bäume“, wie Vater Homer davon sang, nicht in einem
seiner schläfrigen Augenblicke, sondern an einem der hellsten ionischen
Sonnentage, wo er nicht schlief.
Bin ich von der Daumenspur in dem kurieusen Geschichtsschreiber Gregorius
Leti zu weit abgekommen? Ich glaube nicht.
Da sitzt der Alte noch vor mir in seiner Amtswohnung am Ende des Dorfes.
Alle Türen und Fenster des Hauses stehen offen, und alle Lichter, Töne und
Düfte haben freiesten Zutritt; Vieh und Mensch, und also auch der Herr Graf. Da
kommt er ein wenig schwerfällig auf seinen Stock sich stützend und seinen Weg mit den Fußspitzen vorsichtig vorausfühlend. Ein gewisser Lehnstuhl wird ihm
hingerückt, und da sitzt er, und eines von beiden wird sofort geschlossen,
entweder die Tür oder das Fenster, meistens aber beide.
„Wie steht das Befinden, alter Freund?“
„Danke, Herr. Ohne die verflixten Holzwrogen könnte man es vielleicht wohl
zu einem hübschen Alter bringen; aber nun sehen Sie mal diese Schandliste von
Frevlern! Und alle aus dem Dorf! und jeder Halunke mit einem Handbeil unter
der Weste, und jedwedes Subjektum vom schönen Geschlecht mit einer Säge
unterm Unterrock. Und die letzten sind die schlimmsten, denn sie ruinieren den
Forst von unten auf. Kein junger Trieb ist da vor der ältesten Wackelliese sicher,
und von den jungen Spitzbübinnen will ich gar nicht reden. Da möchte man doch
lieber Papst in Rom sein; und meinen Namensahnherrn wünsche ich mir nur auf
vier Wochen hierher an meine Stelle.“
Der Herr Graf lächelt matt und seufzt:
„Wäre es mein Wald, so würde ich sagen, sehen Sie durch die Finger, Sixtus.
Jetzt sehen Sie allein zu, wie Sie Ihr gutes Herz und die Feuerungsbedürfnisse
unserer braven Nachbarn mit Ihrer Amtspflicht in Harmonie bringen. Das Kind
ist auch wieder den ganzen Morgen durch aus unserem Gesichtskreise
verschwunden und hilft wahrscheinlich ebenfalls beim Holzstehlen. Frau
Langreuter ist in Verzweiflung und kündigt mir sicherlich demnächst ihr
Gouvernantentum. Was haben Sie von Ihren Sorgen zu Hause?“
„Nichts! Sie haben gesagt, sie seien in den Sommerferien, und sind auf und
davon. Mein Evchen wollte eigentlich nicht; aber es mußte. Der Junge muß mir
zu Michaelis sicher auf die Schule; der Pastor kommt nicht mehr mit ihm zu
Rande. Das Fritzchen da hab’ ich nur allein noch am Hoftor erwischt und gesagt:
hier; halt mal! und ihn mit an meine Rechnungen gesetzt. Da sitzt er, Herr Graf,
und nun fragen Sie ihn selber einmal, wo die anderen stecken!“
Das „Fritzchen“, das war ich, — der Weltweisheit Doktor Friedrich
Langreuter, und der Herr Graf dreht seine silberne Dose zwischen den Fingern,
nimmt bedächtig eine Prise und wendet sich in der Tat an mich und fragt:
„Wo ist Irene, mein Sohn?“
Und bei dieser Frage öffnet es sich vor mir breit, weit, sonnig, grün,
Berghügel und Berghügel, Tal und Tal, und dann einmal zwischen zwei Bergen
das Glitzern einer Flußwindung, und dann auf der Ferne rundum ein blauer,
lichter, magischer Dunstschleier, den man — wie Ewald behauptet — sich am
besten zwischen seinen ausgespreizten Beinen durch besieht; da ist Eva Sixtus
und ihr Bruder Ewald, und Irene Everstein und — ich auch, Friedrich
Langreuter, der Weltweisheit Beflissener! Den unsterblichen Göttern sei Dank,
daß dem so war! daß wir einmal so da waren! — — —
Wir wissen noch nichts von den Vermögens- und Familienverhältnissen des
Herrn Grafen und von unseren eigenen noch weniger. Wir leben in den Tag
hinein, und wie kann man besser oder vielmehr angenehmer leben? — Wenn die
Frage: Wo ist Irene? wo sind Ewald und Eva? wo sind die anderen? von neuem
gestellt werden wird, dann hat sich alles geändert und nicht zum Besseren. Wir
leben dann nicht mehr in den Tag, in das Licht hinein: wir wissen dann leider
ganz genau, mit welcher Regelmäßigkeit die Dämmerung und die Nacht
kommen und wie es am hellsten Mittage dunkel werden kann über dem
Menschen und seinem Zubehör.