Guirlanden um die Urnen der Zukunft, eine interessante, originelle Familiengeschichte aus dem drei und zwanzigsten Jahrhunderte

Drittes Kapitel. Der Spaziergang in das Kastanien Wäldchen.

Drittes Kapitel.

 

Der Spaziergang in das Kastanien Wäldchen.

 

In seeligen Frieden lebte nun der neue Graf den Mittag seines Lebens. Eine

treue zärtliche Gattin zur Seite. Sie geliebt und nachgeeifert von allen Mädchen

und Frauen, er das Muster, nach dem sich die Jünglinge der Gegend und des

Dorfes bildeten, das im halben Kreise das gräfliche Schlos umgab. So war

Elisium ihr Ländchen, und glükliche Unterthanen, thätig und reich, segneten mit

frohen Thränen die Stunde, die ihnen dieser Vater gebahr, bekränzten im

blühenden Frühling als eines Heiligen Statue das Ehrendenkmal, so die

Gemeinde Wellys den verstorbnem und von Jedem geschäzten Vater gesezt

hatte, und dankten der Vorsicht die im Sohne den Todten erstehen ließ.

Zur ungemeinen Erhöhung des Lebens, gebahr Wellys geliebte Gattin Jadilla

zwei Kinder. Salassin einen Knaben, ganz das Bild des Vaters, und ein Mädchen

das den Namen der Mutter und den schönsten Keim zur künftigen Grazie trug.

Also waren in beneidenswerthen Freuden sechs Jahre entflohn, schnell wie ein

Pulsschlag und hold wie ein blühender Frühling. Salassin zählte sechs und die

plappernde Jadilla vier Sommer. Aber nun erwachte das Glük, das im

achtzehnten wie im 23. Jahrhundert nie das menschliche Leben ungetrübt läßt,

aus seinem Schlummer, und schüttete Wermuth in den Kelch der Freude.

Eben streifte mit rosichten Finger der Morgen vom dämmernden

Kastanienhaine die Nebelwolken der Nacht. Der Sonne halbe Goldscheibe

strahlte hinter dem östlichen Berge hervor, und der Thau rann an Grashalmen in

spiegelnde Perlen.

Da saß Welly mit seiner kleinen Familie im elisischen Parke des Schlosses am

Frühmale. In einer duftigen Schasminlaube mit grünen Bänken und einem

Mahonitischchen, genoßen sie das ländliche Mahl von frischgemolkner Milch,

gewürzt von vertraulichen Scherze der Gattin, und naiven Fragen und

Schäckereien der herzigen Kinder; voll Heiterkeit der Seele wie der Morgen, der

durch die Lichträume des Schasmingeflichts seinen purpurnen Strahl, auf die

liebliche Milch und die Wangen der Frohen goß.

„Wie so herrlich der Morgen auf uns lächelt, meine Jadilla! — sprach der

muntre Vater und drückte inniger der Gattin Hand. Wie alles lebt und sich regt!

Düftet und blühet! Wollen wir nicht einen Spaziergang in das nahe

Kastanienwäldchen machen, das dort an dem Berge in bläulichen Gruppen an

den Wald sich schließt? Komt! komt meine Trauten! Schöner ist Mutter Natur im

Freyen! Dort athmen wir den Odem der Liebe, die uns das allwirkende Wesen in

jedem Grashalm und Wurm erkennen läßt! Komt!

Ja! — lieber Vater! — rief hastig der muthige Salassin, und küßte ihm die

Hand. — Ich will Schmetterlinge fangen, so schöne Schmetterlinge, wie du aus

dem fremden Lande gebracht hast.

Ja ja! — liebe Mütterchen — stammelte hüpfend die kleine Jadilla, und

schmiegte sich an die Mutter. Schöne Blümchen da giebts — dir Sträuschen und

dem Vater auch, und dem Salassin auch — komt! komt! mit dir im Grase

springen.

Mit einem zärtlichen Blick, der ganz die Seeligkeit des Gefühls ausdrückte, so

das holde Geschwätze der Unschuld erregte, begegneten sich die Gatten, und

wandelten auf das Kastanienwäldchen zu; ein Diener folgte mit dem

Sonnenschirme.

