Guirlanden um die Urnen der Zukunft, eine interessante, originelle Familiengeschichte aus dem drei und zwanzigsten Jahrhunderte

Eilftes Kapitel. Die Erscheinungen im Lager.

Eilftes Kapitel.

Die Erscheinungen im Lager.

 

Sie kamen zu der kleinern Stadt. In einer unendlichen Ebene waren die Zelte

des Lagers geordnet, wie eine kleine weiße Hügelsaat. Die blanken Flinten

blizten im Sonnenglanze, und die zerstreuten Soldaten wimmelten wie ein

Bienenschwarm. Eine unzählige Volksmenge von einheimischen Bürgern und

fremden Menschen, die der Neugierde halber in das Lager gereiset waren,

drängte sich in allen Gassen auf allen Plätzen der Stadt, und im ganzen Lager.

Die Luft war mit Gondeln die theils herabsanken, theils hinaufstiegen, und mit

ihren bunten Segeln flatterten, angefüllt.

In der Mitte des Lagers ist ein viereckigter Platz für eben diese Gondeln,

herum sind die Zelte der lustigen Marketender wimmelnd von fröhlichen Gästen.

Salassin und Sebald besorgten ihre Pferde, und verloren sich im Gemische des

Haufens.

Eben kam Sebald an eine Ecke des Gondelvollen Lagerquadrats. An einem

Luftschiffe wurden die Seegeln gespannt, und zum Aufsteigen bereitet. Ein

Mann und Mädchen stieg eben hinein, er blickte flüchtig dahin, welch ein süsses

Schauern durchfuhr ihn! Er erkannte das Mädchen und hätte auf des Kaisers

Ehre geschworen es sey das und kein anderes, so ihm einst da jammernd

entgegensprang als er den verwundeten Alten auf dem Rücken trug.

Er rief einige Grüsse den Aufsteigenden zu, die alle unbeantwortet blieben.

„Sie ists, beim Himmel! sie ists! Sie kennt mich nimmer! Sie blickte herab, als

ich sie grüßte, und dankte mir nicht einmal! Ich bin verloren — sie kennt mich

nimmer.

So gieng er voll Unmuth mit einem gekränkten Herzen, nachdem er lange

unverwandten Blickes der Gondel nachgesehn hatte, traurig und mit sich im

Streite, ob sie es vielleicht doch nicht gewesen seyn könne, oder ihn nicht

erkannt habe, das Lager auf und ab.

Eilends flog nach langem Suchen Salassin voll Hast und Staub, und ohne

Athem fast, auf Sebalden zu. Ich habe sie gesehen! O ich habe sie gesehen!

Wen? — fragte der aufmerksame Freund.

Lolly hab ich gesehen. Sie fuhr eben in einer Gondel davon. Ihren Gefährten

sah ich nicht recht, denn er war bereits eingestiegen; aber es war ihr Vater. Lolly

blickte hinab, ich erkannte sie: winkte ihr, grüßte sie: aber ach! sie mußte mich

nicht kennen — sie dankte mir nicht! — Lolly — sie dankte mir nicht!

 

Seb. (hastig) An welchem Ecke sahst du sie?

Sal. An dem Ersten, aus dem man in das Stadtthor kömmt. Sie wars — mit

Leib und Seele — ihre Kleidung zwar hatte sie nicht — die sie trug als ich mit

meinem Vater in ihrem Schlosse war; aber Mädchen haben der Kleider so viele

als Launen.

Seb. Was soll das heissen? Wisse — ich sah das Mädchen auch; aber in dem

letzten der 4 Ecke — sie fuhr eben mit einem alten Mann davon: es muß ihr

Vater gewesen seyn; auch ich konnt ihn nicht sehen, auch mir nickte sie keinen

Dank auf meinen Gruß!

Sal. Wie sollen wir uns das erklären? Das schöne Mädchen sahst du, so du

abzeichnetest?

Seb. Ja, ja! Mit Leib und Seele!

Sal. Wart einmal! Mir fällt ein — (Himmel, wenn Lolly es wäre, die er gesehen! Ach Gott —

dann wäre mein Unglück gereift!)

