Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten

Wilhelm Raabe · Kapitel 18 von 36

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Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten

Sechzehntes Kapitel.

 

Gewartet hatte er in seinem Hôtel garni nicht mit dem Frühstück; auch

dazu war er zu sehr der Vetter Just vom Steinhofe geblieben. Aber er hatte doch

noch viele schöne Reste auf dem Tische übergelassen; und mit mir von neuem

herzlich und herzhaft daran zu Werke zu gehen und sich zu erbauen, dazu war

der Vetter immer noch der Mann. Aber ich hatte durchaus keinen Appetit mehr;

selbst der sehr mäßige, den ich vom Hause mitgenommen hatte, war mir auf dem

Wege unter der Begegnung mit der weiland soeur ignorantine,

Mademoiselle Martin, vollständig vergangen.

Nun war es aber trotz dieser Begegnung immer noch ein Mirakel, den Vetter

Just vom Steinhof in einer solchen modernen Karawanserei aufsuchen zu

müssen und ihn daselbst sogar auf dem bekannten trostlosen Sofa hinter dem

bekannten, schäbig rotbehängten Tische hemdärmelig zu finden. Welch ein

Segen und Glück ist es, daß ein richtiger Haspel immer ein Haspel bleibt, selbst

wenn er einem in einer gläsernen Flasche als eine Kuriosität vorgewiesen wird!

„Du bist lange ausgeblieben, Fritz! Aber so seid ihr einmal hier, und man muß

euch nehmen, wie ihr seid!“ rief er mir entgegen. „Jetzt komm her und setz dich

und greif zu. Einen Klingelzug habe ich schon verruiniert; aber brauchst du noch

etwas, so sag’s nur dreist, ich gehe dann lieber selber danach. Alter Junge, ich

freue mich unbändig. Öffnete sich jetzt dort die Schranktür und Jule Grote träte

hervor, um, mit der Faust auf den Tisch gestemmt, dir und mir die Wahrheit zu

sagen, so wäre meine Behaglichkeit vollkommen. Aber wie siehst du denn

eigentlich aus? Ist dir etwas Unangenehmes auf dem Wege hierher begegnet,

oder haben wir für deine Kräfte etwas zu lange in die Nacht hineingesessen und

von den alten Tagen gesprochen?“

Ich fuhr so rasch als möglich damit heraus, was mir eben begegnet war, und

der Vetter fuhr mit der Hand über den Hinterkopf und sprach sehr gedehnt:

„Ach so!… ja freilich!“ …

„O Just,“ rief ich, „du bist natürlich sofort da wieder der liebste Gast und beste

Freund und Berater! Ich soll womöglich nur in deiner Begleitung dort einen

Besuch machen; — ich bitte dich um des Himmels willen, was ist das? Sind die

Zustände dort wirklich so trostlos, daß —“

„Hast du wirklich gefrühstückt? Auf Ehre, Fritz, bist du satt und magst du

wahrhaftig nichts mehr von dem öden Zeug hier auf dem Tische?“ fragte der Vetter kläglich. „Ich frage dich dieses aus Gründen. Nämlich mir ist der Appetit

auf längere Zeit vergangen, nachdem ich dort aus alter Freundschaft an die Tür

geklopft hatte und von Mamsell Martin hereingelassen worden war. Ach, Fritz,

was will das alles sagen, was die Männer erleben können, gegen das, was die

Weiber dann und wann erleben müssen. Ich bringe dich natürlich hin, damit du

selber siehst, was der Schuft, dem sie in die Hände gefallen ist, aus unserer

lieben Irene gemacht hat. O, wäre sie tausendmal lieber mit mir über das Wasser

und dann, hie und da ohne einen Cent in der Tasche, durch die Straßen von

Neuyork und durch alles Sauere und Bittere bis in die Wildnis von Neu-Minden

gezogen, als daß sie so dumm war und als bankerottes hochadeliges und

reichsgräfliches Fräulein und junges Mädchen unter ihren Leuten blieb.“

„Davon habe ich eigentlich zu erzählen, nicht du, Vetter Just,“ seufzte ich.

