Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten
Fünfzehntes Kapitel.
Ich sitze da am Fenster in meiner Stube in der großen Stadt Berlin. Über meine
Gasse hinweg habe ich die Aussicht in eine andere. Hunderten, ja Tausenden von
Menschen, welche die letztere passieren, kann ich ins Gesicht sehen, wenn ihr
Weg so führt, und wenn es mir Vergnügen macht. Ein Vergnügen macht es mir
jedoch selten. Aber eine gewisse Regelmäßigkeit des Verkehrs macht sich auch
hier geltend. Es kommt immer zur gegebenen Stunde alles wieder, wie es von
seinem Geschick geleitet wird, einerlei ob es sich der Abhängigkeit von
demselben schämt oder nicht. So sind mir denn allgemach viele Gestalten und
Gesichter vertraut und sozusagen zu unbekannten guten Bekannten geworden;
aber nur ein einziges immer heiteres, lachendes, glückliches Gesicht kenne ich
darunter, und das ist das eines blinden Knaben, der am Arme seiner Mutter
täglich gegen zehn Uhr morgens die Straße hinunterkommt oder geführt wird,
um bei einem Musiklehrer in meiner Nachbarschaft eine Unterrichtsstunde im
Geigenspiel zu nehmen. An diesen Knaben mußte ich an diesem sehr
unruhevollen Tage auf dem Steinhofe fortwährend denken, und ich sprach auch
zu Irene von ihm im Schatten der Obstbäume des Grasgartens.
„Das Kind ist allmählich ein alter Bekannter von mir geworden. Ich sehe es
wachsen und allgemach zum Mann werden. Es wächst jedes Jahr einmal aus
seinem Rock und seinen Hosen heraus, aber es schämt sich keines Zustandes. Es
läßt sich wachsen.“
„Und bleibt auch als Mann und Greis ein blindes Kind. Das einzige glückliche
Gesicht unter Hunderttausenden! Armer Freund, weshalb redest du mir davon?
Zum guten Exempel ist solche Heiterkeit doch wohl nicht in die Welt gesetzt!
willst du mir gar zu allen anderen übeln Eigenschaften auch noch den Neid rege
machen? Worüber lachst du nun?“
„Nie über dich, arme Freundin; höchstens über dich und meinen braven
tapferen Freund und Gespensterseher, den Herrn Ingenieur Sixtus auf Schloß
Werden. Übrigens kommt ihr beiden Helden schon einmal vor, und zwar in der
Geschichte vom hörnernen Siegfried in den deutschen Volksbüchern. Man kennt
auch eure Namen und gibt sie seit tausend Jahren von Jahrmarkt zu Jahrmarkt
weiter. Jorcus und Zivilles heißt ihr da. Mich nennt man einen Gelehrten, und
hier nehme ich den Titel an, denn dies ist etwas, was ich in der Tat allgemach aus
den Quellen studiert haben muß, und (es ist keine Tautologie, liebe Irene!) was ich wirklich weiß. Willst du wissen, wie der Vetter Just, der kein Gelehrter, aber
dafür ein weiser Mann ist, sich ausdrückt?“
„Was sagt der?“
„Hasen sind sie alle beide; aber der feigste von beiden ist doch unser guter
Freund Ewald Sixtus — auf Schloß Werden.“
„Das ist nicht wahr!“ rief die Frau Irene, und aus ihren Augen funkelten alle
die alten Blitze, die uns in den Mauern und Gärten zu Werden so oft
heimgeleuchtet hatten, wenn wir zwei Jungen es den beiden Mädchen wieder
einmal zu toll gemacht hatten. Da sprangen die Neigung, die Liebe, ja die
Zärtlichkeit wie gewappnet hervor, und zornig flüsterte Irene Everstein: „Es
weiß kein anderer als ich, wie stark Ewald Sixtus ist, und welch eine Tapferkeit
dazu gehört und welch ein Edelmut, daß er nicht kommt und sein Recht verlangt
und sagt: du mußt, armes Weib! Du bist in meiner Schuld, Irene, und du gehörst
mir, wie — Schloß Werden mir gehört. — Ich habe dir das aber schon gestern
auf dem Stein am Wege gesagt, und du — du handelst wahrlich nicht edelmütig
an mir, Fritz Langreuter!“
Die Frau weinte und ließ mich stehen. Als sie rasch von mir fortlief, war auch
das ganz wie in unserer Kinderzeit, als unsere Nester noch im Grün, im
Sonnenschein und Himmelsblau hingen; aber damals weinte sie nie, sie drohte
lieber über die Schulter zurück, und es war immer Ewald Sixtus, dem die
erhobene Kinderfaust galt. Ich aber wußte jetzt, daß es nicht nur das beste war,
daß sie zu dem Freunde ging, sondern daß sie sich schon auf dem Wege zu ihm
befand. Aber es war mir dazu auch von neuem bestätigt worden, daß der
irländische Ingenieur nicht nur ein sehr tapferer und starker Mann, sondern auch
ein sehr schlauer Mensch war, und alles dies in der rechten Weise, nämlich ohne
daß er selber von seinen Vorzügen im gegebenen Moment irgendwie genau
Rechenschaft ablegen konnte. Er war klug, ohne es zu wissen, und so ging er um
Schloß Werden herum; er war fest überzeugt, sich zu fürchten, und auf dem
Steinhofe wurde man sofort sehr böse und fing an zu weinen, wenn irgend
jemand nur im mindesten an seine Herzhaftigkeit rührte und den leisesten
Zweifel darob kundgab.
