Guirlanden um die Urnen der Zukunft, eine interessante, originelle Familiengeschichte aus dem drei und zwanzigsten Jahrhunderte

Sechstes Kapitel. Die Abreise.

Sechstes Kapitel.

 

Die Abreise.

 

Mit stillem Schmerze betrauerten indessen Welly und Jadilla, den

unersezlichen Verlust des hoffnungsvollen Kindes. Der Graf hatte Jadillchens

Beschreibung in alle Zeitungen sezen lassen; aber vergebens! Die Laune des

Schicksals, fand es einmal für besser, daß das Mädchen getrennt von seinen

Eltern unter fremden Menschen leben müsse. Alsdann alle Nachfrage

unbeantwortet, alles Forschen fruchtlos blieb, hielten die Eltern ihr Kind für todt,

errichteten ihm eine Urne, und beweinten an diesem Denkmale Jadillchens

Andenken. Die edlen Unterthanen halfen treulich die Betrübten erheitern; aber in

eben dieser allgemeinen Theilnahme, wenn sich das gepreßte Herz auch noch so

sehr erleichterte, fühlten sie ihren Verlust nur noch mehr. Selbst als der Balsam

der Zeit ihre Wunde vernarbt hatte, galt noch manche ernste Miene Wellys, noch

manche stille Thräne Jadillas dem Andenken der verlohrenen Tochter.

Sie ketteten sich nun um so enger an den einzigen Salassin, den beide mit

elterlichem Eifer erzogen. Diese Erziehung war nun ihr süssester Unterhalt.

Salassin ein Knabe von Mutter Natur zum Liebling erkohren, begabt mit

Talenten des Körpers und der Geistes, unter den Händen eines klugen Vaters, der

weise zu lohnen und zu strafen verstand, unter den Augen einer von aller

Afterliebe freien Mutter — wie sollte so ein Knabe zu großen Erwartungen nicht

berechtigen?

Die ersten Jahre der Kindheit wurden einer vernünftigen physischen

Erziehung gewidmet, und darauf die moralische gebaut.

Schon an dem Knaben ward mancher Zug bemerkt, der keinen gewöhnlichen

Alltagsmenschen einst hoffen ließ. Ein hartnäckiger Muth zeigte sich schon in

seinen Spielen, und ein gewisser Edelmuth, Gerechtigkeitsliebe war

unverkennlich. Soldaten zu spielen mit den Knaben des Dorfes war ihm eine

sehr angenehme Beschäftigung. Er formirte kleine Legionen, und war ihr

Anführer; theilte sie in 2. Partheien und sie kriegten zu Land und zu Wasser.

Bei einem dieser Spiele war einmal Salassins Armee ziemlich im Gedränge. Das Schlachtfeld war eine Wiese, das Lager am Bache, der um das Dorf floß.

Salassin ward angegriffen von seiner Gegenparthei, und an den äußersten Rand

den Ufers zurükgedrängt, seine Mannschaft bereits zerstreut und gefangen, und

er allein vertheidigte sich gegen zweie noch, die dem lieben Generalen so hart zu

Leibe giengen, daß er nothwendig sich hätte fangen lassen müssen. Aber dies

hielt er für den größten Schimpf. Indem ihn die beiden Feinde schon zu Boden

reißen wollten; stürzt er sich unbesiegt zu bleiben, gerade in den Bach, riß aber

einen von den Gegnern mit hinab, wo sie, weil es zum Glücke nicht tief war, sich

noch immer balgten. In dieser Hartnäckigkeit mitten im Bach trieben sie sich

immer weiter, bis beide in eine unvermuthete Grube geriethen. Ja — nun war der

Kampf freilich aus! Salassin der besser schwamm als sein Gegner, vergaß

geschwind allen Kriegsgroll, und schlepte großmüthig den Andern mit hinaus

aus dem Bache.

Oft kämpften sie im Bade in der größten Tiefe schwimmend ihre kleinen

Kämpfe.

Ein andermal waren die Knabenpartheien so verwegen, und führten den Krieg

in Luftgondln. Derjenige Theil, — sagte Salassin als er mit Hilfe des

Luftkutschers die Seegeln spannte, der in seiner Gondel den Andern hinabjagt,

hat den Sieg. Sie stiegen empor und der Streit begann. Salassin geübter als sein

Feind in der Luft, zerschlug die morsche Seegelstange der feindlichen Gondel,

welche schnell hinabsank, und auf einem hohen Baume hangen blieb. Die

Besiegten schwebten in einer ziemlich großen Lebensgefahr. Der Ball hatte sich

in den Zweigen und Aesten verwickelt, und die Knaben steckten wie in einem

Sack. Salassin eilte mit seinem Schiffe zur Rettung herbei, war aber diesmal so

ungeschikt, daß seine Gondel herunterfiel, der sich die Nase zerschlug, jener den

Finger brach, und jeder einen kleinen oder größern Schmerz durch den Fall

erbeutete. Oben in dem noch hängenden Ballon hatten sich indessen die

Eingewickelten durch ihr starkes Trampeln und Rütteln los gerissen, und

stürzten grade auf Salassin, und seine weinende Parthei. Mit deinem

verwünschten Krieg! schrie einer um den andern. Bleiben wir lieber auf der

Erde! Ich wäre bald erstikt! Ich habe meinen Finger gebrochen! Mich schmerzt

mein Kopf! Mir blutet die Nase! So scholls und die erzürnten Knaben wären

bald noch einmal über den Herrn Kommendanten Salassin hergefallen, um ihn

für seinen Vorschlag weidlich zu dreschen.

