Guirlanden um die Urnen der Zukunft, eine interessante, originelle Familiengeschichte aus dem drei und zwanzigsten Jahrhunderte
Dritter Abschnitt.
Erstes Kapitel.
Die Wahrheit in der Lüge.
Die Krieger ziehn dahin, wohin das Wohl des Vaterlandes sie bestimmt, schon
sind sie nahe dem verheerenden Schwarm der Feinde — schon stossen sie auf
Spuren der feindlichen Verwüstungen. Wir lassen sie eiferglühend den Feind
aufsuchen, und wenden uns in die Stadt zurück.
Noch weiß keine Seele von Salassins Entschluß außer dem Kaiser. Die
Freunde noch immer den Ergötzungen des Festes überlassen, ahnten nicht
einmal was der übereilte Jüngling unternommen. Zwar sprang Sebald von
seinem Sitze in der Laube von Jillas Seite auf, als Salassin Beide in ihrem Kosen
geweckt hatte, und ergriffen von Empfindungen, die wirklich aus übertriebnen
Begriffen und Irrthum entsprangen, wie ein Flüchtling fortlief.
Aber Sebald — wer hätte mit menschlichem Auge Salassins Seelengewitter
vermuthen können? Die Beiden blieben lange noch da, in ihren traulichen
Umarmungen.
Lolly suchte unter dem Gewimmel den Ersehnten — ach — Arme Bangende!
Wie hättest du ahnden können, was deinen Geliebten so weit und vielleicht auf
immer trennte! Lolly begnügte sich, weil sie schon manche Stunde vergebens
nach ihn gespäht hatte, mit dem nicht ganz süssen Troste: „Morgen kömmt ja
Salassin in unsre Miethwohnung!“
Aber als mit der Mitternacht das Fest zu Ende gieng, alle Wandler theils schon
dem Schlummer huldigten, theils schon am Wege waren, zur Ruhe zu eilen, als
schon nur hie und da in dunklen Alleen und Gartengängen einzelne Paare
Liebender wandelten im Mondenscheine, und auch Sebald aus Jillas Armen in
seine Wohnung kam: wie verdampfte der Rausch der Liebe, den er sich an Jillas
Lippen geholt hatte.
Er glaubte Salassin schon im Schlafe zu finden — aber natürlich der war nicht
da.
Meinen Bruder läßt gewiß nicht die reizende Lolly von der Seite! meinte
Sebald, und trat im Tageshell der Krystallsonne von ungefähr an Salassins Schreibpult.
Die Briefe fielen ihm auf — Die Freunde kein Geheimnis sich verbergend,
theilten sich jeden Gedanken mit, wenn der Eine oder der Andere es nur hören
wollte: daher ergriff Sebald die Briefe — las — und erschrak, als er den an ihn
gerichteten gelesen hatte.
Als wäre der Pallast auf ihn gestürzt, stand Sebald mit schwerem Herzen da.
Gott der Freundschaft! Was ist da geschehen — rief er und starrte
unentschlossen, was er thun solle, die Papiere an. — Der Unglückselige —
Wohin trieb ihn sein schrecklicher Irrthum —! Was unternimmt er! Eine Thräne
deiner Blindheit will ich weinen — kaum verdienst du ja — Blödsinniger — —
Ich liebe Lollyn? Ich wäre mit Lolly in der Laube gesessen? Narr! Deine edle
Aufopferung für Freundschaft ist Grille — ha — wie könnt ich da glücklich seyn
— glücklich, wenn dein Herz blutet! — Unseliger Irrthum! — Er rannte mit den
Briefen in der Hand zu Tellmanns Gemach, und öffnete schon die Thüre. Das
stille Dunkel des Ruhezimmers riß ihn plötzlich aus dem Traume, und errinnerte
ihn, er habe vergessen daß es Mitternacht sey, und Tellmann schlafe.
„Weck ich den müden — erfährt er Salassins Entweichen — dann hab ich ihn
um seine Ruhe gebracht! — Und was nützt das, wenn er itzo noch drum weiß?
