Briefe von Goethe an Lavater aus den Jahren 1774 bis 1783

Johann Wolfgang von Goethe · Kapitel 36 von 46

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Briefe von Goethe an Lavater aus den Jahren 1774 bis 1783

Kapitel 33

 

Zum Morgengruß erhalt ich deinen Brief vom 31. März.

In dem Buche des Erreurs et de la vérité das ich angefangen

habe, welche Wahrheit! und welcher Irrthum! Die tiefsten Geheimnisse der

wahrsten Menschheit mit Strohseilen des Wahns und der Beschränktheit

zusamen gehängt.

In der Silhouette hätt ich so viel innerliches nicht gesucht, mehr sinnliches.

Wenn ich vom alten König höre ist mirs als wenn mich der Prediger auf einen

hohen Berg führte, und mich dort einen Trauerblick auf die Menschen und ihre

Herrlichkeit thun hiese. Dem Kayser gönne ich allen Seegen. Gieb acht! gieb

acht! sein Kopf steht gut. Irr ich nicht sehr, so fehlts am Herzen, das zum grosen

Menschen, zur That wie zur Kraft, unentbehrlich ist, und durch Vernunft nicht zu

ersezzen ist.

Die nächsten Wochen des Frühlings sind mir sehr geseegnet, ieden Morgen

empfängt mich eine neue Blume und Knospe. Die stille, reine, immer

wiederkehrende Leidenlose Vegetation tröstet mich oft über der Menschen Noth,

ihre moralischen noch mehr phisischen Uebel.

Hast du bey deiner Reise durch Colmar auf einen jungen Grafen Wartensleben

geachtet, seine Mutter schrieb dir einmal über ihn? Sag mir etwas was du dich

von ihm erinnerst.

Die Gemählde erwart ich also stündlich von Leipzig und freue mich sehr

darauf. Grüß Frau und Kinder.

 

den 9. Apr. 81.

 

G.