Briefe von Goethe an Lavater aus den Jahren 1774 bis 1783
Kapitel 21
Weimar den 6. Merz 1780.
Es ist nun lieber Bruder alles nach und nach angekommen und ich vermisse
nichts als den schönen Hieronymus des Herzogs von Füeslien gekauft. Hast du
ihn etwa aus dem Rahmen gethan und unter die andern Kupfer gelegt? Unter
deinen sind vier Abdrücke von diesem Stück, doch keiner der mir so schön
däucht als die Erinnerung von ienem. Deine lezten Albrecht Dürers sind endlich
auch angekommen, sind beim Buchbinder der sie los weicht und es soll nicht
lange mehr währen so sind sie in Ordnung, doch hätt’ ich geglaubt du wärst
reicher als du nicht bist. Ich will dir deswegen gleich ein Verzeichnis der
fehlenden schiken damit du von deiner Seite, wie ich von der meinigen arbeiten
kannst, sie zusammen zu schaffen. Denn ich verehre täglich mehr die mit Gold
und Silber nicht zu bezahlende Arbeit des Menschen, der, wenn man ihn recht
im Innersten erkennen lernt an Wahrheit Erhabenheit und selbst Grazie nur die
ersten Italiener zu seinesgleichen hat. Dieses wollen wir nicht laut sagen. Lukas
von Leyden ist auch ein allerliebster Künstler.
An dem Bild der Madonna in Egypten das du geschikt hast ist alles vortreflich
wo die Spur der ersten Hand noch sichtbar ist. Und wenn es nicht so viel von
Ausbesserern übermahlt wäre sollt es ein unschäzbar Bild seyn. Laß mir doch
lieber Bruder einen Riß von eurer Dörrmaschine machen und einen kleinen
Aufsaz darüber fertigen.
Für die Skize von Füesly dank ich dir recht herzlich.
Heideggern magst du im Namen des Herzogs danken. Was soll des Menschen
Zuthulichkeit? Ich glaube es ist das gescheutste man läßt ihm einmal ein paar
hübsche Landschaften von Krause ausführen und schickt’s ihm dagegen.
Ich habe selbst eine schöne Sammlung von geistigen Handrissen, besonders in
Landschaften, auf meiner Rükreise zusammengebracht, passe doch ein wenig
auf, dir geht ia so viel durch die Hände, wenn du so ein Blat findest, woraus die
erste schnellste unmittelbarste Aeusserung des Künstlergeistes gedrukt ist, so laß
es ia nicht entwischen wenn du’s um leidliches Geld haben kannst. Mir macht’s
ein besonders Vergnügen. Deine Offenbahrung findet überall vielen, und den
rechten Beifall, wegen des übrigen sei unbesorgt; dein Buch muß sein und bleiben was es ist. Meine Grillen gehören nicht hierher, denn wenn mir auffällt
daß durch den Text so wohl als durch deine Arbeit die rasche Gesinnung Petri
worüber Malchus ein Ohr verlohr durchgehet, so hat das bei tausend und
tausenden nichts zu bedeuten. Ich will auch nicht behaupten daß mein Gefühl
das reinste ist, ich kann mich aber nicht überwinden den Inhalt des Buchs für
evangelisch zu halten. Jezt da es andre lesen und mir sagen wie es ihnen
vorkommt, seh ich erst recht die trefliche Art wie du es behandelt hast und dein
poetisches Verdienst bei der Sache ein. Schreib mir doch wer der Rammont in
Colmar ist der an Petern noch was zu fordern hat. Ich habe endlich das Geld
gekriegt und auf der Frankfurter Messe wird unser Banquier auch die Schuld an
Salis berichtigen, obgleich das was er von Thomas Feurern zu fordern hat, das
nicht ich sonder Lindaus Erben zu bezahlen haben, zurückbleibt.
Halte künftighin meine Briefe hübsch in Ordnung und laß sie lieber heften wie
ich mit den Deinigen auch thun werde, denn die Zeit vergeht, und das wenige
was uns übrig bleibt wollen wir durch Ordnung Bestimmtheit und Gewißheit in
sich selbst vermehren. Daß du so geplagt bist mit kleinen Geschäften ist nun
einmal Schicksal. In der Jugend traut man sich zu daß man den Menschen
Palläste bauen könne, und wenn’s um und an kömmt so hat man alle Hände voll
zu thun um ihren Mist beiseite bringen zu können. Es gehört immer viel
Resignation zu diesem ekeln Geschäft, indessen muß es auch sein.
Steiner ist nicht zu uns gekommen, sondern wie ich höre in Dresden. Ich habe
die zwei Carolin an Herdern bezahlt der sie ihm übermachen wird. Grüse Bäben,
ich schreib und schike ihr bald. Grüse Frau und Kinder, und was Kayser dir giebt
schicke mir bald.
Adieu
G.
Dein Br. vom 26. kommt noch vor Abgang dieses. Verdirb nichts an der
Apokalypse. Werke des Gedankens feilt und säubert man nie genug, aber so was
verliert wenn du das weg nimmst was Auswuchs scheinen könnte. Ich müßte zu
weitläufig werden um etwas bestimmtes zu sagen, ich weis es ia du verstehst
mich. Es thut dein Werk den Menschen wohl und zeugt von dir.
Daß du mit meinem Inri nichts gemeines hast versteht sich, ich dachte nicht
daß dus lesen würdest. Es sind so viel Stufen, Gruppen, Treppen und Thürgen
von deiner Giebelspize bis zu so einem Hauswinkelgen, die du Gott sey Dank
nie auch nur aus Neugierde heruntergehen kannst.
Adieu! Adieu!
Der Herzog hat sich die Haare abschneiden lassen, es ist eine ganz neue Dekoration, ich will dir zum Spas die Silhouette schicken.
Des armen schlesischen Schaafs erbarme sich Gott und des Lügenpropheten
der Teufel.
G.