Guirlanden um die Urnen der Zukunft, eine interessante, originelle Familiengeschichte aus dem drei und zwanzigsten Jahrhunderte
Fünfzehntes Kapitel. Begebenheiten.
Fünfzehntes Kapitel.
Begebenheiten.
Sebald hatte von seinem Schicksale dem Freunde nur äußerst wenig erzählen
können; denn taub für alles war er; und die Angst, wenn Lolly und das Mädchen
eins wäre nährten seine Schwermuth noch mehr; in der er verloren dem frohen
Sebald Stunden lang zuhörte, ohne von dem Erzählten ein Wörtchen zu fassen.
An einem Festtage erhob sich der Monarch aus seinem Pallast, und wandelte
mit den Aermsten, Elendesten, Dürftigsten leutselig, freundlich und gütig.
Seinem Beispiele folgten die Edelsten, und in wenigen Minuten schien kein
Dürftiger, kein Armer und Elender in der Stadt mehr zu seyn.
Salassin und Sebald waren lange schon unter dem bunten Gewimmel von
glücklichen Menschen.
Du wirst heute Lolly sehen! — sprach Sebald! Hurtig unsre Baarschaften her
— die Armen sind zahlreich! — Und du — soll ich das Mädchen nicht auch
erblicken? entgegnete Salassin, ehe sie giengen. Meine Unruhe steigt mit jeder
Minute! Komm — ich brenne vor Ungeduld —
Warum? — fragte Sebald etwas unverständlich — Warum? — Doch komm!
Wir theilen uns itzo vermög den Gebräuchen! — Sebald — (rief er ehe sie noch
völlig auseinander waren) — Sebald! Wenn Lolly und das Mädchen eine Person
sind — dann (er lief eilends fort, und blickte immer nach Sebalden zurück, der
verwundernd da stand) So ist er noch nicht aus dem Irrthum? Hat er euch nicht
verstanden? Hab ich ihm nicht zehnmal erzählt, daß das Mädchen Jilla heisse,
daß sie und ihr Vater von Lolly gar nichts wisse? Wenn ich ihn doch nur auf
einem geheimen Orte sähe!
Er sprachs und schloß sich an den ersten besten an. Salassin verlor sich auf
der andern Seite unter dem Wirwar der Versammelten. Er verließ einen 2 — 3 —
4ten Gefährten und schliech in eine abgelegene Gartenlaube — still und dunkel
— sich von dem Gewirre der Menschenmenge zu erholen; er setzte sich auf die
Rasenbank, sann und dachte an Lolly, hatte nicht Ruh und Rast und wandelte
herum in den verworrensten Plätzen des großen Parkes.
Er kam grade in die kühle Schatten der Kastanien und lehnte sich mit
verschlungnen Armen mit dem Rücken an einen Stamm.
Heute darf niemand traurig seyn! klang eine Stimme wie Silberklang auf den
sinnenden Salassin zu — ein niedlicher schneeweißer Arm faßte ihn. Salassin
sah auf — erblickte — Lolly und sank der nicht minderüberraschten Geliebten in
die Arme — an das Jubelschlagende Herz.
Endlich — endlich hab ich dich gefunden! — sprach Salassin und umschlang
sie inniger. — Wie bange war mir um dich! Wie quälte mich Hoffnung und
Furcht! Fast verzweifelte ich, Lolly, dich lange lang ersehnte mehr zu sehen!
Lolly blickte im stummen Entzücken dem Freudeberauschten ins
schmachtende Auge — —! Unsre Wonne ist um so höher!
Sal. Jawohl! Jawohl! Die Ueberraschung im Wiedersehn lohnt mir meine
Leiden unendlich — Lolly! — noch hast du nie von mit gehört, was meine Seele
so oft dir zugestehen strebte. Ich liebe dich — einzig unsäglich lieb ich dich!
Lolly. (schmiegte sich zärtlich mit einem feurigen Kusse antwortend an Salassin.)
Sal. Seit ich dich gesehen — lebt dein Bild in mir, im Wachen und Schlafen —
seit ich an deiner Seite am Euphon dich gehört, klingt deine Stimme um mich
wie Harmonikaklang — seit ich mein Herz gefühlt habe — lieb ich dich!
Lolly antwortete wieder mit einer feurigen Umarmung: sie vermochte kaum
zu stammeln: Auch ich so! auch ich!
Sal. Vergieb — vergieb meinem Dringen — ich glaubte dein Herz empfinde
dies Bangen und Verlangen, dies frohe Schauern und Zittern, das in meinem
wühlet, es empfinde auch für mich — all die seligen Bilder von dir — all die
süssen Worte, die ich von dir gehört — so mancher Schwarm lieblicher
Gedanken flirrte in meinem Kopfe — ich sog daraus Honig, daß auch du, auch
du für mich fühltest — Mädchen — nur ein Wort — eine Silbe nur sprich, und
belebe mich — bestättige meinen süssen Wahn — gieb Zuversicht der Hoffnung
— sprich: daß du mich liebst —
Lolly. (an seiner Brust) Ich liebe dich!
