Guirlanden um die Urnen der Zukunft, eine interessante, originelle Familiengeschichte aus dem drei und zwanzigsten Jahrhunderte

Drittes Kapitel. Eine Entdeckung.

Drittes Kapitel.

Eine Entdeckung.

 

Das Hochzeitsmahl war vorüber unter abwechselnden Ergötzungen: nun

schloß das Fest ein ländlicher Tanz, und die wonnetaumelnden Freunde Wellys

giengen erst spät zur Ruh. Konnte einst Mutter Jadilla nicht schlafen vor

Kummer, als sie ihren trauten Salassin von Gefahren umlagert wußte, so konnte

sie nun noch weniger schlummern vor Jubel.

Aber ist denn das schon so ganz gewiß, wahr und richtig was in der Zeitung

stand? Wie möchte die laute Freude der Guten in kränkenden Kummer

übergehen, wenn die Zeitung gelogen hätte? Den Blättern des drei und

zwanzigsten Sekulums kann man ohne allem Zweifel Glauben beimessen. Eine

so verächtliche Person fast in unserm jetzigen Jahrhundert ein Zeitungsschreiber

geworden ist, durch seine Erfindungen von unverschämten Lügen und

Partheilichkeit, eine so geachtete und verehrte ist die eines solchen im 23ten.

Man kann sich auf die Worte desselben verlassen, daß Wahrheit darinn liege,

dem man beweisen konnte, er habe eine falsche oder partheyische Nachricht

eingerückt, der mußte für jedes Wort, das er darüber schrieb, einen Dukaten in

die Armenkasse geben. Du lieber Himmel! Wenn man mit den jetzigen

Zeitungsschreibern so verführe, und sie statt Dukaten nur Heller zahlen sollten,

ich glaube, die Armen müßten bald reich werden.

Die Nachricht, die süsse herzerquickende Nachricht von Salassins Ruhm war

also zuverlässig wahr. Lolly träumte schon, wie sie den wackern Helden

empfangen würde, auf welche Art er bewillkommt werden müsse, welch ein

herrlicher Augenblick es seyn werde, wenn Salassin der bekränzte Sieger voll

des beneidenswürdigsten Ruhms belohnt vom Vaterland wieder in ihre Arme

kehren wird.

Sebald! — sprach Bengler vertraulich am andern Tage. Wer hätte glauben

sollen, daß unsre Lüge die wahrste Wahrheit sey? Bin ich doch wirklich zum

erstenmale in meinem Leben ein so guter Lügner gewesen, daß ich fast Gefallen

daran fände. Nur Schade, daß es selten so gut ausfällt! Sieh mir nur einmal den seltnen Fall an! Hat der Kukuk den Feuermann doch in den Krieg getrieben!

Nun, Nun! weil es nur so gut noch ablief.

Ich will — setzte Sebald hinzu — Salassin die ganze Sache mit wenigen

Worten schreiben. Gewiß weiß ich, er ist längst bei seiner herrlichsten That nicht

so froh und ruhig als wir. Lolly wird er mit mir glücklich wähnen, und ich wette,

wenn der Friede die Kriegsheere zurückschickt, er macht uns den Streich und

läßt sich nicht sehen.

Da sollt ihn der Kaiser in die Jammerburg setzen lassen, wenn er das zu thun

im Stande wäre! — sagte Bengler.

Seb. Ja — übertriebner Edelmuth — Am besten also ich fahre heut nach der

Residenz Tellmann — wie lange mag es seit dieser lezten Schlacht seyn?

Bengl. Hm! Heute zählen wir den letzten Herbstmond — ungefähr 14 Tage.

Seb. Dann wird uns Tellmann vielleicht neue frohe Nachrichten geben.

Bengl. Ich will Wellyn die Geschichte erzählen. Nun kann ichs ja getröst thun.

Wir wissen einmal wo Salassin ist, und — nun ists leicht die Sache gut zu

machen.

 

Sebald kam zurück in die Residenzstadt, wo ihm Tellmann mit

freudefunkelnden Augen entgegenstürzte, und rief: „Salassin ist beim Heere des

Kaisers. Er hat sich tapfer gehalten! Der Monarch zieht zurück; die Feinde

trugen den Frieden an, der für uns ganz natürlich sehr vortheilhaft ausfällt.

