Briefe von Goethe an Lavater aus den Jahren 1774 bis 1783
Kapitel 23
Du bist immer braver als man denkt, weil du doch immer das Aeußerste thust
— aber deßwegen noch kein Poet.
Laß mich bald hören daß du wieder wohl bist. Ein Geistlicher auf dem Harz
hat geweisagt daß ihr alle untergehn sollt vom Gotthart bis an den Mayn.
Der Fürst v. Dessau der dir selbst sagen will, daß er dich liebt und schäzt, ist
auch einer von denen die sich jezo verwundern daß man sich von dem falschen
Propheten die Eingeweide konnte bewegen lassen. Alle auf die der Kerl gewirkt
hat, kommen mir vor wie vernünftige Menschen, die einmal des Nachts vom Alp
beschwert worden sind, und bey Tage sich davon keine Rechenschafft zu geben
wissen.
Vielleicht schick ich dir ehstens ein Portrait von dem Herzog Bernhardt aus
dem hiesigen Hause, um mirs von Lipsen stechen zu lassen. Wenn er aber, wie
du schreibst, balde verreist, so muß ich damit einen andern Weeg nehmen. Ich
scharre nach meiner Art Vorrath zu einer Lebensgeschichte dieses als Helden
und Herrschers wirklich sehr merckwürdigen Mannes, der in seiner kurzen
Laufbahn ein Liebling des Schicksaals und der Menschen gewesen ist,
zusammen und erwarte die Zeit wo mirs vielleicht glüken wird ein Feuerwerk
draus zu machen. Seine Jahre fallen in den dreissigjährigen Krieg. Sein und
seiner Brüder Familien-Gemälde interessirt mich noch am meisten da ich ihren
Urenkeln, in denen so manche Züge leibhaftig wieder kommen, so nahe bin.
Uebrigens versuche ich allerley Beschwörungen und Hocus pocus um die
Gestalten gleichzeitiger Helden und Lumpen in Nachahmung der Hexe zu Endor
wenigstens bis an den Gürtel aus dem Grabe steigen zu lassen, und allenfalls
irgend einen König, der an Zeichen und Wunder glaubt, in’s Bockshorn zu jagen.
Das Kupfer nach Juel’s[4] Bild ist sehr fatal. Nicht eben an der Physiognomie,
aber mir kommts vor, als wenn ein Geist hätte wollen eines guten Freundes
Gestalt anziehen, und hätte damit nicht zurecht kommen können, und guckte
einen aus bekannten Augen mit einem fremden Blick an, so daß man zwischen
Bekanntschaft und Fremdheit in einer unangenehmen Bewegung hin und wieder
gezogen wird.
Die apokalyptischen Vignetten sind sehr kleinlich gegen den grosen Innhalt und deine grose Manier.
In weniger Zeit wird Herr v. Knebel der bey dem Prinzen Constantin ist, und
nun eine kleine Reise für sich macht, zu dir kommen; du wirst viel Vergnügen in
seinem Umgange haben, und begegne ihm wohl.
G.
Weimar d. 5. Juny 1780.
[4] Juel war ein dänischer Maler, der sich um diese Zeit in der Schweiz aufhielt. Der Name ist aber in
der Handschrift nicht ganz deutlich.