Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten

Wilhelm Raabe · Kapitel 22 von 36

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Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten

Zweites Kapitel.

 

Nun waren sie fort. Zur Zeit der Holunderblüte waren sie abgereist, und der

Vetter Just Everstein hatte sich, wie das nicht anders zu erwarten stand, auch

hierbei als einer der praktischsten Menschen erwiesen, die jemals aus der

deutschen Erde hervorgewachsen und von ihren guten Freunden und Bekannten

zuerst, das heißt eine erkleckliche Reihe von Jahren hindurch, für gänzlich

unzurechnungsfähig taxiert worden waren. Wahrlich, mancherlei gab es auf- und

abzuwickeln, ehe der Brave sein wohltätiges, barmherziges Werk zu einem

vorläufigen Schluß und Ruhepunkt führen konnte.

Sachen und Menschen aller Art waren mehr oder weniger geschäftsmäßig aus

dem Wege nach dem Steinhofe hin zu räumen, ehe er mit einem erleichternden

Seufzer sagen konnte:

„Gott sei Dank, morgen fahren wir! Was jetzt noch in den Winkeln

umherliegt, steckt oder vergessen ist, kann nicht viel zu bedeuten haben. Und

nun, alter Kerl, jetzt gib uns die Hand darauf und versprich uns feierlich, daß du

dich im Laufe des Sommers in der alten Heimat bei uns sehen läßt.“

Ich hatte ihm wenig bei seinem Liebeswerke behülflich sein können; — im

Grunde hatte ich nur ihn, Irene und Mademoiselle Martin nach dem Bahnhofe

begleitet. Wie hülflos die Mehrheit der Menschen eigentlich den

Lebensgeschäften gegenübersteht, erfährt sie dann und wann auch, wenn sie’s

mal versucht, anderen zu helfen. Das ist die ungemütliche Wahrheit, die einem

jeden, der von sich selber schreibt, ganz von selber aus der Feder läuft, wenn er

sich nicht recht zusammennimmt, das heißt mit gehaltenem Nachdruck lügt.

Dachstuben-Philosophen und Wüsten-Anachoreten sollen aber

nichtsdestoweniger auch in Zukunft berechtigt sein, über die tägliche Witterung

und deren Einfluß auf ihre Konstitution zum allgemeinen Besten so genau als

möglich Buch zu führen, um heikeln persönlichen Kriminationen dadurch schlau

aus dem Wege zu schleichen.

So kam ich denn vom Bahnhofe zurück in meine vier Pfähle, um den neuen

Frühling wenig genossen mir unter den Händen weggleiten zu lassen. Davon,

daß nach der Bauernregel im Mai der gesundeste Tau fällt, verspürte ich auch

nichts; aber dagegen tat ich etwas, was ich eigentlich nur mit einer gewissen

komischen Verlegenheit berichte. Ich nahm für das Vierteljahr, in welchem die

Bäume blühen und der Vollmondschein nach einer anderen Regel der Baumblüte schädlich sein soll, nicht etwa eine Brunnenkur vor, sondern — ein Abonnement

in einer Leihbibliothek. Ich nahm an jedem Abend nach meiner Rückkehr vom

Spaziergange einen Roman mit nach Hause und zwar stets einen der

vergessensten — am liebsten einen aus den zwanziger Jahren dieses Säkulums.

Ich, der ich hier keinen Roman schreibe, würde es gern sehen, wenn mir die

besten der gegenwärtig vorhandenen Psychologen mein damaliges Bedürfnis

gelten ließen.

Es war mir nämlich während dieser Epoche meines Lebens meine bisherige

Tätigkeit sehr zum Überdruß geworden, und ich hatte niemals in meinem Dasein

über so viele leere, beschäftigungslose Stunden bei Tage und bei Nacht zu

verfügen als wie jetzt. Und merkwürdig! was in den Klassikern sämtlicher

Nationen, sowohl der alten wie der neuen, über das Schloß Werden, den

Steinhof, den Vetter Just und — Eva Sixtus stand, konnte ich durchaus nicht

gebrauchen! Es stand wohl manches darüber drin; aber dann bezog sich dieses

doch wieder so deutlich auf andere ganz bestimmte Leute und Verhältnisse, daß

mir nicht im geringsten dadurch über eine melancholische Stunde

hinweggeholfen wurde.