Dies war die gewöhnliche Stunde, in der Welly seine Kinder belehrte. Am

Morgen wo die Seele heiter und sorgenlos, gefühlvoller das Herz für das Schöne

der Natur, und faßlicher für jeden Unterricht ist nahm er sie in das Freye mit,

und brachte seinen Kindern angemessene Begriffe von Gott und manchen andern

Sachen bei. Der Schmetterling, den Salassin mühsam gefangen, das Blümchen

so Jadilla gepflükt, war Stoff und Gegenstand, von dem er auf den Urheber und

Erhalter des Universums in leichten Gesprächen kam, und so die Begriffe von

Milde, Güte, Weisheit und Ordnung des Urwesens spielend in das Herz und

Gedächtniß der Kinder pflanzte.

Auf schlängelnden Wegen der Wiesen, die ein Kieselbach murmelnd in zwei

Fluren theilte, neben rauschenden Weidengesträuchen Hollunder und

Hagedornhecken giengen sie dahin im lachenden Thale, und achteten nicht des

glänzenden Thaues, der ihre Schuhe benäßte.

Da rief ein singendes Mädchen, die blinzelnde Sichel in der Hand, unter

welcher die Blumenglieder stürzten, der kommenden Familie herzlich und

lächelnd ihren Morgengruß zu. Dort am Fahrwege that es ein Ackersmann hinter

dem knarrenden Pflug — hier ein Knabe, der zottige Ziegen am Felber weidete

— dort der Schaafhirt am Abgang des Hügels mit der Flöte.

O Natur! Natur wie bist du so schön! — rief Welly über den Anblik dieser

Szenen entzükt, und schmiegte sich heißer an die mitfühlende Gattin.

Endlich nahm sie das niedliche Kastanienwäldchen in seinen moosichten Schoos auf. Sie lagerten sich im Schatten, denn die Sonne stand schon viel höher

über den waldigen Ostberg, und die wachsende Schwüle trieb die Wandlenden

ins erfrischende Kühl. Salassin und Jadillchen jagten herum in riechenden

Wacholderbüschen, und liefen bald einem Schmetterling, bald einem Blümchen

nach. Ein bunter Vogel flog um den andern auf, und der Knabe wußte nicht,

welchem er folgen sollte: ein Waldblümchen um das andere lokte das kleine

Mädchen, das schon alle Händchen vollgepflükt hatte. Immer warf sie die

Gepflükten hinweg, und brach sich Neue. Willot der Diener hatte Mühe, die

beiden im Gesichte zu erhalten, er folgte bald diesem, bald jener, sie liefen

zertheilt herum, und kaum rief er den hastigen Salassin, war ihm schon wieder

das geschäftige Jadillchen aus dem Auge.

Die kleine Pflückerinn verlor sich denn dabei einmal soweit in einen

Birkenschlag, daß Willots Ruffen sie nicht mehr hörte. Sie verfolgte die Blüthen,

im eifrigen Pflücken hatte die Schuhe verlohren, das florne Schürzchen und das

leichte Kleid an den Dornen der Hambutensträuche zerrissen, und gerieth

endlich soweit, bis sie unvermuthet am Ende des Schlages um den ganzen Hügel

herum gekommen war, wo sie ein Thal, das sich vor ihren Füssen aufschlos, mit

einiger Verwirrung erblikte.

Sie kam eben auf eine Strasse, ein neues schöneres Blümchen blühte vor ihr,

sie grief nach ihm, und ach! — eine Biene stach Jadillchen in das weiße

Händchen.

Der Schmerz erpreßte ihr Thränen und sie weinte laut.

Eine Kutsche rollte grade die Strasse heran, darinn saß eine ältliche Dame. Sie

ließ den Kutscher halten.

„Warum weinst du? Mädchen! — sagte die Dame freundlich. Ein Bienchen

hat mich stochen — in die Hand hat es mich stochen! — weinte das Mädchen

und blies auf die brennende Wunde.

„Was machst du denn da im Walde?“

Blümchen pflüken dem Vater und Mutter und Salassin.

„Wo ist denn Vater und Mutter?“

Jadillchen schaute sich herum, die neue Gegend verwirrte sie, sie zeigte in das

fremde Thal hinab wo ein Dorf lag. Da ist Mutter!

„Komm mit mir Mädchen, weine nicht, ich will dein Händchen heilen!“

Ja du bist nicht meine Mutter.

„Komm ich bringe dich zu ihr, du möchtest dich verlaufen!“

Jadillchen ließ sich nicht zweimal bitten, man hob sie in den Wagen, und die

Dame beschäftigte sich mit dem Bienenstich, der das arme Kind so schmerzte,

daß es Mutter und Vater, Salassin und Blümchen vergaß, und weinte. Die Dame

zog ein Balsambüchsgen heraus, und der Schmerz ließ nach, sie fuhren dem Dorfe zu, auf das die wirre Jadilla gezeigt hatte.