Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten

Wilhelm Raabe · Kapitel 16 von 36

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Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten

Vierzehntes Kapitel.

 

Soweit waren wir vor Mitternacht gekommen. Nach Mitternacht erzählte der

Vetter weiter, wie er durch harte Arbeit, klugen Sinn und treuherziges Beharren

in jeglichem wackeren Vornehmen durch gute und böse, durch harte und linde

Zeiten, durch schlimme Tage und schlimmere Nächte seinen Weg als ein fester,

wirklicher und wahrhaftiger Mann sich in das Vaterland und zu dem alten

Erbsitz zurückgebahnt hatte. Wenn nichts in der Welt feststehen bleibt als ein

wirkliches und wahrhaftiges Kunstwerk, wenn alles andere vorbeigehend ist, so

hatte dieser Mensch in seinem Leben ein echtes und gerechtes Kunstwerk fest

hingestellt, zum Trost und zur Nachahmung für alle, die das Glück hatten, ihn

kennen zu lernen. Das war old German-text-writing in der vollsten

Bedeutung des Wortes! eine leserliche, dauerhafte Schrift mit allen ihren

kuriosen Schnörkeln und Verzierungen! Wer darin seine Autobiographie

niedersetzte, der konnte gewiß sein, daß sie manchem kommenden Geschlecht

von Kindern und Enkeln merkwürdig, rührend und ermutigend sich in das

Gedächtnis prägte. Und das deutsche Volk hat wahrlich dergleichen

monumenta germanica recht sehr nötig; denn wenn unsere großen Leute

dann und wann vielleicht weitherziger als die irgendeines anderen Volkes sind,

so sind dagegen unsere kleinen häufig in eben dem Grade kläglicher, kleinlicher,

engherziger, mürrischer und unzufriedener als irgendeine Menge, die eine andere

Planetenstelle bewohnt; und — ach, wie oft hatte ich mich in den letzten

Stunden im ganz geheimen an die Brust geschlagen und geseufzt: Gott sei mir

Sünder gnädig! Ich seufzte es aber auf Griechisch: Ὁ θεὸς, ἱλάσθητί μοι τῷ

ἁμαρτωλῷ. Wahrscheinlich, wie es mir jetzt vorkommt, um in der Befähigung

dazu einen Trost zu finden; denn Griechisch konnte der Vetter wenigstens doch

nicht!

Aber er erzählte nun davon, wie er seine alte Jule aus Bodenwerder abgeholt

und im Triumph nach dem Steinhofe zurückgebracht habe, und das war

wiederum mehr als Griechisch und Sanskrit.

„Ich hatte ihr natürlich,“ berichtete er, „auch von Amerika aus von allem

Guten, was mir zuteil wurde, das ihr Gehörige zukommen lassen; aber der Tag,

an dem ich selber heimkam, war doch das Beste, sowohl für sie wie auch für

mich. Schade, daß ich euch — dich, Irene und Ewald — nicht von Schloß

Werden dazu herüberholen konnte! Gottlob, Eva Sixtus und ihr Vater sind wenigstens dabei gewesen und mit von neuem auf dem Steinhofe eingezogen.

Daß die ganze Umgegend auf den Beinen war, kannst du dir wohl vorstellen.

