Guirlanden um die Urnen der Zukunft, eine interessante, originelle Familiengeschichte aus dem drei und zwanzigsten Jahrhunderte
Fünftes Kapitel. Die Bestellung.
Fünftes Kapitel.
Die Bestellung.
An der Hand des Fürsten von Tellmann wanderte jeden Tag Salassin in
Geschäftssale der Regierung, und lag hier seinem Studium mit ungemeiner
Thätigkeit ob. Er erwarb sich den Beifall der Fürsten und Edlen durch seinen
Eifer, und sie freuten sich über den treflichen Staatsmann, den er versprach.
An einem Tage wandelte er eben von seinem Geschäfte durch die große
Residenzallee, und starrte einige neuangekommenen Luftgondeln an.
Leise trat ein Diener herbei, drückt ihm unversehens ein Briefchen in die
Hand, und verschwand wie ein Gedanke.
Er öffnete rasch das Blatt und las:
Wie lange schmacht ich in meiner quälenden Einsamkeit, seit ich dich,
liebenswürdiger Fremdling gesehen habe. Meine ganze Seele lebt in dir: süß ist
mir die Stunde, in der ich dich bei meinem Fenster vorüber wandeln sehe, da
klopft mein Herz im schnellem Pulse, mir glüht es im Innern und brennts vor
wehen und wohlen Drang. Jüngling, ich liebe dich — mein Geständniß kostete
mir eine große Ueberwindung, lange Tage, lange Wochen hat die unbezähmbare
Liebe mit dem weiblichen Gefühle gerungen; aber vergieb, wenn die erstere mit
weit mächtigern Waffen siegte, und mich zu einem Schritt trieb, den nur ein
gränzenloser Harm entschuldigen kann. Ich lechze vor Sehnsucht dich einmal
wieder zu umarmen. Jüngling laß dich rühren von meinem Schmerze. Heute
Abends, wenn des Mondes Goldlampe mit freundlichem Blicke auf die
Liebenden blickt, irr ich einsam am Ufer des Stroms — bei dem 8ten Stadtthore.
Willst du mich sehen, so wandle durch die Erlenallee am Strome, dort harrt
deiner mit unbeschreiblicher Sehnsucht
E i n e
dich gränzenlos liebende
F r e u n d i n .
Salassin staunte, seine Augen verschlangen die Schrift, er las 2 — 3mal und sein Erstaunen stieg immer höher.
Wer mag das kühne Mädchen seyn? Wenn es — doch nein! die kann es nicht
seyn! Soll ich dahin? — Handle ich recht? Wenn es ein lockendes Irrlichtchen
wäre? Aber — doch, ich will meine Neugierde sättigen — Ich sehe ja keine
Gefahr — Lollys Bild lebt in meiner Seele — und die Reize eines andern
Mädchens — sind Tulpen gegen Rosen. Das Abentheuer muß ich doch der
Sonderbarkeit wegen bestehn.
Er dachts und gieng als der Mond durch die Kastanienwipfeln seinen
lächelnden Strahl senkte, durch Gassen und Strassen an das achte Thor, und
wallte begierig die Erlenallee am Ufer des Stromes entlang.
Die liebliche Abendfrische, die aus den Weiden und Fliederhecken und den
schlanken Erlen rauschte, des Stromes schöner Anblick, der majestätisch mit
sanften Wellen durch thauige Wiesen sich wälzte — sein liebliches Murmeln,
das sich mit den Mollackorden der liebesingenden Nachtigall und dem
Instrumentalklang ferner Musikanten vermengte, das Echo, das diese
schmelzende Harmonie wiederklang, das Blinken der flimmernden Sternensaat
am bläuchlichten Himmel — ein Herz voll sehnender Liebe — alles das wirkte
auf Salassin bezaubernd, und führte ihn zu süssen Abendschwärmerein.
Allen Rasensitzen vorüber, durch alle Gänge der Allee, durch alle Hecken und
Büsche war er gewandelt, aber nirgends hatte sich ein Mädchen gezeigt, das sich
als die Senderinn des Briefchens an seinen Arm geschlossen hätte.
