Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten
Elftes Kapitel.
Ich war dreißig Jahre alt geworden und, wie es in den Sternen geschrieben
stand, ein Schulmeister. Ich war Doktor der Philosophie und hatte die venia
docendi an der Universität Berlin. Wenn sie nur gekommen wären, um das
von mir abzuholen, was ich selber gelernt hatte! Aber sie blieben aus; sie
schienen der Sache nicht im mindesten zu trauen.
Zuerst versuchte ich es, mein philologisches Wissen auf einem
rheinländischen Gymnasium an die Jugend zu bringen; jedoch bekam ich bald
von maßgebender Stelle herunter den Rat, diesen Versuch aufzugeben. Man
verwies mich zwar nicht offiziell dabei auf meine wirklich etwas hohe Schulter;
aber man zuckte doch nur die Achseln, wenn die Jungen lachten und meine
Autorität gleich Null blieb.
Die Kirche, die immer den Nagel auf den Kopf trifft, hat auch darin recht, daß
sie keinen mit irgendeiner auffälligen Gebrechlichkeit Behafteten unter ihren
öffentlichen Dienern leiden will. Sie hat selbstverständlich ihre Würde zu
bewahren, selbst auf Kosten ihrer besseren Überzeugung. Hat sie der
Schadenfreude und der Lust am Lachen unter ihren Lämmern ein
testimonium divitiarum auszustellen, so tut sie es und fühlt nachher
nicht das geringste Bedürfnis, sich die Hände zu waschen, wie weiland der
römische Prokurator Pontius Pilatus.
Ich ging und überließ es besser gewachsenen Oberlehrern und Kollaboratoren,
die blonde und blauäugige Jugend der Germanen zum Einjährig-
Freiwilligendienst und auf das Abiturienexamen vorzubereiten.
Was ich dann trieb? Ich war stark im Griechischen und Lateinischen. Einer
Lieblingsneigung wegen hatte ich mich auf das Auffinden und Nutzbarmachen
mittelalterlicher Geschichtsquellen geworfen, und man hat mich draußen eine
Zeitlang schändlicherweise im Verdacht gehabt, Doktordissertationen aus
vielerlei Fächern im Vorrat anzufertigen, auf Lager zu halten und sie bei sich
bietender Gelegenheit gegen jedes Honorar unter dem Siegel der
Verschwiegenheit (Diskretion selbstverständlich) zu verschleißen.
Dies ist eine schnöde Verleumdung! Ich habe nur einem Menschen zum
„Doktor“ verholfen, und der bin ich selber; und, um eine Redensart der Πόλις
anzuwenden: was ich mir dafür kaufen konnte, war unbedeutend.
Aber es nennen sich manche Menschen Geschichtsforscher und edieren Monographien, Volks- und Völkerhistorien und haben seltsamerweise vor den
Quellen gerade eine so große Scheu, wie vielleicht in ihrer Jugend vor dem
Quellwasser, wenn es am Sonnabend abend zu einer gründlichen Reinigung ihrer
Person verwendet werden sollte. Für diese und ähnliche Herren war und bin ich
der rechte Mann. Als wirklich geheimer Mitarbeiter bin ich denn auch für mehr
als einen Parlamentarier schätzbar, und manches „Hört, hört!“ und manches
„allgemeine Beifallsgemurmel“ wäre eigentlich auf meine Rechnung und nicht
die des „verehrten Vorredners“ und weit und tief blickenden Realpolitikers auf
der Tribüne der gegenwärtig tagenden hohen politischen Körperschaft zu setzen.
Was ich mir hierfür kaufen konnte, war etwas, wenngleich nicht viel mehr als
das, was mir die Sprachen der Griechen und Römer zu Utilitäts- und
Luxuszwecken und Ausgaben abwarfen.
So ging es mir denn erträglich nach Wunsch, und sogar was den Luxus
anbetrifft; das jedoch erst seit dem schlimmen schwarzen Tage, an dem ich
meine gute Mutter verlor und leider nicht mehr für ihr Behagen in ihren
Greisenjahren zu sorgen hatte. Ich saß im Winter warm zu Hause, ich speiste in
einer der Restaurationen mittleren Ranges der Stadt, und ich konnte mir dann
und wann ein Buch, wenn auch nur antiquarisch, anschaffen: auf dem hohen
Standpunkte wohlangewendeter Lehrjahre, der sich in dem französischen Worte:
je ne lis plus, je relis seulement! darlegt, bin ich auch bis
heute noch nicht angelangt, hoffe ihn aber dermaleinst zu erklimmen.
Mein „Zu Hause“ bestand in einer bescheidenen Junggesellenwohnung im
vierten Stockwerk eines Hauses in der Mittelstraße. Ich besaß wohl eine eigene
Bibliothek, aber keine eigenen Möbel.
Ich hatte harte, steinige Pfade gehen und meine Wege häufig recht heftigem
Winde, argen Staubwirbeln und unbehaglichem Regenschauer abkämpfen
müssen. Selbst in den äußerst seltenen Momenten, wo ich mich für einen äußerst
gescheiten Menschen dabei hielt, zog ich wenig Genuß und Befriedigung daraus;
nämlich aus dem, was die Nebenmenschen gewöhnlich etwas spitzig eine
äußerst glückliche Selbstüberzeugtheit zu nennen pflegen. Und nun genug
hiervon. Wie kurz und abbrüchig ich dieses alles hingeschrieben habe, so habe
ich es doch nur wie jeder andere gemacht und zuerst einzig und allein von mir
selber als der wichtigsten Angelegenheit dieser und jeder zukünftigen Welt
gesprochen. Es soll dafür aber auch bei mir nicht mehr als bei jedem anderen zu
bedeuten haben — eine harmlose, eben der Menschheit anklebende Schwäche
und das gleichfalls ganz allgemeine Bedürfnis, wenigstens etwas in der eigenen
Persönlichkeit im Laufe der Zeiten aufrecht und unberührt zu erhalten.
