Briefe von Goethe an Lavater aus den Jahren 1774 bis 1783
Kapitel 17
Genf den 2. Nvbr. 1779.
Eh ich von hier weggehe noch einige Worte lieber Bruder eh wir uns tiefer in
die Gebirge verlieren in die wir unter Garantie des Herrn de Saussure einen
Versuch wagen, von hier aus gehts in die Savoiischen Eisgebirge und ins Wallis.
Deine Offenbahrung hat mir viel Vergnügen gemacht. Ich habe sie recht und
vieles davon mehr als einmal gelesen. Schon da Tobler mir sagte du habest
darüber von Amtswegen gepredigt, gabs mir ein ganz neues Interesse, denn ich
konnte nun mehr begreifen, wie du mit diesem Buche so lange beschäftigt, es
ganz in dich hinüber empfunden hast und es in einem so fremden Vehiculo
ohne fremden, vielmehr eigentlich heterogenen Zusaz wieder aus dir heraus
quellen lassen konntest, denn nach meiner Empfindung macht deine
Ausmahlung keinen andern Eindruk als die Original Skize macht, wenigstens
einer Seele aus diesem Jahrhundert, wo man die Ideen die du hineinlegst selbst
von Kindheit an größtentheils hinein zu legen pflegt. Die Arbeit selbst ist dir
glücklich von statten gangen, einige trefliche Züge der Auslegung und Erfindung
sind drinne. Ausgemahlt sind viele Stellen ganz treflich, besonders alle die der
innern Empfindung von Zärtlichkeit und Kraft, w. z. B. die Verheissung des
ewigen Lebens, das Weiden der Schaafe unter Palmen, das siegende Gefühl der
Engel, eh und indem sie die Schlacht anfangen. In einigen Gestalten und
Gleichnissen hast du dich auch gut gehalten, nur schwinden deine Ungeheuer für
mich zu schnell in allegorischen Dampf auf, doch ist auch dies wenn ichs recht
bedenke das klügste Theil das du ergreiffen konntest. Es ist mir leid daß ich die
zwölf folgenden Gesänge nicht gleich habe. Bey dieser Gelegenheit lies ich mir
den griechischen Text wieder geben und sah auch Piscators Uebersezung an.
Nun noch ein herzlich Wort der Sehnsucht an dich, und der Hoffnung, sie wird
alle Tage stärker. Lass uns ia einander bleiben, einander mehr werden, denn neue
Freunde und Lieben mach ich mir nicht.
Mit Toblern weis ich nicht wies war. Er hat wohl Nähe und Vertrauen zu mir.
Aber leider fühl ich meine 30 Jahr und Weltwesen!! schon einige Ferne von dem
werdenden, sich entfaltenden, ich erkenns noch mit Vergnügen, mein Geist ist
ihm nah aber mein Herz ist fremd. Grose Gedanken die dem Jüngling ganz fremd sind, füllen iezt meine Seele, beschäftigen sie in einem neuen Reiche, und
so komm ich nicht als nur geborgt nieder ins Thal des Thaus und der
Morgenbegattung lieblicher Turteltauben. Er sagt dir vielleicht wies ihm mit mir
war. Wohl ists uns zusammen nicht worden.
Adieu guter. Meine Seele ist immer bey dir.
G.