Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten

Wilhelm Raabe · Kapitel 27 von 36

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Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten

Siebentes Kapitel.

 

Dies Gefühl verstärkte sich noch um ein Bedeutendes, als wir nunmehr endlich

einmal wieder in der niedrigen Stube standen, deren Decke der Förster Sixtus, so

gebeugt ihn das Alter haben mochte, immer noch mit ausgestreckter Hand

abreichte. Aber Eva hielt den Bruder von neuem fest in den Armen und

schluchzte an seiner Brust; und dann reichte sie dem Vetter Just die Hand und

sagte leise:

„O, wir danken dir!“

Und dann gab sie auch mir die Hand und versuchte es, durch ihre Tränen zu

lächeln, und sie sagte:

„Und Ihnen danke ich auch recht schön und aus vollem Herzen. Es ist so sehr

freundlich von Ihnen, daß Sie mit meinem Bruder heim- und hergekommen sind.

Nicht wahr, es hat sich wenig bei uns verändert? Wenn Sie es nur noch so

behaglich wie in früheren guten Jahren finden!“

Ich griff mit der Hand nach der Kehle, weil eine andere — eine sehr heiße

Geisterhand sie mir bedenklich zusammendrückte.

„Ach, Eva — Fräulein Eva —“

Glücklicherweise sprach der alte Herr, der seinen Platz in dem Lehnstuhl am

Fenster wiederum eingenommen hatte, dazwischen.

„Weshalb nennst du denn den alten Jungen auf einmal Sie, Mädchen?“ fragte

er. „Komm doch mal heran, Fritz! Wenn du auch zu uns gehörtest, so bist du

doch nicht mein Fleisch und Blut gewesen, und so konntest du für dein Teil tun

und lassen, was du wolltest, ohne dich viel um uns zu kümmern. Hättest dich

aber doch wohl einmal wieder bei uns sehen lassen können, und wenn es auch

nur schriftlich gewesen wäre! Schon unserer Freundschaft mit deiner seligen

Mutter wegen!… So eine wie die ist mir nachher auch nicht wieder begegnet,

und wenn ich manchmal hier in meinem Winkel vermeine, es sei nur, weil meine

Augen stumpfer geworden seien und meine Sinne und Gedanken dazu, so

kommt es mir bei besserer Überlegung als das Wahre, daß die wahren Menschen

und Weibsleute doch immer das Seltenste in der Welt sind und bleiben. Was zur

hohen Jagd gehört, das läuft nicht wie die Hasen im Felde. Übrigens hat mir der

Vetter Just da nur Gutes von dir erzählt, Fritzchen Langreuter, und das hat mich

wirklich recht gefreut, und wir sprechen wohl noch weiter darüber. Als du hier

auf dem Boden mir zwischen den Beinen herumkrochest, deinem Ball und sonstigem Spielwerk nach, da hätte dir keiner an der Nase angesehen, daß

wahrhaftig ein Doktor und noch dazu nicht ein bloßer medizinischer, die ich mir

doch gottlob niemalen habe an den Leib kommen lassen, in dir steckte. Und nun

sage mal, Fritz, ich hoffe doch, du nimmst hier mit uns vorlieb und Quartier; auf

eines da bei dem vornehmen Herrn von Schloß Werden würde ich in dieser

Nacht lieber doch nicht allzu feste rechnen. He, oder Er will wohl gar auch noch

einmal sich in dem alten Bau verklüften, Musjeh Ewald Sixtus? Von Rechts

wegen gehört er freilich nicht mehr hinein; aber da fährt das dumme Mädchen

schon wieder mit dem Schürzenzipfel nach den Augen, und so will ich denn

lieber weiter nichts gesagt haben als: na, Evchen, denn schütte den beiden

dummen Jungen eine Streu auf, und vor allen Dingen sorge für’n anständig

Abendbrot. Der Vetter Just kann bei Mondschein reiten, den Narren von

Engländer da mag ich immer noch nicht recht ansehen, aber der gelehrte Doktor

kommt mir selbst bei dieser zunehmenden Dämmerung sozusagen recht

abgehungert vor, woran denn wohl hoffentlich nur alle seine Gelehrsamkeit und

seine lange Abwesenheit in Berlin schuld ist.“

In diesem Augenblick schüttelte sich der „Narr von Engländer“, das richtige

Werdener Kind, der irländische Brückenbauer und Tunnelwühler Ewald Sixtus

wie ein — unbotmäßig gewesener Pudel, der seine Prügel weg hat und sich

wieder in alter Behaglichkeit und im früheren gemütlich-drolligen Verhältnis zu

seiner Umgebung fühlt. Aber es kam noch besser. Wie es zuging, konnte nachher

wohl keiner uns genau angeben; aber das Faktum stand fest: mit einem Male

hielt der Sohn den Vater im Arme wie eine Braut — ja besser, herzerfreulicher,

zärtlicher und weicher und fester als wie solch ein weichliches, hübsches,

zärtliches Ding von Mädchen!

