Guirlanden um die Urnen der Zukunft, eine interessante, originelle Familiengeschichte aus dem drei und zwanzigsten Jahrhunderte

Zehntes Kapitel. Wohlthun bekäme bald übel.

Zehntes Kapitel.

Wohlthun bekäme bald übel.

 

Der Morgen vergoldete den romantischen Garten: der alte Mann wünschte

guten Tag! und brachte Früchte zum Morgenmahle —

Könnten wir mit der Dame nicht sprechen — guter Mann, sagte Salassin —

Sebald sah durch das Fensterchen in den Garten.

Ohne ihr wehe zu thun — nicht! War die Antwort. Rede mit mir, was du zu

sagen hast: ich höre und rede für sie.

Wer ist die Dame?

Sonst hast du nichts zu fragen? Dann geh ich —

Nicht doch — für das Nachtlager, für die freundliche Bewirthung wollten wir

uns bedanken!

Für nichts — dankt man nicht!

Ist das nichts, uns bewirthet zu haben? Uns, die sie nicht kannte? Wir

wünschten doch das edle Weib zu kennen.

Wird euch wenig frommen. Sie ist eine Dame, der Gatte und Kinder gestorben

sind, die nun ihr Leben in stiller Trauer verweint — und ich bin ihr alter Diener

— hier ist die ganze Geschichte — nun kommt! ich will euch aus dem Walde

führen. Die Pferde hab ich schon gesattelt.

Weile noch ein bischen! Ich —

Habe nicht Zeit — mein Taggeschäfte bleibt ohnehin zurück, da ich vor 2

Stunden nicht wieder komme, wenn ich die Strasse euch deuten soll.

Das thut uns leid — wenn du durch uns versäumst. Wer waren denn die

beiden Liebenden, denen das Denkmal dort im Garten gesezt ist.

Habt ihrs gesehen?

Ja!

So werdet ihrs auch gelesen haben? Weiter kann ich nichts sagen.

Vergebens war Beider Müh, etwas mehr von dem Gesehenen, das sie so

neugierig machte — zu erfahren; aber der Alte wich allen Fragen aus, und sie

mußten endlich ohne die Dame noch einmal gesehen zu haben, die Reise wieder antreten! Sie blickten noch einmal auf den Garten, und giengen vor ihren

Pferden her.

Setze dich auf mein Pferd — sprach Sebald. Deine Füsse tragen dich kaum,

und du sollst so weit uns führen?

Meine Füsse tragen mich schon.

Du bist alt — nein — wir reiten lieber auf gut Glück herum, eh wir dich,

guten Mann nebenher keuchen lassen.

So will ich mich aufsetzen.

Sie halfen ihm auf den Gaul, und wanderten langsam durch dunklere und

lichtere Strecken des Waldes, von den hohen Wipfeln tropfte der Thau, der im

Sonnenstrahl schmolz, unten war noch tiefe Nacht.

Du bist gewiß schon lange bei der Dame?

Ja!

Wie lange denn so ungefähr?

Bis heute.

Erzähl uns doch was —

Ich weiß nichts!

Das eine Grab schließt vermuthlich den Vater, das andere den Sohn ein?

Ich denke.

Das offne ist ohne Zweifel der Dame bestimmt, wenn sie einmal sterben wird.

So scheint mir.

Das eine worinn ein Mädchen ruht, das einen von der Familie verschiedenen

Namen hat — wer war denn die?

Ein Mädchen.

So viel konnt ich mir schon sagen. Wie kömmt sie in diese Reihe?

Weiß es nicht.

Vielleicht eine Blutsverwandte?

Mag seyn —

Und gestorbne Geliebte des gleichfalls todten Sohns?

Ja!

Eine gewöhnliche Geschichte mags wohl nicht seyn, die sich mit diesen

Beiden zutrug; die Inschriften und Bilder an den Marmorsäulen lassen so etwas

seltneres vermuthen.

So?

Edler von Felsthal? Ich glaub, er war ein Feldherr, und zog gegen —

Reh und Hirsche.

Sein Sohn liebte ein Mädchen, das der Vater aus gewissen frommen Gründen

— ich glaube das Mädchen war katholisch, und der Felsthal protestantisch —

und der Sohn wollte sich heimlich mit dem Mädchen trauen lassen?

Von Rabinern.

Das Mädchen härmte sich, weil sie den Sohn so einzig und innig liebte, und

ihn nie den ihren nennen sollte — ward sie nicht wahnsinnig und nahm sich das

Leben im Was—

Ja, in der Buttermilch.

Ach quäle mich doch nicht Alter! Erzähl uns doch —

Ihr wißt ja schon alles.

Ich glaube so einmal etwas gehört zu haben von dieser Geschichte —

Das hör ich.

Ist der Sohn nicht darauf auch gestorben? Nein ich glaube er hat sich —

Zu todt gewimmert.