— Kann ich sagen wo der Verblendete hingeirrt ist? Können wir ihn finden?“ —
Sebald begab sich zurück, und haderte mit der Nacht, die dem
harmdurchdrungenen Bangen so lange nicht zu Ende schenkte, und kaum
flüsterte des Morgens lauer Wind durch die Jalusien, als Tellmann die
Geschichte erfuhr, und die Hände unwillig an einander schlagend vom Lager
sprang.
Sein Edelmuth ist am unrechten Orte! Wo ist er hingerennt! Sebald sogleich
auf Erkundigung! — sprach Tellmann, und rafte sich verstört zusammen.
Eben erwachte das Getümmel der Menschen auf den Strassen: Trompeten und
Pauken schmetterten, und Musiken hallten vom Platz der kaiserlichen Residenz.
Ha! der Kaiser bricht auf! — scholl es überall. Wohin? — rief hier eine Schaar
und steckte die Köpfe zusammen. In den Krieg! — schrien die Andern.
Gott gieb ihm Heil und Sieg! Gott erhalte ihn! — Erklang es allenthalben, und
die unzählige Menge der Menschen, die sich wie der Blitz geschwind aus den
Armen der Ruhe gerissen hatten, sobald das Abschiedszeichen ertönte, umgab
den innigverehrten Monarchen, der dem kleinen Kriegsheere, so in der Stadt
noch lag, vorausritt, sein Lebetwohl, meine Kinder! dem Volke zurief, das sein
kaiserlich geschmücktes Roß kaum traben ließ, und Millionen Segenswünsche
der Majestät nachrief.
Sebald lief inzwischen die Stadt ab und auf, ohne zu wissen warum?
„Ja wo sollte er Salassin aufzusuchen? Keine Spur — kein Wörtchen schrieb er von dem, wohin er fliehen würde. Ohne Zweifel — sagte Sebald — wird er in
seine Heimat zurückgekehrt seyn, und dann auf Reisen gehen!“
Mit dem Strassengetümmel stand auch Bengler in dem Gasthof zur silbernen
Narrheit auf. Lolly schlief die ganze Nacht sehr unruhig. Sie hatte trübe
Ahnungen, die sich durch die Wonnegefühle des Wiedersehens drängten, und
sich vermischten, daß dieses Empfindungsgemengsel einem süssen Weine
gliech, in den man Meerwasser schüttet. Daß sie von dem träumte, an dem einzig
und allein ihre ganze Seele hieng — das fragen doch meine Leser schon gar
nicht! Sie sprang wohl zehnmahl vom Ruhebette an das Fenster, und liebäugelte
mit dem Mond, der blaß und trübe sie anguckte. Und als die Nacht ihr
Schattenkleid kaum abzustreifen begann, war Lolly die erste im ganzen Gasthofe
munter und wach. Die Freude — heute morgen kommt er! erheiterte sie, wie die
Morgensonne die Flur, und der Gedanken morgen seh ich ihn schon wieder nicht
mehr! war ein trübes Wölkchen, das manchen Strahl der Wonne auffieng. Sie
harrte voll banger Erwartung des Geliebten.
Der Kaiser war bereits aus der Stadt geleitet, das Volk begab sich allmählig an
seine Taggeschäfte, der Morgen wich schon dem Mittage; aber Salassin —
natürlich konnte Lollyn nicht erscheinen!
Wo mag er seyn? Was hält ihn ab zu mir zu kommen? Er versprach hoch und
theuer mit dem frühesten Sonnenglanz da zu seyn — er kömmt nicht — schon
ist Mittagsschwüle — Salassin! Salassin! Erscheine.
So härmte sich das liebende Mädchen, mit jedem Pulsschlage wurde das Herz
banger, mit jeder Minute ihre Unruh bittrer. In jedem Manne, der in dem
Gassengewimmel sich drängte, wähnte sie — da kömmt er einmal! Aber wie
herb war dann immer die Täuschung!
Als endlich die eilfte Stunde des Tages mit unaussprechlichem Verlangen und
Sehnen schon heranschnekte, und Salassin noch nicht da war, da konnte das
arme Mädchen nimmer die Unruhe, die ihre ganze Seele erschütterte, verbergen.
Sie theilte dem Vater ihre Besorgniß mit, der selbst nicht begreifen konnte, wie
ein Liebender weilen könne zu seiner brünstig harrenden Erkohrenen zu eilen.
