Guirlanden um die Urnen der Zukunft, eine interessante, originelle Familiengeschichte aus dem drei und zwanzigsten Jahrhunderte
Achtes Kapitel. Komm bald wieder zur Rosenfischerei!
Achtes Kapitel.
Komm bald wieder zur Rosenfischerei!
Mit würzigen Kränzen aus Rosen gewebt,
Verketten sich Herzen durch Liebe.
Nicht leichter erhellet der mondliche Schein
Das kühlige Dunkel im flüsternden Hain
Als Herzen der Sonnenglanz — Liebe.
Kaum hatte der Nachtwächter Hahn in seine kreischende Trompete gestossen,
kaum röthete blaß noch der neue Tag den Ost da erwachten mit dem Geflügel
des Hofes die Gäste im Schlosse.
Heiterkeit glänzte an jeglicher Stirne, wie an der Stirne des Tages der heitre
Morgen glänzt. Freude, Munterkeit erwachten mit ihnen, und alle riefen sich:
Guten Tag!
Fröhlicher als alle noch war die reizende Lolly, lieblich wie die sich
entwickelnde Morgenröthe, scherzend und sanft wie das Lüftchen vom Fächer
erregt, und unschuldig, wie ein junges Ringeltäubchen. Ein anderes Gewand aus
feinstem Flor umfloß ihren rohrschlanken Wuchs, das lange, blonde, kunstlos
geringelte Haar flatterte im Morgenwind, der ihre blühenden Wangen küßte.
Guten Morgen! — sagte sie ein paarmal zu Salassin, den ihr Anblik wie ein
Zauberbild verwirrte.
Guten Morgen! — erwiederte er sanft, und schaute verlegen durch die auf ihn
gehefteten Blicke der weiblichen Gäste, auf — Lollys Schuhe. Auch er hatte sich
netter als sonst gekleidet, zwar gab er vor, es sey geschehen, weil gestern sein
Reisekleid naß geworden, und noch nicht getrocknet sey.
Aber seht mir doch den Schalk! — um Lolly zu gefallen, zog er sein schönstes
Gewand an. Um dem reizenden Mädchen zu gefallen, schmükst du dich, guter
Salassin! mit deinem besten Kleide? Zwar du mögtest dir selbst nicht so ganz
deutlich sagen können, warum? Doch meintest du — es stünde dir doch besser,
und — und — Aber fast meint ich, du wärest ein Stutzer des 18ten Jahrhunderts, die alle ihre Schönheit, und wohl auch ihre Menschenähnlichkeit dem Kleide
verdanken, aber in deinem Sekulum wo das sinnlich Schöne weniger als das
Geistige gesehen wird? Je nu, man besucht itzo und immer zuerst das Kleid der
Rose, eh man an den Honig denkt! — Aber dir war es wohl immer nöthig guter
Jüngling! Im ersten Worte, das ihr beide spracht, waren eure Seelen verflossen.
Da blick einmal hin, wie sie nach dir zurükschilt, wenn ihr der Vater zuflüstert,
sie solle das oder jenes für die Gäste besorgen! Wie sie alles schnell und eilig
verrichtet, um — nur bald wieder unter die Gäste zu kommen. Unter die Gäste?
— Ja, deutsch gesagt — zu Salassin. Lieber wie ist dir zu Muthe, wenn sie dich
zärtlich fragt, wie du nach dem gestrigen Schrecken geschlaffen? Ob du dich
nicht erkühlt hast? Wie sie so vollmondfreundlich zurüksieht, wenn dein Lächeln
ihrem begegnet? Salassin! Denk’ an die Stadt! Ohne Herzchen darfst du beileibe
nicht dahin kommen! Ja wenn die Damen in deinem Jahrhunderte wie diese in
unsern wären, daß sie darauf Verzicht thäten! Doch sey guten Muths! Du erhältst
für dein Herzchen ein anderes dir gewiß noch wertheres — Lollys — zur
Lebenszehrung.
Der Kranz der Gäste sammelte sich um das Frühmahl. Ein Lied gefühlvoll wie
die Sänger ward angestimmt. Lolly schlug das Euphon dazu, und Salassin mit
seinem ganzen Ich ein Ohr, bemerkte nicht, daß alle über ihn lächelten. Schlägst
du nicht auch Euphon? — fragte Bengler den aufmerksamen Träumer.
Ich — bin ein Klimperer gegen Lollys Spiel! war seine Antwort.
Das ist zu bescheiden! Eine Schmeichelei! — riefen einige der Gäste. Versuch
es, laß uns doch hören!
„Spannt aber die Erwartung nicht zu sehr — ich —“ Jaja! — sagte Lolly,
indem sie ihn an das Euphon zog, — Du konntest gestern so gut schwimmen,
also — Mußt du auch gut Euphon schlagen! Ueber den Mädchensyllogismus! —
lachte Bengler.
