Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten
Zweites Kapitel.
Nun waren sie fort. Zur Zeit der Holunderblüte waren sie abgereist, und der
Vetter Just Everstein hatte sich, wie das nicht anders zu erwarten stand, auch
hierbei als einer der praktischsten Menschen erwiesen, die jemals aus der
deutschen Erde hervorgewachsen und von ihren guten Freunden und Bekannten
zuerst, das heißt eine erkleckliche Reihe von Jahren hindurch, für gänzlich
unzurechnungsfähig taxiert worden waren. Wahrlich, mancherlei gab es auf- und
abzuwickeln, ehe der Brave sein wohltätiges, barmherziges Werk zu einem
vorläufigen Schluß und Ruhepunkt führen konnte.
Sachen und Menschen aller Art waren mehr oder weniger geschäftsmäßig aus
dem Wege nach dem Steinhofe hin zu räumen, ehe er mit einem erleichternden
Seufzer sagen konnte:
„Gott sei Dank, morgen fahren wir! Was jetzt noch in den Winkeln
umherliegt, steckt oder vergessen ist, kann nicht viel zu bedeuten haben. Und
nun, alter Kerl, jetzt gib uns die Hand darauf und versprich uns feierlich, daß du
dich im Laufe des Sommers in der alten Heimat bei uns sehen läßt.“
Ich hatte ihm wenig bei seinem Liebeswerke behülflich sein können; — im
Grunde hatte ich nur ihn, Irene und Mademoiselle Martin nach dem Bahnhofe
begleitet. Wie hülflos die Mehrheit der Menschen eigentlich den
Lebensgeschäften gegenübersteht, erfährt sie dann und wann auch, wenn sie’s
mal versucht, anderen zu helfen. Das ist die ungemütliche Wahrheit, die einem
jeden, der von sich selber schreibt, ganz von selber aus der Feder läuft, wenn er
sich nicht recht zusammennimmt, das heißt mit gehaltenem Nachdruck lügt.
Dachstuben-Philosophen und Wüsten-Anachoreten sollen aber
nichtsdestoweniger auch in Zukunft berechtigt sein, über die tägliche Witterung
und deren Einfluß auf ihre Konstitution zum allgemeinen Besten so genau als
möglich Buch zu führen, um heikeln persönlichen Kriminationen dadurch schlau
aus dem Wege zu schleichen.
So kam ich denn vom Bahnhofe zurück in meine vier Pfähle, um den neuen
Frühling wenig genossen mir unter den Händen weggleiten zu lassen. Davon,
daß nach der Bauernregel im Mai der gesundeste Tau fällt, verspürte ich auch
nichts; aber dagegen tat ich etwas, was ich eigentlich nur mit einer gewissen
komischen Verlegenheit berichte. Ich nahm für das Vierteljahr, in welchem die
Bäume blühen und der Vollmondschein nach einer anderen Regel der Baumblüte schädlich sein soll, nicht etwa eine Brunnenkur vor, sondern — ein Abonnement
in einer Leihbibliothek. Ich nahm an jedem Abend nach meiner Rückkehr vom
Spaziergange einen Roman mit nach Hause und zwar stets einen der
vergessensten — am liebsten einen aus den zwanziger Jahren dieses Säkulums.
Ich, der ich hier keinen Roman schreibe, würde es gern sehen, wenn mir die
besten der gegenwärtig vorhandenen Psychologen mein damaliges Bedürfnis
gelten ließen.
Es war mir nämlich während dieser Epoche meines Lebens meine bisherige
Tätigkeit sehr zum Überdruß geworden, und ich hatte niemals in meinem Dasein
über so viele leere, beschäftigungslose Stunden bei Tage und bei Nacht zu
verfügen als wie jetzt. Und merkwürdig! was in den Klassikern sämtlicher
Nationen, sowohl der alten wie der neuen, über das Schloß Werden, den
Steinhof, den Vetter Just und — Eva Sixtus stand, konnte ich durchaus nicht
gebrauchen! Es stand wohl manches darüber drin; aber dann bezog sich dieses
doch wieder so deutlich auf andere ganz bestimmte Leute und Verhältnisse, daß
mir nicht im geringsten dadurch über eine melancholische Stunde
hinweggeholfen wurde.
