Briefe von Goethe an Lavater aus den Jahren 1774 bis 1783

Johann Wolfgang von Goethe · Kapitel 27 von 46

PDF-Seiten

Briefe von Goethe an Lavater aus den Jahren 1774 bis 1783

Kapitel 24

 

Mit Verlangen erwart’ ich die Fortsezung deiner Briefe über Wasern. Biß iezt

sind nur die zwei ersten angekommen. Es geht mit dieser Sache, wie mit allen

wichtigen Begebenheiten, iedermann spricht davon und urtheilt drüber und

niemand ist davon unterrichtet. Lipsen erwarten wir. Du wirst wohl thun mir

etwas von dem Plane zu schreiben, den du mit ihm hast, worauf er ausgeht und

wohin er geht.

Mochels Urne hab’ ich auch gelesen, oder vielmehr etlichemal hin und her

geblättert, denn durchzulesen war ich’s nicht im Stande. Dein Lob ist

übertrieben. Wie kannst du sagen: Vortreflich geschrieben? da der Verfasser

weder Freiheit im Begriff noch im Stil hat, es sind Seiten wo die Perioden so in

einander geknüttet sind, dass man sie etliche mal lesen muß um zu rathen, was er

will. Ich will nicht sagen daß es schlecht geschrieben, aber es ist doch so eng!

und an den Hauptpunkten sind ihm die Gedanken wie weggeschnitten. Die

Armseeligkeit sieht, wie einzelne Felsgen aus einem grossen See, hier aus der

weitläuftigen Märte von Stuben-Experimental-Psychologie heraus, daß man gar

wohl schliessen kann, auf was vor einem Grund und Boden das Gewässer ruht.

Kaufmannen hätte man noch weit treffender schildern können, und was von dir

und seinen übrigen Freunden gesagt ist läßt sich noch sehr halten, ich wollte

allenfalls den Spargel schon tiefer aus der Erde herausgehoben haben, dieser

Ehrenmann ist billig genug, ihn nur so weit er grün ist und hervorgukt

abzuschneiden.

Herder hat wieder einen Preiß in Berlin gewonnen, wie du wohl schon aus den

Zeitungen wissen wirst. Ich hab die Abhandlung noch nicht gelesen. Es war zu

gleicher Zeit in einem andern Fach einer aufgestellt den er auch hätte gewinnen

können wenn er nur gewollt hätte.

Wieland ist gegen dich sehr gut gesinnt. Er hat seine Launen und bedenkt,

sonderlich in Prosa, nicht immer alles was er schreibt. Ich weis es zwar nicht,

aber es ist möglich, daß dir zu Ohren gekommen ist, er habe in einer und der

andern Stelle dich zu necken geschienen, es ist aber gewiß nichts als höchstens

eine Art von humoristischem Leichtsinn, der sich dieses und ienes ohne

Consequenz erlaubt. Ich habe ihn geradezu selbst drüber gefragt und er hat mich versichert daß er sich keiner als guter Gesinnungen gegen dich bewußt sey.

Sein Oberon wird, so lang Poesie Poesie, Gold Gold und Crystall Crystall

bleiben wird, als ein Meisterstück poetischer Kunst geliebt und bewundert

werden.

Daß der alte Bodmer, der einen grosen Theil des zurückgelegten 18ten

Jahrhunderts durchgedichtet hat, ohne Dichter zu sein, über eine solche

Erscheinung wie der Schuhu über eine Fakel sich entsezt, will ich wohl glauben.

Der arme Alte, der sich bei seinem ewigen Geschreibe nicht Einmal durch den

Beifall des Publici hat anerkannt gesehen, was doch weit geringern als ihm

passirt ist, muß freilich bei allen solchen Produktionen einen unüberwindlichen

Ekel empfinden. Ob Oberon dir etwas sein wird glaub ich nicht, davon ist aber

auch die Rede nicht. Von Hirzeln hab’ ich den zweiten Theil seines

philosophischen Weltweisen nicht erhalten, sag ihm daß ich darüber betrübt bin,

es ist aber eine Lüge, denn es ist mir scheuslich, was dieser Mensch von sich

giebt.[5]

Der Prophet der euch den Untergang drohet heißt Ziehen war Pfarrer zu

Zellerfeldt auf dem Harz. Er ist vor kurzem gestorben. Die Erdbeben die er

vorausgesagt hat sind eingetroffen. Was ich noch von ihm gesehen habe daraus

scheint mir ein tiefes Gefühl, aber eine kurzsinnige, durch ausgebreitete

Belesenheit nicht aufgeheiterte Combinationsart hervorzuscheinen. Er hängt

alles an einander, und citirt die Bibel wie die Evangelisten das alte Testament.

Grüs deine Frau und Kinder. Ich wünsche dir herzlich wieder ein bleibendes

Geschöpf mehr ins Haus, und ihr Gesundheit und guten Muth zur

Schwangerschafft.

Schicke die Zeichnung der Dörrmaschine. Einandermal laß uns akkordiren eh

wir bestellen. Ich dächte wir könnten das gelernt haben.

Grüs Bäben. Sie mag mir ia die Composition von Kaysern auf meine

Wassertropfen schicken. Laß dir Wasers Nachrichten angelegen seyn, auch eine

Silhouette von ihm. Knebeln gönnst du gewiß was du von Zeit entübrigen

kannst.

Wären wir nur um 100 Stunden näher. Schreibe mir oft daß man sich lebendig

bleibt.

Passe ia auf die Dürers auf.

Die Genci ist angekommen leider ein wenig verschoben, laß künftig die

Packer aufmerksamer seyn. Die Kupfer meist verwischt. Auch an den Füslis.

Wofür ich dir danke. Lebe aber und abermal wohl, und laß uns einander stärken

im Edlen, und erhalten im Licht, denn des lumpigen und dämmrigen ist gar zu

viel in der Welt.

d. 3. Juli 80.

 

G.

 

NB. Ich bin Freimaurer geworden! Was sagt ihr dazu?

 

[5] Hans Caspar Hirzel † 1803, bekannt durch seine Schriften: „Wirthschaft eines philosophischen

Bauers (Kleinjogg)“ und „Hirzel an Gleim über Sulzer den Weltweisen.“