Er ist mir ungetreu — er heuchelte Liebe — er ist falsch, würde ein Mädchen
unsers Sekulums in diesem Falle sagen — Aber Lollyn kam der Gedanke gar
nicht bei, Salassin, der ein so edler Mann war, könnte treulos seyn, so sehr war
sie überzeugt.
Sebald kam zu dem Gasthofe der silbernen Narrheit, und las den Thorzettel
auf dem die Namen der Einkehrenden angezeigt waren. Wer? Woher? Wohin?
Wie lange? Auf alle diese Fragen war die Antwort auf dem Zettel.
Edler Bengler von Palmhain, mit seiner Tochter Lolly — stand unter andern
da!
Ha — rief Sebald freudig — da sind sie! Er sprachs und ließ sich vom Diener
die Zimmer zeigen.
Er trat herein, Lolly lag im Fenster und sah nach der Gasse, wand sich hurtig
nach der Thüre, als sie rauschte, und kam dem Eintretenden entgegen, den sie für
den Ersehnten hielt, freudig rief sie: Endlich ist er einmal da! Aber bitter
getäuscht stieß sie einen lauten Schrei aus, als sie Sebalden erblickte, der mit
unbeschreiblichem Entzücken sie faßte: Jilla! Jilla! Wie kömmst du daher?
Lolly verwunderte sich — und zog sich erschrocken zurück. Mein Herr —
Sebald’s Auge starrte das Mädchen plötzlich an, das in jeglicher Miene der
schönen Jilla gliech, und bat verlegen um Vergebung seines Irrthums. Ha beim
Himmel (sprach er für sich hin) Salassins Irrthum ist verzeilich — die Beiden
sind kaum unterscheidbar — Armer — armer Salassin! rief er etwas laut.
Lolly fuhr über der theuern Namen zusammen. Salassin! Kennst du Salassin?
— sagte sie einfallend, und ihre Blässe der Wangen verschwand in ein liebliches
Rosenroth!
Seb. Ob ich ihn kenne? Salassin ist mein Bruder —
Lolly. (ungeduldig) Ach der Salassin mags wohl mehr geben, aber der, den ich
meine, hat keinen Bruder.
Seb. Ich bin sein Freund — sein adoptirter Bruder — er ist von Wallingau.
Lolly. (mit losbrechendem Entzücken) O so kennst du ihn? Wo ist er? wo ist er? Wo
zögert er? Geschwinde —
Seb. Er ist — (die verwünschte Verlegenheit! Was soll ich nun sagen!) vermuthlich — war er
nicht da?
Lolly. Leider! Leider! Er versprach es mir gestern! Heiß und bange ward er
erwartet — aber (sie ward feuerroth)
Seb. (blickte traurig auf den Boden und dachte) Unselige Uebereilung! Salassin! Das
Mädchen liebt dich! Was unternahmst du! Wie helf ich mir aus dem Graben!
(läuft zu Lolly) Er war des Morgens schon nimmer zu Hause —
Lolly. (starrt ihn an) Und kam doch nicht hieher noch?
Seb. Vielleicht hat er den Kaiser mitgeleitet — und verspätete sich —
Lolly. Aber es ist hoher Mittag schon —
Seb. Wahrhaftig — er sagt mir diesmal kein Wörtchen, wohin er gehen wolle
—
Nun kam Bengler dazu, Sebald grüßte ihn und verbarg seine Verlegenheit —
Lolly schlüpfte auf die Seite in unaussprechlicher Wallung, sie wußte nicht, was
das werden sollte, und verließ die Beiden, um dem gepreßten Herzen durch
lindernde Thränen im Nebenzimmer Luft zu machen.
Bengler und Sebald saßen auf einer Ottomanne.
Bengl. Das ist mir lieb — dich, Salassins Freund kennen zu lernen. Welly hat
mir viel von dir erzählt. — Was macht Salassin? Warum kommt er nicht hieher?
Was ist vorgefallen!
Seb. (faßte Benglers Hand voll Treuherzigkeit) Nimm es nicht übel — ich bin in einer
schrecklichen Unruh — Deine Tochter liebt Salassin!