Lose hängen alle Kränze und Gewinnste in dieser Welt über den Häuptern der
Menschen; auf wohlbedächtig gezimmerten Leitern aber steigt man nicht zu
ihnen empor, und die, welche die schönsten Kränze tragen, rühmen nie ihre
eigene Kunstfertigkeit und Ausdauer deswegen. Im Gewinn erkennen sie erst
recht, welcher linde Hauch, welche aura coelestis ihnen das Glück oder
die Erfüllung ihres Wunsches oder das große wirkliche Kunstwerk zuwarf.
Etwas spät fielen die goldenen Äpfel in diesem Falle, aber sie fielen doch
noch; und abermals erwies es sich, daß wir in einer Welt unser Dasein führen, in der es ebensowohl der Hauch des Todes wie des Lebens sein kann, der die
Zweige bewegt und schüttelt.
Erst am Mittage, nachdem der Vetter seine Steinfuhre am Tillenbrink wieder
aufgerichtet und im Lämmerkampe unter seinem Arbeitsvolk Ordnung gestiftet
hatte, bekam ich Irene von neuem zu Gesichte. Dies wird noch einmal ein
Kapitel der Wiederholung; ich aber kann wahrhaftig auch diesmal nichts dafür.
Wieder die alte gute Bauernstube des Steinhofes! wieder der lange nahrhafte
Tisch von dem einen Ende derselben bis zum anderen; und wir allesamt daran
vor den Tellern und Schüsseln: der Meister, die Knechte, die Mägde und die
Gäste!
Und wieder wurde der Vetter herausgerufen, ging mit dem guten behaglichen
Lächeln auf dem schweißglänzenden Gesicht und kam nach einer ziemlichen
Weile sehr erregt wieder herein. Still setzte er sich von neuem hin, nahm auch
den Löffel wieder zur Hand, aber legte ihn doch abermals nieder.
Da jedermann ihn darauf ansah, sagte er zu den Leuten:
„Eßt weiter, Kinder!“
„Was ist das denn, Just?“ fragte Jungfer Jule Grote angsthaft. „Es war ein Bote
von drüben. Um Gott und Jesu willen: es geht doch wohl nicht wiederum den
Steinhof an?“
„Nachher, liebe Alte!… Den Steinhof geht es freilich wohl an; aber es läßt ihn
diesmal doch aufrecht stehen.“
Da dem Vetter Just der Hunger gänzlich vergangen zu sein schien, so verging
er auch seinen Gästen so ziemlich. Doch erst, nachdem das Hofgesinde in Ruhe
abgegessen und die Stube verlassen hatte, teilte uns Just Everstein mit, was ihm
und uns das Schicksal durch den eiligen Boten von „drüben“ hatte wissen lassen.
„Hattest recht, Jule; es war ein Bote aus Werden, und er hatte es sehr eilig. Die
Leute ging es aber nichts an, sondern nur mich und — euch. Sie haben heute
noch einen heißen Arbeitstag vor sich, und so schickte es sich nicht, sogleich
damit herauszufahren. Für mich — für uns ist es wieder einmal ein schwerer Tag
geworden. O, es ist schade, schade! ich hatte noch für so lange, lange auf ihn
mitgerechnet zu meinem — zu unserem Glück!“
Bleich und bebend hatte Irene sich erhoben.
„Welch Unglück ist wieder geschehen?… Ewald! Ewald!“ rief sie; und der
Vetter nahm sanft ihre Hand von seiner Schulter.
„Nein, Liebe!… es denkt jeder nur immer an das Seinige!… Ewald und Eva
haben geschickt; — es ist nur der alte Herr, der Abschied nehmen will. Ach, ich
denke auch nur an mich! es ist schade, schade; — zu seinem und Evas und zu
meinem Glück und Behagen hatte ich noch so lange, lange auf ihn mitgezählt!