Vater Welly ließ Salassin auch das Euphon lehren, und um ihn mehr

anzueifern gesellte er ihm einen andern Knaben zu. Beide wetteiferten, und

wenn sein Gespiele sein Blatt besser als Salassin selber las, und richtiger am

Euphon ausdrückte, mußte Salassin als Gemeiner im Soldatenspiele ihm folgen,

was dessen Ehrgeiz mächtig traf, doch nie so, daß er diesen Keim zur Pflanze hätte sprossen lassen, denn er war erfahren mit diesem sehr gefährlichen Triebe,

der so herrliche Wirkungen erregt, wenn er sorgfältig und klug geleitet wird;

eben so fürchterliche Folgen dann hat, wenn er zum bloßen Sporne des Jünglings

ohne aller Rüksicht gebraucht wird.

Welly bemerkte an seinem nun zehnjährigen Sohne nicht ohne geheimer

Freude den Muth, die Entschlossenheit, den Edelsinn und eine gewisse Energie

des Geistes, aber auch nicht ohne Bangen das große Maas des so irrführenden

leicht erregbaren Gefühls. Seine Gabe alles leicht zu fassen, alles spielend zu

erlernen, alles leicht zu verstehen, brachte den Vater eher an das Ziel, so man

dem Knabenalter steckt, als er erwartet hatte.

Und war Salassin ein hoffnungsvoller Knabe, so war er noch weit

hoffnungsvoller als Jüngling. Dieser wichtige Zeitpunkt des menschlichen

Lebens war allmählig herangenaht. Hier gleicht der Mensch einer Flamme die

wenn sie nicht vorsichtig und vernünftig genährt wird, leicht zum lodernden

verheerenden Brand empor schlägt; die wenn sie zu unklug und zu gewaltsam

gedrükt wird, leicht erstickt; die aber wenn ein weiser Mann sie besorgt, wie eine

belebende Sonne am Mittag des Lebens aufsteigt, dem ein ruhiger seeliger

Abend folgt.

So ein weiser Mann, war Salassins Vater, der, des Sohnes Flamme geschickt

besorgte, daß sie jene Früchte trug, die meine Leser und Leserinnen erfahren

werden, wenn mein Büchelchen im Stande ist, ihre Aufmerksamkeit bis dahin zu

spannen, wo Salassin sich überlassen, selbst handelt.

Der Grund war gut und feste gelegt, auf dem das Gebäude des künftigen

Wohles Salassins unerschütterlich dauerhaft ruhen sollte. Er hatte Kenntnisse

mannigfaltiger Art, durch des Vaters Bestreben sich erworben. Des Dorfes

Pfarrer ein geschickter Mann, ein würdiger Priester, und um mich bündig

auszudrücken, ein wahres Gegenstück zu vielen Pfarrern des achtzehnten

Jahrhunderts; war nebst andern Männern sein Lehrer, und Salassin erhielt

Unterricht in allen jenen Wissenschaften, die ein Jüngling dieses Zeitalters

nöthig hatte. Vater Welly beschloß nun zu Ende des Baues zu schreiten, und

Salassin sollte die Welt kennen lernen, um seine Bestimmung, ein thätiger

Staatsbürger und Vertheidiger des Menschheitswohls zu werden, allmählig zu

erfüllen. Dazu war die Haupt- und Residenzstadt des vortrefflichen deutschen

Kaisers ein sehr schickliches Mittel, von dem er sich alles versprach. Salassin

sollte also nach einem Monden in die Stadt, so war es beschlossen und so blieb

es.

Der Monden verflog, wie die Sekunde eines Traumes; — wochenlang

bereitete man sich schon zur Abreise vor, die endlich da war.

Da stand vor dem Schlosse der angespannte Wagen mit zwei muthigen Gaulen zum Fortfahren bereit. Salassin wand sich aus dem Arm der Mutter, empfieng

gerührt ihren segnenden Abschiedskuß, sah sich zärtlich noch einmal nach der

heimischen Gegend, dem Park wo der Vater ihn Gärtnerey und Naturgeschichte

gelehrt hatte, den Aeckern wo er den müden Schnittern im schwülen Sommer

einen Labetrunk trug, den schilfumgrünten Teich, den Kieselbach wo er so oft

gebadet, so manchen Fisch gefangen, so manchen Kahn geleitet hatte, die

Hecken und Gesträuche in deren dunkeln Geflicht er der Nachtigall zuhorchte,

die Wiese wo sein Hut einen Schmetterling erhaschte, die Haide wo er die

Knaben kriegend anführte, das Wäldchen wo er im kühlen Schatten weilte, las

und lernte, oder auf der Flöte blies, den Hügel von dem er im Winter auf

Schlitten herabglitt, sah mit wehmüthiger süsser Erinnerung seines Knabenalters

noch einmal diese traute Heimath, und stieg mit dem Vater in die Kutsche, die

schneller denn eilende Winde vom heimischen Schlosse fortrollte.