Briefe von Goethe an Lavater aus den Jahren 1774 bis 1783
Kapitel 16
Genf d. 28ten Okt. (1779)
L. Br. Deinen Brief hat mir Tobler gegeben, der mich nur in Gegenwart
Diodatis gesprochen hat, wo’s ihm nicht so von der Brust will, und ich bin auch
nicht so in Gesellschaft mich aufzuknöpfen. Wir ziehen langsam, bis jetzt noch
mit schönem Glück und Vorteil, sind vorgestern in der Vallée du lac de
Joux und auf der Dole gewesen beym schönsten Wetter und Umständen. Heut
warten wir das trübe in Genv ab.
Noch weis ich nicht wenn wir kommen, du sollst noch mehr von mir hören.
Ich halte sonst viel vom überraschen, diesmal ist das Herumziehen eh wir uns
sehn auch gut. Nicht allein vergnüglich sondern geseegnet uns beyden soll unsre
Zusammenkunft seyn. Für ein Paar Leute die Gott auf so unterschiedne Art
dienen sind wir vielleicht die einzigen, und denke wir wollen mehr zusammen
überlegen und ausmachen, als ein ganz Concilium mit seinen Pfaffen, Huren
und Mauleseln. Eins werden wir aber doch wohl thun daß wir einander unsere
Partikular-Religionen ungehudelt lassen. Du bist gut darinne aber ich bin
manchmal hart und unhold, da bitt ich dich im Voraus um Geduld. Denn z. E. da
hat mir Tobler deine Offenb. Joh. gegeben, an der ist mir nun nichts noch als
deine Handschrift, darüber hab ich sie auch zu lesen angefangen.[3] Es hilft aber
nicht, ich kann das göttliche nirgends und das poetische nur hie und da finden,
das Ganze ist mir fatal, mir ists als röch ich überall einen Menschen durch der
gar keinen Geruch von dem gehabt hat der da ist A und O. Siehst du l. Br. wenn
nun deine Vorerinnerung grade das Gegentheil besagt und unterm 24 September
1779!! da werden wir wohl thun, wenn wir irgend ein sittsam Wort zusammen
sprechen, ich bin ein sehr irdischer Mensch, mir ist das Gleichniß vom
ungerechten Haushalter, vom verlohrnen Sohn, vom Säemann, von der Perle,
vom Groschen &c. &c. göttlicher (:wenn ie was göttlich’s da seyn soll:) als die
sieben Botschafter, Leuchter, Hörner, Siegel, Sterne und Wehe. Ich denke auch
aus der Wahrheit zu seyn, aber aus der Wahrheit der fünf Sinne und Gott habe
Geduld mit mir wie bisher. Gegen deine Messiade hab ich nichts, sie liest sich
gut, wenn man einmal das Buch mag, und was in der Apokalypse enthalten ist,
drückt sich durch deinen Mund rein und gut in die Seele, wie mich dünkt. Das willst du da, wozu denn aber die ewigen Trümpfe, mit denen man nicht sticht
und kein Spiel gewinnt, weil sie kein Mensch gelten läßt. Du siehst, Bruder, ich
bin immer der alte, dir wieder von eben der Seite wie vormals zur Last. Auch bin
ich in Versuchung gewesen das Blatt wieder zu zerreissen. Doch da wir uns doch
sehn werden so mag es gehn.
Vom Herzog sag ich dir nichts voraus, noch haben ihn die gescheutsten Leute
falsch beurtheilt. Du sollst ihm das Haupt salben wie mit köstlichem Balsam und
ich will mich mit dir im stillen über ihn freuen; denn weil Gott außer der Sonne
und dem Mond und den ewigen Sternen, lass ich neuerdings niemand zu Zeugen
des was mich freut oder ängstet.
Du bist ein bescheidener Mensch daß du nur eine Ahndung von meinem Biß
auf das neue Systema naturae in deinen Gliedern gespürt hast. Sey nur
ruhig, alter Paradiesvogel, man darf dich wohl mit anderm rarem Vieh für
gleiches Geld sehen lassen.
Dein Strumpfwürker ist von Frankfurt aus besorgt und wird sein Geld haben.
Nun leb wohl. Es ist spät verzeih mir mein Wesen, und sieh an dem Brief wie
wohl mir’s ist dir nahe zu seyn, und nach der ganzen Schweiz noch den reinen
Eindruck von dir mit fortzunehmen.
Grüs dein Weib, sey hübsch fleisig, vor 14 Tagen kommen wir noch nicht. Du
hörst indeß wieder von mir. Ich liebe dich wie ich lieben kann.
d. 29. früh.
NB. In Lausanne habe ich die gar liebliche Br. zwey mal gesehn, und über sie
den Bruder vernachlässigt und den Dubois vergessen. Sie war so artig mir
wenigstens glauben zu machen, daß ich sie interessire, und ihr mein Wesen
gefalle, und das glaubt man diesen Sirenen gerne. Mir ist herzlich lieb daß ich
nicht an Matthäis Platz bin denn es ist ein verfluchter Posten das ganze Jahr par
devoir wie Butter an der Sonne zu stehn.
Grüs mir herzlich die Sch. und Pfenninger und Kaysern. Was von Fueslin bey
dir ist zu sehn verlangt mich sehnlich. Adieu. Schreib mir doch ein Wörtchen auf
Luzern früh oder spat find ich’s da.
[3] In diesem Briefe spricht Goethe — was zu Verhüthung von Mißverständnissen nicht unbemerkt
gelassen werden darf — von der homiletischen Bearbeitung der Offenbarung Jesu an Johannes,
welche Lavater bald nach seinem Antritte des Diakonates zu St. Peter in Zürich (1778) für seine
wöchentlichen Abendpredigten zu erklären anfing. Um eben diese Zeit aber bearbeitete L. in der
Vollkraft seines Geistes und folgend dem Triebe seiner rastlosen, man möchte beynahe sagen,
übermenschlichen Thätigkeit dasselbe Buch auch poetisch in einem Gedichte, welches im Jahr 1780,
unter dem Titel: Jesus Messias oder die Zukunft des Herrn, in vier und zwanzig Gesängen, in Zürich
ans Licht trat. Siehe Lavaters Lebensbeschr. von seinem Tochtermann G. Geßner, Bd. II. S. 222. u. ff.
Auf dieses poetische Werk beziehn sich die, mit den vorliegenden gar sehr contrastirenden,
Aeußerungen Goethes im 17, 20. u. 21ten Briefe.
A. d. H.