Briefe von Goethe an Lavater aus den Jahren 1774 bis 1783

Johann Wolfgang von Goethe · Kapitel 25 von 46

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Briefe von Goethe an Lavater aus den Jahren 1774 bis 1783

Kapitel 22

 

Deine Briefe und Beylagen habe ich erhalten. Hier schicke ich dir einige neue

treffliche Bogen von Hamann. Ich weiß nicht ob dich die Sache interessirt; auf

alle Fälle wirds viel Vergnügen machen.

Deine Albrechts sind nunmehr schön geordnet, Bertuch hat sie aufgetragen

und numerirt. Auf der Leipziger Messe hat dir der Herzog noch einige Kupfer

von deinen fehlenden gekauft, worunter Marienbilder sind die dir fast ganz

abgehen.

Suche du übrigens durch das Treiben Jehu so viel du kannst von dieser

Sammlung zusammen zu bringen; wenn du sie auch schon hättest, so schadets

nichts, es ist vielleicht ein besserer Abdruck, und auf alle Fälle kann man sie

vertauschen. Denn das versichere ich dir, ie mehr man sich damit abgiebt, und

beym Handel auf Kopie und Original acht geben muß, desto größere Ehrfurcht

kriegt man für diesem Künstler. Er hat nicht seines Gleichen.

Das Manuskript das beiliegt sind einzelne flüchtige Bemerkungen des

Statthalters von Dalberg. Schreib doch wenn du Muse hast, deine Gedanken auf

den Rand, und schick mirs wieder zurück. Ermuntere ihn und gieb ihm einige

Wincke, wo du es nöthig glaubst — er ist sehr für die Phisiognomick passionirt,

kommt viel in der Welt herum, und kann, wie mirs vorkommt, auch von seiner

Seite dir einigermaßen nüzlich seyn. Er wird das was er bey seinem Umgang mit

der Welt zu bemerken glaubt, nach und nach aufzeichnen.

Wenn ich an deiner Statt die lateinische Oration halten müßte, ich gäbe mir

nicht die Mühe die du dir giebst; ich machte den Entwurf dazu, lies mir sie

machen, und läs sie ab — und hielts gar nicht geheim, denn am Ende ists doch

nur ein Talent, und ich sehe nicht ein wie man von mir prätendiren könnte bey

einer Feierlichkeit die pedantische Prätension auszuhängen, und auf einem

Instrument Solo zu spielen, das ich in zwölf Jahren nicht in die Hand

genommen hätte.

Von dem Herzog schick mir Abdrücke so viel du willst, das Kupfer ist nun

schon wieder etliche Schritte weiter vom Original in einen ganz fremden

Charackter hinein.

Halte doch ja das was du für den Herzog und mich auslegst in Ordnung. Meine Auslagen für dich sind auch aufgeschrieben; Laß uns etwa Johanni

abrechnen, und auch so wieder ein neues Hembd anziehen.

Grüse deine Frau und Kinder, und wenn dein Knabe gelegentlich

schreibseliger wird, so laß mir ihn manchmal etwas von euerer Haushaltung

schreiben, wie’s ihm vor die Feder kömmt.

An Bäben gieb Inliegendes, vielleicht erhält sie einen Brief mit der reitenden

Post noch eh’r als du dieses.

 

G.

 

Weimar den 1. May 1780.

 

Haben so viele Krieger im Kupfer in der linken Faust das Schwert, mag wohl

unser Engel den Stern auf der rechten Brust haben.