Guirlanden um die Urnen der Zukunft, eine interessante, originelle Familiengeschichte aus dem drei und zwanzigsten Jahrhunderte
Viertes Kapitel. Auf Sonnenschein folgt Regen.
Viertes Kapitel.
Auf Sonnenschein folgt Regen.
Willot hatte damals Salassin nachgeruffen, der nach einer ganz
entgegengesezten Seite des Birkenschlages lief; und weil er nicht folgen wollte,
sprang Willot ihm nach, um ihn mit Jadillen beisamm zu erhalten. Aber der
Knabe zerrte sich und entlief dem Diener immer weiter; so geschah es denn, daß
jenseits das Mädchen ganz aus den Augen schwand, und schon mit der Dame
fortfuhr, als er den muthwilligen Salassin kaum noch gebändigt hatte.
Nun lief er den ganzen Schlag durch. Jadillchen! Jadillchen! Aber Jadillchen
war verschwunden, das Echo wiederhallte die Antwort: Jadillchen! Fort über
Stock und Stein durch Hecken und Sträuche suchend und ruffend; aber
Jadillchen war verschwunden. Müde gelaufen und heiser geschrien lief er auf die
Eltern zu, und konnte kaum ein Wörtchen vor Bestürzung stammeln. Salassin
saß dem Vater zur Seite abgemüdet vom Papilionenfang.
Wo ist Jadillchen? — fragte die Mutter.
Daß sie sich nicht verirre! Der daranstossende Wald ist groß und verworren.
— Fügte der Vater bei.
Ach Herr! — stotterte der todtenblasse Willot. — Ich kann kaum mehr
sprechen — überall war ich — Jadillchen ist verschwunden! — Er sprachs
keuchend und lief sogleich wieder in den Schlag, lieber athemlos, müd und
erschöpft bei dem Suchen liegen zu bleiben, als hier die erschrokenen Gesichter
länger anzusehn.
Welly eilte nach, mit Mutter Jadilla an der Hand. Salassin folgte den
Vorauslaufenden.
Sie suchten und riefen, und riefen und suchten; aber freylich — vergebens.
Mit jedem Pulsschlage ward ängstlicher die bange Mutter, besorgter der Vater.
Die Sonne stand hoch am Himmel, die Schwüle des Tages, die heftige
Bewegung im Herumrennen, und die Angst ermattete bald die Forschenden.
Jadilla gieng eilig dem Schlosse zu frische Leute zu schicken. Eine Kutsche
ward bespannt, sie fuhr mit andern ins Wäldchen zurük.
Die Hälfte der Dorfbewohner vergaß des Mittagmahles, das sie eben genoßen,
vergaß Ruhe und Geschäfte, und lief der Gräfinn nach in das Wäldchen. Vereint
suchten Alle — kein Pläzchen im Walde blieb unbesehn: aber freylich — das
Mädchen ward nicht gefunden.
Müde und matt schliechen die Guten zurük: bestürzt kam der Vater, todtenblaß
die Mutter in das Schloß: ihres Kummers heiße Thränen bewegten auch den
Knaben Salassin zum weinen, und er rief schluchzend: „So ist Jadillchen nicht
da? Jadillchen! ach Jadillchen! bist verloren! nun springst du nimmer mit mir im
Grase herum!
Zwei unbeschreiblich jammervolle Nächte waren bereits vorüber, der Mutter
schienen sie Jahrhunderte, und noch war keine Spur. Am zweiten Morgen kam
endlich Welly zurük — mit seinen Leuten: sie hatten alle an den Hügel
anstossende Wälder durchspürt, in den nahen Dörfern herumgefragt, ach! des
Vaters Besorgniß ward folternder Schmerz; denn alle Mühe war vergebens.
Aus dem Fenster sah die Hoffnung und Furcht erschütterte Jadilla dem
kommenden Gatten, entgegen, sie sprang eilends hinab auf den Platz vor dem
Schlosse; halberschöpft war sie, denn Tag und Nächte hatte sie durchhärmt Ruhe
und Schlummerlos. Er komt! Er komt! und bringt mein geliebtes Kind wieder!
— rief sie von Freude gespannt, und drängte sich entgegen den Kommenden;
aber die Kutsche war leer an Jadillchen.
Welly sprang heraus und fieng sie in seine Arme. Mein Kind — schrie sie,
und sank leblos auf den kummervollen Gatten.
Jadilla! Jadilla! Mein Weib! — Erwache! Erwache! rief Welly erschüttert, und
schlos die Ohnmächtige ungestimzitternd an sein Herz.
Das Volk drängte sich geschäftig an das blasse Paar, und Thränen der
innigsten Theilnahme glänzten in jedem Auge. Ein Fläschgen Kraftgeistes ward
gebracht, ein Tropfe auf die Schläfe — Jadilla schlug die Augen auf. — Wo ist
meine Tochter? fragte sie mit matter Stimme.
Sie lebt! Sie lebt! — rief das Volk untereinander, und freute sich wieder.
Sie lebt? Wo? Wo? — fragte hastig erhohlt die Mutter.
Jadilla! Mein Weib! Sey getröstet! — versezte Welly, indem er die Wankende
dem Zimmer zu führte. — Wir sehen Jadilla wieder — sey getröstet!
In der Schlosallee wand sich zur versammelten Gemeinde der edle Pfarrer des
Dorfes, entblöste sein schneelockigt Haupt, und begann mit zitternder Stimme:
„Meine Kinder! —
Aber der Haufe errieth sogleich, was er wolle, man ließ ihn gar nicht ausreden
— Jeder, der gesunde und auch nur halbgesunde Füsse hatte lief begeistert fort.
Zwei Drittheile des Dorfes strömten dem Walde zu, zertheilten sich in alle
Gegenden, forschten überall, suchten alles aufs neue durch, kamen viele Meilen weit in der Runde herum, keine Seele hatte zum Unglük das kleine Mädchen, so
nun den vierten Tag schon verschwunden war, gesehen; sie wiederholten ihre
Mühe; aber — edles Völkchen! dein ward nicht die Wonne den geliebten Grafen,
die verehrte jammervolle Mutter zu trösten mit dem gefundenen Kinde, an dem
sie mit ganzer Seele hieng!