Guirlanden um die Urnen der Zukunft, eine interessante, originelle Familiengeschichte aus dem drei und zwanzigsten Jahrhunderte
Zehntes Kapitel. Geschichte dieser müden Wanderer.
Zehntes Kapitel.
Geschichte dieser müden Wanderer.
Salassin vergaß an — Lolly, er war so froh und munter, und wußte nicht
warum? Woher kommt ihr guten Leute! — fragte Welly als sie sich
einigermassen erholt hatten. Ihr habt heute eine garstige Witterung zur Reise
gehabt.
Wir wanderten — nahm der junge Mensch das Wort — schon viele Monden
aus den nördlichen Provinzen Deutschlands. Ich bin ein Mahler meiner Kunst,
und wollte nach der Residenzstadt des Kaisers.
Ein Mahler? — dachte Salassin, und bei der Vorstellung von Gemälden
schwebt Lollys Bild schnell vor seiner Seele. Mahler haben in unserm Lande
viel Verdienst! Die Vorstäher des Mahlermusäums belohnen Geschicklichkeit,
wenn sie ausgezeichnet ist, sogar mit Beifall und Gütern.
Der junge M. Ich kenne Germanien wiewohl England mein Geburtsort ist, denn
ich bin hier aufgewachsen; und habe mir seit mich mein Lehrmeister fähig hielt
durch Fertigkeit mein Brod zu verdienen, manchen schönen Gulden verdient.
Vor acht Monden wurden wir an der Küste Hollands, von Seeräubern überfallen,
die uns außer dem Leben und dem Kleide, so wir angezogen hatten, nichts, nicht
einmal meine nöthigsten Werkzeuge liessen. Meine Mutter erkrankte mir
überdies bald darauf, und da mir alle Mitteln zu arbeiten fehlten, schlepten wir
uns elend von Ort zu Ort. Zwar haben wir der braven Menschen viele
angetroffen, die uns gastfreundlich aufnahmen. In einem Orte waren wir wohl
vier volle Wochen, wo ein edler Pfarrer meine liebe Mutter vom Fieber kurirte:
er sammelte noch überdies bei seiner Gemeinde einen Zehrpfennig für uns, wir
reisten gemächlich bis auf wenige Meilen hieher, wo wir nun sind, aber
vorgestern schon war ein Trunk Wasser und ein Stück Brod unsre einzige
Labung. Die Leute können uns die Ehrlichkeit nicht im Gesichte lesen, und also
betteln — Herr
Welly. Was ein Mahler in unsrer Zeit betteln?
Der junge M. Das fiel mir schwer — so unmöglich — aber doch war meine
Mutter nicht anders zu erhalten. Ich nahm all meine Stärke zusamm, und sprach
einem der reichsten Häuser im Dorfe zu. Ein Mann saß darinn am Tische, und
zählte eben eine ungeheure Summe Geldes, das in hohen Haufen aufgeschlichtet
war. Der Mann war ein Gerippe, und als er mich ersah, sprang er schnell von
seinem Sitze und stieß mich zur Thüre hinaus. Auf immer abgeschrekt empfahl
ich meine Mutter und mich Gott, und trug sie weiter von Ort zu Ort, bis ihr uns
traft.
Welly. In England bist du gebohren? Deine Denkart ist aber sehr deutsch; du
warst gewiß nicht lange da!
Das glaub ich — nahm die erholte Mutter das Wort — Mein Sebald war noch
in den Windeln als ich ihn in meinen Armen aus England zum Vater trug, der bei
der Armee der Normänner, die damals gegen Deutschland im Felde war, seyn
sollte; denn er war entflohn, und gewiß wußt ich es nicht wo er lebte. Wir zogen
überall herum, und fanden ihn nicht. Aller Wahrscheinlichkeit nach war er todt.
Wir verliessen Norland und kamen nach Germanien. Eines Tages am Abend lag
ich eben im thauigten Grase an der Strasse, mein Sebald war schon sechs Jahr
alt, neben mir, und wollten hier die Nacht verschlafen, von allen entblöst was
uns ein besseres Lager hätte bereiten können. Ein wohlhabender Mann sah unser
Elend, und ließ uns, da wir auf den Füssen nimmer stehen konnten, in ein nahes
Städtchen fahren. Er gewann Neigung für uns, behielt mich, da seine Gattin kurz
vorher gestorben, und 4 unerzogene Waisen gelassen hatte, in seinem Hause, wo
ich der Arbeit genug, und keinen Mangel hatte. Eben dies war der Mann, der
meinen Sohn die Mahlerei lehrte, die er selbst trieb und wodurch er ein sehr
wohlhabender Mann geworden war. Weit und breit war er berühmt, und aus
fremden Ländern bestellt man sogar Gemälde bei ihm. So lebten wir bis der
wohlthätige Mann zu unserm Jammer starb.