„Das waren trostlose Zeiten auf Schloß Werden, die nach dem Tode des Herrn

Grafen kamen. Wir erfuhren es beide damals, Vetter, wie dem Menschen zumute

wird, wenn plötzlich hundert fremde Hände und Fäuste das Recht gewinnen, in

unser Dasein hineinzugreifen und alles, was wir für unser ewig Eigentum

hielten, als das ihrige in Anspruch nehmen. Da wird das Geräte des Lebens

verschoben, das uns für alle Zeit an seinem Platze fest zu stehen schien. Da

klingt fremdes Gelächter in Räumen, in denen wir nur zu flüstern wagten. Du

hast nicht die Macht, dich gegen die roheste Rede, gegen den erbärmlichsten

Witz zu wehren. Und wenn die grünen vertrauten Bäume von draußen in

gewohnter Weise dazu in die Fenster sehen und rauschen, so ist das kein Trost,

sondern ganz das Gegenteil. Wir auf Schloß Werden hatten gerade so wie du auf

deinem Steinhofe von allem Abschied zu nehmen. Und wir erfuhren jetzt erst in

herzzerbrechender Deutlichkeit, wie uns alles ans Herz gewachsen war. Ach, du

hättest meine Mutter und ihr armes Kind, ihre Irene, in jenem Sommer und

Herbst sehen sollen, wie sie in den immer leerer werdenden Räumen in den

Winkel gedrückt saßen und alles über sich ergehen ließen; die stolze Irene am

stillsten und geduldigsten! Wohl hätte die Komtesse auf dem Försterhofe ein

anderes heimatliches Dach finden können, wohl hätte sie mit uns — meiner

Mutter und mir — gehen können und unser Schicksal teilen, wenn nur nicht

jeder Mensch sein eigen Schicksal hätte, das durch keine Liebe und

Aufopferung, keinen Haß und Zorn eines anderen geändert werden kann —“

„Jawohl, da hast du recht,“ seufzte der Vetter Just. „Man macht sich hier

immer entweder zu viel oder zu wenig Illusionen von der Macht, dem guten oder

bösen Willen seiner nächsten Umgebung und liebsten Freundschaft. Gegen das

Schicksal, was einem angeboren ist, können sie nichts ausrichten, das steht fest

— that is a fact, sagen wir drüben.“

„So kam denn die Vormundschaft und sprach uns drein, und dann der Brief aus Graz, und dann die Tante aus Graz persönlich. Da war es denn mit uns

anderen allen aus, und wie von dem Steinhofe, so ging von Schloß Werden ein

jeder seinen eigenen Weg in die Fremde hinein. Wenn dem nicht so wäre, wo

bliebe dann nachher wohl die Verwunderung, wenn man sich wieder trifft, wie

zum Beispiel wir jetzt, und seine Erfahrungen gegenseitig austauscht?“

„Da hast du wieder recht,“ sagte der Vetter Just Everstein, als ob ich ihm

wirklich eben die höchste Weisheit und zwar als etwas ganz neu Entdecktes

mitgeteilt hätte. „Und jetzt sei nur still,“ fuhr er dann um so überraschender fort,

„du erzählst mir da gar nichts Neues; und so melancholisch, wie du das da

herleierst, so trübselig habe ich es alles selber mit durchgemacht von

Bodenwerder aus. Großer Gott, wie bald vergessen doch die Leute, wie nahe sie

vor ein paar Jahren beieinander gewohnt haben! Von Irenes Ehestand spreche ich

dir meinerseits nicht. Da mußt du dich lieber an Mamsell Martin wenden; die

war, Gott sei Dank, von Anfang an bis zum Ende dabei und hat dazu heißeres

Blut in den Adern als ich und kann dir also die jämmerliche Geschichte mit

allem dazu gehörigen Nachdruck und Gestus erzählen. Nur tu mir die Liebe,

Fritz, und frage nicht die Komtesse danach aus. Freilich, du wirst das

wahrscheinlich wohl schon von selber unterwegs lassen, wenn du die alte wilde

Hummel und Spielkameradin nach den ihr von der gütigen Vorsehung

zudiktierten Lebensschicksalen wieder zu Gesicht gekriegt hast. Kurios aber

bleibt es einem immer doch, wie diese nichtswürdigen Schicksale so

durcheinander spielen, daß selbst der Gleichgültigste nie genau weiß, wie sehr

ihn die Sache angeht. Daß ich von neuem hier drinstecke, und zwar tief, das

weiß ich; nun soll es mich nur wundern, was dir, mein guter Fritze Langreuter,

hierbei zu deiner Behaglichkeit und Unbequemlichkeit aufgehoben ist! Well,

noch steht es aber bei dir, ob du die arme Frau durch mich nur grüßen lassen

willst?“

Wenn es mir bis jetzt noch irgendwie unklar gewesen wäre, wie es möglich

war, daß der Vetter Just den Amerikanern imponierte und den Steinhof

wiedererlangte, so hätten mir seine letzten Worte unbedingt darüber Aufklärung

geben müssen.

