Briefe von Goethe an Lavater aus den Jahren 1774 bis 1783

Johann Wolfgang von Goethe · Kapitel 22 von 46

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Briefe von Goethe an Lavater aus den Jahren 1774 bis 1783

Kapitel 19

 

Ich kann nicht weiter gehn ohne dir über eine Idee zu schreiben die mir sehr am

Herzen liegt. Du weißt wie wichtig in vielem Betracht diese Reise dem Herzog

gewesen ist, und wie gewiß eine neue Epoche seines und unsers Lebens sich

davon anfängt. Wenn wir nach Hause kommen, so lebt er wieder in seinen

Gärten und Gebüschen fort, dorthin an einen schönen Plaz möcht ich ihm ein

Monument dieser glücklich vollbrachten Reise sezen, das ihm in guten

Augenblicken eine fröhliche Erinnerung wäre. Es sind auch Nebenabsichten

dabey. Ueberall spielt man iezt mit Monumenten und Urnen, deren leere Hälse

und Bäuche ihm immer fatal gewesen sind. In den kleinen Anlagen die er

gemacht hat, steht noch gar nichts dergleichen, dieses wär’ das erste und

wahrhafftig wahre, denn wir haben unterwegs mancherley Anlaß gehabt, dem

guten Glück einen Stein der Dankbarkeit zu wiedmen, und das ex voto ist

keine blose Phrase. Wir haben bey uns einen Bildhauer, einen Mann von

leichtem Begriff und schneller Hand, der sich täglich durch das Studium der

Natur und der Antike bessert, dem es aber an Imagination fehlt, und der wenn

man ihm so was überläßt, wie andere seines gleichen in den neuen, leeren

Decorations Gusto verfällt. Zu diesem Monument habe ich in meinem Kopf

allerley Gedanken und Bilder herum getrieben, und mir etwas, was ich durch die

Künstler die um mich sind, könnte zusammen posseln lassen herbey gesucht,

doch seh’ ich zum Voraus, es wird eine Plakerei geben, und am Ende doch was

Schwaches und Halbes herauskommen. Immer, seitdem mich der Gedanke

beschäfftigt, habe ich gewünscht: du möchtest Füeßly bereden können, daß er

aus seinem ungeheuren Reichthum etwas zu diesem guten Werke herüber gäbe!

das ist der einzige Weeg, wenn alsdann unser Bildhauer nicht ganz von Gott

verlassen ist, daß wir etwas auserordentliches und wills Gott vollkommenes

kriegen können.

Mein erster Gedanke war so: Ich wollte dem Monument eine viereckigte Form

geben, etwas höher als breit, wie man in den alten Ueberbleibseln dergleichen

Steine mit einem eingekerbten Dach findet. Von drey Seiten sollte iede eine

einzelne bedeutende Figur, und die vierte eine Innschrifft haben.

Zuförderst sollte das gute heilsame Glück stehen, durch das die Schlachten gewonnen und die Schiffe regiert werden, günstigen Wind im Naken, die

launische Freundinn und Belohnerin kecker Unternehmungen mit Steuerruder

und Kranz; im Felde zur Rechten hatte ich mir den Genius, den Antreiber,

Wegmacher, Wegweiser, Fakelträger muthigen Schrittes gedacht. In dem Felde

zur Linken sollte Terminus, der ruhige Grenzbeschreiber, der bedächtige,

mäsige Rathgeber stillstehend mit dem Schlangenstabe einen Gränzstein

bezeichnen — Jener lebend rührig vordringend, dieser ruhend sanft, in sich

gekehrt, zwey Söhne einer Mutter — der ältere iener, der iüngere dieser. Das

hinterste Feld hatte die Innschrifft:

 

FORTUNAE

DUCI REDUCI

NATISQUE

GENIO

ET

TERMINO

EX VOTO.

 

Du siehst was ich für Ideen dadurch zusammenbinden wollte. Es sind keine

Geheimnisse noch tiefe Räthsel, aber sowohl auf dieser Reise als im ganzen

Leben sind wir diesen Gottheiten sehr zu Schuldnern geworden. Das erstemal

daß wir nach einer langen, nicht immer fröhlichen Zeit aus dem Loche in die

freye Welt kommen, zusammen den ersten bedeutenden Schritt wagen, gleich

mit dem schönsten Hauche des Glücks fortgetrieben zu werden, in der späten

Jahrszeit, alles mit günstiger Sonne und Gestirnen. Den ganzen Weg den wir

machen begleitet von einem guten Geiste, der überall die Fackel vorträgt, hierhin