Sie sprachen wohl wahr, diese großen Poeten, in gebundener und
ungebundener Rede; aber sie redeten doch allesamt nur in ihren Tag hinein und
nicht in den meinigen. Dicht neben meinen mittelalterlichen Geschichtsquellen
waren sie’s — die Quellen reinster Erdenschönheit und Wahrheit, denen ich am
vorsichtigsten aus dem Wege zu gehen hatte, weil — — ich finde eigentlich
keinen richtigen Ausdruck für das, was sie mir antaten. Jedenfalls sprachen sie
mich nicht zur Ruhe, wenn sie mich nicht langweilten. Eine Bilderfibel aus
meinen Kinderjahren hätte sie mir doppelt und dreifach aufgewogen. Für das
fabulose Haupt- und Lieblingsbuch des Vaters Sixtus, für des Signors Gregorii
Leti Leben des Papstes Sixtus des Fünften, hätte ich in jenen Tagen ganze
Schatzkammern voll wirklicher literarischer Schätze unbesehen hingegeben. Es
mußte freilich aber das Exemplar aus dem Försterhause im Dorfe Werden sein.
Da half ich mir denn auf eine andere Art. Der hat noch nie gelesen, der nie in
solchen Stimmungen das wieder las, was ihm in seiner seligen Jugend, wenn es
in seinen Händen ertappt wurde, als „das dümmste Zeug auf Gottes Erdboden“
um die Ohren geschlagen wurde!
Gottes Segen über das Lesefutter der großen Menge und der Jugend! Heil und
Segen denen Lieferanten, die heute in dieser Hinsicht für jene sorgen, welche
nach einem Menschenalter alt, enttäuscht, krank und verdrossen sein werden!
Verdrossen in sehr hohem Maße griff ich jetzt von neuem nach dem, was ich
mit so unendlichem Vergnügen verschlungen hatte, als ich noch jung war und
noch nichts wußte von aller Welt Verständigkeit und Kritik. Die gewöhnlichsten Produkte jener Art, die das Bekannteste, aber auch ewig Gültige in der
abgeschmacktesten Verzerrung bringt — die alten, drolligen, pathetisch-
lächerlichen Geschichten von Eduard und Kunigunde, in all ihren kuriosen
Variationen, das war jetzt etwas für den Doktor Friedrich Langreuter! Diese
schlecht gedruckte und noch schlechter stilisierte Abenteuerlichkeit in Original
und Übersetzung, der süße, haarsträubende, heitere, tränenreiche Unsinn, in den
die Fliederlaube hineingerauscht und geduftet hatte, über den voreinst der Baum
seine roten und weißen Blüten schüttelte, den die Vögel mit ihren Stimmchen
akkompagnierten, über den die weißen Sommerwolken im Himmelblau
hinsegelten, von dem einen der Schulmeister aufscheuchte und in die lateinische
Stunde trieb: Das ließ sich jetzt wieder in den halbvermoderten, abgegriffenen,
übelduftenden, durch tausend und abertausend Hände gelaufenen Bänden nach
seinem unveränderlichen Verdienst würdigen von dem oben genannten Doktor
der Philosophie Friedrich Langreuter!
Da saß der alte Bursche und las wieder, wenn man das überhaupt lesen nennen
konnte. Es genügte eigentlich schon, die guten alten Bekannten in Pappband mit
Lederrücken und Ecken in der Tasche nach Hause getragen und das Titelblatt
aufgeschlagen zu haben. Was war alle klassische Plastik und ästhetische
Wahrheit gegen die Lebendigkeit, mit der sich hier die Karikatur bei der bloßen
Berührung in der Erinnerung füllte? Ach, es waren ja eben nicht bloß Kunigunde
und Eduard mit all ihrer Verwandtschaft in auf- und absteigender Linie, was hier
wieder zu etwas wurde, was lachen, jauchzen, weinen, sich hinter dem Ohre
kratzen, vor Wut außer sich geraten und vor Bekümmernis und Reue sich in den
Winkel verkriechen konnte!
