Briefe von Goethe an Lavater aus den Jahren 1774 bis 1783
Kapitel 25
Mir ist herzlich lieb, daß du uns durch Kn. näher kommst. Gewiß ist, daß an so
einem kleinen Orte, wo eine Anzahl wunderbarer moralischer Existenzen sich an
einander reiben, eine Art von Gährung entstehen müsse, die einen lieblich
säuerlichen Geruch hat, nur gehts uns manchmal wie einem der den Sauerteig
selbst essen sollte. Es ist eine böse Kost. Aber wenn es in kleiner Portion zu
anderem Maal gebracht wird, gar schmackhaft und heilsam.
Daß du Freude an meiner Iphigenie gehabt hast, ist mir ein außerordentlich
Geschenk. Da wir mit unsern Existenzen so nah stehen, und mit unsern
Gedanken und Imaginationen so weit aus einander gehn, und wie zwey
Schützen, die mit dem Rücken an einander lehnend, nach ganz verschiedenen
Zielen schießen; so erlaub ich mir niemals den Wunsch, daß meine Sachen dir
etwas werden könnten. Ich freue mich deswegen recht herzlich, daß ich auch mit
diesem wieder ans Herz gekommen bin.
Adieu. Die Dürers schick ich gleich wenn die, die du dazu schicken willst,
einrangirt sind. Du hast recht ich treibe die Sachen, als wenn wir ewig auf Erden
leben sollten.
Knebeln inliegendes.
Ich bin neugierig, ob du an der Apokalypse nichts verdorben hast. Mir ists
neulich so gegangen, daß ich habe aus einem Stück ein Duzzend Verse heraus
korrigirt, die ich, da es der Herzog zu sehen kriegte, wieder restituiren mußte.
Grüse Bäben. Schicke von Wasern bald. Adieu Bester. Der Herzog grüßt.
d. 24. Jul. 80.
G.
Wir werden zwar in unserm Leben keine grosse Phisiognomen werden, doch
thust du wohl, wenn du uns auch etwas mittheilest. Bei Gelegenheit von
Wielands Oberon brauchst du das Wort Talent als wenn es der Gegensatz von
Genie wäre, wo nicht gar, doch wenigstens etwas sehr subordinirtes; wir sollten
aber bedenken, daß das eigentliche Talent nichts sein kann als die Sprache des
Genies. Ich will nicht schikaniren, denn ich weiß wohl, was du im Durchschnitt damit sagen willst, und zupfe dich nur beym Ermel. Denn wir sind oft gar zu
freigebig mit allgemeinen Worten, und schneiden, wenn wir ein Buch gelesen
haben, das uns von Seite zu Seite Freude gemacht, und aller Ehren werth
vorgekommen ist, endlich gern mit der Scheere so grade durch, wie durch einen
weisen Bogen Papier. Denn wenn ich ein solches Werk auch bloß als ein
Schnitzbildgen ansehe, so wird doch der feinsten Scheere unmöglich, alle
kleinen Formenzüge und Linien, worinn der Werth liegt, heraus zu sondern. Es
ist nachher noch eins, was man nicht leicht an so einem Werke schäzt, weil es so
selten ist; daß nemlich der Autor nichts hat machen wollen und gemacht hat als
was eben da steht. Für das Gefühl, die Kunst und Feinheit so vieles wegzulassen
gebührt ihm freilich der größte Dank, den ihm aber auch nur der Künstler und
Mitgenosse giebt.
Was deine dickhirnschaaligen Wissenschaftsgenossen in Zürich betrift und
was sie von Menschen die unter einem anderen Himmel gebohren sind, reden,
bitt ich dich, ia nicht zu achten. Die größten Menschen die ich gekannt habe, und
die Himmel und Erde vor ihrem Blick frei hatten, waren demüthig und wußten,
was sie Stufenweis zu schäzen hatten. Solches Kandidaten und Klostergesindel
ziert allein der Hochmuth. Man lasse sie in der Schellenkappe ihres
Eigendünkels sich ein wechselseitiges Conzert vorrasseln. Unter dem
republikanischen Druck und in der Atmosphäre durchschmauchter
Wochenschriften und gelehrter Zeitungen würde ieder vernünftiger Mensch auf
der Stelle toll. Nur die Einbildung, Beschränkung und Albernheit erhält solche
Menschen gesund und behaglich.
G.
Sage Kaysern, daß ich indeß auf 12 Exemplare subscribire. Grüse B.