Guirlanden um die Urnen der Zukunft, eine interessante, originelle Familiengeschichte aus dem drei und zwanzigsten Jahrhunderte
Zwölftes Kapitel. Unfall und Zufall.
Zwölftes Kapitel.
Unfall und Zufall.
Er trieb den Gaul fort. — Ich werde ja doch ein Dorf wo noch erreichen?
Das Roß flog und in einer kleinen Weile waren sie in einem Thale, aus dem
ein Schloß schimmerte.
„Gewonnen! — rief Sebald beim Erblicken desselben —
„Mir däucht ich sah schon einmal dies Gebäude!“
Lieber Ritter! Du bekriegst dich wohl garstig! Die Schlösser dieses
Jahrhunderts so symetrisch und meisterhaft sie gebaut sind, sind manchmal das
Werk eines und desselben Baumeisters; daher kamen sich die Produkte oft so
ähnlich, daß man das eine Schloß in Norden für das hielt, so man in Süden sah.
Auf der Weide eine viertel Stunde weit vom Schlosse grasten Pferde. Sebalds
Hengst wieherte vor Herzensfreude. In einem Satz gallopirte er unter sie; und
Sebald hatte Mühe sich auf ihm zu erhalten. Alle Kraft strengt er an, ihn
abzulenken; aber es war umsonst, der Hengst bäumte sich und schlug aus —
Endlich trieb Sebald ihm die Sporne so in die Haut, daß der Hengst ganz toll
wurde, von der Strasse ab über Stein und Stock, Hügel und Gräben dem Dorfe
zu nachrannte.
Das tolle Thier war nimmer zu bändigen: des Reuters einziges Bemühen war
sich im Sattel zu halten. Aber o wehe! Da setzt er über einen Graben, es stürzt
hinein. Sebald liegt unter dem Pferde, es wälzt sich auf ihn — o wehe! um
Sebald ist es geschehen!
Die Leute, die hie und da standen, liefen eilends erschrocken herbei und
halfen dem Halblebenden. Von dem Schlosse sahen eben einige Menschen aus
den Fenstern den Vorfall, und über Hals und Kopf flog alles zu dem
Unglücklichen her! Der Herr des Schlosses ließ Sebalden, der ohne Bewustseyn
lag, sogleich in seine Wohnung tragen. Der Pfarrer der Arzt zugleich ist, war
schon da — alles beschäftigte sich um den Blut- und Schlammvollen gestürzten
Reuter, der bald gar nicht, bald nur matt und schwach athmete — die Augen
aufgeschwollen, die Nase blutig und den linken Fuß gebrochen hatte. Nach langen Versuchen allen Lebenselixire gelang es den Bemühenden, ihn zur
Sprache und zur Besinnung zu bringen? Er stammelte schwach und leise, und
röchelte oft: Wo bin ich? Wie ist mir? Wer —
Pst! sprach der Pfarrer, und gebot ihm zu schweigen, damit er durch das
Reden, so ihn anstrengte, nicht gar erschöpft werde. Er sank in einen
konvulsivischen langen Schlummer, immer von wachenden Menschen umgeben,
die ihn bedauerten und sorgfältig bedienten.
Ein Mädchen guckte zur Thüre hinein, und fragte leise den Nächststehenden:
Schlummerte er? Ist er stark krank? Er stirbt doch etwa nicht?
Pst! er schlummert — war die leise Antwort, und das Mädchen schlich auf
den Zehen an Sebalden, sah ihn voll inniger Theilnahme an, und schien durch ihr
Bangen, ihre Furcht, er könne sterben, durch die frohe Hoffnung, wenn er bald
genäse, durch alles dies, so in ihrem Innern kochte, und so das Gesichtchen
deutlich ausdrückte, schien sie etwas mehr als ein gewöhnliches Mitleiden zu
verrathen.
Sie hatte unverwandten Auges den armen Schlummrer angesehn — hätte ihm
gerne das noch immer quellende Blut gestillt, gerne die Schmerzen gelindert, die
ihn oft aus dem Schlafe aufzuschreien zwangen, wenn die geschäftigen andern
sie nicht überflüssig gemacht hätten. Sie sah ihn noch einmal an — noch einmal
voll Wehmuth — und schlich mit einem zärtlichem Blicke, den eine Thräne
begleitete, aus dem Gemache, grade hin in das ihres Vaters.
O Vater er ists! er ists doch!
Wer?
Der Jüngling aus der Stadt, der dich wunden damals nach dem Schrecken mit
dem zersprungnem Pulvergebäude auf seinem Rücken nach Hause getragen!
O weh, der gute Mann! Ist er stark hergenommen? Ach ja! sagte mir der Arzt.
Wenn er nur heute ausdauert, so wird er morgen schon nimmer sterben — Der
arme, arme Jüngling!