Was hatten Schloß Werden und der Steinhof und die Gärten, Wiesen, Felder
und Wälder ringsum mit den unmöglichen Schlössern, Bauersitzen,
Försterhäusern, Wäldern, Feldern, Wiesen und Gärten dieser närrischen Bücher
gemein? was der gelbe ehrliche Fluß, der durch unsere Jugendwelt rauschte, mit
den so absonderlich prachtvoll blitzenden Wassern, in denen sich dann und wann
die lustig-tragischen und trübselig-komischen Gestalten und Bilder dieser
wundervollen Autoren spiegelten?
Alles! —
Es ist immer eines und dasselbe, dieses unergründliche Meer der Phantasie,
auf das der bedrückte Mensch stets von neuem von dem nüchternen, grämlichen
Ufer der Wirklichkeit hinaussteuert! Es ist immer derselbe Wind in den Segeln!
Wehe dem, der niemals die grauen vier Wände um sich her mit diesem
flimmernden, über die Stunde wegtäuschenden, segensreichen Lichtglanz
überkleiden konnte!
Was ist die nichtige dumme Phrase: Mein Haus ist meine Burg! gegen die so sehr unpolitische, so selten ausgesprochene, und doch so tief und fest, ja
manchmal mit der Angst der Verzweiflung im Herzen festgehaltene
Überzeugung:
Mein Luftschloß ist mein Haus!
So saß ich damals, nachdem wir das kleine Mädchen der Frau Irene begraben
hatten und der Vetter Just ganz beiläufig mir den Namen und die Gestalt und die
Stimme der lieben Eva Sixtus in die Erinnerung zurückgerufen hatte; und da ich
nicht mehr neue Luftschlösser in die ziehenden weißen und rosigen Wolken, in
das Himmelblau, in den Regenhimmel zu bauen vermochte, so — kramte ich
unter den Trümmern der versunkenen und paßte aneinander, was auseinander
gefallen war, und richtete wieder auf — gerade so in der Einbildung wie vor
Jahren, doch leider nicht mehr so fest wie damals. Es war schon lange die Zeit
für mich da, wo der Mensch einzig und allein auf den Riegel an seiner Tür als
den besten Wächter vor seinen guten Augenblicken, Stunden und Tagen
angewiesen ist. Tagen?!… Wer kann, wenn er diese Epoche seines Daseins
erreicht hat, den Riegel einen Tag lang vorgeschoben halten, um versunkene
Luftschlösser wieder aufzubauen?
Die Juniuswinde hatten bereits das Korn in das Land hineingeweht, als
„Thomas Thyrnau“ oder vielleicht auch „St. Roche“ oder „Jakob van der Nees“
das Buch hieß, das auf meinem Tische unaufgeschlagen lag. Jedenfalls aber war
es ein Produkt der Verfasserin von „Godwie Castle“, und die Mädchen, Irene
von Everstein und Eva Sixtus, hatten einst in dem Gartensaale von Schloß
Werden die heißen Köpfe darüber zusammengesteckt und die tränenvollen
Augen verstohlen darüber getrocknet. Und ich hatte das Ding dann auch in
meiner Kammer verschlungen, und Freund Ewald hatte sich in gewohnter
Unverschämtheit nicht nur über das Buch, sondern auch über uns drei ins
altromantische Land Entrückte lustig gemacht. Es war nicht der Band, vor
welchem die wirklich fein, vornehm und gut aussehende Verfasserin und
Lieblingsschriftstellerin Friedrich Wilhelms des Vierten in Stahlstich abgebildet
ist; aber das war auch die einzige Enttäuschung für mich, als ich ihn zu Hause
nach so langen Jahren wieder auf- und sogleich wieder zuschlug. Sonst hielt er
alles, was ich mir davon versprochen hatte, als mir der Zufall den Titel in dem
Leihbibliothekskatalog in die Augen spielte.