Sie sprachen wohl wahr, diese großen Poeten, in gebundener und

ungebundener Rede; aber sie redeten doch allesamt nur in ihren Tag hinein und

nicht in den meinigen. Dicht neben meinen mittelalterlichen Geschichtsquellen

waren sie’s — die Quellen reinster Erdenschönheit und Wahrheit, denen ich am

vorsichtigsten aus dem Wege zu gehen hatte, weil — — ich finde eigentlich

keinen richtigen Ausdruck für das, was sie mir antaten. Jedenfalls sprachen sie

mich nicht zur Ruhe, wenn sie mich nicht langweilten. Eine Bilderfibel aus

meinen Kinderjahren hätte sie mir doppelt und dreifach aufgewogen. Für das

fabulose Haupt- und Lieblingsbuch des Vaters Sixtus, für des Signors Gregorii

Leti Leben des Papstes Sixtus des Fünften, hätte ich in jenen Tagen ganze

Schatzkammern voll wirklicher literarischer Schätze unbesehen hingegeben. Es

mußte freilich aber das Exemplar aus dem Försterhause im Dorfe Werden sein.

Da half ich mir denn auf eine andere Art. Der hat noch nie gelesen, der nie in

solchen Stimmungen das wieder las, was ihm in seiner seligen Jugend, wenn es

in seinen Händen ertappt wurde, als „das dümmste Zeug auf Gottes Erdboden“

um die Ohren geschlagen wurde!

Gottes Segen über das Lesefutter der großen Menge und der Jugend! Heil und

Segen denen Lieferanten, die heute in dieser Hinsicht für jene sorgen, welche

nach einem Menschenalter alt, enttäuscht, krank und verdrossen sein werden!

Verdrossen in sehr hohem Maße griff ich jetzt von neuem nach dem, was ich

mit so unendlichem Vergnügen verschlungen hatte, als ich noch jung war und

noch nichts wußte von aller Welt Verständigkeit und Kritik. Die gewöhnlichsten Produkte jener Art, die das Bekannteste, aber auch ewig Gültige in der

abgeschmacktesten Verzerrung bringt — die alten, drolligen, pathetisch-

lächerlichen Geschichten von Eduard und Kunigunde, in all ihren kuriosen

Variationen, das war jetzt etwas für den Doktor Friedrich Langreuter! Diese

schlecht gedruckte und noch schlechter stilisierte Abenteuerlichkeit in Original

und Übersetzung, der süße, haarsträubende, heitere, tränenreiche Unsinn, in den

die Fliederlaube hineingerauscht und geduftet hatte, über den voreinst der Baum

seine roten und weißen Blüten schüttelte, den die Vögel mit ihren Stimmchen

akkompagnierten, über den die weißen Sommerwolken im Himmelblau

hinsegelten, von dem einen der Schulmeister aufscheuchte und in die lateinische

Stunde trieb: Das ließ sich jetzt wieder in den halbvermoderten, abgegriffenen,

übelduftenden, durch tausend und abertausend Hände gelaufenen Bänden nach

seinem unveränderlichen Verdienst würdigen von dem oben genannten Doktor

der Philosophie Friedrich Langreuter!