Sie sollen recht sorgfältig seyn! — die ganze Nacht bei ihm wachen! — Mein
Himmel! wer hätte mir das gesagt; ich würde einmal bei meinem Bruder ihn, der
mich so brav einst behandelte, in dieser Lage sehen! — Nur recht sorgfältig
sollen sie seyn — nichts sparen — alles — alles versuchen und anwenden!
Ach das sagt ich schon — ich will selbst bei ihm wachen? sagte das Mädchen
und schlich wieder in Sebalds Gemach.
Allmächtiger! athmete Sebald freier, schlief milder, fuhr seltner im Schmerze
aus dem Schlaf — das Mädchen kam nicht von seiner Seite. —
Tiefe Mitternacht herrschte in dem Garten, der durch die Fenster des Zimmers
wo Sebald lag im Mondenschein flimmerte. Die müden Diener schliefen alle,
nur Jilla — wer kennt sie nun wohl nicht? Nur sie saß unaufhörlich beschäftigt bei ihm.
Hier wohnte der Bruder des Edlen von Wackerbach, der vor einigen Wochen
daher kam, wo Jilla seine Tochter schon war, als Salassin und Sebald damals
nach dem Vorfall mit dem verwischten Bildniß sie in der Stadt in ihres Vaters
Hause aufsuchten und erfuhren, das Mädchen, so sie durchaus sehen wollten, sey
bereits bei seinem Bruder auf dem Landgute, wohin er selbst auch reisen und
dann wieder in die Stadt kommen wolle.
Sebald! Welche Freude wartet deiner! Wie angenehm wirst du aufwachen,
wenn deine aufgeschlagenen Augen die Schöne an deinem Ruhelager so
beschäftigt, so bang und ängstlich um dich bekümmert erblicken werden? Das
Mädchen, um das du so lange mit stiller Herzenspein dich harmtest, das deine
Seele so sehr erfüllte, daß du gestern vom rechten Wege abrittst, da du im
Andenken an sie verloren den Gaul dahin traben liessest, wohin er wollte. Wie
wird dich Schwachen die Wonne stärken, wenn dein erster Blick sie sieht, sie,
die du gestern im Lager ersehen und entfliehn gesehen hast — die überall und
immer dein süssester Gedanke, und der Sporn dir Verdienste zu sammeln, war.
Und Jilla — wie selig wirst du nicht den Erhohlten aufwachen sehen! Wie
wird dich sein erstauntes Gesicht, und das frohe Lächeln, wenn er dich anschaun
wird, nicht entzücken! Wie wird dein Bangen um ihn nicht in die schönste
Freude verwandelt werden! O gesteh es dir nur, zärtliches Mädchen, dein Herz
schlägt lange für ihn — gesteh es dir nur daß nicht Mitleid bei Unglück deine
Wangen blässet, deines Beiseins Sturm erhebet, sondern ein schöneres edleres
Gefühl. — Du glaubst ihm durch deine Sorgfalt die Schuld zu bezahlen, weil er
einst deinen Vater auf dem Rücken nach Hause trug; o das ist schon recht —
aber sey nur dir selbst auch so aufrichtig zu gestehn, nicht das allein, auch eine
andere Empfindung erhält dich an seiner Seite wach — gesteh dir nur, daß du
ihn lange schon — still und innig liebtest.
Der Morgen warf seinen ersten schwachen Lichtstrahl in das Zimmer — wo
Sebald noch immer schlummerte, und Jilla wachte. Jilla die immer ruhiger und
freier Athem schöpfte, wenn der Kranke ruhiger schlief, die immer angstvoller
zitterte, und in quälender Furcht und Hoffnung schauerte, wenn der Kranke vom
neuen Schmerz überwältigt, schwerer athmete, sichtlich mehr litt.
Endlich, endlich erhellt das Gemach der reifere Morgen! Endlich erwacht
Sebald und forscht mit scheuen Blicken in dem stillen Zimmer.
Jilla saß auf einer Ottomanne, die Natur hatte ihre Rechte nicht vergeben —
die müde Wärterinn war eingeschlummert, den Kopf auf die schöne Hand
gelehnt. Sebald erblickte sie — aber er erkannte sie nicht wegen des bedeckten
Gesichtes. Er fühlte sich gestärkt — dankbar fleht er zum Himmel für seine
Rettung, und seine Seele ward gerührt über den Anblick der müden Schläferinn.
Er dachte an gestern, soviel und deutlich als ein Kranker in dieser Lage
denken kann. Wo wird Salassin seyn? dachte er, das Traumbild des gestrigen
Tages im Lager flirrte lieblich in seinen Träumereien. Ach! nun seh ich gewiß
keins sobald wieder! —! —!
