Briefe von Goethe an Lavater aus den Jahren 1774 bis 1783

Johann Wolfgang von Goethe · Kapitel 32 von 46

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Briefe von Goethe an Lavater aus den Jahren 1774 bis 1783

Kapitel 29

 

Deine Schrift über Wasern ist nunmehro ganz bey mir angekommen, und ich

danke dir in meinem und in vieler Menschen Namen daß du dir diese Mühe

geben wollen. Es ist ein Meisterstück von Geschichte und ich darf dir wohl

sagen, daß du, als Mensch, Bürger und Schriftsteller mich mehr dabey interessirt

hast, als der Held selbst. Ich meine noch nie soviel Wahrheit der Handlung,

solchen psychologischen und politischen Gang ohne Abstraktion beysammen

gesehen zu haben; und eins von den größten Kunststücken, das dich aber die

Natur und der Ernst bey der Sache gelehrt hat, ist iene anscheinende

Unparteylichkeit, die sogar widrige Fakta mit der größten Naiveté erzählt, iedem

seine Meinung und sein Urteil frey zu lassen scheint, da sich doch am Ende jeder

gezwungen fühlt, der Meinung des Erzählers zu seyn. Du hast in allem Sinne

sehr wohl gethan in dieser Sache auch ein Wort mit zu reden, es ist ein schön

Monument für die Nachkommenschaft und dein Vaterland hat dafür Dank zu

sagen. Was das große Publikum betrift, so hätte es um dessentwillen weniger

bedurft, alle honnette Leute, die außerordentlich für Wasern portirt sind, haben

gleich kreuzige! geschrien, so bald ich ihnen versicherte, er habe noch neben her

gestohlen und falsche Obligationen gemacht, auf dieses hat man ihn ohne

weiters dem Henker übergeben und die Herren von Zürich völlig entschuldiget

und so thu’ ich deinen Willen indem ich den Besten das Manuscript vorlese, und

den andern einen Auszug erzähle, der nach ihrem Sinne ist. Ueber den Menschen

selbst ist nichts zu sagen. Ich wenigstens habe mit der Beschreibung davon

genug, und ergötze mich am Anschauen desselben wie an der Beschreibung und

Abbildung eines andern Meerwunders ohne ihn klassifiziren oder drüber

pragmatisiren zu wollen. Schlözer spielt eine scheußliche Figur im Roman, und

ich erlaube mir eine herzliche Schadenfreude, weil doch sein ganzer

Briefwechsel die Unternehmung eines schlechten Menschen ist.

Ich danke dir für den Thomas Morus, er ist ganz vortrefflich gezeichnet.

Wollte Gott Lips hätte bey seinem schönen Talent auch einen solchen Sinn an

der Natur. Meine Iphigenie mag ich nicht gern, wie sie jezo ist, mehrmals

abschreiben lassen, und unter die Leute geben, weil ich beschäftigt bin, ihr noch

mehr Harmonie im Stil zu verschaffen und also hier und da dran ändere. Sei so gut und sag das denenienigen zur Entschuldigung, die eine Abschrift davon

verlangten. Ich habe es schon öfters abgeschlagen.

Lebe wohl lieber Mensch und fahre fort mit uns zu leben. Knebel ist

angekommen, und hat dich wieder recht lebhaft zu uns gebracht. Adieu. Schreib

mir auch einmahl wieder einen ausführlichen Brief.

 

d. 13. Oktbr. 80.

 

G.

 

Eben erhalt ich deinen Brief vom 30. 7br. Für die Schöne und dich ist mir’s

leid daß ihr euch nicht gesehen habt. Es ist eine schöne Sache ums sehn. Wollte

Gott ich wäre dir die Hälfte näher und könnte alle Jahr dich einmal acht Tage

haben.

Daß du über mich glauben magst ohne zu sehn ist mir sehr lieb. Du wirst auch

wenig sehn. Gewiß auch hast du recht daß der Gedanke im Menschen das Beste

ist von dem Capital, das er doch hat und wie mit wuchern möchte, um es aufs

tausendfältige zu treiben, es entstehe draus Gewinnst oder Verlust.

Den guten Lands und Hausvater würdest du näher, mehr bedauern. Was da

auszustehen ist spricht keine Zunge aus. Herrschaft wird niemand angebohren,

und der sie ererbte, muß sie so bitter gewinnen als der Eroberer, wenn er sie

haben will, und bitterer.

Es versteht dieß kein Mensch der seinen Würkungskreis aus sich geschaffen

und ausgetrieben hat.

Danke für die SilhouettenAuslegung, hier ist wieder eine. Du thust mir eine

Wohlthat, ich schicke dir wenn du mir antwortest manchmal solch ein Gesicht.

Ich hab ohne Bestimmtheit unendlich ähnlich Gefühl zu dem deinen.