Gottlob!
Dieser Ausruf bezog sich auf den Riegel an der Tür, den ich vorgeschoben
hatte, nachdem ich den Schlüssel im Schlosse umgedreht hatte gegen einen
wieder einmal für mich nicht ganz geheuren Tag, der nunmehr in die
sommerliche Abenddämmerung überging. Und es war durchaus kein in
ärgerlicher oder geistig-beschwerlicher und überhasteter Arbeit hingebrachter Tag, sondern einer von den faulen, trägen, apathischen, die, wenn sie einer hinter
dem anderen hinschleichen, auf die Länge noch unerträglicher werden als die
erste Art. O über diese langen, schleppenden Stunden, die bei dem Regsten,
Lebendigsten nach zurückgelegtem dreißigsten Lebensjahre sich einzuschleichen
beginnen und sogar durch den Kampf mit ihnen dann und wann nur vervielfältigt
werden! Das sind die Tage, in denen man sich selber wie ein Charakter in einem
schlechten Romane vorkommen kann, ein unmögliches Geschöpf, mit dem der
Autor eben auch nichts anzufangen wußte. Öde Makulaturstimmung! das ist das
richtige Wort; und — ein Lachen oder Weinen über und um einen scheint es nie
in der Welt gegeben zu haben in dieser Stimmung!
Und nun, wie kam es, daß ich mich plötzlich über die Verfasserin von Godwie
Castle weg auf einer stillen Berglehne, unter der fußhohen Tannenanpflanzung
und im Thymiansduft und der brütenden Abendsonne der Jugendzeit
wiederfand?
Es ist schwierig zu sagen, wie gerade in diesen Fällen seelischer Bedrücktheit
aus Dunkelheit Licht wird; und ich hüte mich auch wohl, die Lösung mit zu
großer Anstrengung zu suchen. Der vorgeschobene Riegel aber tut unbedingt
viel dazu, und um so mehr, je hastiger und verworrener das Leben jenseits der
Tür sich bewegt und vor dem Fenster rauscht……
„Ich bin’s, Herr Doktor!“
„Wer? in aller Plagegeister Namen!“
„Ich, Herr Doktor. Die Witwe Maier. Und dann der fremde Herr wieder, der
heute morgen schon einmal da war und seinen Namen nur Ihnen selber sagen
wollte.“
Ich hatte die Stimme meiner Frau Hauswirtin bereits erkannt.
„I, so wollt’ ich doch!“ Und der sonnige Bergrücken mit seiner
Tannenanpflanzung und seinem Thymiansduft, die Hügel mit ihren Wäldern,
Wiesen und Ackerstreifen nah und fern, der ferne Fluß und die Kirchtürme der
Heimatsdörfer waren versunken: der fremde Herr, der am Morgen während
meiner Abwesenheit bereits einmal dagewesen war und seinen Namen nicht
hatte kundgeben wollen, stand vor mir — stattlich, braunbärtig, breitschulterig
und in einem wohlsitzenden kleidsamen Sommerkostüm. Und anstatt jetzt zuerst
mir seinen Namen zu nennen, reichte er mir die Hand entgegen und sagte mit
dem Ausdruck verzwicktest gelassener Bonhommie:
„Guten Abend, Langreuter.“
Ich aber stand dem langen, festen Menschen gegenüber auf ziemlich
unsicheren Füßen:
„Das ist — ich bin — aber ist denn das?… Ewald?!… mein Gott, Ewald
Sixtus!… Ist es denn möglich?… Ewald Sixtus! Bei allem, was lebt, das bist du?“
„Und du bist das auch!“ sprach der Freund. „Ich habe dich sofort
wiedererkannt, und jetzt sei so gut und nimm meine Hand; ihr braven,
übersinnlichen Zweifler habt gewöhnlich am innigsten das Bedürfnis, euch
durch Befühlen von der Wirklichkeit der Dinge zu überzeugen. Alter Freund
Thomas, ich freue mich unendlich, dich endlich mal wiederzusehen!“
Ich setzte mich, rede aber von den Lauten und Gesten der Überraschung nicht
weiter, sie wiederholen sich wie alles übrige auf Erden. Aber alles, was mir der
Vetter Just neulich von seinem Besuche in Belfast und von diesem Manne
erzählt hatte, glitt jetzt blitzschnell durch mein Gehirn. Der irische Ingenieur aus
Belfast, Herr Ewald Sixtus aus Werden, nahm auch einen Stuhl und setzte sich
gleichfalls und — sah mich von der Seite an.