Und diesem Vetter hatte ich vordem die Brosamen, die vom Tische meiner

Schülerweisheit abfielen, mit dem bekannten Dummen-Jungen-Humor grinsend

zukommen lassen?! Und dieser Vetter Just Everstein hatte es einst für eine

Glorie gehalten, mir den pythagoreischen Lehrsatz „vordemonstrieren“ zu

können! Die alten Kirschbäume im Grasgarten auf dem Steinhofe, die jetzt

wieder samt dem Grasgarten sein Eigentum waren, schnitten mir aus der Ferne

der Erinnerung sehr ironische Gesichter. Der ganze Steinhof lachte; mir aber war

durchaus nicht lächerlich zumute: wenn ich ein alberner Schulbube gewesen wäre, so hätte ich dreist meine Stimmung weinerlich nennen dürfen. Um mich

daraus zu retten, brachte ich nach althergebrachter Menschenweise die Rede auf

etwas anderes, das heißt auf den nächsten besten Bekannten oder Freund. Ich

erkundigte mich nach Ewald Sixtus und wünschte etwas Genaueres über das

Zusammentreffen des Vetters mit ihm in Belfast zu erfahren.

„Der Mann gefiel mir eigentlich nicht,“ sagte der Vetter Just kurz und

deutlich. „Ein tüchtiger Ingenieur scheint er geworden zu sein; aber sonst hat die

Fremde gerade nicht nach meinem Geschmack auf ihn eingewirkt. Von uns zu

Hause mit ihm zu reden, habe ich bald aufgegeben, da er selber stets gleich

wieder abbrach. Aber über Wasserbauten und Brückenanlagen haben wir viel

miteinander gehandelt. Wie dieser Mensch in dem Försterhause hatte flügge

werden können, ist auch eines von den vielen unbegreiflichen Wundern dieser

Erde. Was mich anbetraf, so schien er sich übrigens auch ein wenig zu wundern,

daß ich nicht ganz der Alte geblieben war. Gewissermaßen habe ich ihm sogar,

wie es scheint, gefallen, aber er hielt mich jedenfalls für einen größeren

Kapitalisten, als ich bin; und daß ich auf dem Wege nach der Heimat war, um

mir den Steinhof zurückzukaufen, hielt er für eine von meinen alten

Dummheiten, und dabei kam auch sein altes lustiges Lachen (weißt du noch,

Fritz?) zum erstenmal annähernd wieder zum Vorschein. Ich lachte aber nicht

mehr mit wie vor Jahren auf dem Steinhofe, wenn ihr euren Spaß an mir hattet

und ich das euch gern gönnte. Um Irene Everstein hatte er sich so wenig — wie

du — nimm’s mir nicht übel, Doktor! bekümmert. Das hätte ich meinerseits ihm

nun nicht allzu übel genommen, wenn es mir gleich etwas sonderbar nach ihrer

so netten Jugendfreundschaft und Liebschaft erschien. Aber auch von seinem

alten Vater und von seiner Schwester wußte er wenig. Sie schrieben an ihn wohl,

er aber schrieb nur dann zurück, wenn er Zeit hatte, und die hatte er wenig. Ein

bißchen Heimweh dann und wann in der Fremde schadet keinem Menschen.

Man kann auch trotzdem Geld machen und ein tüchtiger Arbeits- und

Geschäftsmann sein. Ich habe es furchtbar gehabt, das Heimweh nämlich, und

für eine Million nicht wäre ich auf seinen, unseres Ewalds Vorschlag

eingegangen und wäre noch ein halb Jahr lang bei ihm in England geblieben und

hätte Bodenwerder Bodenwerder sein lassen. Übrigens läßt er dich doch grüßen,

der alte Junge. Und als ich ihm sagte, daß ich dich jedenfalls aufzufinden suchen

würde, fand er das uncommon obliging für dich.“

„Ich danke dir, und — ihm,“ sagte ich, ziemlich gedehnt das letzte Wort

betonend. „Von dir, Vetter Just, war das freilich ungewöhnlich zuvorkommend

und freundlich!“

„Ärgere dich nur nicht zu sehr, Fritzchen,“ lächelte gutmütig der gelehrte

Bauer vom Steinhofe. „In früheren Zeiten ist lange genug ununterbrochen an mir die Reihe gewesen, mich über die Leute und Dinge zu verwundern. Jetzt bin ich

gottlob wenigstens ein wenig dahintergekommen, daß man mit seinem Erstaunen

haushalten muß, und daß es schade ist, es an das unrichtige Individuum oder den

unrechten Gegenstand wegzuwerfen. Morgen früh aber gehen wir beide zu Irene

Everstein oder Frau von Rehlen. Weißt du, ich nenne sie am liebsten immer noch

bei ihrem Vaternamen, noch dazu da es auch der meinige ist. Wenn es dir paßt,

so werde ich dich gegen elf Uhr abholen. Du kannst es mir aber aufrichtig sagen,

wenn du andere wichtige Abhaltungen hast.“

Ich hatte dergleichen nicht.