Sal. (in der Betäubung des Entzückens) O so bin ich unaussprechlich selig!
Sie ließen sich im stummen Jubel der lange schon verketteten Herzen auf
einen Rasensitz nieder, und kosten im süssen Liebesverein. Viel von
vergangenen Stunden, von frohen und bangen Gefühlen, von süssen Hofnungen,
von der Heimat und unzähligen andern wurde geschwäzt — die Stunden
drängten sich angenehm und schneller dahin, als sich Gedanken und Küsse drängen.
Mein Vater kam also nicht in die Stadt! das thut mir leid! — begann Salassin
wieder — Und dein Vater?
Ist unter dem Volke: wir werden ihn bald sehen. Ja doch — daß ich nicht
vergesse — dein Vater erzählte mir von den Pilgern, die ihr einst auf der Reise in
euren Wagen aufnahmt so vieles — den Jüngling laß er väterlich grüssen — sagt
er mir.
Salassin dachte an Sebald, und ward unruhig, weil ihm dabei das Mädchen
einfiel: er fragte hastig:
Lolly — warst du in der Stadt?
O ja! Mit meinem Vater!
Salassin erblaßte — doch besann er sich bald — denn daß Lolly in der Stadt
war? mußte sie und Jilla eine Person sein? —
Warst du nicht neulich im Lager der Armee, und fuhrst in einer Luftgondel
davon?
Jaja!
Ich habe dich gesehen?
Warst du auch im Lager? Und ich wußte es nicht?
Verwünscht! du warst da und ich wußte ebenfalls nichts davon? Aber ich sah
dich, indem das Schiffchen in die Luft stieg: ich winkte dir Grüsse mit dem Hute
nach — gleich erkannt ich dich — aber du — mich nicht!
Was? Der sollst du gewesen seyn, der mit dem Hute mir nachwinkte? Ey —
von tausenden hätte ich dich erkannt? Du warst es nicht!
So that ein anderer das auch, was ich that? Gewiß, gewiß, das war Sebald!
Ich kannte ihn nicht!
Welche Farbe hatte dein Kleid?
So so? tref ich euch Leutchen da an! Erscholl unvermuthet eine Stimme, die
Beide aus dem Gespräche riß. Lollys Vater war es. Salassin bewillkommte ihn
herzlich.
Ja ja! — hob Bengler an — der Magnet zieht Eisen an, und das Eisen hängt
sich an den Magnet. Schaut, schaut — wie kamt ihr zusammen.
Sal. Durch Ungefähr — ich wich dem Haufen, und gieng da herum, und Lolly
erschien mir.
Lolly. Ich war müde von dem langen Herumwandeln — da lagerten wir uns
denn in den kühlen Schatten auszuruhn.
Beng. Ja wohl euch Beiden mag wohl ziemlich heiß seyn — ihr glüht ja wie ein
Kirchendach.
Die Beiden blickten sich an, und sahen auf die Bäume. Bengler lachte über
ihre Verlegenheit.
Beng. Ich wohne im Gasthof zur silbernen Narrheit, Salassin, und bleibe noch
einen Tag in der Residenzstadt: Dort kannst du uns morgen finden. Heute mögt
ihr euch noch unter die Tänzer mengen. Doch — vergeßt die Landessitte nicht
länger! Geschwind kommt — und wandelt wieder mit den Armen oder andern
Unbekannten!
Salassin und Lolly drückten sich ungestüm die Hände, als sie unterm Volke
wieder waren, und jedes schied von ihnen: Lolly rechts, Bengler lings, Salassin
— Lollyn nach, und Lolly Salassin in der Nähe. Doch verloren sie sich bald, und
der beglückte Träumer gieng mit unbeschreiblich süssen Wallungen des Innern
herum, jeder, dessen Arm er faßte, mußte heiter und froh mit ihm werden.
Unvermuthet stieß er auf Sebalden.
Pst! Auf einige Worte nur, Salassin! — rief jener ihm zu, und drängte sich
durch einen Haufen Menschen.
Sebald! Sebald! O ich bin glücklich — entgegnete Salassin — Lolly ist da —
ich habe sie gesehen, mit ihr geredet — sie liebt mich — Hast du dein Mädchen
schon getroffen?
Seb. Leider nein! Ich war in ihres Vaters Hause — das war leer von Menschen,
gekommen sind sie aber schon, das weiß ich. Wo ich sie nur fände!
Sal. (Dem sogleich seine Grille wieder einfiel. Ja ja! Freylich kann sie nicht da seyn — denn Lolly war
an meiner Seite — auf 2 Orten kann sie doch nicht seyn?)
Seb. Worauf sinnst du da?
Sal. Hm! — Gehe doch — wir müssen wieder auseinander.
Seb. Ich wandle Abends im Garten —
Sal. Gut!
Seb. Dort trifst du mich. Auf Wiedersehen!
Sal. Auf Wiedersehen!
Sie trennten sich wieder. In Salassins Herzen keimte eine Grille um die
andere: von seinem Entzücken abgespannt ward er schnell in einen Tiefsinnigen
verwandelt.
