Briefe von Goethe an Lavater aus den Jahren 1774 bis 1783

Johann Wolfgang von Goethe · Kapitel 35 von 46

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Briefe von Goethe an Lavater aus den Jahren 1774 bis 1783

Kapitel 32

 

Den 18. März 1781.

 

Die Stille von Sonntagsfrüh will ich benutzen um mich mit dir mein Lieber zu

unterhalten.

Was du mir in dem Brutus schenktest hast du wohl gewußt. Ich danke dir

tausendmal. In der Mäßigkeit und Mittelmäßigkeit des Lebens tritt eine solche

Erscheinung ungeheuer würkend auf. Wir legens aus, daß es der Moment sey wo

er den Geist sieht. Ist’s so gemeynt? Deine Auslage ersez ich mit Freuden.

Auf die überschickten Gemählde wart ich mit Schmerzen, das Grose ist so

selten. Halten wir die Trümmer der Statuen so wehrt, klauben wir sie aus dem

Greuel der Verwüstung und der Restauration so ängstlich hervor, warum nicht

Gemählde.

Es ist mir leid daß dir in meinem didacktischen Briefe etwas mißfallen hat. Ich

habe die Art wenn eine Sache auseinander zu sezzen ist grade mit dem Schwerdt

drein zu gehn, es offt zu scharf, und nicht immer fein genug zu nehmen. Zu

diesem Fehler bekenn ich mich im allgemeinen, ziehe auch in diesem Falle das

ab, und zweifle nicht an meinem Glauben an dich Ganzen.

Du machst mir wohl da du sagst daß du gesund seyst. Erhalt uns Gott lange

auf dieser schönen Welt, und in Kraft ihr zu dienen und sie zu nutzen. Mit mir

stehts auch gut. Besonders innerlich. In weltlichen Dingen erwerb ich täglich

mehr Gewandtheit, und vom Geiste fallen mir täglich Schuppen und Nebel daß

ich denke er müßte zulezt ganz nackend dastehn, und doch bleiben ihm noch

Hüllen genug.

Die Mannssilhouette will mir verständig, wohl einsehend, fest, fein, und

kältlich scheinen. Sag mir mehr und recktifizire, fern von dir und deinem Einfluß

lern ich täglich zurück.

Calliostro ist immer ein merkwürdiger Mensch. Und doch Stock Narr mit

Kraft, und Lump so nah verwandt. Ich darf nichts drüber fragen. Ich bin über

diesen Fleck unbeweglich. Doch lassen solche Menschen Seiten der Menschheit

sehen, die im gemeinen Gange unbemerkt blieben.

Daß du meiner mit Br. im Guten gedacht hast erfreut mich. Das gewisse

Andenken guter Menschen hat einen grösern Einfluß auf unser Leben, Charackter und Schicksaal als man sonst den Sternen zuschreibt.

Ueber Peter im Baumgarten ein besonderes Blätgen das du an Tscharner

schicken kannst.

Hast du des alten Königs Schrift über die D. Litteratur gelesen und was sagst

du dazu? Lessings Tod hat mich sehr zurückgesezt, ich hatte viel Freude an ihm,

und viel Hoffnung auf ihn.

Nun weis ich bald nichts mehr.

Kayser ist recht gut hier, er hört und sieht viel Musick und Menschen. Ich

habe Absichten mit ihm, davon mehr wenn sie reifer sind.

Grüs Bäben! Ihr bin ich lange einen Brief schuldig. Leb wohl. Grüs Frau und

Kinder und sage mir etwas von ihnen.

Nun fang ich wieder an zu leben da um mich herum alle Knospen sich zu

regen anfangen. Adieu. Nochmals Dank für den Brutus.

 

G.