Da ist der Zettel, welchen der Bote gebracht hat.“
Das von Ewald flüchtig gekritzelte, von dem Vetter im ersten Schreck und der
zusammengehaltenen Aufregung arg zusammengeknitterte Blatt ging von Hand
zu Hand. Es lautete:
„Den Vater hat heute morgen, während er seine Holzfäller beaufsichtigte, ein
Unfall betroffen. Ein Ast eines stürzenden Baumes hat ihn im Rücken beschädigt
und von den Hüften abwärts gelähmt. Er ist bei voller Besinnung und nur zornig
auf sich selber. Von mir kann leider nicht die Rede sein. Der Alte sagt nur: ‚Daß
ich so dumm auch gerade während Deines Besuchs sein mußte, das ärgert mich
noch am meisten!‘ — Jetzt erst weiß ich es, wie fremd ich zu Hause geworden
bin. Eva hat Dich nötig, Just; also komm zu ihr. Dem alten Herrn wirst du
gleichfalls zum besten Trost gereichen.“
Irene hielt jetzt den zerknitterten Zettel; Jule Grote wiegte den Oberkörper hin
und her und stöhnte: „O Je! o du mein Je; nun geht auch der weg!“
Mademoiselle sah, über den Tisch vorgebeugt, mit angehaltenem Atem auf ihre
Herrin, Schülerin und Schutzbefohlene; der Vetter blickte zu mir herüber, seufzte
nochmals tief und schwer, strich sich mit der Hand über Stirn und Augen und
fragte:
„Was ist deine Meinung, Fritz? So rasch als möglich müssen wir hinüber; aber
du weißt, die Pferde sind augenblicklich alle vom Hofe. Das eine Paar wird erst
gegen Abend heimkommen, das andere kann ich zwar vom Tillenbrink holen
lassen, aber es gehen doch gut anderthalb Stunden drüber hin. Mein Rat ist, wir
gehen nach Bodenwerder und nehmen dort eine Extrapost.“
„Fremd zu Hause!“ murmelte Irene, aus ihrer Betäubung erwachend. „Wir
wollen gleich gehen und den alten Weg nehmen — wie damals, als mein Vater
gestorben war.“
Wie in diesem Worte so vieles zu einem Abschluß kam, entging uns in diesem
Augenblick vollständig. Wir haben aber alle nachher daran gedacht.
„Ja,“ sagte der Vetter Just, „das ist immer noch der Richteweg nach Werden.
Der Vater Klaus würde sich auch nicht wundern, wenn du ihm noch einmal in
seinen Kahn stiegest.“
„Finden wir denn den noch?“ rief ich.
„Es zog ein schlimmes Gewitter damals über den Steinhof, als ihr ihn zuletzt
über den Fluß anriefet,“ sagte der Vetter. „Ihr bekamet nur die letzten Tropfen
auf dem Wege nach Schloß Werden. Es ist wunderlich; aber auch das kann heute
wieder gerade so geschehen. Nun, der alte Charon wird uns wohl sicher übers
Wasser schaffen. Es hat sich vieles hier bei uns verändert, Doktor; aber diesen
Schiffer findest du auch heute noch an seiner Stelle.“
Eine halbe Stunde später befanden wir uns bereits auf dem Richtewege nach
Werden, Irene, der Vetter Just Everstein und ich; — ganz wie damals klares, tiefblaues Himmelsgewölbe über uns, doch weißes Sommergewittergewölk
hinter uns im Westen. Nun war es, wie der Vetter am Morgen es als das Beste
und Wünschenswerteste und dazu als das Einfachste hingestellt hatte, nämlich,
daß sie zu ihm gehe. Und einfach und ganz selbstverständlich erschien es auch
jedem; es verlor niemand noch ein Wort darüber. Der Tod ist ein mächtiger Rufer
und ebnet Wege und macht Pfade glatt, die eben noch durch berghohe Trümmer
der Vergangenheit und unüberwindlich heil Gemäuer der gegenwärtigen Stunde
versperrt schienen. Aber so hatte der Vetter Just sich den Weg der Frau Irene zu
dem Freunde doch wohl nicht vorgestellt, als er sein ruhiges Wort aussprach!
