Briefe von Goethe an Lavater aus den Jahren 1774 bis 1783
Kapitel 35
Ehe ich auf einige Zeit von hier weggehe, muß ich dir noch einmahl schreiben.
Zuförderst danke ich dir, du Menschlichster, für deine gedruckten Briefe. Es ist
natürlich daß sie das Beste von allen deinen Schrifften seyn müssen. Wie du
vorausgesehen hast, nehmen dir viele, und auch gute Menschen, diesen Schritt
übel, doch du weist am besten was du thun kannst, und fühlst wohl daß dir
erlaubt ist was keinem. Das Menschliche und dein Betragen gegen Menschen
darinnen ist höchst liebenswürdig, und mich macht es recht glücklich, daß ich
keine Zeile anders lese als du sie geschrieben hast, daß ich den inneren
Zusammenhang der manichfaltigen Aeuserungen erkenne. Denn für den
eigentlichen Menschenverstand, was man gewöhnlich so nennet, und worauf
eine gewisse Gattung von Köpfen die andere modelt, ist und bleibt auch hierinn
wie in allen deinen Sachen, manches unverständlich. Selbst deinen Christus hab
ich noch niemals so gern als in diesen Briefen angesehen und bewundert. Dein
122. Brief über dich selbst ist vortrefflich, und du verfehlst deines Endzweckes
nicht, dich durch diese Aeuserungen deinen Freunden und Liebsten immer näher
zu bringen, vor ihnen immer wahrer und ganzer zu erscheinen.
Deine Poesien, davon mir Reich ein Ex. verehrt hat, sind auch mir als
Aufschluß deines Innersten, und als Bild deines äusern Lebens sehr
willkommen. Mit gutem Vorbedacht hast du sie deinen Freunden gewidmet,
denn sie schließen sich so an deine Individualität an, daß niemand der dich nicht
liebt, und nicht kennt, eigentlich was damit zu machen weiß.
Unser Bildhauer hat eine vortreffliche Büste von Herder gemacht, davon dir
auch ein Abguß zugeschickt werden soll. Du wirst, auch ohne ihn zu kennen, an
ihrer wahren Unwahrheit wieder deine grose Freude haben.
Was die geheimen Künste des Caliostro betrifft, bin ich sehr mistrauisch
gegen alte Geschichten. Glaube mir, unsere moralische und politische Welt ist
mit unterirdischen Gängen, Kellern und Cloacken miniret wie eine grose Stadt
zu seyn pflegt, an deren Zusammenhang, und ihrer Bewohnenden Verhältnisse
wohl niemand denckt und sinnt, nur wird es dem, der davon einige Kundschafft
hat, viel begreiflicher, wenn da einmal der Erdboden einstürzt, dort einmal ein
Rauch aufgeht aus einer Schlucht, und hier wunderbare Stimmen gehört werden.
Ich habe der Schultheß den Anfang eines neuen Dramas geschickt, lies es
auch wenn du Zeit findest, und zeigt mir es sonst niemand. Tobler wird dir
geschrieben haben seitdem er von uns weg ist, wir haben ihn gar lieb gewonnen,
und es ist ihm bey uns so wohl gewesen, als unter seinen Umständen möglich
war.
Grüse deine Frau, und gedenckt meiner am braunen Tische. Grüse auch
Pfenninger und die Orells.
Schließlich bitte ich dich fortzufahren, mir mit deinem Geiste und deiner Art
wohl zu thun und nüzlich zu seyn, und mir, wenn du etwas über, vor, oder wider
mich weist, es nicht zu verheelen, sondern wie bisher, und wo möglich noch
mehr, eine gute und lebendige Wirckung unter uns zu erhalten.
Weimar den 22. Juny
1784.
G.