„Vermuthlich hat sich jemand den Scherz gemacht, mich ein bischen bei der
Nase zu führen. Doch das Vergnügen, das mir der schöne Abend im Freien
gewährt, entschädigt mich süß genug — und ich will noch da bleiben.“
Er lagerte sich an den Bach unter dichtlaubigen Hollunder ins weiche hohe
Gras, zu seinen Füssen plätscherten die Wellen, am wurzelvollen Ufer, und
spielten mit Wasserröschen und Vergißmeinnichtblümchen. Eine Laute, die er
bei sich trug — wie es damals Sitte ist — wurde zum sanfttönenden Echo seiner
Gefühle ergriffen, er wühlte in den silbernen Seiten, und sang:
Im Abendthau
Näßt Flur und Au,
Der Dämmrung Grau
Beflort das Thalgemälde.
Mit Zweigen spielt
Der Wind und kühlt
Die Trift, und wühlt
Im wallenden Roggenfelde.
Der Frösche Chor
Hallt dumpf empor
Aus Wiesenmoor
Im Abendglocken Klange.
Sanft rauschen nach
Der Quell und Bach,
Sie singen nach
Das Echo vom Felsenhange.
Durch Astgeflicht
Und Blätter bricht
Des Vollmonds Licht
Und zittert sanft auf Moosen.
Die Sternchen streun
Blashellen Schein
Durch Dorngezäun
Auf junge verschloßne Rosen.
Ich irre lang
Mit regem Drang
Im Erlengang
Mit stillen Seelentrauern.
Ach liebend streicht
Die Wangen feucht
Auch sie vielleicht
Durch Wiesen in Ahnungschauern.
Und suchet mild
Im Mond das Bild
Das sie erfüllt
Und weint dem Wahn die Thräne,
Und sehnet sich
Nach mir, wie ich
Beklommen mich
Ans liebende Herzchen sehne.
Dann fächle du
O Lüftchen, Ruh
Der Bangen zu,
Daß frey ihr Herzchen schlage.
Und flüstre traut
Wie Flötenlaut,
Wo Kühlung thaut
Daß einsam, ich um sie klage.
Daß auf der Trift
Im Felsenklüft
Im Thalgedüft
Die Ruhe säuselnd walle,
Nur Quällenklang
Und Bachgesang
Zu meinem Drang
Mir stürmend im Innern halle.
Im Wiesenborn
Tönt Dumpf verworrn
Das Stundenhorn
Des jungen Tages Keime:
Vom Sternenfeld
Sank Ruh, sie hält
Des Dörfchens Welt
In Armen und bildet Träume.
Zur Ruhe schleicht
Die Wangen feucht
Auch sie vielleicht
Mit bangen Herzens Spannen.
Und kann allein
Im Mondenschein
Der Träumerein
Erregendes Bild nicht bannen.
Und sinnt und denkt
Den Blick gesenkt
Und scheucht gekränkt
Den Schlaf vom Augenliede
Dann glänze licht
Als Traumgesicht
Wie Rosenlicht
Der Sinnerinn, Seelenfriede.
Und Vollmond, du
Blick Trost und Ruh
Der Bangen zu,
Und lächl ihr sanft im Harme.
Und Lüftchen dich
Umschlinge ich,
Du flügelst mich
In ihre mir offnen Arme.
Eben klang die letzte Strophe, das geschäftige Echo nach — Salassin
verstummte in stiller Wehmuth, und Schwärmerei, und blickte starr auf den
Spiegel des vorüber gleitenden Stroms, sieh da! Eine weiche Schwannenhand
schlang sich zärtlich um den überraschten Schwärmer — und ein glühender Kuß
ward auf seine Lippe gedrückt. Er sah auf und — Wellmine lag in seinen Armen
an seinem Herzen.
Der Jüngling entwand sich mit Kälte — Wellmine — bist du es? — war sein
erstes, als er sich vom Ueberraschen erholt hatte.
Ja, Jüngling — den ich unendlich liebe — ich bins! Ach vergieb meiner
Zudringlichleit. Wenn in deinem Herzen auch nur ein Funke von dem Feuer
meiner Liebe brennt — dann vergiebst du meiner Kühnheit, dich hieher zu
bestellen, dich überall aufzusuchen.