Rasch und schweigend gingen wir drei unter dem heißen Tage; der erste
Schatten auf dem Wege wartete erst jenseits des Flusses in den Wäldern der
Heimat, und der Tod hielt dazu seine schwarzen Flügel über alle sonnigen
Hügel, Täler und Halden ausgebreitet. Wie damals sahen wir uns nicht einmal
nach dem Dunkel um, das in unserem Rücken emporstieg; — noch einmal ein
Gewitter auf diesem Pfade! Wo aber führen die Wege der Menschen auf dieser
Erde, wo das dumpfe Grollen und Murren von fern her nicht ins Ohr klingt und
uns nicht zwingt, rückwärts, zur Seite oder nach dem Ziel vor uns
hinzuhorchen?…
„Hol über!“
An dieser Stelle noch alles so wie sonst! Dieselben Wasser, dasselbe
Ufergebüsch, dieselben heißen, knirschenden Kiesel unter den Füßen. Und
drüben aus dem Buschwerk das leichte Rauchwölkchen aus der Hütte des alten
Freundes, und sein Kahn an dem nämlichen Weidenstrunk. Und nur die Wellen
rauschten, sonst kein Ton, kein Laut rings umher. Wir hatten unseren Ruf
mehrmals zu wiederholen.
„Ein wenig taub ist der Alte allmählich wohl geworden,“ meinte der Vetter,
„aber seine Augen sind für seine Jahre noch merkwürdig scharf. Er ist sicherlich
nahe an die Achtzig. Guck, Irenes Tuch bringt ihn uns her.“
Wir sahen den Vater Klaus in der Tat jetzt drüben den Uferhang
herabkommen. Einen Augenblick stand er zweifelnd und sah zu uns herüber.
„Hol über!“
Wir sahen ihn seinen Nachen ablösen —
„Achtzig Jahre!“
„Und er zwingt die Strömung immer noch,“ sagte der Vetter. „Manch ein
starker, jüngerer Mann würde bei dieser Arbeit bald müde werden.“
Da war der Kahn und schob sich scharrend mit dem Vorderteil auf den Kies,
und —
„Wat kümmt mi denn da?“ fragte der Vater Klaus, und auch an dem Wort und
heiseren Laut hatte sich im Laufe der Jahre gar nichts verändert. „I, da seh’ einer, der ganze Steinhof! Ach ja, ich weiß ja schon! Ach ja, der Herr Förster. Der Bote
heute morgen hatte es wieder mal recht eilig — es tut mir recht leid um den
Herrn Oberförster. Ja, ja, da hilft es weiter nichts: steigt ein, gnädige Herrschaft,
Frau Gräfin, und der Herr Vetter auch. Ja, aber, aber, wie ist mir denn? den
anderen Herrn da sollte ich doch auch schon kennen?“
„Ein alter und hoffentlich auch heute noch guter Bekannter, Vater,“ rief ich,
beide harte Hände des greisen Fährmanns ergreifend. „Fritz Langreuter!“
„Richtig!“ rief der Alte. „I, das wußte ich doch auch wohl! Dazu habe ich Sie
doch wohl oft genug mit dem anderen kleinen Fräulein über die Weser befördert.
I, sehen Sie mal! und nun müssen Sie, mit Erlaubnis, gerade heute zu dieser
traurigen Gelegenheit zum ersten Mal wieder in mein Schiff kommen! Ja, wo
haben Sie denn die ganzen lieben, langen Jahre gesteckt, wenn ich so frei sein
darf?! Daß Sie ein grausamer Gelehrter bei der Weile geworden sind, das habe
ich wohl gehört, und ansehen tue ich es Ihnen jetzo auch. Na, das freut mich aber
bei allem Leidwesen. Ja, dann steigen Sie auch mal wieder ein, Herr — Fritze,
mit Erlaubnis zu sagen. Es wundert Sie wohl ein bißchen, daß Sie mich und die
Weser immer noch zwischen Werden und dem Steinhofe an Ort und Stelle
finden? Ja, so hat jedes seinen Lauf und sein Bestehen!“
Nun schwammen wir wieder auf dem Wasser, und ich ließ noch einmal die
warme Sommerflut des Stromes über die Hand fließen. Und ganz wie damals
flüsterte mir der alte Schiffs- und Fischersmann zu:
„Ja, ja, ich weiß es wohl, daß es in Werden nicht gut steht, Herr Langreuter.
