Guirlanden um die Urnen der Zukunft, eine interessante, originelle Familiengeschichte aus dem drei und zwanzigsten Jahrhunderte
Dreizehntes Kapitel. Die Audienz.
Dreizehntes Kapitel.
Die Audienz.
Nun also in die Residenz! — sprach der Fürst, und sie erhoben sich von ihren
Sitzen. Sie giengen über den großen Platz vor der kaiserlichen Wohnung, der
zum Lustwandeln mit hochästigen Kastanien, Pomeranzen und Nußbäumen in
mannigfaltiger Abwechslung mit Marmor- und Rosenbänken unter den
Schattendächern der Bäume eingerichtet war. Marmorne Ehrendenkmäler
berühmter Männer prangten überall zwischen den Bäumen. Das Volk wandelte
hier und sah nie solch ein Denkmal an, ohne des edlen Mannes Andenken, dem
es gesezt war, zu segnen, wenn er noch lebte, ihm eine lange Erhaltung zu
wünschen, der seine Kraft zum Besten des Vaterlandes und der Menschen
anwand, oder seiner Asche, wenn er nimmer lebte, eine dankende Thräne zu
weinen. Durch das grau und dunkelrothe Marmorthor der Kaiserburg, an der das
Wappen Deutschlands der doppelte Adler auf einer Goldplatte glänzte, führte
Fürst Tellmann seine Freunde über unzählige Treppen und Stiegen in den
Audienzsaal des Kaisers. Die Wachten präsentirten vor ihnen, wo sie vorbei
giengen. Sie standen in dem Vorsaal der Minister, meldete sie, und ohne zu
säumen wurden sie vorgelassen.
Mit heitrer Miene nahte sich der Vater des Vaterlands, Milde und Majestät,
Ernst und Freundlichkeit im Gesichte, vom Goldthrone ihnen entgegen.
Seid mir im Herzen des Landes gegrüst, meine Kinder! sprach er.
„Jeder meiner Bürger ist mir immer willkommen, und meine Seele weidet sich
an den Vergnügen, das mir die Besuche der Rechtschaffenen gewähren. Seid mir
willkommen!“
Unser Vater! — sprach Graf Welly mit gerührtem Herzen und sanfter Stimme
— Dein Herablassen rührt uns, die wir freudig den geringen Zoll des stummen
Dankes dir weihn. Lange hab ich die hohe Wonne dein Antlitz, Allverehrter zu
sehn, lange hab ich sie entbehrt, still und ungesehen meine frommen Wünsche
für dein Wohl, für das Wohl unsrer Aller zu dem Urwesen gesandt. Hier stehen
meine Söhne erfurchtsvoll vor dir, Erlauchter! um aufgemuntert zu werden, durch deine mächtig wirkende Worte zur Thätigkeit, zum Eifer und zur Liebe für
dich und das Vaterland, um durch den Anblick deiner Majestät belebt dem Staate
Germaniens als Bürger unzertrennlich sich anzuketten.
Meinen Seegen! entgegnete mit feierlicher Majestät der Monarch, indem er
nach dem goldnen mit Edelsteinen aller Art besezten Szepter grif. — Meinen
Seegen, ihr jungen Männer! Folgt dem Beispiel eures Vaters! Bleibet redlich und
bieder! Seid rastlos, eifervoll und unermüdet in eurer Vervollkommnung! Das
Wohl des Staates, und das Wohl der Menschheit sey euer Wohl! Seelengröße,
Geistesstärke und Herzensgüte adeln den Menschen! Sammelt euch Verdienste,
damit ihr ruhmvoll in die Fußstapfen eures Vaters tretet.
Er reichte den Szepter hin, und Salassin und Sebald berührten es schweigend
mit dem Zeigefinger der rechten Hand. Der Monarch entließ sie mit freundlich
ernstem Gesichte.
Diese feierliche Szene prägte sich tief in das Herz und Gedächtniß der Beiden
ein, in deren Seele sich fest und unerschütterlich der Entschluß entspann: Eh ich
mich einst leiten lasse von der Bahn der Tugend in die Labyrinthe des Laster, eh
ich wanke, treu muthvoll und unaufhörlich mich dem Vaterlande zu weihen: eh
treffe mich die Schande des Gefühls, daß ich unwürdig des Vaterlandes bin, daß
ich unwerth meines Kaisers war, daß ich nicht die Achtung der Edlen verdiene.
Dies war die gewöhnliche Art der Aufmunterung für deutsche junge Männer,
die sich dadurch erhoben und aufgerichtet sahen, die dadurch begeistert, ihr
kraftvereintes Bestreben dem Lande widmeten. Dadurch entstanden die
wackersten Männer, und so viele Eiferer für das Menschenwohl, als es in unserm
Jahrhunderte Egoisten giebt.
Fürst Tellmann führte sie durch die ganze Residenz, und zeigte ihnen
Millionen der Sehenswürdigkeiten. Tausend der schönsten Erfindungen
deutscher Köpfe, und Salassin und Sebald im Enthusiasmus über den Anblick
dieser Herrlichkeiten schwelgten in Wonne.
Wir haben noch nicht das geringste gethan — sprach Salassin, zu seinem
Freunde, was uns die Ehre gäbe, hier aufgestellt zu werden. Aber, ich will kein
Deutscher seyn, wenn ich nicht auch soviel leiste.
Dein Schwur ist der meine! Entgegnete Sebald. Zwar bin ich gebohren auf
Englands Boden, aber Germanien ist mein Vaterland, dem ich alles verdanke,
und auch mich soll der Spott des sklavischen Normanns treffen, verachten soll
mich jeder Edle, wenn ich des freien deutschen Landes, so mich trägt, nicht
würdig werde!
Viele Stunden waren gedankenschnell im Anschaun dieser
Sehenswürdigkeiten verflossen, und noch war des Nichtgesehenen Unzähliges.
Sie kamen in einen zehnten Saal, wo die prächtigsten Denkmale bewahrt wurden, unter denen die Urnen ehmaliger Beherrscher auch waren. Unter den
Urnen der Herrscher war eine dem Joseph II. römischen Kaiser gesezt mit dem
Bilde einer aus dichten Wolken hervorstrahlenden Sonne. Eine andere Leopold
II. mit einem Palmzweige und den Worten: Er segnete durch Weisheit und
Frieden. Eine dritte Franz II. mit einem Taubenpaar dem Sinnbild der Milde
und Menschenfreundlichkeit und dem Spruche: Sein Szepter war Liebe des
Volks.
Endlich verliessen sie die bewunderte Residenz, und begaben sich zurück in
Tellmanns Pallast, wo ein deutsches Mittagsmahl ihrer wartete.
Nach dem Mahle werden wir die Stadt besehen! — sagte Welly, und Tellmann
sezte hinzu: Abends gehen wir in das Theater. Heute ist ein schönes Stück von
dem unsterblichen Dichter des 18ten Jahrhunderts Ifland! — Doch itzo
geniesset, die Tafelmusik beginnt schon.