Da saß der alte Bursche und las wieder, wenn man das überhaupt lesen nennen

konnte. Es genügte eigentlich schon, die guten alten Bekannten in Pappband mit

Lederrücken und Ecken in der Tasche nach Hause getragen und das Titelblatt

aufgeschlagen zu haben. Was war alle klassische Plastik und ästhetische

Wahrheit gegen die Lebendigkeit, mit der sich hier die Karikatur bei der bloßen

Berührung in der Erinnerung füllte? Ach, es waren ja eben nicht bloß Kunigunde

und Eduard mit all ihrer Verwandtschaft in auf- und absteigender Linie, was hier

wieder zu etwas wurde, was lachen, jauchzen, weinen, sich hinter dem Ohre

kratzen, vor Wut außer sich geraten und vor Bekümmernis und Reue sich in den

Winkel verkriechen konnte!

Was hatten Schloß Werden und der Steinhof und die Gärten, Wiesen, Felder

und Wälder ringsum mit den unmöglichen Schlössern, Bauersitzen,

Försterhäusern, Wäldern, Feldern, Wiesen und Gärten dieser närrischen Bücher

gemein? was der gelbe ehrliche Fluß, der durch unsere Jugendwelt rauschte, mit

den so absonderlich prachtvoll blitzenden Wassern, in denen sich dann und wann

die lustig-tragischen und trübselig-komischen Gestalten und Bilder dieser

wundervollen Autoren spiegelten?

Alles! —

Es ist immer eines und dasselbe, dieses unergründliche Meer der Phantasie,

auf das der bedrückte Mensch stets von neuem von dem nüchternen, grämlichen

Ufer der Wirklichkeit hinaussteuert! Es ist immer derselbe Wind in den Segeln!

Wehe dem, der niemals die grauen vier Wände um sich her mit diesem

flimmernden, über die Stunde wegtäuschenden, segensreichen Lichtglanz

überkleiden konnte!

Was ist die nichtige dumme Phrase: Mein Haus ist meine Burg! gegen die so sehr unpolitische, so selten ausgesprochene, und doch so tief und fest, ja

manchmal mit der Angst der Verzweiflung im Herzen festgehaltene

Überzeugung:

Mein Luftschloß ist mein Haus!

So saß ich damals, nachdem wir das kleine Mädchen der Frau Irene begraben

hatten und der Vetter Just ganz beiläufig mir den Namen und die Gestalt und die

Stimme der lieben Eva Sixtus in die Erinnerung zurückgerufen hatte; und da ich

nicht mehr neue Luftschlösser in die ziehenden weißen und rosigen Wolken, in

das Himmelblau, in den Regenhimmel zu bauen vermochte, so — kramte ich

unter den Trümmern der versunkenen und paßte aneinander, was auseinander

gefallen war, und richtete wieder auf — gerade so in der Einbildung wie vor

Jahren, doch leider nicht mehr so fest wie damals. Es war schon lange die Zeit

für mich da, wo der Mensch einzig und allein auf den Riegel an seiner Tür als

den besten Wächter vor seinen guten Augenblicken, Stunden und Tagen

angewiesen ist. Tagen?!… Wer kann, wenn er diese Epoche seines Daseins

erreicht hat, den Riegel einen Tag lang vorgeschoben halten, um versunkene

Luftschlösser wieder aufzubauen?

Die Juniuswinde hatten bereits das Korn in das Land hineingeweht, als

„Thomas Thyrnau“ oder vielleicht auch „St. Roche“ oder „Jakob van der Nees“

das Buch hieß, das auf meinem Tische unaufgeschlagen lag. Jedenfalls aber war

es ein Produkt der Verfasserin von „Godwie Castle“, und die Mädchen, Irene

von Everstein und Eva Sixtus, hatten einst in dem Gartensaale von Schloß

Werden die heißen Köpfe darüber zusammengesteckt und die tränenvollen

Augen verstohlen darüber getrocknet. Und ich hatte das Ding dann auch in

meiner Kammer verschlungen, und Freund Ewald hatte sich in gewohnter

Unverschämtheit nicht nur über das Buch, sondern auch über uns drei ins

altromantische Land Entrückte lustig gemacht. Es war nicht der Band, vor

welchem die wirklich fein, vornehm und gut aussehende Verfasserin und

Lieblingsschriftstellerin Friedrich Wilhelms des Vierten in Stahlstich abgebildet

ist; aber das war auch die einzige Enttäuschung für mich, als ich ihn zu Hause

nach so langen Jahren wieder auf- und sogleich wieder zuschlug. Sonst hielt er

alles, was ich mir davon versprochen hatte, als mir der Zufall den Titel in dem

Leihbibliothekskatalog in die Augen spielte.