Aber der Herr Förster hat ja, Gott sei Dank, ein reinlich Blut und gut Gewissen,
und wenn er, gegen mich gehalten, auch noch ein ziemlich junger Mensche ist,
so ist er doch auch ziemlich bei Jahren, und da ist es immer das beste für die
Angehörigen, Vernunft anzunehmen und sich und dem anderen den Abschied
nicht schwerer zu machen, als notwendig ist. Wisset ihr, Herr Vetter Everstein
und die gnädige junge Frau dazu, wüßte ich nur ganz gewiß, daß mir während
meiner Abwesenheit allhier an dieser Stelle kein Schaden und Spitzbubenstreich
passierte, so ginge ich wahrhaftig gern mit euch, um mir für demnächst ein gutes
Exempel an dem Förster zu nehmen.“
„Da kommt nur dreist mit, Vater Klaus,“ meinte Just, „ich stehe für allen
Schaden. Wer weiß, welch ein gut Beispiel Ihr uns auf dem Stuhl am Bette
geben könnt.“
Aber der Greis schüttelte den Kopf:
„Es geht nicht, und es schickt sich nicht. Seit ich denken kann, ist dies mein
Ort, wo ich die Weser, die Schiffe, die Jahreszeit, die Menschen und das
Gewölke passieren und bleiben sehe. Es ist nur eine Kabache da im Röhricht,
aber doch mein altes festes Nest, und jeder Schritt davon weg ist mir aus der Gewohnheit. Ein alter Kerl bin ich hier geworden, aber als ein ganz anderer Kerl
käme ich heute nacht von Werden nach Hause; aber — holla — seht einmal das
Gewölk! Das kommt diesmal doch schneller herauf, als ich gedacht habe! Und
hör’ einer! da probiert der Herr Kantor auch schon seine große Orgel. Na, na,
nun rate ich lieber den Herrschaften, daß sie wieder mal ein Stündchen bei mir
unterkriechen und das Schlimmste vorüberlassen.“
Es hatte keiner von uns anderen sich umgesehen, doch jetzt taten wir’s, wie
angerufen von dem ersten dumpfen Donnerton von Westen her. Was wir für ein
langsam zögernd Schleichen genommen hatten, das war raschester, rasendster
Flug gewesen. Das Gewitter war da wie das Schicksal, welches uns auf diesen
Weg geführt hatte, und wir standen unter dem Druck des einen nicht anders als
unter dem des anderen.
„Ihr Mannesvolk kommt mit der Frau nicht weit in den Wald hinein, und dann
müßt ihr doch unter der ersten dicken Eiche zu Schauer gehen,“ rief der Vater
Klaus. „Die gnädigste Gräfin oder Frau Baronin muß es mir nicht übel nehmen,
sie ist mir, je länger ich sie ansehe, immer noch wie das Kind und junge Fräulein
Komtesse von Schloß Werden, und das alte Kesselchen singt noch auf dem alten
Herde, Fräulein Gräfin, und ein frisch Paket Zichorien hab’ ich auch von
Bodenwerder. Sie haben doch sonst schon vorlieb bei mir genommen, — ach ja,
ein bißchen mehr Kinder waren wir dazumalen wohl noch, und die beiden
jungen Leute aus dem Försterhause waren dann auch immer dabei. Ich habe es
wohl gehört, daß sie alle währenddem mancherlei erlebt haben in der Welt, aber
denken kann ich mir’s eigentlich nicht; denn ich selber habe ja nichts erlebt, von
welchem ich viel wüßte; außer daß ich ein bißchen älter geworden bin. Der
Regen ist schon da; — nun kommen Sie nur noch mal herein zum Vater Klaus
— lange anhalten wird’s ja wohl nicht.“
„Ich ginge am liebsten weiter,“ sagte Irene. „Ich möchte so schnell als
möglich zu Eva.“
Das ging nun wohl nicht an. Das Unwetter war da, und schon fegte der Regen
in Stößen vom jenseitigen Ufer her über den Fluß. Alle lichten Farben wurden zu
einem trüben Grau ausgewischt, das Ufergebüsch und Schilf wie von tausend
ärgerlichen Fäusten geschüttelt und nach Osten hin zu Boden gedrückt. Auf das
Dach der Fischerhütte rauschte und rasselte es nieder, und wir saßen an dem
Tage eine gute Stunde an dem Feuerherde des Vaters Klaus, horchten auf den
Donner über unseren Köpfen, „warteten das Gewitter ab“ und ließen unserem
grauen Fährmann und Gastfreund das Wort. Wie er es führte, hätte wohl keiner
von uns etwas Besseres, Unterhaltenderes und Zweckdienlicheres zutage fördern
können.
„Ich weiß eigentlich gar nicht, wie ich Sie jetzt nennen muß,“ wendete er sich an unsere Begleiterin. „Am liebsten hieße ich Sie wie sonst: liebes Fräulein
Gräfin oder Komtesse; aber das ist es ja wohl nicht mehr?“
„Liebe Frau Irene, Vater Klaus!“ und ganz leise fügte sie hinzu: „Arme Irene!
