Briefe von Goethe an Lavater aus den Jahren 1774 bis 1783
Kapitel 13
Der Jacobis Portrait sind angelangt, ich schick sie dir aber nicht, sie sind
abscheulich. Friz grüßt dich sehnlich, und wird dir von hier aus schreiben.
Der Herzog hat mir sechs Schädel kommen lassen, habe herrliche
Bemerkungen gemacht, die Ew. Hochwürden zu Diensten stehn, wenn dieselben
sie nicht ohne mich fanden.
Cassir doch, ich bitte dich, die Familientafel von uns, sie ist doch scheuslich.
Du prostituirst dich und uns. Meinen Vater laß ausschneiden, und brauch ihn als
Vignette, der ist gut. Ich bitte dich inständig drum. Mit meinem Kopf mach auch
was du wit, nur meine Mutter soll nicht so dastehn. Hast du noch einige
Abdrücke, schick mir sie mit denen um die ich auf beyliegendem Zettel bitte —
es ist nur der Vater herauszuschneiden.
Hier Linien von Fettmilchs Kopf. Das Kurz- und starrsinnige drückt sich auf
dem schlechten Kupfer, wovon es genommen ist, noch stärker, hat auch zugleich
etwas Thierisch-niedriges, das der Umriß nicht hat. Was hältst du von der Idee?
wär in Silhouetten herrlich auszuführen. Du kennst Hogarths Schönheitslinie von
der Verzerrung bis zum Leblosen. Der reine Punkt der Schönheitslinie ist die
Linie der Liebe, Stärke und Schwäche stehn ihr zu beyden Seiten. Liebe ist der
Punkt wo sie sich vereinigen. Gieb mir Beyträge dazu, und wir wollen ein
herziges Kapitelgen machen, vielleicht kein ganz unreiner Faden aus dem grosen
Gewebe ausgezogen.
Ich schicke dir hier eine Bouteille Himbeerensafft. Grüs mir Herr Schmoll.
Der Friede Gottes, der sich täglich mehr an mir offenbaret, walte auch über
dich und die deinigen, und daß dein Glaube unüberwindlich werde. Sieh hier
wieder daß er mich überwindet. Ich hab deinen Brief, und sende dir sogleich was
über Homer. Adieu! Ich will dir einige Sachen zeichnen und schicken.
1778.