Bengl. Das ist mir nicht unbekannt — ich merkt es mit herzlicher Freude —
wenn wir Väter gesellschaftlich beisammen waren, scherzten wir oft vergnügt
über das Band, das unsre Kinder einmal verbinden kann — Ihre Seelen sind
längst verlobt!
Seb. Das weiß ich als Salassins einziger Freund, und es ist mir darum recht sehr
lieb, daß ich mit dir reden kann — deine Tochter verdient Schonung —
Bengl. Was heißt das? Erkläre — du bringst Nachrichten ohne Zweifel, die mir
nicht angenehm —
Seb. Ich kann mich nicht einmal fassen, wenn ich an Salassin denke! Er ist fort
— keine Seele weiß wohin?
Bengl. (erschrocken) Wann? Gestern versprach er uns heute zu besuchen —
Seb. Er muß gestern Abends noch sich verloren haben. Als ich gegen
Mitternacht nach Hause kam, lag dieser Brief auf seinem Schreibpult — ich sah
mit Schaudern und Beben, daß er fort sey.
Bengler erbrach den Brief an ihn, den ihm Sebald überreichte, und las
befremdet:
L o l l y s Va t e r!
„Ich liebte deine Tochter — ich liebe sie noch. Aber ich kenne die Pflicht des
Freundes, und weiß mich aufzuopfern, mit Freuden aufzuopfern. Sebald mein
Bruder hängt mit voller Liebe an ihr — er wäre verlohren, blieb ich da —“
Ein unseliger Irrthum! — unterbrach Sebald den Leser — Ein unglücklicher
Mißverstand! Ich will dir die Sache erzählen.
Bengler las mit Erstaunen weiter:
„Auch Lolly liebt ihn, ich bin überzeugt —“
Bei der Würde des Kaisers nicht! — rief Sebald hastig! — Doch lies nur
weiter!
„Dieses Menschenpaar, das mir unendlich theuer ist, das ich unaussprechlich
schätze, kann nie anders glücklich seyn, als durch meine Entfernung. Ich gehe
also dahin, wo ich Ruhe und Vergessenheit des Seelensturms mir holen kann,
daß die Geliebten ungestört von mir einen beneidenswerthen Himmel ihrer
Seligkeiten geniessen können. Denkt dann — an den unglücklichen Freund
Salassin.“
Benglern zitterte die Hand, mit der er den Brief hielt, er saß lange da, ohne ein
Wort zu finden, das ausdrückte, was in seinem Innern vorgieng. Was er
unternommen? Warum? Erkläre —
Sebald erzählte ihm offenherzig die ganze Sache, soviel als er selbst des
deutlichen wußte. Die außerordentliche Aehnlichkeit Lollys mit einem andern
Mädchen, den Vorfall mit dem Bildniß, Salassins untrüglichen Irrthum, selbst
seine Geschichte mit Jilla von Wort zu Wort. — Mir ist bange um deine sanfte
Tochter! — fügte er endlich hinzu als er mit der Erklärung fertig war. — Was
wird sein Vater — was seine Mutter sagen! — Salassin! Was hast du gethan! —
rief Bengler mit zitternder Stimme, seine Stirne furchte sich, die Hand fiel auf
den Schoos, der Brief auf den Boden. — Wohin hat dich deine Raschheit
verleitet! Welchen Jammer machst du deinen Eltern! Er der einzige Sohn, an
dem sie mit aller Liebe unzertrennlich und einzig hiengen — die ihre 6jährige
Jadilla mit unbeschreiblichem Kummer verloren und betrauern — auch Salassin
— ihre einzige Hoffnung — Was werd ich den Eltern sagen! Wie werden sie
jammern die Unglücklichen! O des traurigen Festes! Wie soll ich die Mutter
vorbereiten —!
Und Lolly — lispelte Sebald!
Ach! an sie vergaß ich schon gar beim Gedanken des elterlichen Kummers! —
Wir sagen er sey krank!
Seb. Verwünscht — ich habe geplaudert, Salassin wäre seit der Morgenstunde
nicht zu Hause mehr gewesen!