— Ich habe von dem mancherlei, was ich in der Welt erlebte, nichts weiter nach
Hause — nach dem Steinhofe gebracht als meinen spottenden Taufnamen. Wer
es noch gut mit mir meint, der nennt mich bloß bei diesem. Ich bin eine arme
Frau Irene geworden, Vater Klaus!“
Der Alte schüttelte das Haupt:
„Hm, hm, es ist doch sonderbar! Da wo Sie jetzo sitzen, Fräulein Gräfin, da
saß gestern gegen Abend mein bester Freund, seit ich denken kann, auch mal
wieder! Nämlich der ganze Nichtsnutz von dem Försterhofe in Werden; und ich
dachte wirklich zuerst, er sei meinetwegen da; aber er nahm gar kein Blatt vor
den Mund, sondern wollte einfach nur von hier aus über die Weser gucken, und
als ich ihn dann fragte, wie ich ihn jetzo betitulieren müßte, meinte er gerade so,
sein Taufname wäre ihm das Liebste, und weiter hätte er für die hiesige Gegend
hoffentlich auch nichts mit aus der Fremde gebracht. Und als ich darauf nicht
einging, sondern ihn darauf anredete, daß er ja kurioserweise Schloß Werden
käuflich an sich gebracht habe, wurde er auf einmal aus aller Wehmut heraus
ganz der Alte und sagte: Klaus, Vater Klaus, zwei Esel haben eigentlich nicht
Platz hier im Fischkasten! — Na, das freute mich denn recht, obgleich er
eigentlich gleich wieder in seine Trübseligkeit hineinfiel; aber auf dem richtigen
Fuß waren wir wieder, und ich habe ihn kurzweg wieder bei seinem Taufnamen
geheißen, und dann haben wir, weil eben nicht so ’n Unwetter wie jetzo war,
unter unserem alten Strunk gesessen und zusammen über mein Wasser geguckt
und wirklich recht vielerlei von — der lieben Frau Irene zusammen gesprochen.“
„Wann war denn dies wohl, Meister Klaus?“ fragte ich mit einem
verstohlenen Blick auf die von uns weg in die Tür tretende und die Hand in den
jetzt schon leiser rauschenden Regen streckende Frau.
„Nun, ich meine so zwischen sechs und sieben Uhr. Herr Ewald wird wohl
erst ziemlich spät in der Nacht nach Hause gekommen sein. Er hatte vor, auf
dem Heimwege noch mehr als einen Umweg zu machen. Es sind da eine Menge
Örter, die ich noch einmal wiedersehen muß, ehe ich mich wieder auf die
Wanderschaft mache, Vater Klaus! sagte er. — Ja, er sprach ein Langes und
Breites darüber, wie schlecht es ihm zu Hause gefiele. Und ich denke doch, mein
lieber Gott, daß es doch nicht jedermann alle Tage passiert, daß er mit soviel
Glück in der Tasche aus der Fremde in das alte Nest fällt wie der. Aber ein
aparter Mensch war der immer und schon von Jungensbeinen an. Den Herrn
Ewald Sixtus meine ich. Uh, wer so manche Nacht wie der hier bei mir in der
Köte gelegen hat und in das Feuer da von all seinen unsinnigen Gedanken und kuriosen Hirngespinsten hineingesprochen hat, den soll der Vater Klaus doch
wohl kennen, wenn er als ausgewachsener Mann ebenso wieder daliegt und mit
den Funken und Flammen auf meinem Herde mehr spricht als mit mir altem
dummen Kerl. Nicht wahr, Herr Vetter Just?“
„Das meine ich auch, alter Freund!“ rief der Vetter mit außergewöhnlicher
Energie. „Nun, wie sieht es draußen aus — liebe Frau Irene? Gestern abend, als
du mit dem Berliner Doktor da durch die Felder zogest, seid ihr ja wohl auch
ziemlich bis hier in die Gegend gekommen? Erzähltest du mir nicht davon, Fritz,
als wir heute morgen deinen Schreibebrief nach Werden beredeten? Und von
allerhand unsinnigen Gedanken und kuriosen Hirngespinsten hast du mir auch
geschwatzt. Und da war doch bloß die Weser zwischen euch und dem alten
guten Freunde, dem Vater Klaus. Wenn ich je in der Welt einem so guten
Freunde wieder so nahe gekommen bin, dann habe ich ihm immer auch einen
Besuch abgestattet!“ …
Die Frau Irene stand noch immer, den Ellenbogen an den Türpfosten der Hütte
lehnend. Über den Herd des Vater Klaus sich beugend, flüsterte mir der Vetter
Just zu:
„Tausend Schritte weiter und — Hol über!… Deinen Brief behalte ich zum
Andenken an diese Tage!“ — — Laut, fast fröhlich rief er dann:
„Du hast noch nicht geantwortet, Irene. Was macht das Wetter auf Erden, und
wie guckt der Himmel drein? Ich meine, der Regen läßt doch immer merklicher
nach.“
Die Frau wendete sich, und ein Fremder hätte ihr nicht angemerkt, wie schwer
jedes Wort, das in dieser Fischerhütte gesprochen worden war, auf ihrer Seele
wog, und daß ihr mit Ausnahme dessen, was der Vetter Just leise mir ins Ohr
gerufen hatte, keines entgangen war.
