Briefe von Goethe an Lavater aus den Jahren 1774 bis 1783
Kapitel 14
A n H e r r n C a s p a r L a v a t e r n a c h Z ü r i c h .
Thun d. 8. Oktbr. 79.
So nah bin ich bey dir l. Br. wie dir der Ruf schon wird gemeldet haben.
Wir sind im Begriff auf die Gletscher so weit es die Jahrszeit erlaubt zu gehen.
Dann solls noch durch einen Umweg zu dir.
Schreibe mir doch mit umlaufender Post nach Bern in den Falken ein Wort ob
etwa in Bern Lausanne Genf Luzern Zug &c. einige Menschen sind, die du
kennst und die zu kennen mir auch Freude machte, ich will sie besuchen und von
dir grüsen und dir ihre Grüse bringen.
Ja lieber Bruder dich wieder zu sehen, ist einer meiner beständigsten Wünsche
diese vier Jahre her und wird nun auch bald erfüllt.
Ich habe dir viel zu sagen, und viel von dir zu hören, wir wollen wechselsweis
Rechnung von unserm Haushalten ablegen, einander seegnen, und für die
Zukunft stärken, wieder ganz nah zusammenrudern und uns freuen daß wir noch
in einer Luft athemholen. Von dem was ich mitbringe unterhalt ich dich nicht im
Voraus.
Mein Gott dem ich immer treu geblieben bin hat mich reichlich geseegnet im
Geheimen, denn mein Schicksal ist den Menschen ganz verborgen, sie können
nichts davon sehen noch hören. Was sich davon offenbaren läßt, freu ich mich in
dein Herz zu legen. Adieu Bruder. Bisher sind wir glücklich gereist, bete auch
daß uns die himmlischen Wolken günstig bleiben, und wir an allen Gefahren
vorüber gehn.
G.
Sonntag d. 10ten denk ich sollst du diesen Brief haben und Dienstag den 12
könnte nach der Postrechnung ein Brief von dir wieder in Bern seyn. Auf alle
Fälle schreibe so bald du kannst.