Freilich bei mehr als einem guten Freunde, mit dem ich von meinem

jammerhaften Abschiede her einen Schinken im Salze hatte, habe ich wohl ein

Auge zudrücken müssen, wenn er mir am liebsten als mein allerbester Freund

um den Hals gefallen wäre; aber ich habe es gern getan. Je mehr man sich den

Wind draußen in der wilden Welt um die Nase hat wehen lassen, desto

bescheidener wird man in seinen Ansprüchen an den Charakter der Menschheit

und nimmt am guten Tage still mit in den Kauf, worüber man am schlimmen vor

Wut und Ärger aus der Haut fahren möchte. Zwischen der alten Jule und

manchem früheren guten Haus- und Hof- und Jagdfreunde ging es freilich nicht

ganz so glatt ab, und manch einer bleibt heute noch ihretwegen weg vom Hofe,

der meinetwegen wieder ganz behaglich seine Beine unter unserem Tische

ausstrecken könnte. Die Weiber sind in diesen Dingen nämlich von einem viel

besseren Gedächtnis als wir Männer, Fritze; und Gnade Gott manchem armen

Sünder, wenn sie es durchsetzen und am Jüngsten Gerichte Sitz und Stimme

kriegen. Gnade für Recht ergeht da gewißlich nicht; — selbst bei unseren

deutschen Frauenzimmern nicht, welche immer noch die besten sind und die

harmlosesten, was gleichfalls eine von meinen amerikanischen Erfahrungen ist,

und die ich auch dir jungem Menschen, Fritzchen, mitgebracht haben will. Und

es soll mich recht freuen, wenn du noch Gebrauch davon machen willst. Aber

das ist ja alles nur beiläufig, nimm’s nicht übel; ich sage dir, Doktor, den Weg

von Bodenwerder nach dem Steinhofe hättest du an dem Tage sehen sollen! Und

dann unsere Ankunft auf dem alten ausgemergelten, nichtsnutzigen Haferacker

— weißt du, an der Fenz — nein, Gott sei Dank, an der echten, richtigen

Weißdornhecke und dem Plankenzaun, über den ihr mich so oft angecheer’t

habt. Wenn es in meiner Erzählung hiervon etwas kraus durcheinander geht, so

gehört auch das zu dem Spaß, denn es kommt einzig und allein daraus her. Sonst

kann ich jetzt unter Umständen recht gut bei der Stange bleiben. Ich hatte

selbstverständlich mich schon ein paar Wochen vor unserem Haupteinzuge auf

dem Hofe installiert. Junge, und ich habe die ersten Nächte in meinem Erker auf

Stroh geschlafen; und — o! — so hat lange keiner in dieser Welt der Plagen und

schweren Sorgen und Arbeiten die Beine von sich gestreckt und die Arme unter

dem Hinterkopfe zusammengelegt, mit dem Blicke an den alten kahlen Wänden

herum und durch das Fenster in die Nacht hinein und dann in den dämmernden

Morgen! Ich habe da wie ein König geschlafen, denn ich habe den größten Teil

der Nächte verwacht; aber dagegen waren es sehr angenehme schlaflose Nächte.

Ihr waret alle darin eingeschlossen, wie ich selber von meinem frühesten

Aufmerken an. So liegend, müßte der Mensch eigentlich alle zehn Jahre sein Dasein sich zurückdenken können; dann könnte man sich auch alles Schlimme,

Traurige und Wehmütige viel leichter mit Ruhe gefallen lassen und es erleben!

Well, auf jede solche vergnügte Nacht kam dann der frische Morgen mit seinem

hemdärmeligen Wirtschaften in dem verlorenen und wiedergewonnenen

Väterreich. Was mir mein Vorgänger an lebendigem und totem Inventar mit in

den Kauf gab, wollte nicht viel bedeuten, und für mich, der ich noch meine alte

Inventur im Kopfe hatte, gar nichts. Da mußten mir neue Gäule, Kühe, Schweine

und Ziegen in die Ställe; — ihren Hühnerbestand mußte Jule Grote

wiederfinden, wie sie ihn aufgegeben hatte, und die Gips-Venus mußte auch auf

den Ofen wieder hin, sonst war die ganze Geschichte nicht das halbe Pläsier.