„Der Vater Klaus ist ein guter Wetterprophet und hat sich auch diesmal wieder
so bewährt,“ sagte sie. „Es war ein rascher Übergang. Vom Steinhof her scheint
wirklich schon die Sonne in die Tropfen, und es ist alles gegen Schloß Werden
gezogen.“
„Und auch dort wird’s ein Übergang sein,“ meinte der Greis. „Die Berge da
machen keine Wetterscheide aus. Was über die Weser ’rüber ist, hat freie Bahn
vor sich und mag gehen oder sich verlaufen, wie und wo es will. Da ist weiter
kein Aufenthalt mehr. Geschickt wird ja jedes Gewölke, aber dorthinzu ist das
denn doch wieder, als ob alles Wetter frei seinem Schicksal überlassen worden
wäre, und so weiß nie einer genau, was er davon halten und sagen soll. Es ist
eben alles Witterung.“
„Und wir haben unser Teil davon auf uns zu nehmen,“ sagte Irene, dem
Fischer die Hand reichend. „So nehmt denn auch heute unseren schönsten Dank für freundlichen Schutz, gute Bewirtung und jedes gute Wort, was Ihr uns gesagt
habt, Vater Klaus. Fast ist es doch, als hätten wir ganz vergessen, was uns
eigentlich auf diesen Weg getrieben hat. Nun wollen wir aber nur noch an dieses
denken und rasch weiter; nicht wahr, meine Herren?! Ich muß zu meiner armen
Eva, und es soll mich keine Erdenwitterung mehr aufhalten. Ade, Vater Klaus.
Wenn ich zurückkomme, gehe ich nicht über Bodenwerder — Ihr nehmt mich
wieder auf in Euren Kahn.“
„Allein oder in Gesellschaft — wie es sich schickt,“ brummte der greise treue
Schiffsmann, die kleine zarte Hand zwischen seinen uralten, knochigen Tatzen
haltend. „Herrschaften, findet ihr den Förster noch, so grüßt ihn von mir; — auf
einen Hasen legt da dem lieben Gott sein Jägersmann nicht an; also sprecht’s
ihm nur dreiste heraus, daß ich fest auf ihn rechne, was das Quartiermachen
anbetrifft. Finden Sie ihn nicht mehr, Herr Vetter Just, und Sie, Berliner, na so
brauchen Sie auch nichts an ihn bestellen, sondern nur gut mit den zwei jungen
Leuten umzugehen. Ich finde meinen Weg schon. Adjes alle! Es ist mir,
abgesehen von dem schlimmen Malheur, eine große Freude gewesen.“
Wir traten heraus aus der Hütte in das letzte, jetzt auch schon auf diesem Ufer
der Weser von der Sonne durchflimmerte Gesprühe des Sommergewitters und
atmeten aus tiefster Brust wohlig auf; ich aber vernahm noch, wie der Meister
Klaus, den sehr schlimmen Tabak in seiner kurzen Holzpfeife niederdrückend,
brummte:
„Jawohl, am Ende läßt sich doch niemand recht Zeit, als solch ein alter
Fischersmann, der da weiß, daß die Fische nicht zu jeder Stunde beißen, und der
mit den Reusen umzugehen weiß, und weiß, daß alles erst zu seiner Zeit kommt;
aber dann auch ganz richtig und auf den Punkt. Ja, ja, lauft nur zu; — ich hab’
euch ja schon gefahren, als ihr noch in euren Kinderschuhen liefet.“
Ich winkte ihm darob noch einmal lächelnd zu:
„Und es ist Eure feste Meinung, daß wir noch immer darin laufen, Vater
Klaus?“
„Das werde ich mir doch wohl nicht herausnehmen,“ rief der Alte grinsend
mir nach. „Aber eine hübsche Luft wird es immer nach solch einem Gewitter,
Herr Langreuter; und die paar Tropfen, die Sie jetzo unterwegs noch auf den
Pelz kriegen, die können Sie sich darum schon gefallen lassen; und, lieber Herr
Fritz, bei Gelegenheit fragen Sie nur ganz dreist den Herrn Ewald danach, was
gestern meine Meinung gewesen ist.“
Nun glänzte und rauschte auf Stunden Weges um uns und über uns der
erfrischte Hochwald. Die großen gelben und schwarzen Schnecken krochen auf
allen Pfaden; Menschen begegneten uns nicht. Wir gingen stumm zu, und nur
wenn wir an einer außergewöhnlich schlüpfrigen und steilen Stelle unserer Begleiterin die Hand boten, sprach sie ein leises Dankeswort. Und wieder einmal
lag, als wir endlich aus dem Walde hervortraten, Schloß Werden zu unserer
Rechten im Sonnenuntergangsglanze da, und das scheidende Licht blitzte rot aus
den hohen Fenstern des Oberstockes uns entgegen. Ich sah mit einigem Bangen
auf die bleiche Frau mir zur Seite und fing einen ganz ähnlichen Blick des
Vetters Just auf. Doch Irene Everstein sah nur einmal ganz fest und kurz nach
den Giebeln des väterlichen Hauses und schritt dann gesenkten Hauptes rascher
zu auf dem Wege gegen das Dorf. An dem ersten Hofe schon erfuhren wir von
einem Kinde, daß der Herr Oberförster tot sei; und ein junges Mädchen, das am
Gartentor strickte, bestätigte die Nachricht und fügte hinzu: „Gerade, als das
Unwetter anging.“
Wir gingen nun durchs Dorf. Alle Leute vor den Türen grüßten uns herzlich,
aber still. Auf Irene sahen sie scheu und steckten nachher die Köpfe zusammen
und flüsterten miteinander. An den Vetter Just trat hier und da einer heran und
gab ihm die Hand: „Also Sie haben es auch schon vernommen?“ — Jeder aber
sprach viel leiser, als es sonst dort die Gewohnheit des Ortes ist.