Eines hatte ich in meiner Einsamkeit zu einer gewissen Vollkommenheit
gebracht: die große Kunst, auf Blicke zu achten, und dieser hob mir nur den
Vorhang von einer uralten Lehre weg:
„Nun, dies ist aber großartig! Er ist ganz der Alte geblieben, und er hat den
Vetter Just und uns alle jetzt nur gerade so zum Narren gehalten wie vor zehn,
fünfzehn oder zwanzig Jahren!“ ……
Wie ein Schleier sank es abermals nieder vor der Zeit, die vor zehn, zwanzig
und noch mehr Jahren war. Schloß und Dorf Werden, die Weser und der Steinhof
lagen abermals im Sonnenlichte; aber durch das Sonnenlicht lief’s wie ein
sonniges, mutwilliges Grinsen, und — Ewald Sixtus hieß einer der Hauptzüge
der schönen Gegend!
„O Ewald!… Willkommen! sei mir herzlich willkommen zu Hause!… Der
Vetter Just — unser Just Everstein hat mich neulich schon von dir gegrüßt!“
„Unmöglich!“ sprach dieser vollkommen irländische Land- und
Wasserbaukünstler trocken. „Och honey, ich erinnere mich nicht, irgend
jemand einen Gruß an Euch mitgegeben zu haben.“
Eine solche Mischung von grünem Erin und den grünsten Wald- und
Wiesengehegen rund um Schloß und Dorf Werden war seit Anfang der Dinge
noch nicht dagewesen und kam vielleicht auch bis zum Ende derselbigen nicht
wieder! Bei allem, was je die Schule schwänzte, den biedersten Nachbar zum
besten hatte und je in die weite Welt auf Abenteuer durchging, was war denn
dies?
Und der Vetter Just war doch ein Mann, der auch allmählich allerlei Menschen
gesehen hatte, und auf dessen Beobachtungsgabe und Urteilskraft man sich jetzt
doch so ziemlich verlassen konnte! Sollte der Vetter Just, der sich so lange unter
den schlauen Amerikanern aufgehalten hatte, dieser Vetter, der es durch mehr als
eine Tat bewiesen hatte, daß man seinen Erfahrungen so ziemlich trauen durfte — sich so sehr geirrt haben? Sollte er wirklich von dem lustigen Werdener Vogel
aus den alten Nestern im Baum an der Gartenhecke so ganz in der alten Weise an
der Nase herumgezogen worden sein?
