Guirlanden um die Urnen der Zukunft, eine interessante, originelle Familiengeschichte aus dem drei und zwanzigsten Jahrhunderte
Siebentes Kapitel. Der Besuch.
Siebentes Kapitel.
Der Besuch.
Graf Welly hatte theils der Witterung, theils des Anschauens so mancher
schönen Gegend wegen statt der flüchtigen Luftgondel die Kutsche zur Reise
gewählt. Es waren gegen dreisig deutsche Meilen zur Stadt und der Vater hatte
seinem Sohne noch manches zu sagen, zu errinnern, zu ermahnen, warnen,
lehren u. s. w. Wie es denn die guten Väter bei solchen Gelegenheiten auch im
achtzehnten Sekulum nicht daran ermangeln lassen.
Sie fuhren durch die herrlichsten Gegenden, die überall das natürliche
Gepräge glückliche, zufriedene Bewohner zu haben, an ihrer Kultur trugen.
Abwechselnde Ebenen mit sanften Gebürgen, bald licht, bald dicht bewaldet,
bald mit Akacien, bald mit guten Kastanien, bald mit Citronen, Pomeranzen,
bald mit Birken, Tannen, und andern schon in unserm Jahrhunderte verbreiteten
Waldbäume waren überall zu sehen.
Wie? Citronen, Pomeranzen, Mandelbäumen im deutschen Vaterlande, und
das noch dazu in Wäldern? Gedeihen sie doch izt kaum in Treibhäusern gut!
Meine theuersten Leser, das ist wieder eine Eigenschaft des 23ten Jahrhunderts.
Das Klima war schon zu Franz des II. römischen Kaisers Zeiten nicht das
nemliche, so einst zu Herrmanns Zeiten war, schon nicht so rauh unfruchtbar und
ungesund. Die ungeheuere Waldungen wurden verkleinert, die unzähligen
Sümpfe darinn in urbare Wiesen gemacht, und in dem neuen Zeitraum ist nun
das Klima ungemein angenehmer, sanfter, milder, und trägt nun so gut und
fruchtbar jene Pflanzen, Sträuche und Bäume, die vor fünf hundert Jahren nur in
den warmen südlichern Erdgegenden gediehen — dahin brachten es ebenfalls
Menschen.
Sonstige Moräste sind itzo die lachendsten Wiesen. Hügel die sandigt, felsigt,
nakt, und kahl waren, tragen nun die schönsten Weingärten, oder
Kastanienwälder, und vom kleinsten Strauche bis zur Eiche zeigt jedes
Gewächse das Gepräge einer bessern Veränderung.
Unsre zwei Reisenden waren am ersten Tage der Woche aus den vaterländischen Gefilden gereist, (das ist nach der itzigen Rechnung der
Donnerstag) und kamen am Dritten in eine der lieblichsten Landschaften. Es war
ein blumichtes Wiesenthal, das ein silberblinkender Bach dicht umbüscht mit
Papeln, Erlen und Weiden durchmurmelte. Die Strasse wand sich regelrecht in
einer graden Linie hindurch, von Nußbaumalleen beschattet, links und rechts mit
den duftigsten Blumenbeeten eingefaßt, mit Rasen und Marmorbänken, mit
Lusthäusern nicht im abgeschmakten bizaren chinesischen im rein deutschen
Geschmake, niedlich zierlich und bequem für die Labungsbedürftigen gebaut.
Quellen heller als Diamante sprudelten hie und dort aus künstlich angelegten
und natürlichen Felsennischen an dem Wege, und in den nahen Gesträuchen und
auf den Bäumen, sangen Fink und Hänfling den Reisenden ihre angenehme
Lieder.
„Mein Sohn! — Wir kehren hier in diesem Schlosse, das mitten im Thal im
Abendscharlach mit seiner vergoldeten Kuppel aus dem Baumwipfeln glänzt, bei
meinem alten braven Freunde Bengler ein. Er war einst mein Jugendgefährte, ein
deutscher Jüngling, und noch ein deutscher Mann, er wird uns freundlich
aufnehmen, und bewirthen!“ Sagte Welly zu Salassin.
Wie ward Bengler adelich? — fragete der Sohn. Er hat verschiedne sehr gute
Erfindungen gemacht entgegnete Welly. Er baute eine Windmühle — sieh! Dort
klappert sie ja auf dem Felsenhügel! — mit vierzehn Rädern, wo der leiseste
Wind das erste bewegt, die andern alle sich nachdrehn, und wo man in einem
Tage dreimal so viel mahlen kann, als auf einer Wassermühle von eben so vielen
Gängen in einer Woche. Es wird darinn Papier, Getraide, Hülsenfrüchte und so
gar Drechslerarbeit zu Stande gebracht, jedes Rad treibt eine von der andern
verschiedenen Gewerbsmaschiene. Bengler hat auch noch eine andere Mühle
gebaut, wo blos Papier aber aus verschiedenen Gewächsen so gut und schön
verfertigt wird, daß aus dem achtzehnten Jahrhundert das holländische so zu
sagen nur ein gemeines Papier dagegen ist. Wir werden es besehen, wenn eine
Weile übrig bleibt.
