Guirlanden um die Urnen der Zukunft, eine interessante, originelle Familiengeschichte aus dem drei und zwanzigsten Jahrhunderte

Zweiter Abschnitt.

Erstes Kapitel.

Fürst von Tellmann.

 

Wir verlassen unsre Helden auf eine kurze Zeit. Sie mögen sich indessen ein

bischen mehr in der Stadt umsehn, und an ihre neue Lebensart gewöhnen. Sie

mögen bald die Akademien der Wissenschaften, bald die Musäen der Künste,

bald die Geschäftssäle der Großen, bald Promenaden, Theater, und Kirchen

besuchen, wir schlagen das Buch auf in dem Tellmanns Schicksale beschrieben

sind.

Also ist er ein geborner Engländer? Kennt den Grafen Wallingau? Ist

Minister? Wie erstieg er in einem fremden Lande diese Stuffe.

In diesem 23ten Jahrhundert kann jeglicher Fremdling durch ausgezeichnete

Verdienste ein Glied des Staats werden. Seine Treue, seine Anhänglichkeit und

Liebe für den Monarchen und das Land, dem er zu dienen sich entschlossen hat,

müssen allgemein erprobt seyn. Und das waren Tellmanns Verdienste, die ihn

auf diesen hohen Gipfel der Ehre und als einen Freund an des Monarchen Seite

gehoben hatten.

Tellmann war der Sohn eines Edlen in dem Königreiche England. Seine

Schwester Sebalds Mutter und er, die einzigen Kinder wurden von ihren Eltern

ihrem Stande angemessen erzogen. „Sohn! — sprach der Vater — Ich bin ein

Edler, Verdienste adelten mich. Werde des Vaterlandes und meiner würdig!“

„Tochter! — sagte die Mutter — Sey deiner Eltern, und einst der Liebe eines

wackern Mannes werth!“ und die Kinder wurden es.

Germaniens Monarch gab, eh noch die Kaiserkrone auf seinem Haupte

prangte, einem seiner Freunde in England einen Besuch. Seine blühende Tochter

war mit ihm, und manches Jünglings Blick, der die deutsche Grazie traf, goß das

Feuer der schnellauflodernden Liebe in die leichtfangende Brust. Zwei

vorzüglich, die Söhne der edelsten Staatsdiener, sahen sich plözlich von der

mächtigsten Neigung für die germanische Fürstentochter gefesselt. Ihrer Väter

Rang, ihr eigner schön aufkeimender Ruhm, schien beiden kühnere Wünsche zu

erlauben, und beide nährten die Flamme, beide spornten ihre Kraft an, die deutsche Blume zu erringen. Selmson wars und Lohnston, unser jetzige

Tellmann, zwei Jugendfreunde, an Alter, Rang und Kraft nicht ungleich; aber

jeder suchte dem Andern sich zu verbergen.

In einem Ring vergnügter Menschen, die einen heitern Sommerabend in dem

Park des Kanzlers feierten, wandelte die Gesellschaft durch die Alleen.

Selmson und Lohnston umgaben Rosalien, (so hieß die deutsche Prinzessin)

und beide wurden durch diesen Umgang immer mehr noch gefesselt.

Unvermuthet erschien in einer Seitenallee ein krankes, mattes, dürftig

gekleidetes Weib mit zwei kleinen Kindern an der Hand, und setzte sich müde in

das Gras. Lohnston gewahrte sie kaum, als er Rosalien sich empfahl, und das

standhaft unterdrückte Gefühl der Liebe dem Mitleid Raum gab. Er gieng zu

dem Weibe, half ihr auf, und führte sie mit dem einem Kind in dem Arm auf

dem Park in ein kleines Häuschen, wo er sich gutherzig um ihr Befinden fragte,

und sich als er ihrer Noth abgeholfen hatte, wieder unter die Gesellschaft

mischte.

Rosaliens Aug war ihm nachgefolgt, sie leitete ihre Schritte in die Gegend des

Gartens, dahin Lohnston mit der armen Familie gegangen war. Unbemerkt kam

sie von der Gesellschaft, nachdem sie Selmson ersucht hatte, sie auf einige

Augenblicke zu verlassen, hinweg, und trat eben so unbemerkt von allen in das

Häuschen, aus welchem Lohnston vor ihr gekommen war, ohne Rosalien, die

sich in den Gesträuchen verborgen hatte, gesehen zu haben.

Sie forschte das arme Weib aus, und erfuhr, daß Lohnston ihr Wohlthäter sey,

der täglich in ihrem Elende sie besuche, und ihre Klagen verstummen mache.

„Meinen Gatten — sagte das Weib — erschlug eine alte Mauer, an deren Fuße

er gegraben hatte. Ich fiel in das größte Elend. Dürftigkeit war stäts mein Loos.

