Briefe von Goethe an Lavater aus den Jahren 1774 bis 1783
Kapitel 1
A n L a v a t e r n .[ 1 ]
Bruder, was neckst du mich wegen meines Amusements. Ich wollt ich hätt
eine höhere Idee von mir und meiner Bestimmung, so wollt ich weder meine
Handlungen Amusements nennen, noch mich statt zu handeln amüsiren. Doch
du hast deinen Zweck erreicht.
A n P f e n n i n g e r.
Danke dir lieber Bruder für deine Wärme um deines Bruders Seeligkeit.
Glaube mir es wird die Zeit kommen da wir uns verstehen werden. Lieber Du
redest mit mir als einem Unglaubigen, der begreifen will, der bewiesen haben
will, der nicht erfahren hat. Und von all dem ist gerade das Gegentheil in
meinem Herzen. Du wirst viel Erläuterung finden in dem Msbt. das ich Euch
bald schicke. Bin ich nicht resignirter im Begreifen und Beweisen als ihr? Hab
ich nicht eben das erfahren als ihr? — Ich bin vielleicht ein Tohr dass ich euch
nicht den Gefallen thue mich mit euern Worten auszudrücken, und daß ich nicht
einmahl durch eine reine Experimental Psychologie meines Innersten, euch
darlege daß ich ein Mensch bin und daher nichts anders sentiren kann als andre
Menschen, daß das alles was unter uns Widerspruch scheint nur Wortstreit ist der
daraus entsteht weil ich die Sachen unter andern Combinationen sentire und
drum ihre Relativität ausdrückend, sie anders benennen muß. Welches aller
Controversien Quelle ewig war und bleiben wird.
Und daß du mich immer mit Zeugnissen packen willst! Wozu die? Brauch ich
Zeugniß daß ich bin? Zeugniß daß ich fühle? — Nur so schäz, lieb, bet ich die
Zeugnisse an, die mir darlegen, wie tausende oder einer vor mir eben das gefühlt
haben, das mich kräftiget und stärket.
Und so ist das Wort der Menschen mir Wort Gottes es mögens Pfaffen oder
Huren gesammelt und zum Canon gerollt oder als Fragmente hingestreut haben.
Und mit inniger Seele fall ich dem Bruder um den Hals. Moses! Prophet!
Evangelist! Apostel, Spinoza oder Machiavell. Darf aber auch zu iedem sagen, lieber Freund geht dirs doch wie mir! Im einzelnen sentirst du kräfftig und
herrlich, das Ganze ging in euern Kopf so wenig als in meinen.
[1] Diese Zeilen fallen, gleichwie der nächstfolgende, an Lavaters Seelenfreund, den Diakon
Pfenninger gerichtete Brief, obschon ohne Datum, in die Zeit vor Lavaters Abreise nach Frankfurt.
Diese fand Statt am 12. Juni 1774. Man sehe Goethes Werke 26r. Bd. S. 266, von den Worten an:
„Unser erstes Begegnen war herzlich, u. s. w.“
A. d. H.