Briefe von Goethe an Lavater aus den Jahren 1774 bis 1783

Johann Wolfgang von Goethe · Kapitel 4 von 46

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Briefe von Goethe an Lavater aus den Jahren 1774 bis 1783

Kapitel 2

 

A n L a v a t e r n .

 

Dein Schwager bringt dir nichts. Doch will ich verschaffen daß ein Mspt. dir

zugeschickt werde. Denn bis zum Druck währts eine Weile. Du wirst grosen Teil

nehmen an den Leiden des lieben Jungen den ich darstelle. Wir gingen neben

einander, an die sechs Jahre ohne uns zu nähern. Und nun hab ich seiner

Geschichte meine Empfindungen geliehen und so machts ein wunderbares

Ganze.

Da schick ich dir ein Profil. Der Kerl (sagt man) war Steuermann, hat in der

Sklaverey zu Tunis viel ausgestanden, und zieht nun in der Welt herum

Mitleiden zu erregen. Ich hab ihn nach dem Leben gezeichnet. Das ist nur indeß

flüchtige Copie davon, das Original drückt besser den Eigensinn im Leiden, und

das niedergedrückte einer starken Menschheit aus. Du sollsts auch haben.

Die Stirn Höhe ist übertrieben. Oder vielmehr sas er zu Zeiten mehr als Profil,

da wölbte es sich so stark. Adieu Bruder ich bin nicht laß, so lang ich auf der

Erde bin erobre ich wenigstens gewiß meinen Schritt Lands täglich! Steiner hat

gefunden daß mein Portrait das du hast nicht ich sey. Er ist ein gar lieber Mann.

 

Am 26. Apr. 1774.