Und Tische und Bänke hatten sie mir in meiner Abwesenheit gleichfalls derartig

verrückt, daß ich mit vier Fäusten und acht Beinen hätte greifen und laufen

mögen, um nur die allernötigste Ordnung wieder hereinzubringen. An Karl

Ebeling erinnerst du dich wohl nicht mehr? Das war ja unser Junge zu unserer

Zeit auf dem Hofe! Na, siehst du, es freut mich, daß dir der Lümmel doch wieder

frisch in der Erinnerung aufgeht! Er hat damals manchen Wurf mit dem

Pantoffel und manchen Schlag mit dem Küchenbesen, der moralisch mir

gehörte, aushalten müssen; und nun male dir meine Genugtuung, daß ich das

Ungetier (einen anderen Namen hatte Jule Grote ja nicht dafür!), voll

ausgewachsen, mannbar und mit einem Schatz versehen, und dazu als Reserve-

Unteroffizier, wieder habe, und zwar als unseren Oberknecht! Er sitzt jetzt mit

Anstand zu meiner Linken an unserem Tische in der alten Stube, weißt du; aber

ein anderes Exemplar von ihm in seiner lieben Jugend und Gefräßigkeit und

Flegelhaftigkeit habe ich, Gott sei Dank, dazu wieder mir gegenüber am anderen

Ende des Tisches. Karl Eggeling heißt der Schlingel heute; na, und ich muß mir

doch manchmal in den Ärmel lachen, wenn ich wieder einmal zu erfahren habe,

daß die alte Jule immer noch nicht milder und sanfter gegen diese Spezies von

der männlichen Gesellschaft gestimmt ist. — Die alte Jule! da sind wir wieder

bei ihr und ihrem Einzuge auf dem Steinhofe. So in Tränen gebadet habe ich

noch kein Frauenzimmer bei keinem irdischen Zufall und weder in Amerika

noch in Europa erblickt! Du hättest ihr das größeste Unrecht antun können, und

es hätte diese Flut nicht aus dem Schütt gelassen. So weich wie das Glück hatte

das Unglück sie längst nicht gemacht. Freund Stakemann, der auch noch lebt,

Fritz, — du weißt, Stakemann, der mich damals so treu brieflich warnte, als es

längst zu spät war! — Stakemann, der immer der alte vergnügte Kerl geblieben

ist, kam leider auch hier mit seinem Witz post festum. Die spaßhafte

Bemerkung, daß der Weg von Bodenwerder her wohl nächstens unter Wasser

stehen, und daß man sich demnächst in Bremen über das große Wasser wundern

würde, hatte ich bereits gemacht, geradeso wie damals, das heißt, die Jahre vorher, meine Geschäfte mit dem Doktor Schleimer, dem ich, wieder beiläufig,

leider nicht in den Vereinigten Staaten begegnet bin, um ihm offenherzig meine

Meinung sagen zu können. — Sonst war mir übrigens selber eigentlich auch gar

nicht spaßhaft zumute, sondern sehr im Gegenteil. Ich saß da auf dem

Leiterwagen und hielt den Arm um die Alte und tröstete sie und mich nach

besten Kräften in unserem Glück. Es ist keine Kleinigkeit, selbst im

glücklichsten Fall, sich um soviel älter — alt — und in diesem auch als Greisin

zu sehen und zu fühlen, daß man noch einmal eine glückliche Minute

herausgefischt hat! Ich weiß nicht, Langreuter, ob ich dir das nach der Syntax

vortrage, aber eine Wahrheit ist es, verlaß dich drauf. Nicht wahr, alter Freund,

wenn einer den anderen so recht verstehen soll, dann braucht der nur recht

unverständlich zu sprechen, wenn er seine Meinung nur recht tief aus dem

Grunde heraufholt?! Daher, wo man gar nicht mehr weiß, ob man aus seiner

eigenen Seele spricht oder der des anderen!… Nun spricht man häufig davon,

daß es sehr süß ist, eine junge Geliebte vom Wagen zu heben, um sie in die

neugegründete Heimat einzuführen. Ich glaube dieses herzlich gern, obgleich ich

es leider noch nicht selber an mir und an einem guten Mädchen probiert habe;

aber sozusagen etwas Bräutliches hatte auch Jule Grote an sich, als sie mit ihrem