Sie kamen nach einer Viertelstunde bei dem Schlosse an. Der Besitzer saß
eben mit einer Gesellschaft unter einer hochästigen Eiche, deren moosigten
Stamm, dick, kaum von vier Männerarmen zu umspannen, ein niedlicher
Marmortisch dunkel roth, und gelblicht weiß geädert umrundete. Rasensitze
daran, auf denen die Gäste herum saßen, die fröhlich im Kranz herum den
Rheinwein, aus hochhalsigen Kristallflaschen sprudelnd, in Pokalen tranken.
Schon in der Ferne vernahmen die Reisenden den Wiederhall von ihrem
Rundgesang, und als sie beide durch das grün und weiß angestrichene
Staketenthor fuhren, klang eben die lezte Stropfe von dem edlen Liede eines
Dichters aus dem 18ten Jahrhunderte.
Mit dem lezten abgesungenen Verse stand der Gastherr aus dem Kranze seiner
Gesellschaft auf, und kaum hatte er Welly erkannt, so eilte er mit ausgestrekten
Armen seinem alten Herzensfreunde entgegen. Der ganze Ring folgte, und
brachte den Kommenden den Willkommenspokal.
Dies ist ein Becher, der in jedem Hause des Landes nach Verhältniß des
Vermögens von Gold, Silber, oder bei minderbegüterten Landleuten wenigstens
aus feinem Porzellain gebildet ist. Bei einem Gastmahle steht er in der Mitte des
Tisches, und dem Gaste reicht ihn der Gastherr, der ihm aus einem zweiten das
frohe Willkommen zutrinkt, worauf ein kleines Mahl beginnt.
Von Golde mit spielenden Brillianten besezt war der, den Bengler Welly
reichte. Das Bild der Gastfreiheit und Freundlichkeit mit den Worten:
Willkommen! war darauf geäzt.
O so drück ich denn noch einmal wieder dich, mein guter Wallingau, an mein
Herz! — Sprach Bengler freudig. Sey willkommen!
Willkommen! Willkommen! scholls unter den andern, und die beiden
Wallingauer wurden wie im Triumpf nach dem Rasensitz unter der Eiche
geführt. Die ganze Gesellschaft ward munterer. Welly kannte außer seinem
Freunde keins der Glieder, und doch waren alle so vertraulich und frei gegen ihn,
als hätte man sich zu tausendmal gesehen, und seit unzähligen Jahren gekannt.
Salassin ward hingerissen von der lautern Munterkeit des Kranzes fröhlicher
Menschen. Die Mädchen schielten mit lüsternen Blicken nach ihm, und
wünschten ihm als sie erfuhren, er reise in die Residenzstadt, ein recht
angenehmes Leben in der vergnügenvollen Stadt.
Der Abend sank vom leicht bewolkten Himmel auf rosigten Flügeln hinab, die
Sonne glänzte am westlichen Horizont in halber Goldscheibe, und ein rother
Strahl spiegelte in dem weniggefüllten Pokal. Man beschloß einen Spaziergang
in den Park, und die Gesellschaft begab sich paarweise dahin.
Lolly — sagte Spengler zu seiner Tochter, einem Mädchen, dem an den
Rosenwangen der Frühling zum sechzehntenmale blühte — Lolly unterhalte
doch unsern jungen Gast recht gut.
Ja, Vater: das will ich schon thun! — meinte sie, und ihre Wange ward höher
roth. Sie schloß sich an Salassin, und wandelte mit ihm in die schönen Gänge
des Gartens.
Heute war ein sehr schwüler Tag! begann Lolly, indem sie schalkhaft ihren
Führer anlächelte, der zum erstenmal an einer so schönen Seite gieng. — Ihr
beiden werdet müde auf der Reise geworden seyn.
Um so angenehmer labt uns die Ruhe, und besonders hier, wo der kühle
Abend, und so liebliche Blüthen um uns sind! — sprach Salassin etwas verblüft;
denn ihm ward es schon bei Lollys ersten Anblicke wunderlich ums Herz. Wenn das Mädchen zehnmal ein allerliebstes Gesprächsel anfieng, ließ der schüchterne
Salassin sonst so gewandt um frey — zehnmal ließ er den Faden fallen. Ein
niegefüllter Drang klopfte schneller in seinem Pulse, und die Glut seines
Gesichtes stieg höher bei jeglichen Blicke, den Lolly mit ihrem freundlichen
Auge auf ihn warf.
