Guirlanden um die Urnen der Zukunft, eine interessante, originelle Familiengeschichte aus dem drei und zwanzigsten Jahrhunderte

Vierzehntes Kapitel. Eine fürchterliche Begebenheit.

Vierzehntes Kapitel.

Eine fürchterliche Begebenheit.

 

Noch saß man bei Tische und unterhielt sich mit mancherlei Gegenständen.

Salassin und Sebald sprachen von dem Gesehenen in der kaiserlichen Burg, da

krachte plözlich ein betäubendes Geprassel und wiederdonnerte durch die Stadt.

Die festesten Gebäude erbebten, daß die Fenster klirrten; der Wein tanzte in den

Bechern, und die Musikanten liessen Instrumente und die Kannen vom Munde

fallen. Eine ungeheure Staubwolke verdunkelte das Licht des Tages, es knallte

und schallte, als donnert und prasselte mit fürchterlichem Getöse der

Feuerschwangre Vesuv.

Auf den Plätzen und in den Gässen war alles in schrecklicher Bewegung,

Geschrei und Gelärme. Alles rannte durch einander mit schreckengebleichten

Gesichtern, und zitternden Füssen.

Was ist das? — rief einer um den andern im Saale, und sprang an das Fenster.

Ein Strom ungeheurer Mauerstücke, Wolken von Asche und Staub rauchende

und flammende Brandhölzer stiegen auf der westlichen Seite der Stadt hoch in

die Luft, und sanken donnernd wieder herunter. Sebald und Salassin liefen

schnell aus dem Saal über den Platz nach der Seite zu, wo das Getöse am

fürchterlichsten hallte, und das Schuttwetter die Luft verdunkelt hatte.

Die Pulverfabrike! — scholls überall. Sie ist in die Luft gesprengt!

Die beiden rannten dem Volksgedränge nach und nach einer halben Stunde

waren sie vor den Thoren der Stadt. Welch ein kläglicher Anblick.

Hunderte der Menschen waren zerschmettert zerstückelt, zerstümmelt,

verwundet, mit Schutt und Brändern überdeckt, und eine ungeheure Schlucht

gähnte an dem Orte wo die große Pulverfabrike gestanden war — Das

Gewimmel der unzählbaren Menschen, die aus den Thoren strömten, das

Röcheln der Sterbenden, das Stöhnen der Halbverschütteten, das Winseln und

Wimmern der Halbzerschmetterten und stark Verwundeten und das Klaggeheul

der Herbeilaufenden waren ein gräßliches Schauspiel.

Eilends half man den Unglücklichen. Hier warfen einige den Schutt auseinander, und zogen Erschlagene oder Verstümmelte heraus, dort verbanden

andere die Wunden. Sebald nahm einen Mann auf den Rücken, der einer Fuß

zerschlagen hatte, und Salassin trug einen andern, dem der Kopf und das Gesicht

vom Blute röthete und eine Hand fehlte. Ihrem Beispiele folgten die andern

Zuschauer, da packte ein Mann ein ohnmächtiges Weib, dort ein Weib einen

wunden Mann auf den Rücken, hier führte ein reizendes Mädchen eine blutende

Freundin, dort schlepte eine Zahl rüstiger Jünglinge andere wieder, und in wenig

Minuten war das Theater des Jammers von den traurigen Akteurs leer. Dem

sonderbaren Zug, der mit seiner Bürde truppenweise nach der Stadt wanderte,

stürzten andere Schwärme von Menschen entgegen. Mein Vater! Meine Mutter!

Bruder! Schwester! So tönte überall das Jammergeschrei derjenigen, die ihre

unglücklichen Freunde in dem Zustande erblickten. Wie regegemachte Ameisen

in einem aufgestörten Haufen untereinander wimmeln, diese Eyerchen, jene

Weyrauchkörnchen tragen, und surren: so wimmelten die Schwärme der

Zusamgelaufenen.

Sebald hatte seinen Mann vor das Haus gebracht, so dieser mit vollem

Bewustsein ihm beschrieb, o wehe! da stürzte ein jammerndes Mädchen mit

flatternden Haaren entgegen, und schloß weinend den blutenden Vater an ihren

ungestümm schlagenden Busen. Ein Bach heißer Thränen rieselte über die

schreckensblassen Wangen und sie taumelte neben den blassen Vater ins Haus.

Sebald vergaß die Jammerszene und verlor sich im Anblick des huldvollen

Geschöpfes, das der Jammer noch schöner kleidete. Er stand halbbetäubt und

steif wie eine Bildsäule, und wußte nicht ob er gehen oder bleiben sollte. Das

schöne Mädchen faßte sich endlich in ihrem Schmerz, und dankte dem Träger

ihres Vaters mit einem herzlichem Kusse, der Sebalden durch Mark und Bein,

und Herz und Seele wie ein Feuerstrom glitt.

Ein Wundarzt! — rief der verwundete Vater, und Sebald sprang fort und kam

mit einem zurück, der den Fuß besichtigte und alle mit dem Ausruf tröstete: Ist

nicht gefährlich! In 4 Wochen kannst du wieder grade gehen! Jilla — so nannte

sie der Vater — hüpfte vor Freude auf, wie ein Täubchen auf dem Ast, um das

Lager des Kranken und Sebalds Augen waren auf Jilla geheftet, als wären sie

angenagelt. Endlich verließ er sie, nachdem er versprochen hatte, sie bald wieder

zu besuchen.

Die unglückliche Pulverfabrike! Nicht genug daß sie Menschenkörper durch

ihren Schuttsturm verwundete, da muß sie auch schuld seyn, daß sogar unsers

lieben Sebalds Herzchen, der doch so ziemlich weit davon war, verwundet ward!

Jaja! Schau du nur das Haus und die Gasse wohl an, lieber Sebald! Das

jammernde Mädchen hat deinem Herzchen so ziemlich auch eine Portion

überlassen.

Die Freunde trafen spät in Tellmanns Palaste wieder zusammen. Graf Welly

war mit Sebalds Mutter so eben zurückgekommen, als auch Salassin und Sebald

erschienen. Das Menschengewühl war noch immer zu stark. Geschäftige

Wundärzte rannten von Haus zu Haus, von Mitleiden getrieben und ohne erst —

wie die Wundärzte im 18ten Jahrhunderte im Gehen die Summe des Verdienstes

zu berechnen.

Tellmann kam vom Kaiser aus der Burg, und brachte die Nachricht: daß des

Kaisers Majestät über den unglücklichen Vorfall, den man sobald als möglich

untersuchen würde, bestürzt vorgeschlagen habe, die Trost und Pflegbedürftigen

zu besuchen, und eine beträchtliche Summe unter die Armen zu vertheilen.

Der gute Kaiser! — sagte Tellmann ist immer bereit, die Unglücklichen

aufzusuchen.

Sie folgten dem Beispiele des Monarchen, und verbrachten den Rest des

Tages in mancherlei Ergötzungen, von deren Sorten es in dieser ungeheuern

Stadt eben so viele Arten gab, als Blumen im Frühlinge sind.