Salassin hat den Kaiser und das Vaterland gerettet!“ —

Wir haben es auf dem Lande erfahren, theurer Oheim! sprach Sebald freudig,

und erzählte den Vorfall. „Wann könnte das Heer wieder hier eintreffen?

In wenigen Tagen! — antwortete Fürst Tellmann. In wenigen Tagen? Und

Salassin kommt als Sieger, als Retter des Kaisers und des Landes! Welch eine

Wonne für uns Alle!

Nichts als billig — versetzte Tellmann — daß er uns für das Leid, so uns seine

übereilte Hitze verschafte, mit solch einem Jubel entschädige. Ich habe bereits

an ihn geschrieben, zweifle aber daß er meinen Brief erhalten, noch ist alles im

Heere ziemlich verwirrt. Salassin war lange dem Tode nah; aber die Aerzte,

besorgt solch einem Helden dem Lande zu erhalten, haben ihn wieder

hergestellt.

Sebald wollte sich von Tellmann nach einer Weile entfernen.

Daß ich nicht vergesse, lieber Sebald! — rief der Fürst, ihm plötzlich zu. Geh

sogleich zu Wolling — er ist seit acht Tagen krank — seine Tochter schickte ein

Briefchen an dich, worinn sie dich dahin zu kommen bittet, ihr Vater habe

wichtig mit dir zu sprechen.

Das ist Jillas Vater? mein Oheim! — fragte Sebald hastig, und hielt die Thüre

offen.

Richtig! Jilla Wolling — so unterschrieb sie sich. Doch da ist das Briefchen

selbst. Nimm es nicht übel daß ichs in deiner Abwesenheit erbrach. — Schloß

Tellmann und gab Sebalden das Briefchen, der es mit heftiger Unruhe las, und

auf den Fittigen der Liebe zu seiner langentbehrten Geliebten flog.

Er trat in das Haus, und Jilla bewillkommte ihn mit dem Ausbruch der

herzlichsten Freude. Kömmst du einmal zurück? — sprach sie und sah ihn mit

einem zärtlich strafenden Blick an.

Meine Jilla — dein Vater ist krank? Noch nicht besser? Leider nicht! —

antwortete Jilla, und führte ihn in des Kranken Gemach. Pst! er schlummert! Da

dürfen wir ihn nicht stören! — rief das Mädchen, als sie die Thüre halbgeöffnet

hatte.

Sie blieben in einem Nebenzimmer, und plauderten, ja, was plauderten sie

denn? Von dem kranken Vater? Oder —

Die Antwort kann ich nicht wörtlich geben; denn das Buch der Zukunft, in

dem ich diese Geschichte lese, meldet nichts davon. Doch sollt ich rathen;

schöne Leserinnen, soll ich rathen, so kommt es wohl ziemlich auf den Punkt —

von dem zwei Liebende sprechen, die sich nach kurzer Trennung wiedersehen,

und vielleicht gar wenn das Schicksal keinen Strich durch die Rechnung macht,

bald — was denn? — Was? — Hören sie das gerne meine Leserinnen? — Mann

und Frau werden.

So? sind sie schon nahe bekannt?

Ja freylich! du lieber Himmel, wie bald stehen zwei Liebchen nicht in enger

Verbindung? und welche kleine Spanne Zeit verfliegt zwischen bekannt werden,

und dem Entschlusse sich zu vermählen. Ein kleiner Sprung ists, ein — bald hätt

ich gesagt ein Flohsprung nur. In unserm Jahrhunderte giebt es für Liebende

freilich der Hindernisse zu viele. Ein Stammbaum zum Beispiel einerseits und

Tugend und Armuth anderseits ist schon ein faßt unüberwindlicher Riese!

Elterngroll, wenn die Kinder auch gar nichts gegen einander haben, ist ein

zweiter unübersteiglicher Stein. Ach und was giebts der Steine und Riesen die in

unserm Sekulum die Leutchen trennen, nicht noch? Ich glaube deren so viele als

es Verliebte nur immer geben kann. Aber in dem beglückten neuen Zeitraume

wählten die Mütter nicht die Schwiegersöhne für ihre Töchter, und eben so

wenig die Väter ihre Schwiegertöchter den Söhnen. Da mißt man das ehlige

Glück nicht nach Dukaten oder Stammbäumen. Die jungen Leute gefallen sich,

gestehen sich ihre drückende Herzensnoth und zeigen es den Eltern an: „Vater!