Seb. Nun — (Wenn er das Mädchen sah — o gewiß Lolly und dieses ist einst — Er liebt sie — meine

Seele hängt auch an ihr — mein Elend ist unendlich groß!)

Sal. Wie — miethen wir uns eine Gondel und fahren nach!

Seb. Aber wohin?

Sal. Ja — auf Lollys Landgut!

Seb. Es ist zu weit. Wir kommen zu spät zurück!

Sal. Ist dir nicht bekannt, wo sich der Edle aufhält bei seinem Bruder, ich

meine des Mädchens Vater —

Seb. Ja wenn ich das wüßte.

Sal. — — Mir fällt ein — Was trug das Mädchen für ein Kleid? Nicht ein

lichtblaues mit rosenrothen Streifen?

Seb. (bebt und stottert) O wehe! Lolly und das Mädchen ist eins — (Sie hatte ein

lichtblaues mit rothen Streifen!) (Weh mir!) (Er faßt sich und sagt laut zu Salassin) Ja das hab ich in

der Eile nicht bemerkt — ich — dächte eher — ein grünes oder rothes —

Sal. (etwas freudiger) O so waren es 2 verschiedene Schönen! Aber — sie dankte

mir nicht einmal — sie grüßte mich nicht wieder! — Erkennen hätte sie mich

doch sollen!

Seb. (in stummer Angst für sich hin) Jaja! Freund! 2 verschiedene Mädchen! — Ich

gönne dir deine Freude, und will sie dir nicht entreissen! Ha — mein Herz muß still schweigen — Salassin hat ältere Rechte — er ist mein Freund — mein

Retter — (laut) Ein blaues Kleid trug sie?

Sal. Ja, Sebald, ja! Ich sah es sogleich; denn mir fiels in die Augen, weil ich

Lollyn in keinem andern als einem weißen gesehen habe. — Aber was fehlt dir?

Du blickst zur Erde? Du willst sprechen? und verstumst — Sebald?! —

Seb. Wenn ich sie doch nicht gesehen hätte!

Sal. Warum? Du erregst mir Unruh! —

Seb. (lacht laut auf) Aber ob wir nicht Thoren sind! Da machen uns 2 Mädchen

bange! Wer weiß wer sie waren! Sie kannten ja uns nicht; denn sie wären doch

so artig gewesen, und hätten uns wiedergegrüßt! Geh doch — furchtsame Augen

sehen immer Gespenster, und verliebte den Mond fürs Liebchen an!

Sal. Mein Auge trügt sich nicht leicht — und du — ein Mahler?

Seb. Der manchmal zuviel sieht! — Komm wir kehren zurück.

Sal. Ich komme nach! Und willst du meiner nicht warten, so reute voraus — in

die Stadt zurück — natürlich!

Seb. Komm bald nach.

 

Wenn die innigsten Freunde sich auch die kleinste Falte des Herzens nicht

verdecken; so giebt es doch zuweilen welche, die sie nicht gerne sich

aufwickeln, besonders im Punkt der Liebe. Oft sieht man sich selbst nicht gerne

in das liebende Herzchen, und in diesem Falle einen andern, wenn er auch

meinem Ich noch so sehr verwebt ist, drein gucken zu lassen? Das ist dem

Menschen nur zu sehr unerträglich.

Beiden war es lieb, allein mit sich selber so ein Gesprächsel führen zu können

— und jener irrte noch lange im Lager herum, vergaß der Stadt, und, daß Sebald

wenn er nicht bald folge, fortreuten würde: dieser dachte wieder nicht, daß

Salassin noch im Lager schwärme, sattelte sein Roß, und ließ sich von ihm

tragen, wohin es nur immer gehen wollte.

Der gute Gaul, der sein eigner Herr itzt war, trappte andern nach, die vor ihm

hertrabten, und in einer Stunde war Sebald in einer ganz fremden Gegend; zwar

war er auf der Chaussée, aber diese war es nicht die nach der Hauptstadt führte

— soviel gewahrte er plötzlich, ohne eben vielweniger zu schwärmen als vorher.