Salassin faßte sich, und spielte. Wie er vorhin die schöne Künstlerinn
bewunderte, bewunderten ihn alle itzt, am meisten was ganz natürlich zu
enträthseln ist, die Blume des Gastherrn selbst.
Salassin goß den Schwall der Empfindungen, die in seinem Herzen rangen in
eine harmonische Fantasie. Alle fühlten die sanfte Wehmuth, wenn er im
schmelzenden Moll klagte, alle waren hingerissen von dem Feuer, wenn er seine
Gefühle in die wiedertönenden Saiten stürmte, alle bewegten die Füsse wenn er
im lieblichen Allegro tändelte. Lolly wäre dem Zauberer beinahe um dem Hals
gefallen.
Meisterhaft! Vortreflich! — riefen die Gäste, und klatschten ihm ihren Beifall.
Du mußt dich in der Stadt bewundern lassen!
Um Vergebung! — sprach Salassin, — nicht meine Geschicklichkeit — das vortrefliche Euphon, das sich so gut ausnimmt —
„Weil du so gut spieltest — sagte Lolly — warte, laß uns doch auch deinen
Gesang hören. Hier ist ein Duetto von dem Musiker des 18ten Jahrhunderts,
Mozart.
Richtig! Der Einfall war schön! — riefen die Andern. — Sie sangen, O welch
ein Gesang! Der liebliche Tenor mit des Mädchens Nachtigallsoprano schmolz
so zärtlich — so gefühlvoll, so süß ineinander — Natur und Kunst war so
schwesterlich vereint, — alle vergaßen wie bezaubert des Frühmahles im Hören
verloren.
Die beiden Väter blickten sich mit frohem Gesichte an, in jedem stieg der
leise Wunsch auf: Welch ein herrlich Paar könnten unsre Kinder werden!
Graf Welly wurde mit Lob und Schmeicheleien über seinen Sohn überströmt,
und freute sich innig. Man schloß endlich das ergötzende Schauspiel, und Welly
sprach von der Abreise.
„Nicht doch Freund! Bleibe noch da! Du versäumst ja nichts! Wir sahen uns
lange Jahre nicht! Die Stadt entläuft ja nicht!“ — warf Wallbach ein; als dieser
sich zu empfehlen begann.
„Halte mirs zu Guten, theurer Wallbach! Meine Gattin würde bangen, träf ich
zur bestimmen Stunde nicht ein in der Heimat.“
O dann sey unbesorgt! ich schick eine Luftgondel um sie!
„Ein andermal Freund! Ein andermal! Nun — wie du willst. Zwang ist meine
Sache nicht!
Die beiden Wellyngauer empfahlen sich; allen war leid, und alle bedauerten
die kurze Dauer des Vergnügens, das dieser Besuch gewährte, am leidesten war’s
— Lolly. Sie hätte gern alle Kutschen und Pferde, Gondeln und Fahrzeuge
verzaubert, wenn es in ihrer Macht gestanden wäre; ach! ihr war der schöne
Schwimmer, der geschickte Euphonschläger lieber und theurer geworden, als
den Mädchen des 18ten Jahrhunderts die — Schminke.
So gefiel es dir nicht bei uns? — fragte sie trübe, den eben nicht sehr heitern
Salassin.
„Mir? Könnte mir der Himmel besser gefallen?“
Und doch dringst du so auf die Abreise?
„Mein Wille muß des Vaters Wille seyn.“
Aber du kömmst doch bald wieder?
„Land und Meer!“ — sprach Salassin, und verbarg die schnellaufsteigende
Gesichtsröthe mit dem Schnupftuch. Eine kleine Pause, worinn sich die Beiden
wechselseitig anblickten, und die Augen sprechen ließen, was wir freilich nicht
verstehen, da wirs nicht hören — zulezt ein unwillkührlicher Händedruck —
endlich ein feuriger Abschiedskuß, und Leb wohl! Lolly! — Leb wohl! Salassin — Das war das Finale ihres Duetto.
Die Pferde wieherten im Hofe, und wühlten mit den Hufen im Boden, da
traten alle vor das Schloß, man schied unter gewöhnlichen
Abschiedsumarmungen, und die beiden Wellyngauer rollten in der Kutsche
unterm Zuwinken der Zurückgebliebenen die Strasse weiter.
Salassin! Daß du ja bald wieder Euphon in Walbach schlägst! — rief Lolly
ihm zu, als er in die Kutsche stieg. Er nikte stumm die Antwort, und das weiche
Mädchen, suchte auf der Erde, als hätte sie etwas verloren, inzwischen, verbarg
sie so nur ein kleines Thränchen, das ihr wider Willen entquoll. Jaja! Komm nur
bald wieder zur Rosenfischerei! scherzte ein anderes Mädchen.