Gottlob!

Dieser Ausruf bezog sich auf den Riegel an der Tür, den ich vorgeschoben

hatte, nachdem ich den Schlüssel im Schlosse umgedreht hatte gegen einen

wieder einmal für mich nicht ganz geheuren Tag, der nunmehr in die

sommerliche Abenddämmerung überging. Und es war durchaus kein in

ärgerlicher oder geistig-beschwerlicher und überhasteter Arbeit hingebrachter Tag, sondern einer von den faulen, trägen, apathischen, die, wenn sie einer hinter

dem anderen hinschleichen, auf die Länge noch unerträglicher werden als die

erste Art. O über diese langen, schleppenden Stunden, die bei dem Regsten,

Lebendigsten nach zurückgelegtem dreißigsten Lebensjahre sich einzuschleichen

beginnen und sogar durch den Kampf mit ihnen dann und wann nur vervielfältigt

werden! Das sind die Tage, in denen man sich selber wie ein Charakter in einem

schlechten Romane vorkommen kann, ein unmögliches Geschöpf, mit dem der

Autor eben auch nichts anzufangen wußte. Öde Makulaturstimmung! das ist das

richtige Wort; und — ein Lachen oder Weinen über und um einen scheint es nie

in der Welt gegeben zu haben in dieser Stimmung!

Und nun, wie kam es, daß ich mich plötzlich über die Verfasserin von Godwie

Castle weg auf einer stillen Berglehne, unter der fußhohen Tannenanpflanzung

und im Thymiansduft und der brütenden Abendsonne der Jugendzeit

wiederfand?

Es ist schwierig zu sagen, wie gerade in diesen Fällen seelischer Bedrücktheit

aus Dunkelheit Licht wird; und ich hüte mich auch wohl, die Lösung mit zu

großer Anstrengung zu suchen. Der vorgeschobene Riegel aber tut unbedingt

viel dazu, und um so mehr, je hastiger und verworrener das Leben jenseits der

Tür sich bewegt und vor dem Fenster rauscht……

„Ich bin’s, Herr Doktor!“

„Wer? in aller Plagegeister Namen!“

„Ich, Herr Doktor. Die Witwe Maier. Und dann der fremde Herr wieder, der

heute morgen schon einmal da war und seinen Namen nur Ihnen selber sagen

wollte.“

Ich hatte die Stimme meiner Frau Hauswirtin bereits erkannt.

„I, so wollt’ ich doch!“ Und der sonnige Bergrücken mit seiner

Tannenanpflanzung und seinem Thymiansduft, die Hügel mit ihren Wäldern,

Wiesen und Ackerstreifen nah und fern, der ferne Fluß und die Kirchtürme der

Heimatsdörfer waren versunken: der fremde Herr, der am Morgen während

meiner Abwesenheit bereits einmal dagewesen war und seinen Namen nicht

hatte kundgeben wollen, stand vor mir — stattlich, braunbärtig, breitschulterig

und in einem wohlsitzenden kleidsamen Sommerkostüm. Und anstatt jetzt zuerst

mir seinen Namen zu nennen, reichte er mir die Hand entgegen und sagte mit

dem Ausdruck verzwicktest gelassener Bonhommie:

„Guten Abend, Langreuter.“

Ich aber stand dem langen, festen Menschen gegenüber auf ziemlich

unsicheren Füßen:

