Briefe von Goethe an Lavater aus den Jahren 1774 bis 1783
Kapitel 10
Ich habe zwey Pakete von dir erhalten, dazwischen eine Lücke war; sieh nach.
In meinem iezigen Leben weichen alle entfernten Freunde in Nebel, es mag so
lang währen als es will, so hab ich doch ein Musterstückgen des bunten Treibens
der Welt recht herzlich mitgenossen. Verdruß, Hoffnung, Liebe, Arbeit, Noth,
Abentheuer, Langeweile, Haß, Albernheiten, Thorheit, Freude, Erwartetes und
Unversehnes, Flaches und Tiefes, wie die Würffel fallen, mit Festen, Tänzen,
Schellen, Seide und Flitter ausstaffirt; es ist eine treffliche Wirthschaft. Und bey
dem allem l. Br., Gott sey Dank, in mir und in meinen wahren Endzwecken ganz
glücklich. Ich habe keine Wünsche als die ich wirklich mit schönem
Wanderschritt mir entgegen kommen sehe.
Es ist dein Schicksal daß ich an dir diese Freude nicht erleben soll. Leb wohl,
grüs alles.
Vor Weimar im Garten
d. 8. Jan. 77.
G.