Die anderen!… Wo waren die anderen im Strom der Zeit geblieben? Was war
aus den anderen geworden, die vor ein paar Seiten noch mit mir jung, gesund, dumm und glücklich waren?
Wenn ich es nun mit schönen Redensarten zudecken würde, wie wenig ich
mich im Grunde um diese anderen bekümmert hatte, so würde mir das leicht
genug werden. Ich könnte aber auch den nächsten guten Bekannten oder den
ersten besten Unbekannten in der Gasse anrufen, um es mir von ihnen bestätigen
zu lassen, wieviel der Mensch mit sich selber zu tun hat und wie wenig Zeit und
Nachdenken ihm für den liebsten Freund übrig bleibt, wenn sich eine Wand, eine
Stunde, ein Tag oder gar ein Jahr zwischen ihn und uns gelegt hat.
Ich habe Jahre lang nur gewußt, daß Eva Sixtus in der alten Heimat dem alten
Vater immer noch Haus halte, daß Ewald in seinem Beruf als Ingenieur in Irland
tätig sei und daß Irene von Everstein verheiratet in Wien lebe. Von dem Vetter
Just habe ich gar nichts gewußt. Ich erlebte es noch als Student, daß der Steinhof
subhastiert wurde und weit unter seinem Wert an einen Landsmann fiel, der
schon längst ein freundlich-begehrliches Auge darauf geworfen hatte und einst
ebenfalls zu den fröhlichsten und behaglichsten Gastfreunden und Jagdgenossen
des Vetters gehörte.
Daß Schloß Werden gleichfalls unter den Hammer kam und unter dem Wert
einen Liebhaber fand, erfuhr ich brieflich durch meine Mutter, die dann zu mir
ins Rheinland zog, und daselbst, wie gesagt, in meiner Kollaboratorwohnung
nach längerem schweren Leiden sanft gestorben ist.
Jule Grote sollte immer noch in Bodenwerder wohnen, doch das war ein
Gerücht, von dem ich nicht einmal angeben kann, wie es zu mir gelangte. Ich
hatte viel zu viel mit meinem Griechischen und Lateinischen, meinen
mittelalterlichen Geschichtsquellen, modernen Geschichtsschreibern und
parlamentarischen Tagesgrößen zu schaffen, um mich viel um Jule Grote
kümmern, mich bei ihr aufhalten zu können. Es ist ja eben kein Aufenthalt in
dieser Welt bei den besten Dingen, — und bei den besten Freunden auch nicht;
und wenn alle Lebenskunst am Ende nur darauf hinausläuft, sich unabhängig
von den mitlebenden Menschen und Dingen zu machen, so ist das eigentlich gar
keine Kunst, sondern uns allen höchst natürlich.
Nun nahm ich seit verhältnismäßig langer Zeit alles als etwas, was sein
konnte, jedoch nicht zu sein brauchte. Es gewährte mir häufig das bekannte
egoistisch-kitzelnde Behagen, daß die Tage, an denen auch ich dann und wann
grimmig und selbstüberzeugt rief: Nun soll es sein! hinter mir lagen.
Die süße und sonnige, wälderrauschende, ewige Frühlings- und Erntefeste
feiernde Zeit von Schloß Werden lag auch hinter mir, und man hat es mir im
Lesezimmer der königlichen Bibliothek nie angemerkt, daß mir bei meiner
närrischen Kompilationsarbeit die Erinnerung daran irgendwie hinderlich in den
Weg trat und mich vielleicht geduldig stimmte, wenn ein mir augenblicklich nötiges Werk ausgeliehen war und bei einem, wie Freund Ewald seinerzeit sich
ausgedrückt haben würde, „dummen und langweiligen Kerl“ lag, der doch nichts
damit anzufangen wußte.
Mir wird bedenklich flau zumute, wie ich alles dieses hier niederschreibe, und
ich denke, offen gestanden, mit einigem Grauen an die möglicherweise doch
eintretende Stunde, in der ich diese Seiten mit ihren liebenswürdigen
Selbstbekenntnissen wieder überlesen werde. Es ist immer eine sonderbare,
heikle Sache um das Wiederlesen im eigenen Lebensbuche! An welche Leser ich
mich aber mit dem eben Niedergeschriebenen wende, weiß ich, Gott sei Dank,
nicht. Mündlich hätten mich wohl nicht sehr viele aussprechen lassen, sondern
das meiste von sich aus anders und besser zu berichten gewußt. Und es ist gut
so, denn es ist die gute Meinung, die die Welt von sich hat und lebhaft geltend
macht, die diese sonderbare Universitas aufrecht und im Gange erhält. Was
sollte aus ihr, der Welt, werden, wenn jeder es vermöchte, den anderen ruhig
aussprechen zu lassen? Eine recht objektive Welt, aber eine vielleicht doch etwas
zu ruhige; — so etwas wie ein Universalkirchhof vielleicht, voll sehr weise im
Lapidarstil redender Leichensteine. Der Herr erhalte uns also im recht fröhlichen
Kriege gegeneinander, solange es ihm gefällt, uns überhaupt zu erhalten!