Nicht doch, auf ihrem Grab ist er —

Vor lauter Lieb erfroren.

Ach, diese Todesart findet man in Romanen des 18ten Jahrhunderts. Itzt ist

Mode sich —

Lebendig zu begraben; oder —

Weist du das von deiner Dame her?

Sich todt zu fragen.

Hm — meinte Sebald — Salassin! Da erfahren wir nichts.

Sie erreichten endlich die Strasse. Naß vom feuchten Waldmoos waren die

modischen Stiefelchen: Rock und Hut trieften vom herabrieselnden Thau.

Dahin geht die Strasse nach der Stadt — dorthin, von der Stadt. Lebt wohl,

sprach der Alte, stieg vom Pferde und trat den Rückweg an.

Dank, lieber Mann! — sagten die Beiden, und drückten ihm ein Goldstück in

die Hand.

Wozu das? — Ich habe Kräuter und Früchte — bin nicht in der Welt —

Nims zum Andenken.

Hört — wenn ihr so gut seyn wollt — sprach vertraulicher der Mann, und

lächelte zum erstenmale ein bischen — Wenn ihr da in das Dorf kommt — wird

euch ein grünangestrichenes Häuschen entgegen schimmern. Da geht hinein, und

gebt es dem, den ihr antreffen werdet, und sagt — aber von Wort zu Wort: Das

schickt euch Thoms der Murrkopf aus dem Walde.“

Der Alte sprachs, drehte sich um, und lief fort bis er ihnen aus den Augen war.

Ein sonderbarer Mann! dachten beide, schüttelten den Kopf, und zauberten

sich das Gesehene zurück.

Sie kamen in das Dorf: klopften an die Thüre des grünen Häuschens: Ein

Mann hager, blaß, ein Skelet von einem Menschen, streckte den Kopf zur Thüre

hinaus.

Salassin gab ihm einige Geldstücke, und sagte: Thoms der Murrkopf im Walde schickt euch das!

Der Mann verdrehte grimmig das Gesicht, und klapperte mit den Zähnen, biß

in die Lippen und brüllte wild grinsend. Wollt ihr mich foppen, ihr Gauner!

schrie er, ergriff einen Stab, und schlug nach den erstaunten Reutern, die nicht

schnell genug auf dem Gaule fortgallopiren, und dem rasenden Mann, den sie für

närrisch hielten, entfliehen konnten. —

Er lief bellend wie ein Hund, und geifernd wie Rezensenten durch das ganze

Dorf ihnen nach, bis er über einen Stein stolperte, und auf der Erde liegen blieb,

wo er vor Grimm in den Stein biß.

Einige von den Dorfleuten sahen dem Spektakel zu, und riefen: Hans Narr ist

von der Kette los!

Dacht ichs ja gleich, der Mann sey närrisch! — sprach Salassin, und die

Beiden hielten still.

Ach Herr — sprach ein grauer Mann — du hast ihm gewiß ein Allmosen von

dem Murrkopf Thoms im Walde gebracht?

Ja! und drum ist der Mann so wüthig?

O da schlägt er im Zorne den todt, der ihms bringt!

Warum? Was bedeutet das? Will er vom Thoms nichts annehmen?

Beileibe nicht! Thoms? ist ein grundbraver Mann, und lebt viele Jahre mit der

Alten Frau im Walde. Der Mann, der euch so geifernd nachlief, ist sein Bruder,

der Thomsen einmal um Haus und Hof betrog, Thomsens Weib und Kinder

vergiftete, und —

Warum hat man ihn denn nicht in die Jammerburg gesezt?

Der ist ganz und gar nicht närrisch —

Aber Weib und Kinder vergiften ist ja ein unerhörtes Verbrechen in unserm

Lande?

Das konnte man nicht beweisen: er lud sie einmal zum Essen, da mischte er

untern Salat giftige Kräuter, und weil er selbst mit davon aß, sagte das sterbende

Weib selbst, Hanns habe es mit Vorsatz nicht gethan; aber ich sah wohl ein, daß

er auf seine Seite die guten — jenseits aber die giftigen Kräuter theilte — und es

war um Haus und Hof zu thun.

Der Mann ist kein Deutscher?

Er ist ein entlaufener Fremdling, der sich da ansetzte; anfangs sich durch Fleis

und Eifer hübsch bereicherte; aber sein Geiz konnte dem redlichen Thoms nichts

vergönnen. Thomsen jagt er betteln, der arme Tropf kam endlich zu der Frau im

Walde, und schickt dem teuflischen Bruder alles, was er sich verdient und

abspart. Sein Bruder, den das Gewissen wie der Satan geiselt, wird denn immer

ganz toll, wenn er vom Thomsen etwas annehmen soll.

Das ist eine garstige Rache vom Thoms.