Sebald — sah sie noch nicht? O freilich — wie kann das seyn? Lolly war bei
mir — o nun ists doch gewiß — Sebald liebt Lolly, die mit jenem Mädchen eins
und dasselbe ist — Sebald — gewinne dir ihre Liebe — ich mag in deinem
Glücke dir kein Störer seyn! Du sollst sie lieben — sie dich — herzlich will ich eures beneidenswerthen Glücks mich freun, aber Augenzeuge kann und darf ich
nicht bleiben.
Sebald traf seine langgesuchte Jilla endlich in dem Garten an, wo Lolly auf
Salassin stieß.
Wie taumelten die Beiden entzückt auf einander zu! Wie umrankten sich fest
ihre Arme! Die Farbe der Wonne mahlte ihre Gesichter — ihre Blicke flammten
Liebe und Zärtlichkeit — sie traten jubeltrunken in eine stille Hollunderlaube,
gepflanzt zum Kosen für Liebende.
Lange sprachen sie da von — wer erräth das nicht? Zwei Liebende in einer
stillen geheimen Hollunderlaube — die sich langersehnt wiedersahen, wovon
können sie sprechen, als von dem was — sie sprachen.
Eben sassen sie im süssesten Geschwätze, als Salassin der Laube zu durch
labyrintische Gänge wandelte. An dem Pläzchen, wo er Lolly sah, stand er still,
und flüsterte zu sich selber.
Hier überraschte sie mich! An dem Baum gelehnt dacht ich an sie — mein
Herz schlug in ungestümmen Regungen! Und als ich sie in meine Arme schloß
— als sie so innig an mich sich preßte — mich mit dem Vergißmeinnichtsauge
so schmachtend ansah — hier — als ich meine Liebe ihr gestand — als sie mir
erwiederte! Ich liebe dich! — O meine Seele — was rang da in dir! Wie
ungestimm war da mein Entzücken — aber ach zerstiebt ists wie eine
Seifenblase — dies Entzücken — ich kann sie nicht, ich darf sie nicht lieben! —
Er sprachs und gieng auf die Laube zu, wo Jilla und Sebald Arm in Arm sassen.
Salassin war am Eingang der Laube: Die Arme verschlungen, den Kopf sinnig
auf den Boden gesenkt stand er da, warf einen flüchtigen Blick auf die Beiden
darinn, erkannte Sebalden und Jilla, die Lollyn wie eine Rose der andern gliech,
hielt er natürlich für Lollyn selber: er erblaßte und lief im bewustlosen Zustande
fort durch Hecken und Alleen, fort aus dem Garten, durch Gassen und Plätze, als
jagt ihn ein wüthiger Hund.
O nun ists gewiß — gewiß — mein Herz soll verstummen! Lolly saß an
Sebalds Seite — sie sassen Arm in Arm, Lipp an Lippe — erschracken bei
meinem Erscheinen — Freund — du sollst glücklich seyn — und mir, wenn ich
falle, meinem Andenken eine Thräne opfern. Aber Lolly — Arm in Arm? Lipp
an Lippe? Himmel! zeugt das nicht von näherer Bekanntschaft? Lolly — der vor
einigen Stunden an mir hieng? mir ihr seliges: Ich liebe dich! gestand? Ha das
war Heucheley — Mienenspiel gegen mich — und doch — warum das gegen
mich? doch nein, nein Lolly kann nicht treulos seyn — aber Sebald liebt sie —
fort! fort! von hinnen — sie sollen glücklich seyn!
Ein unbeschreiblich Empfindungsgemisch kochte in ihm. Er sah und hörte
nichts — die zerschmetterte Wellmine stand hohlaugigt bleich und zerschlagen plötzlich vor seiner Seele — er ward tobender. Mehrere der Wandler hatten ihn
beim Arm gefaßt, keiner erpreßte ihm eine Silbe ab: er irrte herum überall und
immer, ihn trieb es als sollt er fort aus dieser Welt, plötzlich stand er am
Residenzplatze still, und eine Statue fiel ihm ins Auge. Es war das
Ehrendenkmal eines tapfern Kriegers. Die Kanonen und Schwerdten von des
Bildhauers Meisterhand gebildet erinnerten ihn an Schlacht und Tod. Salassin
vergaß einen Augenblick den Sturm, der ihn durchwitterte, und las die goldne
Inschrift:
Dem Andenken des Kriegers Edlen von Felsthal gefallen in der Schlacht —
Felsthal — rief Salassin, und erinnerte sich der Erzählung aus des
Dorfbewohners Munde nach dem Nachtlager in dem Walde. Die Urnen des
schaurigen Gartens standen vor ihm — er dachte an Felsthal den Sohn, der dem
Vater gleich im Schlachtgewühl Tod und Ruhe für sein Herz fand, und durch
Salassin fuhr wie ein Blitz durch den Sturm der Gedanke: „Fort! Fort! in den
Krieg — dort harrt auch meiner Ruhe.