Briefe von Goethe an Lavater aus den Jahren 1774 bis 1783

Johann Wolfgang von Goethe · Kapitel 44 von 46

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Briefe von Goethe an Lavater aus den Jahren 1774 bis 1783

Kapitel 41

 

Weimar den 4. Oktober 1782.

 

Vor das viele Gute was du zeither an uns gethan hast, habe ich dir noch nicht

danken können, und auch iezo habe ich nicht so viel Sammlung um dir etwas

dagegen von dem meinigen zu geben, denn daß man immer von dir empfängt

bist du gewohnt.

Die kurze Schilderung der Personen die du auf deiner Reise im Fluge

berührtest, hat mir viele alte Bekanndtschaften neu und mich auf unbekante

aufmerksam gemacht. Was du von dem Fürsten von Dessau sagst bestätigt mein

Verhältniß zu diesem würdigen Manne noch mehr. Zwar sind wir bisher einander

noch nichts geworden, und ich bin alle Tage auch gegen gute und trefliche

Menschen weniger andringend, genug wenn man weiß daß eine schöne und

große Natur irgendwo existirt, und daß man sie, wie es so tausendfältig

geschieht, nicht verkennt.

Der erste Theil deiner Bekenntniße, wie ich sie nennen will, hat mir großes

Vergnügen gemacht. Es ist immer sehr intereßant dergleichen zu lesen, ob ich

gleich wieder dabey die Bemerkung gemacht habe, daß wenn ich so sagen darf,

der Leser eine eigene psychologische Rechnungsoperation zu machen hat um

aus solchen Datis ein wahres Facit heraus zu ziehen. Ich kann meine Idee iezo

nicht auseinander legen, nur so viel davon: Das was der Mensch an sich bemerkt

und fühlt, scheint mir der geringste Theil seines Daseyns. Es fällt ihm mehr auf

was ihm fehlt, als das was er besizt, er bemerkt mehr was ihn ängstiget, als das

was ihn ergözt und seine Seele erweitert; denn in allen angenehmen und guten

Zuständen verliert die Seele das Bewußtseyn ihrer selbst, wie der Körper auch

und wird nur durch unangenehme Empfindungen wieder an sich erinnert; und so

wird meistentheils, der über sich selbst und seinen vergangenen Zustand

schreibt, das enge und schmerzliche aufzeichnen, dadurch denn eine Person,

wenn ich so sagen darf, zusammenschrumpft. Hierzu muß erst wieder das, was

wir von seinen Handlungen gesehen, was wir von seinen Schriften gelesen haben

chymisch hinzugethan werden und alsdann entsteht erst wieder ein Bild des

Menschen, wie er etwa mag seyn oder gewesen seyn. Dieß von vielen tausend

Betrachtungen Eine.

Daß du mir in deinem Briefe noch einmahl den innern Zusammenhang deiner

Religion vorlegen wolltest, war mir sehr willkommen, wir werden ia nun wohl

bald einmal einander über diesen Punkt kennen und in Ruhe laßen. Großen Dank

verdient die Natur, daß sie in die Existenz eines ieden lebenden Wesens auch so

viel Heilungskraft gelegt hat, daß es sich, wenn es an dem einen oder dem

andern Ende zerrissen wird, selbst wieder zusammenfliken kann; und was sind

die tausendfältigen Religionen anders als tausendfache Aeußerungen dieser

Heilungskraft. Mein Pflaster schlägt bey dir nicht an, deins nicht bey mir, in

unsers Vaters Apotheke sind viel Recepte. So habe ich auf deinen Brief nicht zu

antworten, nichts zu widerlegen, aber dagegen zu stellen habe ich vieles. Wir

sollten einmahl unsere Glaubensbekenntniße in zwey Colummen neben einander

sezen und darauf einen Friedens- und Toleranzbund errichten.

An Tischbeinen habe ich heute geschrieben und ihn an dich gewiesen. Du

wirst meinen Brief wohl verstehen, aber er nicht ganz; ich kann ihm weder

gewähren noch verschaffen, was er gerne mögte, denn der Herzog von Gotha

siehts anders an und hat seine festgesezten Begriffe über die Sache, auf die ich

weiter nicht wirken kann. Rede ihm ia zu, daß er sich besonders gegen

Reifensteinen leidlich beträgt, denn dieser Mann hat Einfluß auf die Großen.

Freylich mag dem guten Tischbein, der Gott sey Dank in weltlichen Dingen

noch nicht geübt ist, so ein Verhältniß ganz und gar fatal und unerträglich

scheinen; indeß ist immer besser er weiß so etwas voraus, und richtet sich

einigermaßen darnach, als daß er in seinem Wesen hingeht und wir in einem Jahr

den Lärmen haben. Es wird ohnedies nicht ganz ohne alles abgehen; du weißt es

am besten lieber Bruder, daß wo Menschen zusammen zu schaffen haben, es

mehr oder weniger Friktion giebt. Je älter man wird desto gewißer sieht man das

wie und wo voraus und kann sie doch weder bey sich selbst noch andern immer,

so gerne man wollte verhüten. Besonders treib ihn daß er fortkommt, denn der

Herzog ist schon über das Zaudern und über meine Vorstellungen, die ich nicht

gespart habe, verdrießlich. Wenn wir unter einander etwas haben, so können wir

herüber hinüber markten, ein großer Herr will gehorcht seyn. Sie sind nicht alle

wie der Herzog von Weimar, der ieden gerne auf seine Weise das Gute thun läßt

und doch daran Theil nimmt. Adieu Bruder! Ohne Berührung sagst du ist keine

Religion; ohne Berührung ist keine Freundschaft. Lebe herzlich wohl alter

Christe und grüße Bäben.

 

G.

 

Sag mir doch gelegentlich ein Wort über das Portrait Karls des fünften von

Albrecht Dürer, das du bey Merck gesehen hast, wir haben es gegenwärtig hier. Es ist ganz herrlich, ich mögte auch dich drüber hören.