Und was das allerbeste war, der alte Waldmensch ließ es sich gefallen und

wurde nicht grob oder zierte sich.

„Ewald! mein Junge!“ stotterte er leise, „o du Allerweltsschlingel, bist du es

denn wirklich und wahrhaftig?… Na, na, schon gut, schon gut! Willst du mich

nun auch noch zu einem alten Weibe machen?… zu allem übrigen?!… So sprich

doch du ein Wort dazu, Just Everstein. So sagt ihm doch, ihr anderen alle, daß es

mir recht sein soll, wenn er gehandelt hat, wie er es verstand!… Mein Junge,

mein lieber Junge — so bring doch Licht herein, Eva, Mädchen, auf daß man —

wir — ich ihn endlich mal wieder voll zu Gesichte kriege!… Von dem alten

Kasten, dem Schloß Werden, und von der lieben Gräfin müssen wir ja auch noch

bei Lichte reden!… Also ein Sixtus bist du gewesen und geblieben, weil du

nichts dafür gekonnt hast?… Mein Junge, mein nichtsnutziger Galgenstrick bist

du immer geblieben?… Und Schloß Werden hast du wirklich, und es ist kein

dummes Zeug, sondern die reine volle Wahrheit? Was würde der Herr Graf sagen, wenn er in diesem Augenblick dort wieder auf seinem Platze sitzen

würde? Und die Gräfin — Fräulein — Frau Irene? Ewald, sie sitzt ja auf dem

Steinhofe bei dem Vetter Just Everstein, was wird sie dazu sagen, daß der

Spielkamerad aus der Werdener Försterei die vier leeren Mauern ihres

Vaterhauses der letzten Ruinierung abgewonnen hat?“

Der Freund hatte, wie der späteste Leser merken wird, immerfort in die Worte

des Greises hineingesprochen; doch Papierverschwendung würde es gewesen

sein, wenn ich auch seine bruchstückhaften Eräußerungen hier hätte

wiedergeben wollen.

Nun brachte Eva die Lampe, und der Klapptisch wurde nach ewiger

Gewohnheit vom Fenster in die Mitte der Stube geschoben, und ein jeder von

uns beiden, d. h. Meister Ewald Sixtus und ich, Friedrich Langreuter, saß wieder

einmal vor seinem Namen, den er vor zwanzig Jahren in die Platte

eingeschnitten hatte. Wir waren allesamt beträchtlich in die Jahre hineingeraten,

seit wir zuletzt an diesem Tische so zusammengesessen; aber ein schöneres,

frischeres Bild als diesen weißhaarigen Vater Sixtus zwischen seinen beiden

Kindern gab es nicht. Neun Uhr schlug die Wanduhr, und bei ihrem Schlag

sahen sowohl der irländische Ingenieur wie auch der Berliner Doktor der

Weltweisheit auf und atemlos sich um. Wir hatten wahrlich nicht nötig, einander

anzustoßen und zum Stillsein aufzufordern, bis die neun schrillen Schläge

verhallt waren und das Ding sein Ticktack weiter in die Zeit hinein fortsetzte.

„Es ist reinewegs wunderbar!“ seufzte Ewald.

„In diesem Frühjahr hat sie einmal gerade so wie ich auf ihre Pensionierung

angetragen,“ sagte der Vater Sixtus. „Es ist der Tausendkünstler da, der Vetter

Just, der sich ihrer Altersschwäche erbarmt und sie in die Kur genommen hat.