Anverlobten, dem Steinhofe, wieder zusammenkam nach so langer Trennung

und hoffentlich jetzt auf immer. Während des Zwischenreichs und der

Fremdherrschaft hatte sie natürlich keinen Fuß in die Gegend gesetzt: ‚Zehn

Pferde hätten mich nicht in das Hoftor gezogen, Just!‘ rief sie einmal über das

andere, während sie jetzt durch alle Stuben und Kammern, treppauf und treppab,

durch Stall und Garten humpelte und mich mit seligen Tränen in den Augen auf

alles aufmerksam machte, was das ‚fremde Volk während seiner Herrschaft nach

seinem Gusto verändert oder gar ganz schandbar verrungeniert hatte‘. Wir

gingen alle mit ihr, und weißt du, Fritz, was nach meinem Vergnügen an der

Alten mir das Lieblichste war? Das war unsere liebe Eva Sixtus, die ihren alten

Papa führte und, immer verstohlen mit ihrem weißen Taschentuche an den

Augen, wie ein weinender Frühlingsmorgen aussah. Es war ein wahres Glück,

daß Stakemann fortwährend seine schlechten Witze und altbekannten

nichtsnutzigen Bodenwerderschen Redensarten und Anekdoten uns dabei zum

Besten gab; die Sache hätte sich sonst wirklich für einen Bürger der Vereinigten

Staaten von Nordamerika zu sehr ins Gerührte verlaufen. Du hast unsere liebe

Eva wohl lange nicht gesehen, Fritz? Das ist sehr schade. So jung wie vor zehn

oder zwölf Jahren ist sie heute nicht mehr; aber das muß ein heikler Patron sein,

für den sie nicht in die Länge und in die Breite in die allersüßeste

Frauenfreundlichkeit sich ausgewachsen hat! Und dann solltest du den Förster

über sie hören! Hast du selber einen Speech auf der Seele, so laß ihn um Gottes willen nicht zum Worte über sie kommen. Da redet er kopfwackelnd das

allervolkreichste Meeting vom Stump zu Tode. Freilich, was mich betrifft, so

bringe ich ihn immer mit dem größesten Vergnügen auf seine Tochter, sein liebes

Mädchen, und dir, Fritze Langreuter, würde es wohl ebenso gehen, wenn du dir

unter deinen jetzigen großartigen und weltgelehrten Verhältnissen noch das alte

bescheidene Herz und Vergnügen an allen diesen unseren alten Dingen und

Leuten von Schloß Werden, dem Steinhofe und der Umgebung hättest bewahren

können. Daß das freilich nicht gut möglich ist, sehe ich aber recht gut ein, mein

Junge!“ ……

Ich hatte mir geschworen, den Menschen nicht zu unterbrechen, und ich

unterbrach ihn auch jetzt nicht; aber ich sprang auf vom Stuhl, knöpfte mir die

Weste auf und trat auf längere Minuten an das Fenster, um die brennende Stirn

an die Scheiben zu drücken und auf das dem Morgen hastig zutreibende Gewölk

zu sehen und auf den Wind zu horchen. Als ich an den Tisch zurückkam, hatte

sich der Vetter Just eine frische Pfeife gestopft und hielt eben das brennende

Zündholz darauf. So gleichmütig und phlegmatisch, als ob er mir nicht das

geringste gesagt habe, was einen Privatdozenten ohne Zuhörer und einen Doktor

der Philosophie ohne Philosophie aufregen könnte. Und jetzt sagte er noch dazu:

„Wahrhaftig, wenn man so ins Schwatzen kommt!… zwei Uhr am Morgen!

Bei uns auf dem Steinhofe fangen da schon die Hähne an zu krähen. Und ich

sitze hier und rede und rede und bedenke gar nicht, wie ich dich von der

nächtlichen Ruhe abhalte, und wie kostbar gerade deine frischen Morgenstunden

für die gelehrte Welt und die Wissenschaften sind. Aber guck, Fritz, so bleibt ein

Deutscher immer ein Deutscher! Ein echt eingeborener Nordamerikaner hätte dir

einfach gesagt: Ich habe den Steinhof wieder; wenn du Lust hast, male dir alles

übrige dazu oder laß es bleiben. — Ich dagegen sitze hier und möchte dir auf

jeder Faser und Fiber in mir meine Gefühle und Erlebnisse in der alten Heimat

nach der Heimkunft vorspielen und frage den Teufel danach, ob das dir noch

interessant ist oder nicht. Aber jetzt auch kein Wort mehr! Wo ist mein

Überrock? Hier. Und hier ist mein Hut. Jetzo setze deiner Güte und Geduld die

Krone auf und leuchte mir die Treppe hinunter. Den Weg nach meinem

Wirtshause finde ich schon; hoffentlich aber kehren mehr Leute von meiner Art

da ein, die sich leicht festschwatzen nämlich, wenn sie nach Jahrhunderte langer

Abwesenheit und Trennung einen guten alten Freund und Bekannten zufällig

wieder getroffen haben und ihn in ihrer Zufriedenheit mit der Welt in den Schlaf

oder über den Schlaf weg, aber sicher halb tot reden. Allein möchte ich auch in

diesem Falle nicht in der Welt stehen.“