Unsre Väter sind so gute Freunde, wie kommt es, daß sie sich selten
besuchten? Ich sah dich noch niemal? — fieng Lolly wieder an.
„Mein Vater hat immer der Geschäfte so viele“ — Auch meiner und doch ist
er fast jede Woche irgendwo zu Gaste.
„Die Entfernung von Wallingau nach — Wie nennet man dieses Dorf?“
Wallbach!
„Sind volle fünfzehn Meilen.“
Die kann man in einem Tage zurücklegen mit flüchtigen Luftgondeln.
„O ja! — es ist aber nicht immer gut Wetter.“
Sage lieber Laune daheim zu bleiben — Du fährst also nach der Residenz?
„Ja!
Wirst du nicht bald zurückkommen?
„Das läßt sich nicht bestimmen.
O du mußt uns öfter —
„Recht gerne!“
Das Gespräch hätte wieder sein Ende, und sie wandelten weiter in den
labyrintischen Gängen des Parks. In der Mitte plätscherte eine Kaskade. Ein
kristallener Erlenbaum schoß aus jedem künstlich gebildeten Zweige das
flimmernde Wasser, das wie ein Staubregen in das Becken rieselte, und in einen
schilfigten Teich rann.
Die Beiden weilten und sahen bald das schöne Schauspiel, bald — sich an,
und ihr Lächeln, ihr schnell sich begegnender Blick fiel schneller zurück auf die
Kaskade.
Eine Goldrose schwamm mitten im Teiche. Die leichten Wellen gaukelten sie
näher an das Röhriggestade.
Eine Goldrose! — rief Lolly, und zeigte in den Teich. Salassin sammelte
Kieseln, um die Blume durch ein geschicktes Werfen näher an den Damm zu
treiben. Es gelang, und die Rose war fast mit der Hand zu erreichen. Schnell um
dem schönen Gast zuvorzukommen, kniete Lolly auf den Grasdamm, und langte
nach der Goldrose. Salassin der eben ein Stäbchen vom nächsten Strauche brach,
stand mit dem Rücken gegen den Teich, und bemerkte die Müherinn nicht, die,
indem sie nach der Blume tappte, das Gleichgewicht verlor, und mit einem
lauten Ach! in den tiefen Teich sank. Erschrocken über den Schrey sprang
Salassin dahin, als Lolly eben untertauchte.
Im Augenblick stürzt er sich nach, erhaschte sie, und schwamn das Mädchen
in einem Arm haltend, damit er mit dem andern rudern könne, heraus.
Einen Theil der Gesellschaft führte der Zirkelweg auf die andere Seite des
Teiches, sie erblickten mit lautem Hilfeschrein die klägliche Szene, aber kaum
waren die meisten herbeigeeilt, als das Paar ganz naß schon wieder auf dem
Damme stand.
Ich war so ungeschikt, — sagte Lolly, und streifte das triefende Wasser vom
Gewand — und fiel in den Teich! O ich danke dir lieber Gast! Wie der Wind
schnell trug er mich aus den Wellen!
„O nicht doch — ich war so unachtsam“ — wendete Salassin ein — „brach
ein Stäbchen vom Strauche, um damit eine Rose aus dem Wasser zu ziehn, und
bemerkte nicht, daß Lolly mir zuvorkomme, und indem sie sich nach der Blume
bükte in den Teich sank.“
O gehe doch! ich bin Schuld daran! — eiferte das nasse Mädchen. Warum war
ich —
Jaja! — rief ein anderes Mädchen schäckernd. Ich wette die Rose wars wohl
eben nicht!
„Ey und was denn sonst?“
Gewiß sie standen beide da am Uferrand, und fielen, weil Lolly einem Kuß
sich entsträuben wollte, unachtsam hinein.
Warum nicht gar“ — sagte Lolly mit jungfräulicher Verschämtheit. — Und
wenn ich es thue, er hat mich ja aus dem Wasser getragen!
Und die Goldrose doch erhascht! — dachte Salassin, und die Gesellschaft
verscherzte den leichten Schrecken.
Ihr seyd mir ein paar Unglückskinder! — rief Bengler lächelnd. Zum
erstenmal sehn sie sich, und bestehen schon ein Abentheuer in einem
gefährlichen Element! Kinderchen! Scheut künftig das Wasser!
Eiliger gieng man itzo dem Schlosse zu, und aller Gespräche Stoff war — die
Rosenfischerei. Man lachte und schäckerte und würzte damit den Rest des
Abends, bis man in den Schoos des Schlummers eilte. Lolly — träumte mit
offnen Augen von — der Goldrose. Und Salassin? Dem verwandelten Salassin
trieb ein süßes Empfindunggemisch den Schlaf vom Augenlied. Er schwamm
mit der schönen Goldrose aus dem Teiche! Dies Bild wich ihm nicht aus dem
Traume.