ladet, dorthin treibt, daß wenn ich zurücksehe wir, zu so manchem das unsere

Reise ganz macht, nicht durch unsere Wege und Wollen geleitet worden sind,

und dann am Ende, daß wir auch durch den schönen Glückssohn bedeutet

wurden, wo wir aufhören sollten, wo wir einen Gränzbogen beschreiben, und

wieder zurückkehren sollten, das wieder einen unglaublichen Einfluß auf unsere

Zurückgelassenen hat, und haben wird. Das alles zusammen giebt mir eine

Empfindung die ich nicht schöner zu ehren weis, als womit alle Zeiten durch die

Menschen Gott verehrt haben.

Im Beywesen und Verzierungen dacht’ ich manches anzubringen was eine

Schweizerreise, deren bester Theil zu Fuß gemacht worden, bezeichnete.

Wanderstab mit Eisen beschlagen, und mit Gemshorn zum Knopf. Gott weiß was

weiter.

Meine Gedanken wollt ich einigen Künstlern mittheilen, sie hinüber, herüber

mit ihnen durchtreiben, und sehen ob ihnen einer vielleicht einen bessern Körper gebe. Seitdem ich aber bey dir Fueßlis lezte Sachen gesehen habe, kann ich dich

nicht loslassen, du mußt versuchen ob du ihn bewegen kannst eine Zeichnung

dazu zu machen. Den Gedanken und Entzweck weißt du, den sag ihm ganz rein

und einfach, und da es ihm fatal seyn muß, wenn ihm iemand was vorerfinden

oder angeben will, so geb ich gern meine Form des Ganzen, meine einzelnen

Figuren, und die Innschrifft dazu auf, wenn er sich des Dings annehmen will. Er

wird gewiß die Idee stärker, gröser, treffender und neuer ausdrücken. Du müßtest

ihn bitten, er mag nun bey meinem Vorschlag bleiben oder nicht, daß er eine

bestimmte Zeichnung von der Form des Ganzen mit den Masen gäbe; auch so

von den einzelnen Figuren, und sie auf eine Weise zeichnete daß sich leicht ein

Basrelief darnach arbeiten liese. Vielleicht sind ihm, der alles mit Geist und

Feuer durcheinander arbeitet, die einzeln stehenden Figuren widrig, er bringe sie

zusammen auf eins wenn er will, allenfalls nehme er statt des Vierecks eine

runde Form, doch das würde freilig wieder bey der Ausführung in Stein mehrere

Hindernisse geben. Noch muß ich dir dabey sagen, daß wir einen auserordentlich

schönen lichtgrauen sanften Stein, der an den Marmor gränzt und keiner

Witterung weicht, zu dieser Arbeit haben. Du müßtest Fueßlien bitten, daß er

selbst die Größe vom ganzen Monument nach seinen Gedanken angäbe, daß man

allenfalls, um es etwas aus dem Auge zu rüken, auf einen Rasen gegen ein

Felsstück sezen könnte. Genug er denke sich das wie ers wolle so wird es gut

sein, und wir haben so viel und mancherley Stücke Steine vorräthig, daß wir

zum Zusammensezen des Ganzen nicht verlegen sein werden. Sieh, ob du etwas

über ihn vermagst, und ob du der frölichen Zeiten, die wir wieder gelebt haben,

immer gegenwärtiges Siegel dadurch auf unsere Wohnung drucken kannst.

Wenigstens hat er gewiß in seinem Leben manchen Strich gemacht, der nicht so

erkannt und ihm so gedankt worden ist, als wie das so ich durch dich hoffe.

Welchen Preis er auch auf diese Arbeit sezen möge, ist völlig einerley. Nun ist

aber noch ein Hauptpunkt, nemlich die Geschwindigkeit. Ich wünsche es diesen

Winter fertig zu bringen, und auf das Frühjahr zum ersten Willkomm mit den

Blüthen und Blättern aufzustellen. Versuche also, ich bitte dich, deine

Wunderkräfte, um mir zu verschaffen was nicht ein eitler Wunsch ist. Schaff daß

er es macht, und schnell macht, und kröne mir auch dieß Jahr und sein Glück mit

diesem lezten Zeichen.

 

Nov. 1779.

 

Ob Fueßli später die gewünschte Zeichnung noch machte, ist mir unbekannt, aber daß wenigstens im

Frühjahr 1780 zu Lavaters großem Leidwesen, auf wiederholte Bitten, noch keine Antwort darüber

von F. da war, ist gewiß.

Anm. d. H.