Bengler legte bedrängt die Hand an den Kopf, und sann und wußte nicht
worauf. Das geht nun freilich nicht an — und wenn es wäre, glaube mir, sie lief
in der leidenschaftlichen Theilnahme wohl gar mit dir, um des Kranken zu
pflegen. — O des Leichtsinnigen! Wenn wir doch nur wüßten, wohin er geirrt?
Nach einer tiefen Pause, in der sich beide dem bittersten Gefühl preis gaben,
sprach Bengler:
Der Kaiser zog heute in den Krieg?
Seb. Ja!
Bengler. Wenn Salassin im Heere wäre?
Seb. Ich zweifle — zwar Muth, Entschlossenheit fehlt ihm nicht —
Bengler. Es mag angehen! Wir bereden Alle — der Kaiser habe ihn an seine
Seite verlangt, und Salassin folgen müssen.
Seb. Tröstet das Lolly? Die Vorstellung der Gefahr — des Todes —
Bengler. Hältst du meine Tochter für so unedel, daß sie der Ehre, dem Wohle des
Vaterlandes ihre eigne Zufriedenheit nicht opferte? Das geht! Sie ist ein
deutsches Mädchen — sie wird stolz auf den Geliebten seyn! Salassins Eltern —
auch diese werden dennoch ruhiger die Schreckenspost hören, als wenn sie nicht
einmal müßten wohin Salassin gekommen sey.
Seb. Aber es ist ein Brief an sie da!
Bengler. Das übrige will ich vermitteln. Den behalt mir vor, bis die Zeit uns
mehr von ihm aufhellt! — Richtig! — So mags wohl noch am besten gehen! —
Hätt ich doch — fuhr Bengler etwas heitrer fort — Hätt ich doch nie gesagt, daß
ich das erstemal itzt in meinem Leben, und ziemlich spät eine leidentliche Lüge
erfinden könnte. Nun trösten wir vor allem Lolly, die gewiß nimmer schon weiß,
was sie vor Liebesangst und Erwartung thun soll. Lolly! — rief Bengler mit
lauter Stimme, indem er an ihre Zimmerthüre trat.
Lolly trocknete eilig das nasse Gesicht, und flog auf den Vater zu. Was willst
du, mein Vater!
Bengler. Salassin!
Lolly. (zitterte bei diesem Namen) Wo ist er?
Bengler. Du liebst ihn?
Lolly. Mein Vater —
Bengl. Lieb ihn als ein deutsches Mädchen, und sey edel und stark wie diese.
Salassin ward vom Kaiser für das Vaterland gefodert — er ist an seiner Seite, in
den Krieg gezogen, und sagt dir sein Lebewohl!
Lolly erblaßte; aber vom angebornen Stolze und Edelmuth ermannt, vergaß
sie des Harms, der in ihr wüthete, und sprach: Darum kam er also nicht? Wohl
ich bin ein deutsches Mädchen! Du bist mein, ja, Vater, Ich will seiner harren mit
Lieb und Treue, die Lorberkränze winden für den Sieger, der zurückkömmt, oder
— ich habe auch Thränen, den Edlen, wenn er fürs Vaterland fällt, stolz zu
beweinen!
Sie fiel dem Vater herzlich um den Hals.
So bist du meine Tochter. Der Monarch ließ ihm nicht Zeit dich noch einmal
zu sehen, dir nicht einmal schreiben zu können. Bleibe ruhig! Wir fahren in einer
Stunde der Heimat zu!
Der erste heftigste Schrecken war nun vorüber. Die Freunde trösteten sich
allmählig; Sebald unterrichtete seinen Onkel Tellmann von dem Beschlusse als
er zurückkam, und Bengler verließ mit Lollyn, die für sie so traurige, leere Residenzstadt!
Sebald hatte versprochen Salassins Bildniß Lollyn zu senden. Sie beurlaubten
sich gerührt und in kurzer Weile waren alle an ihrem Orte, zwar nicht so ganz
ruhig, vielleicht auch unruhig; doch lächelte jeder Munterkeit, wenn das Herz
auch im Innern bange pochte; sie scherzten wohl gar über den Helden, wenn er
zurückkommen würde, und die Wangen so hübsch zerhauen und zerfezt
mitbrächte. Ach sagte Lolly — die Wangen sind zu nach dem Kopfe, in dem das
Leben sitzt; es wäre doch Schade um ihn.