„Und der junge Herr Sixtus? und Fräulein Eva, Gevatter Reitemeyer?“
„Die sitzen ganz still auf der Bank vor der Försterei. Sie haben sich ja wohl
gottlob ganz gut in das Geschick gefunden. Sein Alter hatte der alte Herr, vor
Krankheit hat er immer sein Grauen gehabt und seinen Spaß darüber gemacht.
Hier im Dorfe bei uns ist niemand, der ihm nicht das Beste wünscht, und solange
man denken kann, kann man Werden nicht ohne ihn sich denken. Auf dem Wege
zu seinem Unfall ist er mir heute morgen noch begegnet. Das mußte ja wohl so
sein sollen, denn er hatte es kurios eilig und war doch sonst ein recht ruhiger,
langsamer und sedater Herr. Gehen Sie nur ruhig hin! Das Unwetter hat Sie wohl
ein bißchen unterwegs aufgehalten? Es ist aber wirklich recht angenehm danach
geworden. Sie haben Ihr Heu wohl auch schon trocken herein auf dem Steinhofe,
Herr Just?“
Wir blieben dieser Unterhaltung wegen nicht stehen, und so kamen wir zu
dem Försterhause und fanden, wie die Leute es uns berichtet hatten, Bruder und
Schwester auf der Bank vor der Haustür im dämmerigen Ulmenschatten
beieinander sitzend. Hinter ihnen standen die Stubenfenster wie immer weit
offen und ließen den Regenduft und die Frische des nahenden Abends frei ein;
der alte Herr aber saß nicht mehr am Fenster, sondern lag ausgestreckt, „ruhig
und sedate“ auf seinem Lager. Auch alle Türen standen in gewohnter Weise
geöffnet; die Hunde des alten Herrn lagen zu den Füßen des Geschwisterpaares,
und nur von Zeit zu Zeit stand einer von ihnen auf, ging hinein und legte den
Kopf auf das so schnell dort bereitete Bett und kam wieder heraus und legte den
Kopf auf Evas Knie und sah wie fragend sie an.
Das schreibe ich aber hier, weil es den ganzen Abend so blieb, nachdem wir
uns zu den Geschwistern gesetzt hatten.
Als wir in das Hoftor traten, schlug einer der Hunde leise an. Ewald und Eva
standen auf, und der Ingenieur aus Irland legte die Hand auf die Fensterbrüstung
hinter sich, wie um sich zu halten. Doch Irene verließ den Arm des Vetters Just,
ging rasch hin und hielt die Jugendfreundin im Arm und küßte sie und sagte:
„Da bin ich… Nun sei nur still… Du sollst mir alles erzählen!“
Eva Sixtus weinte heftig, und Ewald gab uns Männern stumm die Hand.
„Er sieht aus, als ob er schliefe!… O, er sieht zu gut und schön aus für den
Tod!“ schluchzte Eva; und dann gingen wir alle, von den Hunden begleitet, in
die Stube, und er sah freilich schön und gut aus in seinem weißen Haar, und
gottlob nicht anders, als ob er schliefe!…
„O Just, o lieber Just!“ schluchzte Eva Sixtus, und nun war sie mit ihm und
war bei ihm gut aufgehoben in diesen tränenreichen Stunden und Tagen. Sie
konnte auch das Haus verlassen, in welchem sie geboren worden war.