Guirlanden um die Urnen der Zukunft, eine interessante, originelle Familiengeschichte aus dem drei und zwanzigsten Jahrhunderte

Neuntes Kapitel. Die müden Wanderer.

Neuntes Kapitel.

Die müden Wanderer.

 

Warum bist du so traurig? — fragte Vater Welly, nachdem sie Walbach weit

im Rücken gelassen hatten. Du warst doch gestern heiterer auf der Reise!

„Ich dachte — was wohl die Mutter machen würde?“ Welly lächelte über die

unvermuthete Wendung, und sah ihn mit einem forschendem Blicke an. Darum

sprichst du heute kein Wörtchen? Sitzest da ohne Geist und Seele, wie ein

mechanisch sich bewegender Fleischklumpen? Gukst immer zurück, woher wir

kommen? Seufzest wohl auch gar, wenn du glaubst, ich bemerk es nicht.

„Mir ist — vom Fahren bange geworden, und das Wetter, so da plötzlich den

schönsten Tag, in den trübsten verwandelt hat, ist —“

Doch nicht etwa im Barometer deiner Seele auch auf den Regenpunkt gerükt?

„Der Einfluß —“

Des Regenwetters, war ja nie auf dich so groß, daß du trübe geworden wärest.

Hattest du nicht immer sonst deine Freude daran, wenn die blitzenden Tropfen

flimmernd vom Himmel rieselten? und das staubichte Baumlaub abwischten, die

Luft heitrer und angenehmer zu athmen war? Salassin?

„Mein Vater —“

Mein Sohn! Du hast nicht Ursache deinem Vater und deinem Freunde diese

Bewegung, die in dir vorgeht, so sorgsam zu verbergen. Lolly —

Salassin schlug die Augen nieder, und hörte bei diesem werthen Namen

aufmerksam zu.

„Lolly ist ein edles liebenswürdiges Mädchen, deine keimende Liebe, die ein

nicht blinder Vater sehr leicht bemerken muß, tadl’ ich nicht.

„Liebe? mein Vater!“ sagte Salassin und drückte sich mit inniger Rührung an

des Vaters Brust.

Ich glaub es dir gerne, daß du deinem Empfindungsgemische den Namen

nicht zu geben weist. Deine Unerfahrenheit — aber Salassin! Laß diesen Trieb in

deinem Innern noch nicht zu stark sprossen, daß er deinen andern Seelenkräfte

nicht zu sehr verdränge, deine Lebens und Geisteskräfte nicht erschlaffe! Werd ein edler Mann! Sammle dir Verdienste, und ich will die Stunde zu meinen

seligsten zählen, in der Lolly dir als Gattin zugeführt wird.

Der düstre Salassin ward mächtig getröstet, und erheitert. „Ja mein Vater! —

rief er — edel und rechtschaffen will ich immer in deine Fußstapfen treten, deine

väterliche Liebe sey mir ein Leitstern, der mich nie im Labyrinthe der Laster

vom graden Weg der Tugend irren lassen wird!“

So mein Salassin! Und dann komm als unsre einzige Lebensfreude in die

Arme deiner beglückter Eltern!

Der Regen hatte nachgelassen. Die Wolken waren zertheilt, und des Himmels

freundliches Blau lachte durch die zerstreuten Wolken. Die Sonne glänzte

lieblicher auf die erfrischten Gefilde.

O Vater! — fieng schnell Salassin an, indem er auf die Strasse sah — Dort

gehet ein paar Menschen. Sieh! ein junger Mann mit einer kränklichen Frau. Wie

ihre dürftigen Kleider vom Regen triefen. Der junge Mann trug sie auf dem

Rücken, führte sie bald, bald nahm er sie wieder auf sich —. Die sind gewiß sehr

müd und matt. Nehmen wir sie doch in unsern Wagen. Ich setze mich zu Thomas

auf den Bock.

„Brav, mein Sohn! — Thomas!“

Herr!

„Jage die Pferde, und wenn du dies Paar Leute eingehohlt hast, halte!“

Gut, Herr!

In wenigen Augenblicken stand der Wagen, Salassin sprang heraus, und führte

die matte kranke Frau auf seinen Sitz, ohne viel Worte zu wechseln. Ihr Führer

dankte mit herzlicher Freude, und wollte zu Fusse fort.

„Nur auch herein! — sprach Salassin!“

O guter Mann! ich bin ja noch jung, und rüstig, wenn nur meine liebe Mutter

— Nein, mein Sebald — sagte die Mutter halb erschöpft. — Herr nimm ihn statt

meiner in den Wagen, wenn du so gut seyn willst. Er hatt mich schon einige

Stunden weit auf dem Rücken getragen — er kann seine Füsse kaum mehr

heben.

Beide, beide herein! — sagte Salassin, — half ihnen in die Kutsche, und sezte

sich zu dem Kutscher der Bequemlichkeit der Müden halber auf den Bock. Der

junge Mensch gewahrt es kaum, als er schnell aus dem Wagen sprang und

sprach: diese Güte kann ich nicht annehmen — laß lieber mich dahin, — warum

sollst du dich deiner Bequemlichkeit berauben.“

Wie haben alle viere Platz! — entschied Welly, und sie saßen beisammen. Die

müde zitternden Fremden sahen sich bewegt an, und nickten sich zu: Gott hat

uns diese Edlen zu Rettern geschickt!