Ich liebe deine Tochter, sie erwiedert meine Liebe, gieb sie mir zum Weibe, wir

wollen arbeiten und dem Ruf der Natur folgen!“ So hält der Jüngling an, und die

Eltern bestättigen freudig die Wahl, wenn sie vernünftig vorsehen, daß ihre

Kinder glücklich seyn können. Eine Familie machen dann alle aus, und Groll

und Hader, wenn ja zuweilen so ein Distelchen unter Blumen blüht, ist vergeben

und vergessen.

Die Mädchen selber halten es für Ehre, um ihre Geliebten zu frein, und solch

einer entschlossenen Bräutigamswerberinn wird die Bitte schon gar nicht

abgeschlagen. Daher treffen sich manchmal drolligte Späschen. Mancher recht

hübsche junge Mann, wenn er mehrern den Hof machte, hat die Freude, daß sich

zuweilen ein halb Duzend Mädchen um ihn bewerben, wo er dann der Erkohrenen den Apfel reicht. Oefters kömmt der Vater oder die Mutter dem

Schwiegersohne, wenn er blöde oder scheu ist, selbst zuvor, und tragen ihr Kind

an. Kurz, ungezwungener, freier, zuvorkommender ist man bei diesem Geschäfte

im 23ten Sekulum als im jetzigen die Frauen.

Doch — wohin gerath ich? Geschwind, was machen unsre Liebchen im

Nebenzimmer! Plaudern sie noch immer? Nicht doch! Jilla! Jilla! — stöhnt der

kranke Wolling, und das Mädchen entreist sich windschnell Sebalds Armen.

Ist Sebald noch nicht zurückgekommen? sprach mit schwacher Stimme der

Kranke.

Ja, Vater! Er ist schon da! Wir merkten, daß du schlummertest, und wollten

dich nicht wecken von deiner bedürftigen Ruhe. Entgegnete Jilla.

Gutes Mädchen! — Ich — werde bald — o vielleicht sehr bald — fester —

schlafen; als — daß mich Menschen würden wecken können! — Führe Sebalden

her! — Stammelte mit einigen Lächeln der Vater, wand seine geringe Summe

von Kraft an, erhob sich vom Ruhelager, und drückte mit mattem Drucke dem

hereintretenden Sebald die Hand: Willkommen, Lieber! — Setze dich mit Jilla

nah zu mir — daß ihr mich vernehmt — was ich noch werde sprechen können.

Sebald und Jilla rückten an das Ruhlager, und horchten mit Aufmerksamkeit.

Der Greis schöpfte Athem, und streifte mit der Hand das kreidenweiße Haar

in Ordnung. Er nahm Sebalden bei der Hand, und blickte mit wehmüthig frohem

Blick auf ihn.

Sebald! du liebst Jilla?

Einzig und immer — entgegnete dieser feierlich, und sein etwas ungestümmer

Händedruck hätte fast den guten Alten zum lauten Schrey bewegt.

Jilla — du liebst Sebalden!!

Mein Vater — stammelte das Mädchen überrascht, und schmiegte sich

traulich an ihn.

 

Der Vater. Ihr werdet ein glücklich Menschenpaar! Bleibt unbefangen und gut,

wie ich euch Beide kenne. Handelt edel, seyd thätig, lebet rechtschaffen! —

Frieden und Eintracht umknüpfe euch immer eng und fest — bleibt tugendhaft

und edel —, dann segnet euch der Verklärte jener bessern Welt, der hier Jillas

Vaterstelle vertrat.

 

Vaterstelle nur? — fuhren Beide auf und horchten.

 

Der Vater. Ja — blos Vaterstelle — Jilla ist meine angenommene Tochter —

 

Nein! nein! du bist mein Vater — du bleibest mein geliebter Vater! Geliebt und geduldet hast du für mich — gesorgt und gekümmert für mich — väterlich.

Ich kenne dich seit ich denke — wie sollst du mein Vater nicht seyn? — Ergoß

sichs Jillas langes Herz; sie herzte zärtlicher den lächelnden Greis.

 

Der Vater. Ich liebte dich als meine Tochter. Du warst mir anvertraut, deine

kindliche Unschuld fesselte mein Herz mit unzerbrechlichen Banden. Meine

größte Sorge warst du — bist unter meinen Augen ein braves tugendhaftes

Mädchen geworden — bist durch meine Sorgfalt fähig einen edlen Jüngling als

Gattin zu beglücken, dann — hab ich meine Pflicht gethan.