Eben trat der edle besorgte Pfarrer herein, und freute sich herzlich, den
Patienten mit offnen Augen und besser zu finden.
Wie steht es mein Lieber? — sprach er mit leiser Stimme — Mir ist wohl! —
antwortete Sebald.
Sprich nicht zu laut — Lieber! es könnte dir schaden — deine Brust hat stark
gelitten! — Du hast doch etwas milde geschlafen; und fühlst dich gestärkt?
Sebald nickte freundlich.
Deine Schmerzen werden bald geschwunden seyn. Den gebrochnen Fuß hab
ich gestern schon in Faschen gelegt — du wirst bald wieder gehen — die Brust
soll auch nicht viel gelitten haben — das bedacht ich schon. Hier bring ich dir
wieder ein Stärkungsmittel unsers Jahrhunderts — du wirst genesen, daß du nie
von dem Unfall einige Spuren fühlen sollst. Ich habe das Remedium heute Nacht
elaborirt.
Sebald nahm ein. Der Arzt gewahrte Jilla. Sieh doch welche treffliche
Wärterinn du hast? Nun wirst du schon gar nolens volens genesen müssen!
Wer ist das edle Mädchen!
Die Tochter des Bruders von unserm Gutsherrn — Sie sind aus der Stadt
schon einige Wochen da.
Aus der Stadt? — Ich komme auch von da —
Wer bist du? Laß mich deinen Namen wissen?
Ich heiße Sebald Kaiserbild.
Was? Der vor 3 Tagen seinen Festtag erst hielt?
Ja!
Edler Mann! Ich schätze mich glücklich, wenn meine Mühe dir zum fernern
Leben half — ich habe einem edlen Staatsbürger geholfen.
Wie ist dir mein Name —
Durch Zeitungen. Unser Dorf feierte gleich den 2ten Tag auch dein Fest, wie
dies zur Aufmunterung und Nacheifrung aller Jünglinge im ganzen Vaterlande
geschieht. Wer hätte da denken sollen, wir würden den edelsten Mann sobald in
unseren Auen sehen, und ach! in dieser Lage — O wenn das meine Dorfkinder
erführen — Du würdest auf den Händen im Dorfe herumgetragen.
Ich bitte — schweige von mir.
Das muß ich auch, wenn sie dir nicht alle auf den Hals mit ihren
Glückwünschen kommen sollen, wodurch deine Genesung verspätet werden
könnte, weil du Ruhe noch brauchst. — Nun halte dich gut — ich habe noch einen Gang itzt zu einem andern Kranken — bin aber eh der Thau im
Sonnenstrahl schmilzt, wieder da.
Er sprach es und gieng. Die Thüre fiel unvermuthet ein bischen geräuschvoll
zu, und Jilla fuhr aus dem Schlummer, sprang an des Kranken Ruhelager, um zu
sehen, ob er etwas bedürfe.
Sebald erblickte sie, und erschrak vor Freude, daß es ihm bei dem
angestrengten Ausruf: Das Mädchen! durch alle Wunden bohrte.
Jilla sah ihn munter, und fragte zärtlich lächelnd: Ist dir wohl, lieber Mann!
Leidest du noch immer große Schmerzen? Ach erhohle dich nur bald und
erkranke nicht mehr — Sebalds Herz klopfte schneller, Erstaunen und Freude
belebten ihn — er fand lang kein Wörtchen zu sprechen, endlich sprach er: Wie
kömmst du hieher? und eine leichte Röthe übergoß die blassen Wangen.
Jilla. Je ich bin ja mit meinem Vater schon lange lange da — o gut daß dich der
Himmel zu uns bringen ließ — ich will deiner recht warten — ich habe dich
gleich erkannt und wäre lieber gestorben, eh ich nicht jede Minute hätte sehen
sollen ob du besser wirst. —
Seb. Ich danke dir von Herzen — gute Seele. Wie lange sah ich dich schon
nicht!
Jilla. So? Hast du zuweilen doch an mich gedacht? das freuet mich herzlich —
ich bin so froh, daß du da bist — nun mußt du auch recht lange bleiben. In 3
Wochen wirst du noch kaum fortkönnen. —
Seb. Der Arzt sagte in 3 Tagen — dann muß ich wieder in die Stadt.
Jilla etwas bestürzt, wünschte fast, der Kranke möchte nur lieber noch 3
Wochen lang nicht genesen, nur daß sie um ihn seyn könnte.
Ach — der Arzt macht dir nur Hoffnung!
Seb. Und du willst sie mir nehmen?
Jilla. (besinnt sich) Ach nein! — du sollst nur länger da bleiben.