Wellmine — du schwärmst —
O laß mir diese Schwärmerei, sie ist Thau der schmachtenden Blume, sie ist
Trost meiner Seele. Noch einmal gesteh ichs dir — Jüngling mein Herz liebt
dich unsäglich. Wo ich gehe, geht dein Bildniß vor mir. Ich wache und träume
von dir, überall und immer — Seit wir in jener stillen Laube mit einander saßen
— fühl ich mich umschlungen von deinem Arm, wie du mich umschlangst als
ich damals im Tanze mit dir in Elisien zu schweben schien.
Dein Geständniß — ungestümmes Mädchen schmeichelt mir zu sehr — ich —
weiß nicht — wie —
O sprich nicht aus, Lieber! Ach, ich habe so lange mich gesehnt an deiner
Seite wieder einmal zu fühlen, des Himmels Entzücken.
Mädchen, — ich habe Geschäfte. —
O kalter Jüngling, mit den Geschäften der Männer! Wenn vom Tage dir die
Hälfte frei bleibt — eine Minute nur — eine Minute könntest du ja doch der
heissen Liebenden schenken. Aber ach — dein Herz ist kalt.
Wellmine — ich nehme Theil an deiner Unruh, und — (etwas lasser) Theil
nimmst du blos — und an meiner Unruh? und — bemitleidest mich vielleicht
auch? — (Sie schweigt, und einige Thränen fallen auf Salassins Hand, der
gerührt das reizende Mädchen anblickt —)
Wellmine! Deine Thränen glühen an meiner Hand — Wellmine — Wellmine — du quälst mich —
(Mit verstellter Kälte und einiger Ironie) Es sind Thränen eines Mädchens —
Jüngling! Ich heuchle, wie alle Mädchen — vergieb — ich habe dich getäuscht
— mein Geständniß war Lüge — ich bin ja ruhig — mein Herz ist kälter als das
Deine —
O bei Gott nicht — Wellmine — mir bangts im Innern — du hast die Nattern
der Unruh in mir aufgeregt — Wellmine— — verschone —
(im vorigen Tone) O das sind Schäckereien — ich scherzte nur — glaube
keinem Worte — was ich sprach — du träumest selbst nur —
Foltre mich nicht — Mädchen! Dein Ton ist bitter, und geißelt mein Herz —
ich liebe —
(voll Entzücken an seine Brust sinkend) O so bin ich gränzenlos glücklich —
vergieb meines verstellten bittern Tons — ach auch er war der Sporn, den Liebe
mir gab — Jüngling — ich bin dein —
(Salassin gewahrt den Mißverstand, und wendet sich gleichgültig ab.)
(Wellmine erblast und verstummt in sprachloser Verwirrung.)
Ein Diener kömmt eilig, und sagte: Die Schlafstunde schlug. Die Thore
werden gesperrt. Wir kommen sonst nicht in die Stadt mehr!
So müssen wir nimmer säumen — sprach Salassin und führte Wellminen
verstimmt in die Stadt. Ohne viel Worte zu wechseln kamen sie nach Hause.
Süssen Schlummer! Wellmine sagte Salassin etwas wärmer.
Süsse Ruhe! wiederholte das Mädchen, und schlüpfte über die Stiege in ihr
Gemach, warf sich auf eine Ottomane, und saß die ganze Nacht in Sinnen und
Härmen.
Seine Brust ist kalt — sagte sie weinend — sein Herz ein Eisklumpen — und
ich Tollkühne — Gott, ich habe mich blos gegeben — Er verachtet mich nun —
ha verachten? Ha! vergebens soll ich um den Gefühllosen mich härmen? —
Doch — er ist ja doch Mensch — sein Blut rollt heiß in den Adern, sollen ihn
Reize nicht rühren? — Ha er muß fallen — der Stolze — durch meine Kunst soll
er fallen — aber welch verzweiflendes Mittel wähl ich? Und kann ich dies
brennende Verlangen, dies marternde Härmen, kann ich meines Herzens Toben
anders stillen? — Ha so stähle mich denn, Liebe! die du mich an den Kalten so
unbezwinglich zaubertest! —
So dachte sie, so sann sie auf Schlingen für das Vögelchen, das sie mit aller
Gewalt fangen wollte.