„Das ist — ich bin — aber ist denn das?… Ewald?!… mein Gott, Ewald

Sixtus!… Ist es denn möglich?… Ewald Sixtus! Bei allem, was lebt, das bist du?“

„Und du bist das auch!“ sprach der Freund. „Ich habe dich sofort

wiedererkannt, und jetzt sei so gut und nimm meine Hand; ihr braven,

übersinnlichen Zweifler habt gewöhnlich am innigsten das Bedürfnis, euch

durch Befühlen von der Wirklichkeit der Dinge zu überzeugen. Alter Freund

Thomas, ich freue mich unendlich, dich endlich mal wiederzusehen!“

Ich setzte mich, rede aber von den Lauten und Gesten der Überraschung nicht

weiter, sie wiederholen sich wie alles übrige auf Erden. Aber alles, was mir der

Vetter Just neulich von seinem Besuche in Belfast und von diesem Manne

erzählt hatte, glitt jetzt blitzschnell durch mein Gehirn. Der irische Ingenieur aus

Belfast, Herr Ewald Sixtus aus Werden, nahm auch einen Stuhl und setzte sich

gleichfalls und — sah mich von der Seite an.

Eines hatte ich in meiner Einsamkeit zu einer gewissen Vollkommenheit

gebracht: die große Kunst, auf Blicke zu achten, und dieser hob mir nur den

Vorhang von einer uralten Lehre weg:

„Nun, dies ist aber großartig! Er ist ganz der Alte geblieben, und er hat den

Vetter Just und uns alle jetzt nur gerade so zum Narren gehalten wie vor zehn,

fünfzehn oder zwanzig Jahren!“ ……

Wie ein Schleier sank es abermals nieder vor der Zeit, die vor zehn, zwanzig

und noch mehr Jahren war. Schloß und Dorf Werden, die Weser und der Steinhof

lagen abermals im Sonnenlichte; aber durch das Sonnenlicht lief’s wie ein

sonniges, mutwilliges Grinsen, und — Ewald Sixtus hieß einer der Hauptzüge

der schönen Gegend!

„O Ewald!… Willkommen! sei mir herzlich willkommen zu Hause!… Der

Vetter Just — unser Just Everstein hat mich neulich schon von dir gegrüßt!“

„Unmöglich!“ sprach dieser vollkommen irländische Land- und

Wasserbaukünstler trocken. „Och honey, ich erinnere mich nicht, irgend

jemand einen Gruß an Euch mitgegeben zu haben.“

Eine solche Mischung von grünem Erin und den grünsten Wald- und

Wiesengehegen rund um Schloß und Dorf Werden war seit Anfang der Dinge

noch nicht dagewesen und kam vielleicht auch bis zum Ende derselbigen nicht

wieder! Bei allem, was je die Schule schwänzte, den biedersten Nachbar zum

besten hatte und je in die weite Welt auf Abenteuer durchging, was war denn

dies?

Und der Vetter Just war doch ein Mann, der auch allmählich allerlei Menschen

gesehen hatte, und auf dessen Beobachtungsgabe und Urteilskraft man sich jetzt

doch so ziemlich verlassen konnte! Sollte der Vetter Just, der sich so lange unter

den schlauen Amerikanern aufgehalten hatte, dieser Vetter, der es durch mehr als

eine Tat bewiesen hatte, daß man seinen Erfahrungen so ziemlich trauen durfte — sich so sehr geirrt haben? Sollte er wirklich von dem lustigen Werdener Vogel

aus den alten Nestern im Baum an der Gartenhecke so ganz in der alten Weise an

der Nase herumgezogen worden sein?