Seb. (sehr heiter) So — siehst du mich wohl gern? —
Jilla. (rasch) Und da frägst du noch? Ich — bin dir — ja — Dank schuldig —
mein Vater damals —
Seb. (lächelt, in seiner Seele lebt Hoffnung) O schweige doch — deßwegen nur?
Jilla. (verschämt) O ich — bin dir ja schon sonst auch gut —
Seb. (zärtlich) So?
Jilla. (erschrikt über das, was sie da sagte, und kehrt um) Man muß ja dankbar seyn.
Seb. Auf Dank darf i c h doch nicht rechnen?
Jilla. Warum denn nicht?
Seb. Warum denn?
Jilla. Weist du — wie mein Vater in der Stadt — —
Seb. O laß das — Jeder hätte es gethan —
Jilla. Aber nicht jeder so schön — ich habe schon gesehen damals, wie du
durch meinen Jammer gerührt — bald auch geweint hättest — das hätte ein
Anderer nicht — du hast ein empfindsames Herz. Und wie mein Vater rief: Jilla
geschwind nach einem Arzt! Da liefst du schneller als ich — o das weiß ich alles
recht gut!
Seb. Ach! erinnere mich nicht daran —
Jilla. (theilnehmend) Hebt sich wieder dein Schmerz? du Armer! Wie das mich
selbst auch schmerzet!
Seb. Du reichst mir ja lindernde Mittel!
Jilla. O sprich nur, sprich! Wie denn? Welche?
Seb. Unschuld! durch — deine Theilnahme!
Jilla. So? freut dich das? Ach — wenn du wüßtest — (sie sieht ihn verschämt an)
Seb. Nun?
Jilla. (schüttelt ihr Köpfchen und schaut lächelnd auf das Fenster) Ja — das — sag ich nicht
—
Seb. Wenn es kein Geheimniß ist — das dir Jemand —
Jilla. Ach — Niemand — ich —
Seb. O so zage nicht — —
Jilla. Ja — das soll ich nicht sagen.
Seb. (stellt sich als fieng sein Schmerz zu toben an) O wehe lindere —
Jilla. (bestürzt) Wie denn? Wo ist das Medicinfläschgen?
Seb. (lächelnd) Du hast es ja — die Linderung —
Jilla. Ach ja — nun — ich — bin dir herzlich gut! — (Sie springt aus dem Zimmer,
blickt noch einmal durch die Thüre nach ihm, und schließt sie.)
Sebalds Wunden waren wie durch Zauberei geheilt. Wenigstens ließ ihn das
Entzücken seiner Seele die Leiden seines wunden Körpers, nicht im mindesten
empfinden.
Sie liebt mich! Das unschuldige schöne Mädchen liebt mich wieder! O ich bin
entschädigt für meine Leiden! Himmlisch entschädigt!
So dachte er und stieß den schmerzhaften Fuß im Vergessen der Wunde an die
Bettstelle, so daß er mit einem Schrei aus seinem Jubel durch den erregten
Wundenschmerz auffuhr.
Der Pfarrer kam wieder, mit ihm der Herr des Schlosses und sein Bruder. Sie
bedauerten den Unfall, und wünschten ihm nahe Herstellung.
Das unermüdete Bestreben des Arztes, die freundliche Bewirthung der
Familie und — Jillas vorzügliche Geschicklichkeit — o welcher Halbtodte
ersteht da nicht und wird binnen wenigen Tagen so gesund und stark als hätte ihn
nie ein Fingerchen geschmerzt.
In wenig Tagen verließ er das Lager, und gieng im freiern Garten herum.
Anfangs natürlich hinkte er so ein bischen; aber die geschäftige zärtliche Aerztin
Jilla brachte es durch ihre Kunst soweit, daß Sebald nie begriff, der Unfall sey
ein Unfall gewesen.
O — rief er — ich hatte ein Unglück, ein neidenswerthes Unglück! — und
blickte liebevoll auf die süsse Jilla an seinem Arm.
Er hatte in einem Brief an seinen Oheim, den Fürst Tellmann die ganze Sache
geschrieben.
„Ich bin vollkommen hergestellt, und gesünder als sonst — schrieb er darinn — bald komm ich mit meinem edlen Wirthen wieder in die Stadt, in die Arme
meines verehrten Oheims.
Wir lassen inzwischen Sebalden und Jilla immer nicht und mehr sich erklären,
lassen sie wandeln im blüthigen Garten im Morgenglanz und Abendthau; lassen
sie kosen in stillen unbelaubten Schasminlauben; und kehren zu dem betrübten
Salassin.
Wo bleibt der? — denken wohl einige ihm geneigte Leserinnen!
Das will ich kurz erzählen, erlauben sie mir erst ein wenig Erhohlung. Ein
Gläschen ächten — sprudelnd wie des 23. Jahrhunderts edler Rebensaft — soll
mich zur Erzählung begeistern.