Briefe von Goethe an Lavater aus den Jahren 1774 bis 1783
Kapitel 27
Ostheim vor d. Rhön, August 1780.
Erst heute erhalte ich deine Briefe vom 2ten und 9ten dieses Monats, wir sind
in einigen entfernten Aemtern gewesen des Fürstenthums Isenach, und sahen
verschiedene neue, gute und nüzliche Veranstaltungen in der Nähe, die seit
vergangenem Frühjahr im Werck sind.
Das Tagewerck das mir aufgetragen ist, das mir täglich leichter und schwerer
wird, erfordert wachend und träumend meine Gegenwart, diese Pflicht wird mir
täglich theurer, und darinn wünscht ich’s den größten Menschen gleich zu thun,
und in nichts größerm. Diese Begierde, die Pyramide meines Daseyns, deren
Basis mir angegeben und gegründet ist, so hoch als möglich in die Luft zu
spizzen, überwigt alles andere, und läßt kaum augenblickliches Vergessen zu. Ich
darf mich nicht säumen, ich bin schon weit in den Jahren vor, und vielleicht
bricht mich das Schicksaal in der Mitte, und der Babylonische Thurm bleibt
stumpf unvollendet. Wenigstens soll man sagen es war kühn entworfen, und
wenn ich lebe, sollen wills Gott die Kräffte bis hinauf reichen.
Auch thut der Talismann einer schönen Liebe womit die St. mein Leben würzt
sehr viel. Sie hat meine Mutter, Schwester, und Geliebten nach und nach geerbt,
und es hat sich ein Band geflochten wie die Bande der Natur sind.
Adieu Liebster, bleibe mir nah im Geist. Mit den Dürers die langsam gehen,
kommen Blumen und Kräuterbüschel die ich am Weg sammle. Laß sie nur
wenige sehen, und nur keinen prätendirenden Schriftsteller, die Buben haben
mich von ieher aus und nachgeschrieben, und meine Manier vor dem Publiko
lächerlich und stinckend gemacht.
Schicke mir was dich däucht.
Auf deine Offenbarung wart ich, deine Veränderungen sollen mir
Unterhaltung mit dir und ein Studium ächter Kritik seyn.
Herder fährt fort sich und andern das Leben sauer zu machen.
Der Herzog ist sehr gut und brav. Wenn ich nur noch einigen Raum für ihn
von den Göttern erhalten kann. Die Fesseln an denen uns die Geister führen,
liegen ihm an einigen Gliedern gar zu enge an, da er an andern die schönste
Freiheit hat.
Seitdem ich keine Phisiognomische Prätension mehr mache, wird mein Sinn
sehr scharf und lieblich, ich weiß fast in der ersten Minute wie ich mit den
Leuten dran bin.
Im Phisiognomischen sind mir einige Hauptpunkte deutlich geworden, die dir
wohl längst nichts neues sind, mir aber von Wichtigkeit wegen der Folgen.
Hab ich dir das Wort
Individuum est ineffabile
Woraus ich eine Welt ableite, schon geschrieben?
Wegen des Bodm. Manuscripts ist es gut. Grüße B. und deine Frau.
G.