„Der?!“ fragte der deutsch-irländische Engineer, jetzt um so verschmitzter
grinsend, als er im Moment vorher trocken getan hatte. „Alter Junge, dich hätte
ich doch wenigstens für um ein Atom klüger gehalten. Menschen, ihr seid doch
zu göttlich!… Oh, oh, ah, der Vetter Just! der Vetter Just vom Steinhofe? — Da
lasse ich ihn, als ich, aus der süßen Heimat halb weggejagt, durchgehe, mir
vorangehen, um in der öden Fremde wenigstens einen süßen Trost an etwas aus
dem alten Neste zu haben — und was passiert? Habe ich ihn darum auf seinem
Steinhofe in seiner ganzen absonderlichen Glorie gelten lassen und mich meine
ganzen heimatlichen Flegeljahre hindurch himmlisch über ihn amüsiert, daß er
auf einmal in Belfast wie ein Pastor, der die Tischglocke überhört hat, vor mir
steht und mir Moral, Tugend, heimatliche Gefühle und wer weiß was sonst noch
predigt — durch sein Beispiel? — Kommt man Paddy so?… Ganz gewiß nicht!
Der Vagabondenkönig von Ithaka — wie heißt er doch, Langreuter? — ist gar
nichts gegen ihn, den Vetter Just, sowohl was seine Abenteuer, wie seine
unmenschliche Weisheit, Klugheit und Philosophie anbetrifft. O, und so
herzensgut ist der Kerl — geblieben! Und den Steinhof hat er auch wieder! By
Jingo, lassen muß man es ihm, ein Prachtbursche ist er, und seinen Ruhm für
alle seine famosen Leistungen soll er bedingungslos behalten, wenn er nur — für
mich immer der Vetter — der Vetter Just bleibt. Für mich, der der einzige war,
welcher von Kindesbeinen an euch übrige alle nach allen euren Verdiensten
unparteiisch zu würdigen wußte. Im Ernst, Fritze, es hat mir Mühe genug
gekostet, ihm nicht um den Hals zu fallen und eine spaßhafte Träne ihm auf die
Schulter hin zu weinen. Aber ich sagte dreimal leise: Komtesse Irene von
Everstein! und blieb kühl wie eine saure Gurke. Cool as a cucumber, sagt
drüben auf der Smaragdinsel Blarney O’Shaughnessy, wenn er Tim O’Connor
mit dem Knüppel zu Leibe gehen will, weil der ihn an Großartigkeit und
Heroentum übertroffen hat. Och, faix, it’s a long story, und es
wäre viel davon zu sagen, weshalb ich diesen dummen Mädchennamen dreimal
hersagte, um mir meinen Gleichmut wenigstens äußerlich gegen diesen heillos
gemütlichen Neu-Mindener aufrecht zu erhalten; — nicht wahr, Fritzchen
Langreuter?“
„Das wäre es wohl!“ murmelte ich unwillkürlich, und in demselben
Augenblick packte mein Gast meinen Arm mit einem Griff wie aus Stahl und
Eisen und rief:
„Und was ist es denn, was er mehr ausgerichtet hat als ich? Er sitzt von neuem auf seinem Steinhofe; ich aber — habe Schloß Werden wieder!“ …
Ich sagte nichts, denn ich hatte nichts zu sagen. Die Wunder, die mich der
Herr sehen ließ, ohne daß ich über das Wasser gefahren war, betäubten mich zu
sehr.
„Und hier sitze ich,“ fuhr Ewald Sixtus fort, „um dich aufzufordern,
übermorgen mit mir hinüberzufahren, um that old sheebeen, die alte
Herberge von neuem für — uns in Besitz zu nehmen. Dringende Abhaltung hast
du ja wohl nicht?“
Es war mir zwischen meinem mühseligen Sich-wieder-auf-sich-besinnen
durch dunkel so, als ob auch der Vetter Just neulich einige Male eine ganz
ähnliche Aufforderung zur Reise mit ganz den nämlichen Worten beschlossen
habe, wie der irische Ingenieur.
Mr. Sixtus legte mir zutraulich schmeichelnd die Hand auf die Schulter:
„Es bleibt dabei, du begleitest mich nach Schloß Werden?!“
Ich aber kam in diesem Augenblick nicht einmal dazu, ihn zu fragen, weshalb
er denn, wenn sich alles übrige so verhalte, die Korrespondenz auch mit seinen
nächsten Angehörigen so schmählich vernachlässigt habe?