„Der?!“ fragte der deutsch-irländische Engineer, jetzt um so verschmitzter

grinsend, als er im Moment vorher trocken getan hatte. „Alter Junge, dich hätte

ich doch wenigstens für um ein Atom klüger gehalten. Menschen, ihr seid doch

zu göttlich!… Oh, oh, ah, der Vetter Just! der Vetter Just vom Steinhofe? — Da

lasse ich ihn, als ich, aus der süßen Heimat halb weggejagt, durchgehe, mir

vorangehen, um in der öden Fremde wenigstens einen süßen Trost an etwas aus

dem alten Neste zu haben — und was passiert? Habe ich ihn darum auf seinem

Steinhofe in seiner ganzen absonderlichen Glorie gelten lassen und mich meine

ganzen heimatlichen Flegeljahre hindurch himmlisch über ihn amüsiert, daß er

auf einmal in Belfast wie ein Pastor, der die Tischglocke überhört hat, vor mir

steht und mir Moral, Tugend, heimatliche Gefühle und wer weiß was sonst noch

predigt — durch sein Beispiel? — Kommt man Paddy so?… Ganz gewiß nicht!

Der Vagabondenkönig von Ithaka — wie heißt er doch, Langreuter? — ist gar

nichts gegen ihn, den Vetter Just, sowohl was seine Abenteuer, wie seine

unmenschliche Weisheit, Klugheit und Philosophie anbetrifft. O, und so

herzensgut ist der Kerl — geblieben! Und den Steinhof hat er auch wieder! By

Jingo, lassen muß man es ihm, ein Prachtbursche ist er, und seinen Ruhm für

alle seine famosen Leistungen soll er bedingungslos behalten, wenn er nur — für

mich immer der Vetter — der Vetter Just bleibt. Für mich, der der einzige war,

welcher von Kindesbeinen an euch übrige alle nach allen euren Verdiensten

unparteiisch zu würdigen wußte. Im Ernst, Fritze, es hat mir Mühe genug

gekostet, ihm nicht um den Hals zu fallen und eine spaßhafte Träne ihm auf die

Schulter hin zu weinen. Aber ich sagte dreimal leise: Komtesse Irene von

Everstein! und blieb kühl wie eine saure Gurke. Cool as a cucumber, sagt

drüben auf der Smaragdinsel Blarney O’Shaughnessy, wenn er Tim O’Connor

mit dem Knüppel zu Leibe gehen will, weil der ihn an Großartigkeit und

Heroentum übertroffen hat. Och, faix, it’s a long story, und es

wäre viel davon zu sagen, weshalb ich diesen dummen Mädchennamen dreimal

hersagte, um mir meinen Gleichmut wenigstens äußerlich gegen diesen heillos

gemütlichen Neu-Mindener aufrecht zu erhalten; — nicht wahr, Fritzchen

Langreuter?“

„Das wäre es wohl!“ murmelte ich unwillkürlich, und in demselben

Augenblick packte mein Gast meinen Arm mit einem Griff wie aus Stahl und

Eisen und rief:

„Und was ist es denn, was er mehr ausgerichtet hat als ich? Er sitzt von neuem auf seinem Steinhofe; ich aber — habe Schloß Werden wieder!“ …

Ich sagte nichts, denn ich hatte nichts zu sagen. Die Wunder, die mich der

Herr sehen ließ, ohne daß ich über das Wasser gefahren war, betäubten mich zu

sehr.

„Und hier sitze ich,“ fuhr Ewald Sixtus fort, „um dich aufzufordern,

übermorgen mit mir hinüberzufahren, um that old sheebeen, die alte

Herberge von neuem für — uns in Besitz zu nehmen. Dringende Abhaltung hast

du ja wohl nicht?“

Es war mir zwischen meinem mühseligen Sich-wieder-auf-sich-besinnen

durch dunkel so, als ob auch der Vetter Just neulich einige Male eine ganz

ähnliche Aufforderung zur Reise mit ganz den nämlichen Worten beschlossen

habe, wie der irische Ingenieur.

Mr. Sixtus legte mir zutraulich schmeichelnd die Hand auf die Schulter:

„Es bleibt dabei, du begleitest mich nach Schloß Werden?!“

Ich aber kam in diesem Augenblick nicht einmal dazu, ihn zu fragen, weshalb

er denn, wenn sich alles übrige so verhalte, die Korrespondenz auch mit seinen

nächsten Angehörigen so schmählich vernachlässigt habe?