Guirlanden um die Urnen der Zukunft, eine interessante, originelle Familiengeschichte aus dem drei und zwanzigsten Jahrhunderte
Sechstes Kapitel. Die Portraitsvorzeigung.
Sechstes Kapitel.
Die Portraitsvorzeigung.
Doch nun lassen wir sie an ihrem Plänchen schmieden, wir werden am
Ausgang genug sehen. Genug wenn der fertig gestrickte Strumpf uns zu
Gesichte kömmt; warum sollen wir zusehen, wie er gestrickt wird.
Die Zeit, wo die von den Vorstehern ausgeschriebenen Bildnisse gezeigt
werden sollten, war erschienen. Hundert der geschicktesten Mahler bemüthen
sich ein Meisterstück ihrer Kunst zu liefern, und arbeiteten rastlos mit Ehre ihr
Werk vorzulegen, voll dem Wunsche nach der schönen Belohnung.
Am Tage des Vorzeigens versammelten sich die Vorsteher in einem Saal des
Musäums, saßen in einem Kreise, und die Mahler wurden mit ihren Produkten
unter dem Donnern der Trompeten und Pauken in einen Vorsaal des Musäums
gelassen.
Wer wird den Preis erhalten? — sprach Einer — Ich bin begierig den
Glücklichen zu sehen! Ein Anderer. Welcher wird den Kaiser am besten gefaßt
haben! Der Dritte. Ich wette der berühmte Haning, der den Kaiser alle Tag
belauschte, um ihn recht zu fassen, liefert das vollkommenste Bild! Der Vierte.
O wer wird die Prämie erhalten, als der göttliche Fillner — der mahlt alle weg
—! Der Fünfte.
So lispelten die Vorsitzer untereinander voll Neugier den zu wissen, der die
Braut nach Hause führt.
Den Mahlern, die mit ihren verhüllten Produkten im Vorsaal standen, zitterte
das Herz im Leibe vor Sehnsucht, Hoffnung und Zweifeln. Einer sah den andern
mit scheelen Augen an, jedes Miene schien zu sagen: Ich bin der Glückliche! mir
fällt der Kranz zu! Endlich erscholl das Zeichen zum Anfang, als die Mahler
versammelt waren. Sebald war der lezte in den Vorsaal gekommen, und erschrak
über den Anblick so vieler Meister, worunter er den Unbedeutendsten
geschickter als sich selbst hielt. Er wollte zurück mit seinem lieben Werkchen
den Weg nach Hause treten, aber nun ward keiner herausgelassen, und die
Schande hören zu müssen: „Seht der hat ein armselig Vorgefühl, er geht lieber bei Zeiten fort:“ — Diese Schande wäre Sebalden zu unerträglich gefallen.
Lieber will ich der Lezte eintreten, als unter dem Gespotte dieser da aus dem
Saale weichen! dachte er, und stellte sich in einen Winkel, wo ihn niemand mehr
fixirte: allenfalls daß der oder jener von den berühmtesten Künstlern mit einem
schiefen Blick auf Sebalden vorüber gieng, die Nase rümpfte, den Mund in ein
hönisches Lächeln zog, und die Lippen aufwarf als wollt er sagen: der junge
Laffe da will auch mit uns Meistern sich messen?
Das Zeichen ward mit Trompeten und Pauken gegeben, die Saalthüre wurde
geöffnet, und einer der berühmtesten Künstler trat mit seinem nun enthülltem
Bildnisse in den Saal.
Schön! trefflich! riefen diese — andre Herrlich! man hieng es auf und der
Nahme des Mahlers ward einprotokollirt.
Die Trompeten und Pauken schmetterten, und es trat ein 2ter ein — so ein 3
—4 — 5 — so traten 50 nach und nach herein, und alle so trefflich, so
vollkommen gezeichnet, daß man nicht wußte, wem der Preis entschieden
werden sollte.
Endlich stand Sebald ganz allein im Vorsaale da, mit klopfendem Herzen,
zitternden Schritten, und wankenden Knien, unentschlossen ob er itzt doch
herein oder fortgehen solle.
Jeder Mahler, der sein Portrait abgegeben, und einprotokollirt war, reihte sich
unter die Zuseher und Beurtheiler. So waren denn alle da und jubelten denn
jeder, mich hat keiner übertroffen.
Sind der Herrn Künstler noch viele im Vorsaale, sprach der Präsident des
Musäums. —
Ein einziger — antwortete der Vorletzthereingekommene.
Der wird mir auch nicht den Dukaten aus der Hand reißen! — dachte einer.
Der konnt sich wohl lieber nach Hause zeigen lassen! — Ein Anderer.
Der muß ein sauberer Gesell seyn, daß er zuletzt bleibt — Ein Dritter.
Du wirst mich auch nicht in den Graben stossen — Ein Vierter.
