Briefe von Goethe an Lavater aus den Jahren 1774 bis 1783
Kapitel 5
1 7 7 5 .
Freitag den 21. Dez. Nach einem herrlichen Wintertag, den ich meist in freyer
Luft Morgens mit dem Herzog, Nachmittag mit Wielanden zugebracht habe,
ziemlich müd und ausgelüfftet von der Eisfahrt, siz ich bey W. und will sehen
was ich an dich zusammen stopple über die mir geschickten Cap. der Phis: —
kurz genug und wills Gott bündig und treffend, das ist alles. Denn Ausspinnens
ist jezt nicht Zeit, der ich in verbreiteter Wirthschafft, und Zerstreuung von
Morgens zu Nacht umgetrieben werde. Wieland hat mir seine Gefühle gegeben,
und so wird alles gut werden. Ich geh auch wohl nach Leipzig, hast du nun da
was so schreibe bey Zeiten und laß michs ausrichten.
Weiter braucht der Herzog einen Generalsuperintendenten. Er fragte mich
drum, ich nannt ihm Herdern. Der wie du vielleicht weißt noch nicht ganz gewiß
nach Göttingen geht. Der Herzog trug mir auf dich zu fragen: wen du
vorschlügst? sag mir also ein Wort hierüber, und wen du sonst in Ermangelung
Herders vorschlagen könntest.
Ich bin hier wie unter den Meinigen, und der Herzog wird mir täglich werther,
und wir einander täglich verbundener.
Grüs mir alles! Von Paßavant hab ich liebe Briefe. Auch von Zimmermann,
der mir deinen guten Muth meldet.
Morgen geh ich über Jena nach Waldeck, wilde Gegenden und einfache
Menschen aufzusuchen. Addio. Mir geht alles nach Herzenswunsch, auch Dir
geh es so.
G.
Bäben kann sich auch wieder einmal erheben mir zu schreiben. Grüs dein
Weib. Sey mir nicht gar zu Lakonisch.