Ey behüte Gott! Er thuts mit dem besten Willen. Seit vielen Jahren war er bei

seinem Bruder hier im Dorfe nicht: er mußte einmal erfahren, daß dieser nun

elend und krank sey, daher schickt er ihm, was er schicken kann. Er sagte immer:

Auch dem, der mich unglücklich gemacht hat, muß ich Gutes thun!

Das ist ein edler Mann!

Ein braver Mann! rief Sebald und Salassin, und bedauerten, daß er nur so

einsilbig geantwortet habe.

Aber guter Mann, kannst du mir nicht sagen, wer die Frau in dem Walde ist?

Ihr Mann war ein reicher Kriegsmann — reich — o je reich, der hatte der

Dukaten so viele als Steine in unserm Dorfe sind. Er wurde im Krieg erschossen,

die Frau lebt nun in der Einsamkeit und weint sich zu todt.

Hatte sie nicht auch einmal einen Sohn?

Ja! Der ist auch im Krieg ums Leben gekommen. Er hat ein Schätzgen, ein

liebes gar schönes Kind, und brav war sie — brav und gut, sanft wie ein Lamm,

sie that allen Leuten Gutes; ich kannte sie recht gut, denn sie ist aus unserer

Nachbarschaft eines vermöglichen Predigers Tochter gewesen. Der Sohn des

alten Kriegsmannes hatte sie denn so außerordentlich lieb — und sie ihn auch —

so lieb und werth wie ich meinen kleinen Philip, mein Enkelchen lieb und werth

habe. Er wollte sie ehlichen; sein Vater sagte, du bist ein Bube, hast noch kein

Verdienst, sieh dich erst in der Welt um, und wollte ihn erschiessen wofern er

das Mädchen noch einmal sähe. Darauf kam der Krieg mit den Normännern aus

— ach Herr ist es denn wahr, daß die Sprudelköpfe schon wieder anfangen und

unser gute Vater Kaiser seine Soldaten zum Kriege mustert?

Seyd getröst lieben Leute, es ist so gefährlich noch nicht — Nun da kam also

der Krieg aus — wie war es weiter!

Nun ja — da kam also der Krieg mit den Normännern aus, der Sohn zog in

der Rasch mit in die Schlacht, und wollte lieber sterben als ohne seiner

Herzallerliebsten Leben. Ach! er fand ihn nur gar zu bald, den bittern Tod. Der

Vater wurde erschossen, und der Sohn zusammengehauen, denn er war gar zu

muthig, und der erste der voraus ritt. Die Nachricht kam denn in die Ohren des

Liebchens, die sich kränkete und keine Lebensfreude mehr hatte. Sie wurde

krank und starb bald darauf. Wir haben alle herzlich geweint — es wäre ein so

gutes Paar Leutchen gewesen — die alte Frau im Walde hat nun ihnen ein

Grabmal gebaut. Ich komme alle Jahre einmal dahin, und bete für die Seligen.

Da ist alles so traurig in der Einsamkeit, und die schwarzen Grabsäulen machen

einem das Herz so wehmüthig — seyd ihr auch da gewesen? Herren?

Ja! lieber Mann! Und gab eben der alte Thomas an seinen Bruder etwas mit,

der uns denn so weidlich erschreckte. Habt ihr viele Armen im Dorfe?

Nein! Gott sey Dank wenige —

Da nehmt das Geld und theilt es unter sie!

Gotteslohn braver Herr! Sie werden bethen für euch und den alten Thoms!

Leb wohl, lieber Alter! Dank für deine Erzählung!

Hier hast du ein klein Andenken (Er warf ihm ein Geldstück in die Hand)

Ach ich danke — bin gottlob nicht arm. Ich wills den Armen beilegen.

Fort sprengten sie wieder im raschen Gallopp die gepflasterte Strasse.

Sollen wir noch ins Lager oder reuten wir zurück in die Stadt — fragte Sebald

Salassin.

Ach —! Wir fragten nicht einmal wohin wir da kommen. Doch, da geht ein

Mädchen, das können wir fragen.

Mädchen führt hier die Strasse zur Stadt?

Zu welcher denn Herrn?

Die beiden sahen sich erstaunt an. Sind wir denn so weit von der Hauptstadt,

daß ein paar Duzend andere noch dazwischen lägen?

In die Stadt, wo der Kaiser ist!

Ja — sprach das Mädchen — da habt ihr noch gute 4 Meilen, und müsset euch

zurückwenden; denn grade vorwärts kömmt ihr auch in eine, dort wohnt aber der

Kaiservater nicht — dort sind nur Soldaten — o je Soldaten — ihr konntet in 8

Tagen sie nicht alle zählen, sie haben dort ihr Lager.

Ist weit dahin?

Eine Stunde nur.

Und grade vorwärts!

Jaja! über den Berg oben werden euch die Häuser und Thürme schon

entgegenblitzen.