Briefe von Goethe an Lavater aus den Jahren 1774 bis 1783
Kapitel 15
Lieber Bruder, deine Leute hier hab ich meist gesehen, Kirchbergern noch heut
Abend spät anderthalb Stunden auf seinem Landhaus gesprochen. Es ist ein
Mann mit dem sich gut reden läßt und ich habe die Zapfen meiner Gefäse, wie er
angeklopft hat, gar freundlich ausgezogen, und mir auch dagegen von dem
seinigen reichen lassen. Auf alles was er gefragt hat, hab ich ihm in meiner Art
geantwortet, und durch Gleichnisse und Anschlagen wurden wir bald bekannt.
Auch hab ich ihm hie und da mehr gesagt, als er gefragt hat, denn es hängt alles
gar hübsch bey ihm zusammen und er hat für sein Alter und daß er viel für sich
durchdacht hat, eine schöne Gelenksamkeit der Gedanken.
Nun wirds weiter gehn. Verschiedene Packete sollen an dich geschickt
werden, hebe mir sie auf. Wir gehen auf Lausanne und Genv. Bey Neuburg sind
wir schon gewesen und thut mir leid die G*** nicht zu sehen, ich schick ihr
deinen Brief. Wenn du mir was noch zu sagen hast, so schicks an Toblern den
ich gewiß aufsuche. Von Genf hörst du weiter von mir.
Was der treue Cameralische Okulist mit dem Br. Herzog will, versteh ich
außer dem Zusammenhang nicht. Wenn’s so ist wie ich vermuthe, mag er’s
immer noch ein Paar Jahrhunderte aufschieben, und es soll auch dann wills Gott
nicht passen. Es ist nur seit man den Kazzen weisgemacht hat, die Löwen
gehören in ihr Geschlecht, daß sich ieder ehrliche Hauskater zutraut er könne
und dürfe Löwen und Pardeln die Tazze reichen und sich brüderlich mit ihnen
herumsielen die doch ein vor allemal von Gott zu einer andern Art Thiere
gebildet sind. Adieu. Eh wir Zürich nahen hörst du mehr von mir.
Bern d. 17. Okt. 79.
Grüs dein Weib und die kleine, es soll mich wundern ob und wie wir uns
verändert finden.