Sebald. Das ist seit zwei Jahren. Er war mir ein zärtlicher sorgsamer Vater. Ach!
nie kann ich vergessen, wie er mich liebte, wie er seinen Kindern gleich mich
erzog. Ruhe, süsse Ruhe seiner Seele! Wir verliessen damals dieses Städtchen,
und kamen nach den Unfällen, die ich bereits anführte, hieher, wo uns Gott in
euch einen zweiten Retter sandte.
Welly. Das war meine Pflicht, euch beizustehn. Daß würde jeglicher gethan
haben. Wir sind morgen in der Stadt, und junger Mann ich will die Vaterstelle
übernehmen, will fernhin für dich sorgen. Sey selbst auch thätig, dann wirst du
einmal über nichts zu klagen haben. In unserm Jahrhundert verhungert nun kein
geschickter Künstler mehr. Die Zeit der Barbaren, wo die Dumköpfe im Ueberfluß schwelgten, die verdientesten Köpfe darbten, ist gottlob nicht mehr.
Ich will den Tag unter die schönsten meines Lebens aufzeichnen, an dem ich
dich fand, und dem Vaterlande einen braven Bürger und geschickten Künstler,
durch eine so geringe Hilfe erhielt. Salassin! — Ihr bleibt Gefährten — Freunde,
Brüder! meine Söhne!
Sebald drückte voll ungestümmer Freude Wellys Hand, auf die eine glühende
Thräne des stummen Dankenden rann.
Du kennst mich so wenig — stammelte er — und zeigst dich so edel gegen
mich. Diese Güte — dies Zutraun richtet mich auf! Nimm — ich habe nichts als
stille Thränen zum Danke — Die Geretteten — hier deutete er wortlos auf seine
entzückte Mutter, welche wie er keine Silbe sprechen konnte.
Salassin umarmte seinen neuen Bruder. Ihre Neigungen trafen sich, der Ring
der Freundschaft umschlang ihre Herzen, sie wurden Freunde, Brüder und
blieben es.
So kamen sie in einer seelerhebenden Freude allmählig der Stadt näher.
Sebalds Leiden gefurchte Stirne glättete die namenlose Wonne, die ihm im
Innern glühte. Er war ein blühender junger Mann, voll Fähigkeiten, voll Streben,
seine Anlagen zu bilden, und mit einem edlen Herzen von Mutter Natur
beschenkt. Seine Seele trug er im Gesichte, das schwarze Aug funkelte von dem
Feuer, das ein Abstrahl seines Geistes war. Aus seinen abgetragenen Kleidern
schimmerte er hervor, wie der Vollmond durch ein zerrissenes Gewölke.
Seiner Mutter eine ungefähr vierzigjährige Frau, mit den unverkennlichen
Spuren ehemaliger Schönheit, hatte der Kummer, das Elend und ein gewisser
Harm (dessen Ursache meine Leser, wenn sie es noch nicht errathen haben, doch
bald erfahren werden) die Wangen gebleicht, aber sie erregte dadurch in jeder
Seele nur um so mehr Theilnahme, und ihr ganzes Betragen verrieth gar zu
deutlich, daß sie einst edel erzogen, der Dürftigkeit nicht bestimmt war, die sie
nun drückte.
Seelenvergnügt war Welly und sein Bewustseyn maaß ihm bereits ein hohes
Gefühl süsser Empfindungen, wenn er Sebald und seine Mutter ansah. Salassin
wurde bald vertraulicher mit Sebalden. Unter Erzählungen und Gesprächen
vergaßen die aufgenommenen Pilger ihr voriges Leid, und träumten von dem
Himmel, der sich vor ihren Blicken aufschliessen würde. Salassin durch diese
zerstreut, dachte allenfalls noch manchmal, wenn der Mahler von Bildern
sprach, an Lollys lebendiges Bild.