So dachte jeder durch die Reihe, und starrte begierig bis die Thüre sich öffnen
würde.
Das gewöhnliche Zeichen erscholl, und alle Blicke hiengen starr auf die
Thüre, voll Erwartung des Endes.
Sebald faßte das Bild bei dem Rande, und hielt es vor sich her, so daß das
Bildniß auf die Zuseher, auf ihn aber der unbemahlte Theil der Leinwand zu
stehen kam; er war so zu sagen ganz bedeckt.
Die Thüre wurde geöffnet, und Sebald schritt herein.
„Der Monarch selbst! — riefen alle — standen von ihren Sitzen auf, und
verbeugen sich erfurchtsvoll vor dem Gemälde.
Aber wie erstaunten alle — als sie ihren Irrthum bemerkten.
O vortrefflich! vortrefflich: Göttlich! Das vollkommenste ohne Gleichen!
Unübertrefflich! Der hat den Preis! — schrien alle, und wähnten troz dem
erkannten Irrthum den Kaiser in persona leibend und lebend vor sich.
Jeder Pinselzug war Leben! Jedes Fäserchen so natürlich ausgedrückt! Die
hohe Stirne mit dem lebendigen Ernst und der Majestät, wie sie in des Kaisers
Gesicht selbst schwebt. Die Milde und Freundlichkeit in dem Zug um den Mund,
das Feuer der Augen — alles — alles so lebhaft daß die Vorsteher des Musäums
und die Kenner und Mahler getäuscht werden mußten.
Der Beifall war unendlich, und der Preis ward Sebalden einstimmig
zuerkannt; wiewohl Gall und Neid in unzähligen Gesichtern so richtig sich
mahlten, als Sebalds Preisbildniß gemahlt war.
Einige schäumten vor Groll und Gift, andere ärgärte es, sich von dem Jungen
da übertroffen zu sehn. Besonders haderten diejenigen mit sich, die vorhin so
wenig in ihm suchten, ihn mit spottischen Näschen, oder scheelen Blick
anguckten.
Der Präsident gebot Stille, und sogleich schwieg der Strom der Mißgunst zu
brausen.
Empfange junger Mann! dem einstimmig die ausgeschriebne Prämie für das
unübertreffliche Bildniß unsers Monarchen zuerkannt wird, empfange aus
meinen Händen im Namen der Vorsteher den Preis! diese Ehrenmedaille auf die
der Name noch geprägt wird! durch deine Geschicklichkeit — durch dein
Verdienst! bist du werth des Vaterlandes! Fahre fort ihm Ehre zu machen, und
bleib ihm ein treues würdiges Glied.
Der Präsident umarmte ihn, die andern folgten ihm, wünschten ihm Glück.
Die Trompeten und Pauken schmetterten stärker. Die Versammlung trennte sich;
Sebald ward im Kranze der Vornehmsten unter dem Getöne einer lieblichen
Musik, und von dem in Schwärmen herbeigeeiltem Volk in seine Wohnung
begleitet.
Fürst Tellmann und Salassin waren gerade aus der Residenz
zurückgekommen, erstaunten und taumelten im höchsten Entzücken auf den
beneidenswerthen Sebald zu, der bescheiden da stand, die Huldigungen der
Menge tiefgerührt annahm, und unaussprechlich seelig durch Tellmanns und
Salassins Jubel eine dankbare Thräne vergoß.
Der Tag war ein Fest der allgemeinen Freude, Jünglinge und Mädchen
beschäftigten sich um ihn, und führten ihn im Triumph — er mogte sich sträuben
wie er wollte — zur Aneiferung Anderer durch die Stadt.
An den Theaterzetteln stand sogar: Dem neuen Künstler Sebald Kaiserbild zu
Ehren.
Nach dem Schauspiele gieng es zum Ball, im Pallaste des Präsidenten des
Musäums, und Sebald als der Held des Balles, der Gesellschaft, des Tages,
begann den ersten Reigen.
Fürst Tellmann selbst vergaß sein Alter und tanzte wie ein Jüngling. Alle
Mädchen drängten um sich Sebald, aber Sebald — nun? er ist doch etwa nicht
traurig? unzufrieden?
Je nun — ganz zufrieden ist er — aber doch auch nicht! Sein Gesicht ist der
lachende Blüthenmond — aber sein Herz? — ein öder Wintertag. Warum? Ist
ihm das alles zur Last? Gewiß ersah er das nicht — was sein Herzchen ersehnt?
Getroffen, mein Leser! getroffen.
Mit forschendem Blicke durchirrt er die Reihen der Mädchen — das schöne
jammernde Mädchen war aber nicht darunter. Doch ließ er sich das von keinem
abmerken, höchstens daß sein trauter Salassin etwas geahndet hätte; aber der war
zu sehr mit der Gesellschaft und dem Tanze beschäftigt.