Nicht wahr, Just, es hat dich mehr als einen sauren Schweiß- und Angsttropfen

gekostet, sie noch einmal auf die Beine zu bringen? Ach, tagelang ist er jeden

Tag herübergeritten und hat den Uhrendoktor gespielt, und daß er wiederum ein

Meisterstück gemacht hat, das habt ihr beiden anderen soeben mit eigenen Ohren

vernommen.“

„Ich habe nichts lieber getan,“ meinte der Vetter leise und mit einem scheuen,

zärtlichen Seitenblick auf Eva. „Es war ja meine eigene bittere Erfahrung, als ich

von der Vagabondage nach Hause, nach dem Steinhofe heimkam und sie mir

alles vertragen und verschleppt hatten. Und wenn alles übrige doch nur was

Totes ist, dem wir selber unsere Stimme geben müssen, wenn es sprechen soll,

so ist es mit so einer Uhr ganz und gar ein anderes, was in alles, was dir passiert

von der Wiege an, mit hereinredet. Ich will mit keinem Menschen etwas zu tun

haben, der die Stubenuhr aus seines Vaters Hause aus Not verkauft, wenn er

vorher noch etwas anderes zu verschleudern hatte. Und wäre ich nicht der Bauer vom Steinhofe, so möchte ich nur ein Uhrmacher sein; aber ein wandernder, der

von Dorf zu Dorfe seiner Kunst nachgeht. Mein seliger Vater war ein

verschwiegener Mann — Sie wissen das, Herr Oberförster — aber wenn er den

Uhrmacher auf dem Hofe hatte, kam er immer ins Erzählen, und es war immer

ein Wunder, wieviel die Familie erlebt hatte, ohne daß weder meine Mutter noch

sonst irgendein Mensch auf dem Steinhofe eine Ahnung davon gehabt hatte.“

Der alte Förster kratzte sich lächelnd hinter dem Ohre:

„Und was haben wir getan, Just, während der Tage, wo du neulich den

wandernden Uhrmacher hier bei uns gespielt hast? Hier, Evchen, Mädchen, wie

haben wir beide hier auf der Försterei uns bei ebenso bewandten Umständen,

will sagen, als wir den Uhrmacher im Hause hatten, verhalten?“

Es schien mir, als ob der Vetter Just jetzt verstohlen zu mir herüberschaue;

über Evas liebes Gesicht flog es wie ein Erröten, doch verlegen wurde sie nicht.

Sie reichte dem Vetter vom Steinhofe unbefangen die Hand über den Tisch und

sagte:

„Ei, wir haben wohl auch von allerlei Familiengeschichten geschwatzt.

Gehörte Just nicht so ganz und gar dazu, so möchte es ihm wohl manchmal recht

langweilig geworden sein. Nun aber lasse ich euch Männer und Herren für eine

halbe Stunde allein — da kommt der Bruder aus der weiten Welt nach Hause

und sein — der Freund Fritz aus der Stadt Berlin, und wir schwatzen, als ob wir

erst gestern abend uns hier gute Nacht gesagt hätten. Jetzt sorge ich fürs

Abendbrot; aber ich lasse die Tür offen und horche auf alles — ich meine, ein

Jahr wird nicht ausreichen, um uns gegenseitig mit unserem Leben wieder aufs

Laufende zu bringen, einerlei ob wir den Uhrmacher im Hause haben oder

nicht.“

„Fürs erste gehe ich einmal mit in die Küche!“ rief der Besitzer von Schloß

Werden aufspringend. „Endlich will ich doch mal wieder da die Funken im

Schlot aufwirbeln sehen.“

Nach fünf weiteren Minuten schlich auch ich mich den beiden nach; aber ich

blickte nur durch die Türspalte. Sie standen Arm in Arm an dem alten

väterlichen Herde, und die Schwester hatte dem Bruder wieder den Kopf auf die

Schulter gelehnt, und sie sahen stumm in die hüpfenden Funken des

Heimatherdes. Als ich in die Stube zurückkam, sagte der Vater Sixtus:

„Recht hat das Kind, Fritze. Wir werden wohl eine ziemliche Zeit brauchen,

um mit allen unseren Erlebnissen ins klare zu kommen. Da frage nur den Vetter

Just, der ist jetzt doch schon über ein Jahr aus seinem Amerika zurück; aber wir

sind immer noch nicht mit ihm fertig. Manchmal ist es mein Wunder, wie viel

das Mädchen aufs Tapet zu bringen hat, sobald er die Nase in die Tür steckt. Die

Zwei kann man schon einen ganzen Sommertag beieinander sitzen lassen, ohne daß ihnen der Unterhaltungsfaden abbricht. Na, ihr seid recht gute Freunde

geworden, nicht wahr, Just Everstein?“

Ich aber, der ich hier sitze und schreibe, dachte wunders, wieviel ich von

jenem inhaltreichen Abend zu Papier zu bringen haben würde, und wundere

mich doch nun gar nicht, daß ein so kurzes Kapitel daraus geworden ist.