Briefe von Goethe an Lavater aus den Jahren 1774 bis 1783
Kapitel 20
Weimar den 7. Febr. 1780.
Ich muß dir von dem was bisher vorgefallen Nachricht geben. Angekommen ist,
ausser deinem letzten Transp. von dem du schreibst wo bei der Corregge ist,
alles ganz glüklich. Der Hamilton zulezt, und zugleich dein Paquet mit der
Abschrift der Offenbahrung. Ich muß sagen ie mehr ich die ersten Capitel lese, ie
mehr gefallen sie mir, auch finden sie bei iedermann Beifall. Nicht so ist es mit
der zweiten Hälfte des Buchs. Ich glaube aber auch zu finden, worinn mich
andere bestärken, daß die andre Hälfte des Buchs bei weitem nicht den Werth
wie die erste hat. Ihr habt, wie ich höre, eure Stimmen über Herders Buch
viritim gesammelt und ihm zugeschikt. Ich habe sie noch nicht zu sehen
gekriegt.
Deine Albrecht Dürers, Martin Schön und Lukas von Leiden, die du von
Toggenburg und von Heideggern hast, sind alle schon recht schön von ihren
alten Papieren los gelößt und warten nur darauf bis der lezte Transport deines
eignen ankommt um wieder in recht schöner Ordnung aufgetragen zu werden.
Ich hoffe du sollst an dieser Sammlung, wenn sie fertig ist ein Vergnügen haben.
Ich werde dir ieden Meister besonders halten und von denen wo ichs wissen
kann den Werth der Blätter und Abdrüke bestimmen. Bei der Albrecht
Dürerischen Sammlung will ich so viele Blätter als mir Stüke fehlen frei lassen
und die Nummern drauf schreiben, daß du sie wenn du sie künftighin
überkommst nur einkleben darfst. Von den Martin Schöns und Lukas von Leiden
kenn ich keinen kompletten Catalogus kann es also damit nicht eben so machen.
Einige Blätter, die dem Herzog in seiner Sammlung fehlen, werd ich dir
zurükbehalten, dafür wirst du aber die er doppelt besizt und die ich sonst für dich
auftreiben kann bei den deinigen mit eingeheftet finden. Das getuschte Portrait
von dir, das in der Offenbahrung lag hab’ ich sogleich als wenn dus vor mich
hineingelegt hättest angenommen. Es ist wenn man sich erst mit der Trokenheit
und Bestimmtheit verglichen hat, wie mich dünkt, ein sehr gutes Bild.
Ich bitte dich mir auf das baldeste ein kleines producibles Avertissement zu
schreiben deine französische Phisiognomik betreffend, so wohl, welchen Weeg
du einschlägst das Buch dem Publiko nüzlich zu machen, als auch vorzüglich wie viel man dafür bezahlen soll und wenn man das Buch erhalten wird, was ich
dir alsdann auf diese bestimmte Anzeige für Subscribenten verschaffen kann will
ich gern thun, denn gegenwärtig scheut sich iedermann, sich in ein Werk
einzulassen das so weit wie dein teutsches Werk führen und so theuer zu stehen
kommen könnte.
Wenn wir einander etwas zu Gefallen thun können wollen wir’s thun und
andre ungeplagt lassen.
Semlers ganzen Brief an dich mögt ich sehen.
Ich habe vierzehn Tage eine Art von Catharfieber gehabt und muß noch iezo
mit meiner Arbeit ganz sachte zugehen. Vergiß doch ia nicht mir die Lotte
kopieren zu lassen. Schmieds Bibel wirst du haben.
Die Cenci und zwei Gluks warten auf einen Fuhrmann.
Grüse deine Frau und deine Kleinen, Bäben und Pfenningern. Schreib mir
manchmal was du machst daß wir beisammen bleiben.
G.
NB.
Einige meiner Freunde denen ich sagte du hättest dem Buche wollen Messiade
Johannis zum Titel geben, haben ihn sehr schiklich gefunden, sie sagen zwar
auch mit mir dass der Seitenblik auf Klopstock einen Augenblick anstose, es sey
aber weil doch dieses Buch weit mehr als ein anderes und in deiner Behandlung
tausendmal mehr als Klopst. Gedicht den Messias vergöttre, ein guter Gedanke
dies Buch Messiade zu heissen, und dadurch das Licht auf den Leuchter zu
stecken. Thu was du meinst. Ich habe oft für lauter Recht würklich unrecht.
G.