Briefe von Goethe an Lavater aus den Jahren 1774 bis 1783

Johann Wolfgang von Goethe · Kapitel 38 von 46

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Briefe von Goethe an Lavater aus den Jahren 1774 bis 1783

Kapitel 35

 

Ehe ich auf einige Zeit von hier weggehe, muß ich dir noch einmahl schreiben.

Zuförderst danke ich dir, du Menschlichster, für deine gedruckten Briefe. Es ist

natürlich daß sie das Beste von allen deinen Schrifften seyn müssen. Wie du

vorausgesehen hast, nehmen dir viele, und auch gute Menschen, diesen Schritt

übel, doch du weist am besten was du thun kannst, und fühlst wohl daß dir

erlaubt ist was keinem. Das Menschliche und dein Betragen gegen Menschen

darinnen ist höchst liebenswürdig, und mich macht es recht glücklich, daß ich

keine Zeile anders lese als du sie geschrieben hast, daß ich den inneren

Zusammenhang der manichfaltigen Aeuserungen erkenne. Denn für den

eigentlichen Menschenverstand, was man gewöhnlich so nennet, und worauf

eine gewisse Gattung von Köpfen die andere modelt, ist und bleibt auch hierinn

wie in allen deinen Sachen, manches unverständlich. Selbst deinen Christus hab

ich noch niemals so gern als in diesen Briefen angesehen und bewundert. Dein

122. Brief über dich selbst ist vortrefflich, und du verfehlst deines Endzweckes

nicht, dich durch diese Aeuserungen deinen Freunden und Liebsten immer näher

zu bringen, vor ihnen immer wahrer und ganzer zu erscheinen.

Deine Poesien, davon mir Reich ein Ex. verehrt hat, sind auch mir als

Aufschluß deines Innersten, und als Bild deines äusern Lebens sehr

willkommen. Mit gutem Vorbedacht hast du sie deinen Freunden gewidmet,

denn sie schließen sich so an deine Individualität an, daß niemand der dich nicht

liebt, und nicht kennt, eigentlich was damit zu machen weiß.

Unser Bildhauer hat eine vortreffliche Büste von Herder gemacht, davon dir

auch ein Abguß zugeschickt werden soll. Du wirst, auch ohne ihn zu kennen, an

ihrer wahren Unwahrheit wieder deine grose Freude haben.

Was die geheimen Künste des Caliostro betrifft, bin ich sehr mistrauisch

gegen alte Geschichten. Glaube mir, unsere moralische und politische Welt ist

mit unterirdischen Gängen, Kellern und Cloacken miniret wie eine grose Stadt

zu seyn pflegt, an deren Zusammenhang, und ihrer Bewohnenden Verhältnisse

wohl niemand denckt und sinnt, nur wird es dem, der davon einige Kundschafft

hat, viel begreiflicher, wenn da einmal der Erdboden einstürzt, dort einmal ein

Rauch aufgeht aus einer Schlucht, und hier wunderbare Stimmen gehört werden.

Ich habe der Schultheß den Anfang eines neuen Dramas geschickt, lies es

auch wenn du Zeit findest, und zeigt mir es sonst niemand. Tobler wird dir

geschrieben haben seitdem er von uns weg ist, wir haben ihn gar lieb gewonnen,

und es ist ihm bey uns so wohl gewesen, als unter seinen Umständen möglich

war.

Grüse deine Frau, und gedenckt meiner am braunen Tische. Grüse auch

Pfenninger und die Orells.

Schließlich bitte ich dich fortzufahren, mir mit deinem Geiste und deiner Art

wohl zu thun und nüzlich zu seyn, und mir, wenn du etwas über, vor, oder wider

mich weist, es nicht zu verheelen, sondern wie bisher, und wo möglich noch

mehr, eine gute und lebendige Wirckung unter uns zu erhalten.

 

Weimar den 22. Juny

1784.

 

G.