Meines seeligen Mannes Fleiß half uns, wir lebten arm aber froh. Mit seinem

Tode war ich und meine 2 Kinder in Gefahr, den Hungertod zu sterben. Zu

Betteln, ertrug ich nicht. Lohnston spürte meine Noth aus, und hilft mir

großmüthig, daß ich wieder arbeiten und mich und meine Waisen ernähren

kann.“

Rosalie hörte bewegt zu, und gieng zur Gesellschaft. Rührung und Liebe

regten sich in ihrem Herzen — Liebe — schon bei dem ersten Augenblicke, als

Lohnston sie sah, gewann er ihre Liebe, und Selmsons Bemühungen und

Bewerben ward ihr bloß dadurch nicht unlästig, weil sie bemerkte, daß beide

junge Männer Freunde wären.

Unter einem Kastanienbaum harrten die Beiden und jubelten als Rosalie

wieder kam. Ihr erster Blick schien Lohnston zu sagen, daß sie um seinen

Edelsinn wisse: und die deutsche Tochter zeichnete ihn überall mit einiger

auffallenden Theilnahme aus.

Selmson war bestürzt, als er dies bemerkte. Mit minderer Neigung und

Empfindung für Freundschaft hätte er leicht auf Ränke gedacht er kämpfte mit

sich — die entstandene Liebe war mächtig — aber mächtiger die alte

Freundschaft, er mißgönnte dem Freunde sein Glück nicht, und lebte lange im

Kampf mit seinem Herzen.

„Ich will nicht Liebe — nur Achtung soll sie mir nicht versagen! —“ dachte er

und suchte sich diese zu erringen. Auf einem Felsenberge standen eben Rosalie

und er (Lohnston war etwas abgewendet) bei einem sehr tiefen in den Fels

gehauenen Brunnen. Rosalien entsank ein goldverbrämtes Tuch; es fiel in die

schauerliche Tiefe. Selmson schwang sich in verliebter Begeistrung in den

Brunnkessel, und ließ sich zum Schrecken Rosaliens in die grause Tiefe hinab,

um das Tuch zu erhaschen.

Auf der Prinzessin ängstlich Geschrei, um Hilfe! sprang Lohnston herbei, und

— Selmson hatte unten in der grausen Kluft bereits glücklich das Tuch gefaßt.

Man wand den Kühnen empor, und er überreichte unbeschädigt und lächelnd

Rosalien das Tuch.

„Selmson — sagte Rosalie — Ich ehre Entschlossenheit und Muth, aber

Tollkühnheit nicht.“

Sie sprachs, reichte Lohnston den Arm, und Selmson stand beschämt wie eine

Marmorsäule da. Er war erbittert. Achtung verlangte er, und ihre Miene schien

ihm Verachtung zu sagen. Das ertrug er nicht: der flammende Jüngling ward

rasend, und — stürzte sich in den Brunnen.

Dieser unglückliche Vorfall erschütterte Rosalien, die ihn nichts weniger als

verachtet hatte. Sie drang in ihren Vater, England zu verlassen, und der Vater

reiste in seine Heimat, eh Lohnston und Rosalie sich noch ihre heiße Liebe

gestanden.

Lohnstons Vater starb in diesem Zeitpunkte, seine Mutter war schon vor

vielen Jahren auch unter den Verklärten. Seine Schwester Marlon liebte

unglücklich. Ihr Erkohrner hatte den Haß seiner Familie. Warum? Er war ein

etwas leichtsinniger Jüngling voll Feuer, das ihn zu manchem unedlen Streich

hinriß. Er liebte Marlon — die Liebenden vergaßen sich. Marlon ward Mutter

eines Knaben. Den Verlezzer dieses Gesezes strafte die Verbannung aus dem

Vaterlande. Er floh, und Marlon folgte mit ihrem einjährigem Kinde dem Vater,

ohne zu wissen, wohin? Sie war bisher nicht so glücklich ihren Geliebten zu

finden, und irrte in unsäglich jammervoller Lage in Germanien herum, bis Graf

Wallingau sie mit ihrem schon erwachsenen Sohne auf der Strasse traf.

Lohnston, dem alle Bande, die ihn an sein Vaterland ketteten, theils zerrissen,

theils schwach waren, verließ von seiner unbezwinglichen Liebe für Rosalie,

sein Vaterland, und bot seine Kraft Germanien an. Gelegenheit und Thätigleit erhoben ihn auf die höchste Schwelle der Menschen Glückseeligkeit. Er stieg

von Ehrenstuffe zu Stuffe, und erhielt Rosalien zur Gattin, mit der er sein

Vermählungsfest grade an dem Tage feierte, an dem Rosaliens Vater mit

Germaniens Krone gekrönt wurde.

Aber ach — sie starb im 8ten Jahr der beneidenswerthesten Ehe, und

Tellmann stürzte vom höchsten Gipfel der Menschenseeligkeit in den tiefsten

Abgrund des Jammers. Zeit — dieser unvergleichliche Seelenarzt und der

Schwall von Geschäften, die er dem Staat schuldig zu besorgen war, heilten ihn,

und mit dem Wiedersehn seiner Schwester dämmerte die Sonne der Freude aus

den Nebeln der Leiden hervor, um ihm bis an die Stunde des Scheidens zu

strahlen.