Seb. O das hast du, edler Mann! Mann ohne gleichen redlich und bieder. Jilla

verdankt dir —

Jilla. Alles, alles Vater! Zu gering ist meine Liebe allein, dir die kleinste deiner

Müh zu vergelten.

Der Vater. Still, meine Theuren! Hört mich an — mir wirds schon wirrer im

Kopfe — schwerer im Herzen — mein Athem schwach. — Vor siebzehn Jahren

— starb — mein seliges Weib — Ich reiste — zu ihren Anverwandten — in den

8ten Kreis Deutschlands, und — war auf der Rückreise einige Stunden hinter

Ostende — wo ein Luftschiff von Regen und Sturmwind verschlagen herabsank.

Eine alte Frau fiel als die Gondel eben auf den Boden stieß, heraus. Sie hatte

sich wund geschlagen, alt war sie ohnedem — sie übergab mir ein kleines

Mädchen — und beschwor mich Vatersorge zu tragen — Jilla, das Mädchen

warst du — Aber — auch sie war deine Mutter nicht. — Sie hatte dich gefunden

— in einem Walde — und wollte dich nach England mitnehmen. — Sterbend bat

sie mich, ihrem Sohne das Unglück zu berichten, das sie getroffen. Jilla — deine

Kleider, die du damals trugst als ein vierjähriges Kind, und ein goldenes

Kreuzchen, ein Halsgehänge — das in dem Pult dort verschlossen aufbewahrt ist

— mag dir vielleicht — einmal — deine Eltern erkennen — lassen. — Wir —

lebten hier — einsam — und nur von Wenigen — gekannt, und besucht in der —

Residenzstadt — — — meldet — meinen — Tod — dem — Sohne — dieser

Dame — dem — Gastwirth — auf der Landstrasse nach England — beiläufig —

vierzig — Stunden — von hier — zum Vollmond — er heißt — Jehnsen —

 

Also lispelte noch der Greis, seine Stimme ward immer matter, bis sie endlich

nimmer vernehmlich war. Er warf einen fröhlichen Blick auf die Beiden, die in

tiefen Trauer um ihn standen, schöpfte noch einmal Athem, und — verschied,

wie der letzte Sonnenstrahl am abendlichen Himmel noch einmal auf dem

Wipfel der Eiche glänzt, zittert und verlischt.

Jillas Schmerz über den Verlust des Mannes, den sie als ihren Vater verehrte,

ergoß sich in häufigen Thränen: sie küßte den Erlöschenden, und nezte seine Hand mit dem Opfer der nassen Augen. Sebald drückte mit tiefer Betrübniß des

biedern Greises halbverschlossne Augen zu, und betrauerte kindlich den braven

Mann, der Jillan väterlich erzogen hatte. Lange, lange konnten Beide nicht von

der Leiche wegtreten, der Magnet der Dankbarkeit zog sie unwiederstehlich

dahin. „Er kann nicht todt seyn, mein Vater, er schlummert nur!“ rief Jilla! Aber

er war es einmal, und deine Zähren gutes Mädchen erwecken ihn nimmer.

Die Allgewalt des ersten Schmerzes verlor sich allmählig, so wie lindernde

Thränen dem gepresten Herzen zu Hilfe kamen, in hohe Betrübniß. Man machte

Anstalten zum Begräbnisse, die Leiche ward feierlich am Begräbnißplatze

verbrannt, und eine Urne mit der Asche des Seligen gefüllt. Die Worte des

Sterbenden beschloß Sebald sogleich zu befolgen, und reiste mit Jilla und seiner

Mutter nach dem Dorfe, wo der angezeigte Gasthof war, in der Gegend ohnweit

von Wallingau, wo Wellys Landgut lag, und wo sie auf der Rückreise einige

Tage versäumen wollten.

Sie fuhren stumm, von dem Bilde des geliebten Greises umschwebt, mit

trauerndem Herzen in dem schnellen Luftschiffe. Nur manchmal lächelte Jadilla

heiter auf Sebalden, wenn er sie mit den Worten der Liebe tröstete, und auf ihr

nahes seliges Leben wiß. Sebalds Mutter war in banger Erwartung: der Name

Jehnsen erregte ihr frohe Unruh.